03.01.2019

Prognose und Hellseherei: Was wir über die Zukunft wissen

Leitartikel des brutkasten Magazins #7: Leuchtende und dunkle Zukunftsszenarien sind so alt wie die Menschheit selbst. Doch was können wir tatsächlich zuverlässig voraussagen?
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Zukunft
(c) fotolia / razoomanetu

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“. Zugegeben, dieses bekannte Zitat des Deutschen Kaisers Wilhelm II zu Beginn des 20. Jahrhunderts mag ein Beispiel für besondere Ignoranz bei Zukunftsprognosen sein. Es zeigt aber ein Muster, das wir auch bei aktuellen Voraussagen finden. Sie sind häufig von individuellen Einschätzungen und Emotionen geprägt. Ihnen können dabei durchaus empirische Erkenntnisse zugrunde liegen. Auch das macht sie noch nicht automatisch richtig.

+++ brutkasten Magazin #7: Die Welt in 5 Jahren +++

Von KI bis zum Klimawandel

Werden Maschinen und künstliche Intelligenzen uns in absehbarer Zeit in fast allen Bereichen ersetzen? Wird Europa wirtschaftlich zwischen China und den USA zerrieben? Fällt das Pensionssystem bald zusammen? Wird in einigen Jahren niemand mehr selbst Auto fahren? Und haben wir in Sachen Klimawandel die Kante des Abgrunds bereits überschritten? Diesen Fragen liegen Thesen zugrunde, die uns ständig begegnen. Diese Thesen basieren alle auf Zahlen. Sie sind nicht an den Haaren herbeigezogen. Umstritten sind sie dennoch – aus gutem Grund.

Was wissen wir über die Zukunft?

Wir wissen etwa, dass die Entwicklung von Machine-Learning-Algorithmen und -Applikationen gerade in großem Tempo vorangeht. Wir wissen, dass in diesem Moment an der Automatisierung unzähliger Tätigkeiten, die jetzt noch von Menschen durchgeführt werden, gearbeitet wird. Wir wissen also, dass ein Austausch von Menschen durch Maschinen in absehbarer Zeit in sehr vielen Bereichen möglich sein wird, die bislang nicht automatisiert werden konnten.

Europa könnte ins Hintertreffen geraten

Wir wissen, dass China seit Jahren ein enormes Wirtschaftswachstum hinlegt und sich technologisch an die Weltspitze gearbeitet hat. Wir wissen, dass die USA dabei nicht den Anschluss verloren haben und nach wie vor eine dominante Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Wir wissen auch, dass Europa nicht im gleichen Tempo vorankommt. Wir wissen also, dass der „alte Kontinent“ in den kommenden Jahren wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten könnte.

Babyboomer gehen in Pension

Wir wissen, dass die geburtenstarken Jahrgänge der „Baby Boom“-Generation sich dem Pensionsalter nähern. Wir wissen, dass es in den Jahrzehnten nach dem Boom zu einem Geburtenrückgang kam. Wir wissen, dass unser aktuelles Pensionssystem darauf angewiesen ist, genügend Einzahler zu haben. Wir wissen also, dass der Status Quo sich nicht aufrechterhalten lässt.

Verbot von selbständigen Autofahren?

Wir wissen, dass selbstfahrende Autos bereits seit Jahren in einigen Städten unterwegs sind. Wir wissen, dass sie dabei inzwischen deutlich sicherer fahren, als Menschen. Wir wissen, dass die großen Technologie- und die großen Autokonzerne an neuen Geschäftsmodellen arbeiten, um diesen Umstand zu nutzen. Wir wissen, dass bereits laut über Pläne zum Verbot menschlicher Fahrer aus Sicherheitsgründen nachgedacht wird. Wir wissen also, dass selbstfahrende Autos bald weitreichend verfügbar sein werden.

Wir müssen uns an den Klimawandel anpassen

Und zuletzt: Wir wissen, dass die Menschheit durch CO2-Emmissionen bereits nicht umkehrbare Veränderungen unseres Planeten verursacht hat. Wir wissen, dass die dadurch entstehende Erderwärmung eine massive Auswirkung sowohl auf Natur und Biodiversität, als auch auf den Menschen und verschiedene Branchen haben wird. Wir wissen also, dass eine Anpassung an die durch den Klimawandel geänderten Gegebenheiten nötig ist und weiter sein wird.

Empirische und kreative Prozesse

All das sind keine Mutmaßungen. Es sind fundierte Aussagen, an denen sich nicht rütteln lässt. Ihnen liegt kein kreativer Prozess zugrunde, sondern ein empirischer. Innovationen hingegen liegt dieser kreative Prozess zugrunde. Sie nutzen die Empirie als Grundlage. Doch die InnovatorInnen stellen eine andere Frage:

Was wissen wir nicht über die Zukunft?

Wir wissen etwa nicht, in welchen Bereichen automatisierte Lösungen letztlich von KundInnen angenommen werden und in welchen nicht. Wir wissen nicht, nach welchen genuin menschlichen Tätigkeiten hohe Nachfrage bestehen wird, wenn Maschinen dafür Platz schaffen.Wir wissen nicht, ob das Kapital, dass in China und den USA gerade angehäuft wird, in einer Welt, die mit den anderen genannten Herausforderungen konfrontiert ist, auf Dauer den gleichen Stellenwert haben wird, den es jetzt hat. Wir wissen nicht, ob in einer Welt, in der Maschinen einen Großteil der traditionellen Wertschöpfung generieren, ein klassisches Pensionssystem nötig sein wird.

Pensionen und Vertrauen in selbstfahrende Autos

Wir wissen nicht, ob Menschen im Pensionsalter überhaupt aufhören wollen zu arbeiten, wenn ihnen für sie spannende Tätigkeiten offenstehen. Wir wissen nicht, ob viele Menschen nicht weiterhin selbst fahren wollen, weil es ihnen einfach Spaß macht. Wir wissen nicht, ob den selbstfahrenden Autos das Vertrauen entgegengebracht werden wird, dass ihnen aus empirischer Sicht zustünde. Und zuletzt: Wir wissen nicht, wie genau unsere Chancen in einem noch nicht einmal richtig begonnenen Kampf gegen den Klimawandel stehen.

Wie sieht die Welt in fünf Jahren aus?

Wer klare Voraussagen zu diesen Aussagen trifft, begibt sich ins Feld der Spekulation, oder wenn man es provokant ausdrücken will: der Hellseherei. Aber viele dieser Fragen werden letztlich durch das Schaffen von EntrepreneurInnen beantwortet werden. Wie die Entwicklung weiter verläuft hängt stark davon ab, was InnovatorInnen aus den Gegebenheiten machen. Wie sieht die Welt in fünf Jahren aus? Wir wissen es nicht. Was wir wissen ist: Es gibt viele AkteurInnen, die sie gestalten wollen.


Dieser Beitrag erschien in gedruckter Form im brutkasten Magazin #7 “Die Welt in 5 Jahren”.

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Das Bitpanda Headquarter in Wien © Bitpanda

Sie machte Wien zum beliebten Standort für die EU-Niederlassungen internationaler Krypto-Unternehmen: die EU-Kryptoregulierung MiCAR. Denn die heimische Finanzmarktaufsicht FMA genießt den Ruf, bei der Erteilung der für das Krypto-Geschäft in der EU notwendigen MiCAR-Lizenz hart, aber fair zu sein.

FMA: „MiCAR auch im Enforcement angekommen“

Nach einigen Meldungen rund um die Erteilung solcher Lizenzen – und in einem Fall einer vorübergehenden Sanktionierung – in den vergangenen Monaten, erfolgte nun erstmals die Verhängung einer Strafe wegen eines MiCAR-Verstoßes durch die FMA. „Damit wird sichtbar, dass die MiCAR nicht mehr nur ein Konzessions- und Aufsichtsthema ist, sondern auch im Enforcement angekommen ist“, heißt es von der Behörde in einer Aussendung dazu.

Termin-Fehler und fehlende Telefonnummer und Mail-Adresse

Getroffen hat es ausgerechnet Österreichs Krypto-Regulatorik-Musterschüler Bitpanda. Konkret machte das Wiener Unicorn bei der Veröffentlichung eines Whitepapers im Zuge eines Token-Launchs im vergangenen Jahr einige Termin- bzw. Formfehler, wie aus der Bekanntmachung der FMA hervorgeht: Das Whitepaper hätte laut Regelwerk bis spätestens 20 Werktage vor Veröffentlichung an die FMA übermittelt werden müssen, was nicht passierte; eine Marketingmitteilung zum Whitepaper wurde unerlaubterweise bereits vor dessen Veröffentlichung verbreitet; und in einer weiteren Marketingmitteilung fehlten ein Disclaimer, eine Telefonnummer und eine Mail-Adresse.

„Unmittelbar nach dem behördlichen Hinweis in Abstimmung mit der FMA behoben“

70.000 Euro Strafe wurden letztlich verhängt. Seitens Bitpanda stellt man auf brutkasten-Anfrage klar: „Alle von der FMA aufgezeigten Punkte wurden jeweils unmittelbar nach dem behördlichen Hinweis in Abstimmung mit der FMA behoben. Wir haben uns für eine rasche, einvernehmliche Beendigung des Verfahrens entschieden. Die Veröffentlichung erfolgte nach dem österreichischen MiCA-Vollzugsgesetz. Das Verfahren ist damit abgeschlossen.“

Zudem betont man beim Scaleup: „Kundengelder, die Sicherheit unserer Plattform oder die Integrität des Bitpanda-Ökosystems waren zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt. Aus den beanstandeten Punkten ist unseren Kundinnen und Kunden kein finanzieller Schaden entstanden.“

Analyse: Musterschüler als erster Bestrafter als falsches Signal

Das genau Bitpanda die erste Strafe auf MiCAR-Basis ausfasst, ist nachvollziehbar und könnte dennoch ein falsches Signal aussenden. Als größter heimischer Player, der in seinen Prozessen eng mit der FMA zusammenarbeitet, überrascht es nicht, dass gelegentlich Formfehler nicht nur passieren sondern auch unmittelbar bemerkt werden. Indessen sind einige große internationale Player weiterhin ohne MiCAR-Lizenz am heimischen Markt aktiv und entziehen sich erfolgreich der Strafverfolgung. Dass der Formfehler durch die FMA verfolgt wird ist korrekt und konsequent; dass ausgerechnet Bitpanda damit zum Exempel wird, wird den großen regulatorischen Themen am Krypto-Markt aber nicht gerecht.

In der Aussendung der FMA äußert man sich zu dieser Thematik indirekt und gewohnt sachlich: „Der Umstand, dass es sich um den ersten veröffentlichten MiCAR-Fall handelt, begründet für sich genommen keine Sonderstellung des betroffenen Unternehmens oder der festgestellten Verstöße.“

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