28.08.2023

Das sind die größten FoodTech-Investments in Europa

Für welche europäischen FoodTechs haben Investor:innen in den letzten Jahren das Portemonnaie gezückt? brutkasten bietet euch einen Überblick zu den größten Investments rund um pflanzliche Alternativprodukte, kultiviertes Fleisch und Co.
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FoodTechs sind mit ihren Produkten zu einem zentralen Hebel im Wettlauf gegen die Klimakrise geworden. Diesen Umstand erkennen auch internationale Investor:innen. Schließlich ist die Lebensmittelverschwendung für rund zehn Prozent des globalen Treibhausgasaufkommens verantwortlich, so die Umweltschutzorganisation WWF. Wir bieten euch einen Überblick über die größten FoodTech-Investments der vergangen Jahre am europäischen Markt – angefangen von pflanzlichen Alternativen für Fleisch & Käse bis hin zu neuen Herstellungsverfahren für Proteine.


Arkeon | Österreich

Arkeon
(c) Arkeon

Wird sich die Menschheit künftig von CO2 ernähren können? Die Frage beantwortet das Wiener Startup Arkeon Biotechnologies, das ein Verfahren zur Umwandlung von anorganischem CO2 in organische Proteine für die menschliche Ernährung entwickelt. Mit Hilfe der firmeneigenen Technologie kann Arkeon alle 20 Aminosäuren herstellen. Acht der 20 Aminosäuren sind essentiell für den Menschen. Das heißt, der menschliche Körper kann diese nicht selbst herstellen und muss sie über die Nahrung aufnehmen. 

An der Unternehmensgründung im Jahr 2021 waren neben dem Gründerteam, bestehend aus Simon Rittman, Günther Bochmann und Gregor Tegl, auch der Berliner Company Builder EVIG beteiligt. Nur ein Jahr nach Gründung konnte Arkeon ein Seed-Finanzierung in Höhe von 6,5 Millionen Euro abschließen. Beteiligt waren unter anderem Synthesis Capital und ReGen Ventures, die über einen Background in der Klima- und Lebensmittel-Technologie verfügen. Ende 2022 sammelte das Unternehmen erneut Kapital ein und konnte die Runde somit auf über zehn Millionen Euro erweitern.

Enough Food | Schottland

(c) Enough Food

Erst kürzlich hat das FoodTech Enough Food ein 40 Millionen Euro Investment erhalten. Das schottische Unternehmen betreibt auch Fabriken in den Niederlanden und hat sich auf die Fermentation von Pilzen zu sogenannten Mykoproteinen spezialisiert. Das Ziel: Hühnerfleisch, Hackfleisch und Molkereiprodukte aus Pilzen und damit klimaschonend und geschmacksintensiv herzustellen. An der Finanzierungsrunde beteiligt waren der World Fund sowie der CPT Capital. Darüber hinaus beteiligten sich an der jüngsten Runde auch bestehende Investoren wie AXA Im Alts und Olympic Investments.

Fermify | Wien

(c) Fermify

Das Wiener FoodTech Startup entwickelt vegane Käsealternativen auf pflanzlicher Basis. In einem “kontinuierlichen Präzisions-Fermentierungsprozess” stellt Fermify die zur Käseproduktion fundamentalen Casein-Proteine her. Der im Unternehmen genutzte Fermentierungsprozess sei laut eigenen Angaben um die Hälfte günstiger als vergleichbare Produktionsverfahren. Fermify verfolgt damit große Ziele: Bis 2027 will das Wiener FoodTech seine Produktionskosten mit den Fertigungskosten von klassischem Käse angleichen. 

Im Mai dieses Jahres gab das Wiener Startup den Abschuss einer Finanzierungsrunde in Höhe von fünf Millionen US-Dollar bekannt: Fermifys vegane Käsealternative überzeugte zahlreiche Investor:innen, darunter Fund F, der als Female Founders Fonds startete und mit Fermify sein erstes Investment tätigte. Die Finanzierungsrunde führte der ClimateTech-Fonds Climentum Capital an.

Formo | Deutschland

(c) Formo

Das Berliner Startup Formo züchtet Milchproteine aus Hefe und stellt daraus Käsealternativen her. Im Jahr 2019 von der Molekularbiologin Britta Winterberg gegründet, hat sich Formo auf die Käseproduktion durch Mikroorganismen spezialisiert. Im Zuge des Fermentationsprozesses werden Gensequenzen von Kühen in Hefezellen eingesetzt. Daraus entstehen Milchproteine, die mit den Kuhmilch-Proteinen identisch sind. Das erste Formo-Produkt war Weichkäse wie Mozzarella. Mittlerweile finden sich auch Käsealternativen wie Frischhain, Cité Bleu, Charlottenburg, Athena und Le Kreuzberg im Portfolio des Startups. 

Im Herbst 2021 schloss Formo eine Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 42 Millionen Euro ab. Neben dem Lead Investor Elevat3 Capital und Lowercarbon Capital waren unter anderem Agronomics, M Ventures, CPT Capital und Grazia Equity an der Finanzierungsrunde beteiligt. 

Gourmey | Frankreich

(c) Gourmey

Kultiviertes Fleisch macht in Frankreich weiter die Runde: Das französische FoodTech Startup Gourmet hat seit Gründung bereits Risikokapital in Höhe von 57,8 Millionen US-Dollar gesammelt – im Herbst 2022 in seiner Series-A-Finanzierungsrunde rund 48 Millionen US-Dollar. Die Series-A-Finanzierungsrunde des Startups wurde von Earlybird Venture Capital angeführt.  Das Ziel des FoodTechs steht ganz im Zeichen französischer Kulinarik. Gourmet stellt nämlich laborkultivierte Leberpastete – “foie gras” – her. Um den bekannten Klassiker der französischen Küche fleischlos herzustellen, lässt Gourmet Stammzellen in Bioreaktoren mit Nährstoffen und bei einer spezifischen Temperatur reifen. Daraus entsteht eine synthetische Stopfleber, die weiter zu foie gras verarbeitet wird.

Heura Foods | Spanien

(c) Heura Foods

Heura Foods entwickelt pflanzenbasierte Lebensmittel gemäß der mediterranen Küche: Nach eigenen Angaben produziert Heura pflanzenbasierte, nährstoffreiche Alternativen zu Fleisch und Fisch. Gegründet wurde das FoodTech von CEO Marc Coloma in Barcelona. Im Sortiment befinden sich unter anderem mediterrane Filet-Stückchen, Burger-Alternativen, pflanzenbasierte Chicken Nuggets und Chorizos. Heura gibt es mittlerweile in 22 Ländern, darunter Spanien, Italien, Großbritannien, die Schweiz, Frankreich, Portugal, Deutschland, Singapur, Hongkong und Kanada. Auch in Österreich findet sich Heura in den Regalen von Billa und Billa Plus

Im Oktober 2022 gab das Unternehmen den Abschluss einer Series-B-Finanzierungsrunde in Höhe von 20 Millionen Euro bekannt. Zu den Geldgebern zählen unter anderem das VC-Unternehmen Unovis Asset Management sowie der spanische Basketballer Ricky Rubio.  Insgesamt soll Heura mittlerweile 54,9 Millionen US-Dollar an Risikokapital aufgestellt haben.

Huel | Großbritannien

(c) Huel

Pflanzenbasierte, laktosefreie und zuckerreduzierte Ernährung wird wohl als eine der gesündesten Lebensweisen abgestempelt. Für Vielbeschäftigte hat Huel aus Großbritannien eine zeiteffiziente Art und Weise entwickelt, sich trotz Zeitmangel gesund, pflanzenbasiert und klimaschonend zu ernähren: Die britische FoodTech Marke Huel produziert Mahlzeiten-Ersatzprodukte, Riegel, Proteinpulver sowie Daily Greens für den morgendlichen Smoothie. Auch ready-to-go-Drinks umfassen das Sortiment des FoodTechs. Ende 2022 holte Huel in einer Series-B-Finanzierungsrunde in Höhe von rund 24 Millionen US-Dollar fünf Investoren an Bord, darunter Highland Europe und Grace Beverly. Die Bewertung zum damaligen Zeitpunkt sollte sich auf über 560 Millionen US-Dollar belaufen.

Juicy Marbles | Slowenien

(c) Juicy Marbles

Filetsteaks auf rein pflanzlicher Basis entwickelt das slowenische Startup Juicy Marbles. Das Filetsteak basiert auf Sojaprotein und kann sowohl in Scheiben als auch ganz gegrillt oder in der Pfanne zubereitet werden. Seit 2020 arbeitet das slowenische Team an sojabasierten Fleischalternativen. Laut Crunchbase konnte Juicy Marbles in zwei Finanzierungsrunden 4,6 Millionen an Risikokapital einsammeln. Neben dem Lead Investor World Fund sind auch Nucleus Capital und AgFunder als jüngste Investoren am FoodTech beteiligt.

Mosa Meat | Niederlanden

(c) Mosa Meat

Mosa Meat ist ein niederländisches FoodTech mit Sitz in Maastricht. Im Jahr 2013 entwickelte Gründer und CEO Mark Post gemeinsam mit Co-Founder und Nahrungsmitteltechnologen Peter Verstrate den ersten Burger aus kultiviertem Fleisch. Im Februar 2021 gab das niederländische FoodTech das dritte und letzte Closing seiner Series-B-Finanzierungsrunde in Höhe von insgesamt 85 Millionen US-Dollar bekannt. Damit plante Mosa Meat den Ausbau seiner Produktionsanlage in Maastricht. Zu den Investoren gehören Nutreco, ein internationales Unternehmen für Tiernahrung und Aquafutter, sowie Jitse Groen, CEO von Just Eat Takeaway.com. Als Lead Investor hat Blue Horizon Ventures mit Sitz in Luxemburg die Finanzierungsrunde angeführt. Seit September 2021 kürt auch der US-amerikanische Schauspieler Leonardo DiCaprio das Investoren-Portfolio von Mosa Meat. 

Planted | Schweiz

(c) Planted

Vor gut einem Jahr holte sich das vegane Food-Startup Planted aus der Schweiz ein 70 Millionen Euro Investment in einer Series-B-Finanzierungsrunde. Mit seinem neuartigen Ansatz stellt das FoodTech biostrukturiertes Fleisch aus alternativen Proteinen her. Angeführt wurde die Runde von L Catterton, einem global führendem Private-Equity-Unternehmen im Konsumgüterbereich. Bereits 2021 konnte Planted eine Finanzierungsrunde in Höhe von 36 Millionen Schweizer Franken abschließen.

Das Schweizer FoodTech wurde im Juli 2019 als Spin-off der ETH Zürich gegründet und zählt mittlerweile zu den am schnellsten wachsenden FoodTech-Startups in Europa. Die pflanzlichen Fleischalternativen von Planted finden sich nicht nur in österreichischen Supermärkten, sondern auch auf der Speisekarte in hiesigen Restaurants. So bietet der Wiener Traditionswirt Figlmüller eine vegane Schnitzel-Alternative von Planted an.

Revo Foods | Österreich

(c) Revo Foods

Das Wiener Food-Startup Revo Foods hat sich auf die Entwicklung pflanzlicher Fischalternativen aus dem 3D-Drucker spezialisiert. In einer ersten Finanzierungsrunde konnte sich das Startup 2021 rund 1,5 Millionen Euro an Kapital für den damaligen Markteintritt sichern. Zudem erhielt das Unternehmen gemeinsam mit dem schwedischen FoodTech Mycorena eine Förderung in Millionenhöhe. Laut Crunchbase beläuft sich der „Total Funding Amount“ für das Unternehmen auf mittlerweile mehr als vier Millionen Euro.

Solar Foods | Finnland

Solar Foods ist ein finnisches Startup, dass sich auf ressourcenschonende Proteinproduktion spezialisiert. In einem eigens entwickelten Bioprozess nutzt Solar Foods eine Kombination aus aufgefangenem Kohlendioxid und Bakterien, wodurch Mikroorganismen entstehen, die zum Protein Solein verarbeitet werden. Bei Solein handelt es sich um ein nährstoffreiches Protein, das – Angaben des Unternehmens zufolge – in “jedem Lebensmittel verwendet werden” kann und geringere Auswirkungen auf den Planeten als tierisches Protein hat. 2022 erhielt das Startup einen öffentlichen Zuschuss in Höhe von 34 Millionen Euro.

This | Großbritannien

(c) This

Das Londoner FoodTech Startup stellt Lebensmittel ohne Fleisch, aber mit Vitamin B12 und Eisen her. Die Produktpalette umfasst eine Reihe an “Isn’t Meat”-Produkten, darunter Lamm, Speck, Hühnchen und Rinderpatties. This produziert auch sogenannte “Ready-to-eat”-Gerichte, darunter Wraps, Salate und Pastavariationen. Laut Crunchbase hat This in insgesamt sechs Finanzierungsrunden Risikokapital von 46,6 Millionen US-Dollar. Die letzte Series-B-Runde erfolgte im Frühjahr 2022. An der Runde beteiligt waren die Lead Investoren Lever VC und BGF neben 14 anderen Investoren.

Umiami | Frankreich

(c) Umiami

Im Jahr 2020 haben Tristan Maurel und Martin Habfast das französische FoodTech Umiami gegründet, und zwar mit der Intention, pflanzliche Alternativen zu Hühnerfleisch herzustellen. Das Founder-Team entwickelte die sogenannte “Umisation”, bei der Proteine texturiert werden. Dabei wird aus pflanzlicher Matrix eine faserige Konsistenz erzeugt, wobei Größe und Dicke der Fasern kontrolliert werden können. Laut Angaben des Startups wird die Hühnerbrust von Umami mit weniger als zehn Zutaten hergestellt, wobei sie genauso viel Eiweiß wie das tierische Gegenstück aufweisen soll. 

Im April 2022 gab Umiami den Abschluss einer Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 47 Millionen US-Dollar bekannt. Angeführt wurde die Runde von Astanor Ventures, Redalpine und French Partners. Unterstützt wurde die Finanzierungsrunde von Altinvestoren wie Verso Capital, Newfunds, Kima Ventures und dem French Tech Seed Fund im Auftrag der französischen Regierung. Ziel dieses Fonds sei es, die internationale Reichweite des Startups zu steigern.

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Ex-Telekom-Austria-CEO Boris Nemšić beim Business Angel Summit in Kitzbühel | Foto: Martin Pacher | brutkasten

Boris Nemšić zählt zu den prägenden Figuren der österreichischen Telekom-Geschichte. 1957 in Sarajevo geboren, kam er 1984 nach Wien, promovierte an der TU Wien und stieg 1997 bei der mobilkom austria ein, die er später als CEO zu einer der führenden Mobilfunkgruppen Zentral- und Osteuropas ausbaute. Bis Anfang 2009 stand er an der Spitze der Telekom Austria Group, danach wagte er den Sprung nach Russland und führte bis 2010 den Telekom-Konzern VimpelCom.

Heute lebt Nemšić in Dubai und ist längst fixer Bestandteil des Startup- und Investoren-Ökosystems: Er ist Industry Advisor bei KKR im Technologie-Bereich, Gründungsmitglied der Austrian Angel Investors Association (aaia) und Aufsichtsrat in mehreren Hightech-Unternehmen, darunter die börsennotierte Frequentis AG. Als Beiratsvorsitzender begleitete er den kroatischen Kommunikationsanbieter Infobip auf dem Weg zum ersten Unicorn des Landes. In Österreich ist er unter anderem am Drohnen-Software-Startup Dimetor, am Fintech Seasonax und am Grazer Video-Tech-Unternehmen eyeson beteiligt.

Beim Business Angel Summit in Kitzbühel saß Nemšić am Panel „Quo vadis Europa und Austria“, das mit der provokanten Frage „Are we fucked?“ eröffnet wurde. Seine Antwort dort machte die Runde, im Gespräch mit brutkasten führt er aus, was er damit meint, warum er das Rennen um generative KI noch nicht verloren gibt und woran seine eigene Initiative gegen SMS-Spam gescheitert ist.


brutkasten: Du bist heuer beim Business Angel Summit und bist in mehrere österreichische Startups investiert. Wie würdest du deine Rolle als Investor selbst beschreiben?

Boris Nemšić: Business-Angel-Investor wäre zu breit als Beschreibung. Was ich für mich selbst gemacht habe, waren frühe Investments, schon in den Zehner-Jahren, in Startups, die in meinem Gebiet tätig sind: Technologie, Telekommunikation, ICT. Dort bilde ich mir ein, dass ich mich ein bisschen auskenne, was nicht immer stimmt. Aber das mache ich mit vollem Herzen. Es geht nicht um ein Finanzinvestment als solches, sondern darum, ob ein Produkt einen Nutzen für die Kunden bringen kann und die Technologie weiterbringt. Und vielleicht ergibt sich auch eine Wertsteigerung.

Gab es in deiner Investorenlaufbahn schon erfolgreiche Exits?

Ich habe bis jetzt größte Misserfolge dokumentiert. (lacht) Die Erfolge kommen noch. Obwohl, ich hatte auch einige, allerdings hauptsächlich in Verbindung mit meiner Tätigkeit für KKR, wo ich Industry Advisor bin und mitinvestieren darf. Das waren durch die Bank hervorragende Investments.

Hast du einen spezifischen Branchenfokus? In welcher Phase steigst du ein?

Natürlich schaue ich, dass ich in einer frühen Phase einsteige, weil da die Tickets so sind, dass ich sie persönlich stemmen und die Chancen ergreifen kann. Es ist hauptsächlich ICT, alles, was sich um die Telekom- oder IT-Industrie dreht. Ich hatte auch positive Exits im Education-Bereich, aber wieder IT-getrieben. Das Gebiet, das mich derzeit sehr interessiert, sind Drohnen. Allerdings Drohnen im Sinne der Kommunikation mit Drohnen, nicht die Drohne selbst. Ein fliegendes Objekt kann fast jeder bauen. Die Frage ist, wie man Drohnen beyond line of sight, also auf lange Distanzen, reguliert und verkehrstechnisch richtig steuert. Man braucht Command and Control. Dass Drohnen inzwischen eher eine Dual-Use- und Defense-Geschichte geworden sind, hat die Geschichte ergeben.

Bei welchem Unternehmen bist du da engagiert?

Bei Dimetor in Österreich, dort bin ich Mitinvestor. Zwei meiner guten Freunde kommen von der gleichen Schule, der TU Wien, junge Doktoranden damals, als ich noch auf der Uni tätig war. Das ist eigentlich ein Brainpool, der fantastisch ist. Wir haben Produkte, die sowohl zivil als auch für Defense möglich sind. Zum Beispiel können wir fliegende SIM-Karten entdecken. Und wenn diese fliegende SIM-Karte in einer Drohne ist, dann kann es unangenehm werden. Wir können das detektieren, und dann kann man entscheiden: Ist das eine freundliche oder eine feindliche? Und dann tut man was damit.

Du lebst aktuell in Dubai. Schaust du dir von dort aus weltweit Startups an oder hast du dennoch einen Österreich-Fokus?

Ich habe vor allem einen Europa-Fokus. Ich habe in Kroatien sehr viel gearbeitet und das erste Unicorn Kroatiens mitbetreut, als wir diese Bewertung bekommen haben. Dubai ist natürlich ein unglaublicher Umschlagplatz. Dort gibt es sehr interessante Firmen, die aus irgendeinem Grund dort ansässig geworden sind. Ich glaube kaum, dass Leute hinkommen und sagen: Ich mache jetzt in Dubai ein Startup, weil Dubai. Das ist nicht der Fall. Dubai hat den Vorteil, sehr nahe an Indien, Bangladesch und Pakistan zu sein, mit einem großen Ingenieurs- und Wissenspool.

Beim Panel „Quo vadis Europa und Austria“ wurdest du gefragt: „Are we fucked?“ Deine Antwort?

Ich habe es ein bisschen frech ausgedrückt: We are not fucked yet. Wir sind im Vorspiel. Das heißt, es kann alles rauskommen. Was ich gemeint habe: Wir nehmen diese Dinge noch nicht ernst. Das ist ein Kritikpunkt, den ich mich traue, sehr laut zu sagen. Was ist Europa? Es ist ein Friedensprojekt. Wir sind reich, wir sind frei, wir sind eigentlich die beste Gegend der Welt. Jeder will zu uns kommen. Und was jetzt passiert, ist: Wir schlafen fast ein und reagieren nicht auf die Entwicklungen, die rund um uns sind. Sind das Kriege? Leider. Sind das Entwicklungen wie AI? Sind das Businessentwicklungen? Am Ende brauchen wir Wachstum, wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft. Was wir als Europa machen, ist hauptsächlich Fokussierung auf Regulierung und Verlangsamung von allem Möglichen. Mich wundert nur, dass sie noch nicht sagen: Ein Fußball darf nicht schneller als sechzig Kilometer pro Stunde fliegen, weil sonst ist es nicht fair. Ich sage das bewusst überspitzt. Es ist traurig, dass wir unsere hervorragenden Ressourcen, unser Wissen, unsere Leute, unser Entrepreneurship verwalten, statt sie freizulassen. Das ist keine Kritik an Österreich. Österreich hat manchmal vernünftige, manchmal supergute Ansätze. Wir können nur als ganzes Europa erfolgreich sein in diesem Rennen.

Kannst du das konkretisieren?

Ich sage es in einer Metapher: In Wien habe ich in der Wohnung meines Sohnes leider fünfzehn Megabit pro Sekunde Internetverbindung. Und er ist weltweit in Competition mit Südkoreanern, die ein Gigabit haben. Wer wird gewinnen? Oder: Wir haben sechzehn Jahre gebraucht, um den Hochspannungsring in Österreich zu schließen. Gott sei Dank ist es, dank dem Verbund und den anderen, zu keinem Blackout gekommen. Wir waren ein paar Mal sehr nahe dran. Warum haben wir das nicht schneller gemacht? Weil wir alles schützen außer den Menschen. Wir schützen jede Pflanze, Hochachtung. Jede Schnecke, Hochachtung. Nur der Mensch, habe ich den Eindruck, ist nicht so wichtig. Ich überspitze ganz bewusst. Da soll man sehr viel pragmatischer sein. Wenn wir schauen, wer heute erfolgreich ist: Es sind die pragmatischen Zugänge, ob in Dubai, in den Emiraten, in China oder in den USA. Ein Problem wird erkannt und die Lösung wird gesucht. Und nicht der Prozess zur Lösung.

Fairerweise muss man sagen: Das sind unterschiedliche politische Systeme. Europa ist eine Demokratie mit 27 Mitgliedstaaten.

Du hast recht. Nur das politische System soll den Menschen dienen und nicht die Menschen behindern. Das ist der große Unterschied. Wir können uns nicht damit rühmen, dass wir ein besseres System haben. Ja, wir haben es. Nur wenn das System uns behindert, dann soll man das System so anpassen, dass es für uns gut ist. Das ist so banal. Aber wir verlieren uns in Parteien, in Strukturen, in Diskussionen. Und im Endeffekt: Ich will Strom haben. Ich will Internet haben. Ich muss Gesundheit haben, Education haben. Es ist keine Ausrede, dass es so lange dauert, weil wir eine Demokratie sind. Das ist eine faule Ausrede, die ich persönlich nicht akzeptieren kann. Noch einmal: Ich lobe keine Diktaturen und Königreiche, bei Gott nicht. Aber wenn man sich anschaut, was in den Emiraten passiert: Es wird ein Ziel gesetzt, das der Wirtschaft, den Menschen, der Entwicklung dient. Und dann wird das durchgezogen.

Wo siehst du das Problem, wenn nicht in einer Fehlkommunikation zwischen Industrie und Politik?

Du bist ja sehr nett. Wenn man Dinge falsch macht, dann sagt man, es ist falsche Kommunikation. Das lasse ich nicht gelten. Die Politik hat alle Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, und muss das gesamtheitlicher sehen. Die Politik ist nicht blöd. Sie hat leider oft Partikularinteressen. Und es ist eine nachvollziehbare, aber schwierige Situation, dass immer irgendwo Wahlen sind. Wenn das Interesse an einer Partikularwahl das große ganze Ziel überwiegt, dann haben wir ein Problem. Wenn wir nicht in der Lage sind, das zu lösen, dann werden Systeme, die dieses Problem nicht haben, die Oberhand gewinnen. Schau, was China ist: eine Planwirtschaft, ein Einparteiensystem, alles, was wir eigentlich nicht wollen. Aber die wesentlichen Dinge machen sie richtig. Die haben uns innerhalb von dreißig Jahren in unheimliche Abhängigkeiten gebracht. Unglaublich. Und ich bin sicher, dass das viele Menschen in Europa erkannt haben, nicht heute, sondern vor zwanzig Jahren. Warum reagieren wir nicht? Weil wir kurzfristige Ziele setzen. Das Ziel ist das nächste Quartal, das Ziel ist die nächste Wahl. Statt das große Ganze zu sehen. Wir haben die Wissenschaft, wir haben Hirn, wir haben Geld, wir haben Ressourcen, um breiter und größer zu denken. Nur irgendwo am Weg verlieren wir uns.

Hast du ein Beispiel, wo du selbst an dieser Regulierung gescheitert bist?

Ich habe mich die letzten zwei, drei Jahre mit SMS-Spam beschäftigt. Jeder von uns bekommt irgendwelche blöden SMS, wo oben eine Bank steht, Unicredit oder Bitpanda oder was auch immer, und drinnen steht irgendein Scam. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht: Wie kann man das verhindern? Weißt du, woran ich gescheitert bin? Am deutschen Briefgeheimnis. Das deutsche Briefgeheimnis wird auf SMS angewendet. Wie rückständig und ignorant muss man sein, um das anzuwenden? Es geht darum: Darf ich in den Header der SMS hineinschauen? Wenn dort Unicredit steht und ich erkenne, das ist die falsche Nummer, dann ist es Scam, und dann filtere ich es aus. Es ist so einfach. Die Erklärung ist: Das ist ein Verfassungsgesetz in Deutschland, es geht nicht. Und die Bevölkerung hat Millionen an Schaden. Wen schützen wir jetzt? Die armen Menschen, die auf das reinfallen und Millionen verlieren? Oder wen schützen wir da? Wenn ich krank bin, soll historisch gesehen auch ein Arzt kommen und mir Blut rauslassen statt eine CT zu machen. Ich meine, das ist absurd. Man muss mit der Zeit gehen.

Die Bundesregierung hat einige Maßnahmen für das Innovationsökosystem gesetzt, Stichwort Dachfonds. Wie bewertest du das?

Ich bewerte es positiv, eindeutig positiv. Ich habe mich 2011 als Chef der ÖIAG beworben. Bin es nicht geworden, Gott sei Dank. Eine meiner Thesen damals in meinen Bewerbungsunterlagen war, dass die ÖIAG-Companies, heute ÖBAG, einen Teil ihrer Dividende in einen Forschungsförderungsfonds oder Startup-Fonds einzahlen sollen, damit wir einen Geldpool haben, mit dem wir dieses Ökosystem stärken.

Das war vor fünfzehn Jahren. Jetzt wird genau das diskutiert.

Eben. Wenn eine Idee kommt und man sie fünfzehn Jahre später diskutiert, darf ich ein paar Fragezeichen stellen. Es gibt einen Punkt: Die Zeit kannst du nicht kaufen. Die Zeit kann man fast nie mit Geld erschlagen. Und ich glaube, wir gehen sehr sorglos mit der Zeit um. In der Wirtschaft ist das noch schlimmer.

Gibt es Tipping Points, die schon erreicht sind? In generativer KI etwa haben wir das Rennen doch verloren.

Nein, glaube ich nicht. Da bin ich anderer Meinung als einige Teilnehmer im Panel. Ich bin sicher, dass man das in drei Jahren aufholen kann. Weil das ist pure Force: Du nimmst so viel Geld, baust so viele Data Center. Wir haben die Wissenschaft, wir haben die Leute, die das können. In drei Jahren, so wie DeepSeek das gemacht hat, können wir es schaffen. Das Rennen ist nicht verloren. Es ist nur die Entscheidung, ob man es macht oder nicht. Mir wäre am liebsten, dass wir überhaupt nicht auf die Idee kommen müssen. Nur die Situation ist so, dass irgendjemand in den USA, China oder wo immer sagen kann: Mir gefällt überhaupt nicht, dass Österreich LLMs oder KI hat, ich drehe es ab. Das darf nicht passieren. Das heißt, wir brauchen einen gewissen Grad an Autonomie. Das heißt nicht, dass wir alles nachbilden und doppelt haben müssen. Aber man muss einen gewissen Grad an Selbstständigkeit haben oder mindestens Hebel, um diese Selbstständigkeit erhalten zu können.

In Europa ist nur ASML ein wichtiger globaler Player. Und nachdem er der Einzige ist, ist man erpressbar. Gott sei Dank haben wir das. Aber da sind wir nicht unbedingt die großen Meister. Ich habe noch die Hoffnung, dass sich die KI in eine Richtung entwickelt, dass die Industrievertikalen, die KI anwenden, so stark werden, dass sie sich selbstständig entwickeln. Eine wird in Europa sein, eine in Amerika, eine in Österreich, egal wo. Das wird sich ausgleichen. Aber die Infrastruktur muss man haben. Und auch damit gehen wir nicht besonders proaktiv um. Es ist blöd, dass ein Glasfaseranschluss in Österreich und Deutschland Pi mal Daumen dreitausend Euro kostet und gleichzeitig in Spanien zweihundertsechzig Euro. Es gibt ein paar Gründe dafür, ein paar sind legitim. Aber die Mehrzahl der Gründe ist einfach erfunden. Da sieht man, wie inkonsistent wir agieren.

Du hast sehr viel erreicht in deiner Karriere. Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

Ich habe mir in meiner Karriere, Karriere unter Anführungszeichen, nie persönliche Ziele gesetzt. Ich habe Business-Ziele gesetzt: Wenn ich Vorstand einer Firma bin, will ich diese und jene Ziele erreichen. Aber keine persönlichen Ziele, weil man so offen und so breit sein muss, dass man entscheiden kann, ob man eine Chance wahrnimmt oder nicht. Ich bin nach Russland gegangen, obwohl ich überzeugt bin, dass ich den besten Job in Österreich hatte, zehn Jahre lang.

Beim Summit haben zwölf Startups gepitcht, die noch am Anfang stehen. Was gibst du jungen Unternehmer:innen mit auf den Weg?

Es war interessant, dass die zwölf aus sehr verschiedenen Ecken kommen, was gut ist. Ich persönlich glaube an Startups, die entweder etwas sehr tangibles machen oder ein Businessmodell haben, das global anwendbar ist. Das kann eine kleine Sache sein, aber global anwendbar. Ich hoffe, sie denken in die Richtung, dass sie nicht nur ein kleines Problem lokal lösen, sondern dass ihre Plattform oder ihr Produkt eine globale Anwendung haben kann. Da gibt es viele Chancen, und auch viele Dinge, die man gut überlegen muss.

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