11.11.2019

Höhle der Löwen: Marketing-Expertin über die Startups aus Folge 11

Für Folge 11 von "Die Höhle der Löwen" treten diesmal fairment, HomeShadows, ooshi, Scansation und Elimba an. Marketingexpertin Sabrina Oswald bewertet die Startups vorab.
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Höhle der Löwen DHDL
Investorin Dagmar Wöhrl nimmt das Kakaogetränk von "Elimba" genau unter die Lupe. (c) TVNOW / Bernd Michael

Vergangene Woche bewertete Marketingexpertin Barbara Rauchwarter, CMO der APA und Präsidentin der Österreichischen Marketing-Gesellschaft, für uns die DHDL-Startups aus Folge zehn aus strategischer Perspektive. Die Marketingexpertin Sabrina Oswald (Geschäftsführende Gesellschafterin der Futura GmbH und Vorstandsmitglied der Österreichischen Marketing-Gesellschaft) beleuchtet für Folge 11 von „Die Höhle der Löwen“ die fünf Startups aus strategischer Perspektive und bewertetet das Marketingpotenzial der Produkte schon vorab.

+++Höhle der Löwen: Marketing-Expertin über die Startups aus Folge 10+++

1. fairment aus Berlin

Leon Benedens (33) und Paul Seelhorst (34) aus Berlin möchten die positiven Wirkungen der Fermentation wieder in die Köpfe der Verbraucher bringen. Am Beispiel von Kombucha erklären sie den „Löwen” ihre Geschäftsidee. Der Kombucha ist ein fermentierter Tee, der entsteht, wenn gezuckerter Tee mit einem Kombucha Pilz inkubiert. Durch den Prozess der Fermentation wird aus dem ursprünglichen Zuckertee mit Hilfe von nützlichen Bakterien und Hefen eine wertvolle Vitamin- und Nährstoffquelle: Besonders Vitamin C, eine Bandbreite an B-Vitaminen, Antioxidantien und zahlreiche Probiotika, machen Kombucha so wirkungsvoll. Der Genuss von Kombucha soll z.B. die Darmflora ins Gleichgewicht bringen, die Leber bei der Entgiftung unterstützen und schöne Haut machen.

Das Gründerduo lässt eine alte Gesundheitsweisheit aufleben und bietet mit fairment ein Set an, mit dem jeder seinen eigenen Kombucha zuhause ansetzen kann. Der Lieferumfang umfasst einen Pilz, auch Scoby genannt, sowie Tee, Zucker, das Glas und Zubehör. Mit einer Anleitung ist das Kombuchabrauen leicht durchführbar. Im fairment-Repertoire bieten die Gründer außerdem Sets für Wasserkefir, Milchkefir, Ingwerbier oder auch Produkte für Sauerteig und veganen Joghurt an. Vor vier Jahren haben Leon Benedens und Paul Seelhorst gegründet und vertreiben über ihren Onlineshop.

Website: https://www.fairment.de/

Die Einschätzung der Expertin

Fairment, mit dem Begriff Fermentation spielend, hat uns überrascht. Der Vorgang beschreibt die chemische Umwandlung von Stoffen durch Bakterien und Enzyme. Dieses Verfahren dient zur Entwicklung des Aromas in verschiedensten Lebens- und Genussmitteln. Auch wenn man noch nie davon gehört hat, kennt jeder insgeheim diesen Prozess – angefangen bei Produkten wie Kombucha, Kefir oder Sauerteigbrot. Fairment bringt nun die zeitgemäße DIY-Version auf den Markt.

Die beiden Gründer aus Berlin bieten ein Set an, mit dem jeder seinen eigenen Kombucha zuhause ansetzen kann. Der Lieferumfang umfasst einen Pilz, auch Scoby genannt, sowie Tee, Zucker, das Glas und verschiedenes Zubehör. Mit einer beigelegten Anleitung ist das Kombuchabrauen leicht durchführbar. Im fairment-Repertoire bieten die Gründer außerdem Sets für Wasserkefir, Milchkefir, Ingwerbier oder auch Produkte für Sauerteig und veganen Joghurt an.

Die Webseite lädt extrem schnell, Instagram und Facebook Auftritte sind auch auffindbar. Die Performance ist auf allen Kanälen zufriedenstellend und bietet sinnvolle Inhalte wie Rezepte, FAQs oder einen Onlineshop. Wir fragten uns anfangs, wie viele User sich tatsächlich für das Thema „Fermentieren“ interessieren würden, und ob hier eine DIY-Lösung gut ankommt. Die Antwort: überraschend viele.

Recherchiert man bei Trusted Shops, so findet man rund 2.100 Bewertungen, davon sind 1.919 mit 5 Sternen. Wow, an dieser Stelle lässt sich wirklich nichts bemängeln. Ein nächster Blick auf Amazon überzeugte uns in gleichem Maße: 236 Bewertungen und zu 94 Prozent mit 5 Sternen. Zusammenfassend haben die Gründer sowohl den Zeitgeist getroffen als auch ein tolles Produkt geschaffen.

Marketingtipp: Man merkt, ihr habt eure Hausaufgaben gemacht. Wir drücken die Daumen, dass mindestens einer der Löwen ein Fan des Fermentierens ist.

2. HomeShadows aus Wien (Österreich)

Gerd Wolfinger (50) spricht aus eigener Erfahrung: „Vor vier Jahren wurde bei uns in der Wohnung eingebrochen. Der materielle Schaden war nicht sehr hoch, aber das Gefühl danach ungut.“ Einbrüche sind leider keine Seltenheit: „EU-weit findet alle 23 Sekunden ein Einbruch statt, in Deutschland immerhin alle viereinhalb Minuten. In den meisten Fällen ist der Geschädigte nicht zuhause”, erklärt Roland Huber (50). Damit es den Langfingern nicht mehr so leicht gemacht wird, hat Gerd Wolfinger mit HomeShadows ein Gerät entwickelt, das vor Einbrechern schützen soll. Mittels der speziellen Technologie werden Schatten-Bewegungen im Raum simuliert, die den Eindruck erwecken sollen, dass jemand zu Hause ist. HomeShadows ist leicht bedienbar, Bewegungen werden zufällig berechnet und es erfolgt eine automatische Aktivierung bei Dämmerung. Mithilfe eines „Löwen” möchten die beiden Gründer HomeShadows möglichst vielen Menschen weltweit verfügbar machen.

Website: https://www.homeshadows.com/

Die Einschätzung der Expertin

Einbrüche passieren öfter als man glaubt. In Europa findet alle 23 Sekunden ein Einbruch statt, in Deutschland immerhin alle viereinhalb Minuten. Logisch, dass man sich davor schützen will. Dafür wurde HomeShadows entwickelt. Es werden Schatten-Bewegungen im Raum simuliert, die den Eindruck erwecken sollen, dass jemand zu Hause ist. Die Bewegungen werden zufällig berechnet und es erfolgt eine automatische Aktivierung bei Dämmerung.

Die Webseite entspricht grundlegenden Standards, jedoch gäbe es SEO-technisch einiges zu optimieren. Auch Social Media wird beim Wiener Startup bisher leider kleingeschrieben. Man könnte fast meinen, die Kommunikation auf Facebook und Instagram findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Im eigenen Onlineshop werden zwei Versionen des Produktes angeboten: eines zu 29,99 Euro und eines zu 52,99 Euro. Den Unterschied der zwei Versionen konnten wir in der Beschreibung allerdings leider nicht herausfinden. Dieser Faktor rückt zudem schnell in den Hintergrund, wenn man beachtet, dass keines der beiden Produkte aktuell auf Lager ist. Bei der Suche nach Händleralternativen stößt man schnell auf Amazon, doch hier waren wir von dem im Vergleich zum eigenen Shop unverhältnismäßigen Preis von 99,00 Euro etwas verwirrt. Zudem ließen sich weder bei Trustet Shops, noch auf anderen Plattformen Rezensionen zum Produkt finden.

Marketingtipp: Gut gedacht ist noch nicht gut gemacht. Die Idee erregt zwar Aufmerksamkeit, nicht zuletzt weil man ähnliche Umsetzungen beispielsweise aus dem Spielfilm-Klassiker „Kevin allein in New York“ kennt, jedoch müssen beim Thema Marketing noch einige Stellschrauben gedreht werden. Nutzt aktiv Social Media, interviewt zufriedene User und kümmert euch um eure Bewertungen. Hier könnten auch Expertenmeinungen nicht schaden.

Sabrina Oswald (c) APA/Ludwig Schedl

3. ooshi aus Berlin

Wenn es nach den Gründerinnen von ooshi geht, könnten Tampons und Binden schon bald der Vergangenheit angehören. Kristine Zeller (37) und Dr. Kati Ernst (37) haben Periodenunterwäsche konzipiert, bei der das Menstruationsblut von einem Membransystem aufgesaugt und am Auslaufen gehindert wird. Dank der ausgewählten technischen Materialien fühlt sich ooshi komplett trocken an, und Bakterien und Gerüche werden in Schach gehalten. Die Perioden-Pantys unterscheiden sich weder bezüglich Pflege noch Optik wesentlich von normaler Damenunterwäsche: Sie lassen sich in der Waschmaschine reinigen und die Gründerinnen setzen auf Designs, die in Deutschland Bestseller sind.

Website: https://ooshi-berlin.de/

Die Einschätzung der Expertin

Bei ooshi gibt es eine Periodenunterwäsche, bei der das Menstruationsblut von einem Membransystem aufgesaugt und am Auslaufen gehindert wird. Durch die ausgewählten technischen Materialien soll sich ooshi komplett trocken anfühlen und Bakterien sowie mögliche Gerüche in Schach gehalten werden. Die Perioden-Pantys sehen aus wie normale Damenunterwäsche, sollen sich auch so anfühlen und sich in der Waschmaschine reinigen lassen.

In der Grundgesamtheit wirft das Erscheinungsbild der Website ein gutes Licht auf die Marke. Sie enthält alle notwendigen Informationen und kann auch in Sachen Ästhetik punkten. Aus SEO-Perspektive wäre etwas mehr Liebe zum Detail allerdings wünschenswert. Social Media wird gut genutzt, allerdings ist hier ein deutlicher Fokus auf Instagram erkennbar – was nichts Schlechtes ist! Wenn sich der richtige Kanal gefunden hat, kann eine Konzentration auf diesen eine durchaus sinnhafte Maßnahme sein. Rund 14.000 Abonnenten auf Instagram sind ein guter Beweis dafür. Die Bewertungen auf Trustpilot sind für Deutschland, Schweiz und Österreich extrem positiv. In Bezug auf das Produkt selbst haben die Gründerinnen alles richtig gemacht.

Marketingtipp: Ihr solltet die Story noch klarer herausarbeiten und mehr Emotionen wecken. Außerdem ließen sich allein alle objektiven Vorteile, die das Produkt hat, wunderbar kommunizieren. Zudem ließe sich vielleicht auch der Name überdenken, sodass er mehr auf das Produkt selbst anspielt. Alles in allem schätzen wir eure Chancen aber dennoch als recht gut ein!

4. Scanstation aus München

Mit ihrer App sollen lange Wartezeiten in der Schlange an der Kasse zukünftig passé sein. Die Gründer und Wirtschaftsmathematiker Andreas Klett (35) und Leo von Klenze (35) stellen den „Löwen“ ihren digitalen Shoppingbegleiter vor. Mit Scansation soll das Shopping schneller und smarter möglich sein – und davon profitieren nicht nur die Kunden sondern auch stationären Händler. Nach dem Runterladen der kostenlosen App wählt der User den entsprechenden Markt aus und schon kann es losgehen. Während des Einkaufs werden die Produkte mit dem Handy eingescannt und in einem Online-Warenkorb in der App abgespeichert. Ist der Einkauf beendet, fotografiert der Kunde seine Produkte im Einkaufswagen und die App erstellt einen QR-Code, den das Kassenpersonal einlesen und abrechnen kann. Das zeitlich aufwendige Umpacken vom Einkaufswagen aufs Band und wieder zurück entfällt. Die App wird anonym genutzt, so dass der Supermarkt die Daten nicht persönlich zuordnen kann. Aber der Supermarkt weiß, dass der anonyme Käufer X zum Beispiel immer gerne bestimmte Nudeln kauft. Mit dieser Information kann er passende Angebote auf das entsprechende Handy schicken. Weitere Features für die App sind in Planung.

Website: https://www.scansation.de/de/

Die Einschätzung der Expertin

Mit Scansation sollen mithilfe der gleichnamigen App lange Wartezeiten in der Schlange an der Kasse künftig passé sein. Ja, das wäre nett. Quasi ein anonymes datenschutzfreundliches Amazon Go.

Liest man sich in die Lösung ein, relativiert es sich allerdings etwas, denn der Aufwand wird für den Käufer nicht wirklich weniger. Während des Einkaufs werden die Produkte mit dem Handy eingescannt und in einem Online-Warenkorb in der App gespeichert. Ist der Einkauf beendet, fotografiert der Kunde seine Produkte im Einkaufswagen, und die App erstellt einen QR-Code, der das Kassenpersonal einlesen und abrechnen kann. Man tauscht also den Aufwand des Aus- und Einräumens des Einkaufswagens an der Kassa gegen das Scannen ein. Damit sollen die Warteschlangen an der Kassa deutlich kürzer werden.

Die Anwendung wird im App Store mit 4,2 bzw. 4,4 Sternen sehr positiv bewertet. Wenn man die Website unter die Lupe nimmt, fällt allerdings auf, dass fast in allen Punkten eine bessere Lösung hätte gefunden werden können. In puncto teilnehmender Shops wird nur ein einziger Händler in Bad Feilnbach angezeigt.

Marketingtipp: Was technisch im Bereich des Möglichen ist, muss nicht automatisch sinnvoll sein. Nur ein teilnehmender Händler für eine Lösung, über welche bereits im Jahr 2017 berichtet wurde, ist wenig vertrauenserweckend. Seit Jahren wird an technischen Lösungen für das Einkaufserlebnis gearbeitet, es stellt sich die Frage, was diese wirklich verbessern. Für den Konsumenten geht es eher in Richtung Nullsummenspiel: mehr Aufwand beim Scannen, dafür kürzer bei der Kasse anstellen, während der Händler Kosten für ein weiteres System im Laden hat. Einzig und allein die vage Hoffnung, dass Kunden mehr kaufen, wenn sie weniger lange bei der Kassa warten müssen, könnte Händler zur Einführung von Scansation motivieren. Das wird schwierig bei den Löwen.

5. Elimba aus Bornheim

Als Elias El Gharbaoui (23) während einer mehrmonatigen Südamerika-Reise zum ersten Mal an einer traditionellen Kakao-Zeremonie teilnahm, hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Ähnlich wie bei einer Tee-Zeremonie wird das Getränk in geselliger Runde zubereitet und zusammen genossen. Der Kakao soll dabei eine stimmungsaufhellende Wirkung haben. Zurück in Deutschland und inspiriert durch die Inkas hat sich Elias an die Entwicklung seines eigenen Kakaos gemacht. Heraus kam Elimba, eine Kakao-Kugel, die aus der Edelkakaosorte Criollo hergestellt wird. Dabei werden ungeröstete ganze Kakaobohnen verwendet, denn so bleiben sämtliche Inhaltsstoffe erhalten. „Roher Kakao ist super gesund, enthält viele Vitamine, Mineralien, Antioxidantien und gilt sogar als Superfood”, so Elias El Gharbaoui.

Website: https://elimba.de/

Die Einschätzung der Expertin

Wer einmal eine traditionelle Kakao-Zeremonie erlebt hat, den soll das Thema nicht mehr loslassen. Vergleichbar mit einer Tee-Zeremonie wird das Getränk in geselliger Runde zubereitet und zusammen genossen. Denn der Kakao soll eine stimmungsaufhellende Wirkung haben. Um das jederzeit genießen zu können, gibt es Elimba, eine Kakao-Kugel, die aus der Edelkakaosorte Criollo hergestellt wird. Dabei werden ungeröstete, ganze Kakaobohnen verwendet, denn so bleiben sämtliche Inhaltsstoffe erhalten.

Die Webseite ist optisch ansprechend, lässt uns aber leicht verwirrt in der Navigation zurück. Die Mischung aus B2B- und B2C-Ansprache lässt die Seite teilweise etwas unübersichtlich erscheinen. Im eigenen Onlineshop ist leider ist nur das Starterset sofort lieferbar, für alle anderen Produkte gibt es Wartezeiten von bis zu drei bis vier Wochen. Social Media wird im Allgemeinen eher zaghaft eingesetzt. Auf Facebook und Instagram laufen aktuell keine Ads, auf Pinterest finden sich 8 Pins und auf Twitter ist kein einziger Tweet zu finden. Besser wären in diesem Fall weniger Kanäle, aber dafür mehr Content.

Marketingtipp: Eure Story von der Kakaozeremonie ist stimmig und gefällt uns. Davon hätten wir gerne mehr gesehen. Das Video auf eurer Website, in welchem der Kakao angerührt wird, ist zwar gut produziert, erzählt uns jedoch zu wenig über das Produkt. Weiht uns in die Zeremonie ein, erzählt uns mehr über den Hintergrund, und, und, und.

Unser Favorit für Folge 11 von „Die Höhle der Löwen“

Unser persönlicher Favorit dieser Folge ist fairment. So viele tolle Bewertungen von Nutzern geben Hoffnung auf ein Investment der Löwen. Aber Fermentieren muss man wollen. Ooshi hat unserer Ansicht auch Chancen, gerne würden wir hier die Geschäftszahlen für eine bessere Einschätzung einsehen.

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KI, Cybersecurity
@ Tina Schön/schoenfotografiert Wien/Canva - Carolin Desirée Töpfer.

Carolin Desirée Töpfer ist externe Chief Information Security Officer, Cybersecurity-Strategin und Gründerin von Cyttraction mit Fokus auf kosteneffizientes Risikomanagement, sichere KI-Nutzung und Cybersecurity-Zertifizierungen. Mit praxisnahen Lernformaten und strategischer Expertise unterstützt sie regulierte Unternehmen dabei, Sicherheitsanforderungen effizient umzusetzen und nachhaltige digitale Resilienz aufzubauen. In ihrem Beitrag warnt sie vor KI-Cyberangriffen und rät Startups und kleinen Unternehmen Cybersicherheit frühzeitig strategisch zu verankern.


„Wir konzentrieren uns jetzt erst mal auf Produkt, Teamaufbau und Sales – Cybersicherheit machen wir dann später.“ Ein Satz, den ich so oder ähnlich häufig von Gründer:innen höre – und der einige Unternehmen schon Multi-Millionen gekostet hat.

Identität stehlen

Cyberkriminelle haben seit KI ihr Repertoire erweitert und finden Milliarden von bereits geleakten Datasets, mit denen sie arbeiten können. Das Ergebnis sind nicht nur technische Attacken, die es in die Headlines internationaler Medien schaffen. Viel schmerzhafter ist es für Unternehmen, wenn es Angreifer zwischen Arbeitsprozesse schaffen, E-Mails und Nachrichten zwischen Team-Mitgliedern, Geschäftspartnern und mit Kunden manipulieren. Anweisungen versenden, die zweifellos echt aussehen und dann mit ganzen Sammlungen an sensiblen Daten verschwinden. Die Identität des CxO stehlen oder Entführungen von Führungskräften vortäuschen, um dem Unternehmen zu schaden.

Neben dem Zeitverlust, der Budget-Verschwendung und den Aufräum-Kosten, kommt dann auch noch der Vertrauensverlust am Markt hinzu, gegenüber Kunden und Investoren. Dinge, auf die Gründer:innen oft erst kommen, wenn es bereits zu spät ist.

„Gesunder Menschenverstand“ oder „Hausverstand“ existiert nicht in der Cybersicherheit!

Aufgrund der oft vernachlässigten digitalen Bildung in Schulen und da viele Arbeitgeber immer noch nicht in effektive Trainings investieren, kommen in jedem Unternehmen Menschen mit ganz unterschiedlichen digitalen Fähigkeiten zusammen. Das gilt für Startup-Teams, Kunden und Investoren gleichermaßen. Hinzu kommen volle ToDo-Listen, Stress-Situationen und die eigene Scham.

Angreifer lieben gestresste, beschämte Arbeitstiere!

Ob jemand in so einem Umfeld eine gefälschte KI-Mail erkennt, die im schlimmsten Fall noch aus dem echten Postfach eines gehackten Geschäftspartners kommt, ist nur noch Glücksfall.

Trotzdem gibt es Teams, die tägliche Angriffe auf allen Ebenen erfolgreich abwehren – weil sie eine holistische Cybersicherheits-Strategie implementiert haben. Diese besteht je nach Geschäftsmodell und Branche aus einem präzisen Projektmanagement und zwischen 60 und 90 Einzelmaßnahmen. Zweck ist in erster Linie der umfassende Schutz der eigenen Arbeit. Gleichzeitig erfüllt das Unternehmen damit Anforderungen von Kunden sowie regulatorische Vorgaben, von denen Gründer:innen oft nicht einmal wissen.

Erste Basis-Maßnahmen sind auch für Startups mit kleinem Budget machbar!

Jede/ r hat heutzutage Angst, gehackt zu werden, Geld zu verlieren und seine eigenen sensiblen Informationen öffentlich im Internet zu finden. Das sehe ich nicht nur an den Fragen, die ich über meine „Social Media“-Kanäle bekomme. Dabei können schon 30-Minuten-Team-Meetings einen enormen Unterschied machen. Offen über Angriffsszenarien und Ängste sprechen, gleichzeitig die aktuellen Sicherheits-Maßnahmen ins Gedächtnis rufen, erhöhen die Aufmerksamkeit für Cyber-Themen sofort!

Auch um Ruhe reinzubringen. Denn wer sowieso immer gleich springt, wenn eine neue Aufgabe um die Ecke kommt, wird wahrscheinlich auch die Aufgaben von Hackern erfüllen. Klare Arbeitsprozesse, 4-Augen-Prinzip und die allgemeine Erlaubnis im Team, Dinge kritisch zu durchdenken, noch zweimal nachzufragen, oder einfach mal kurz durchzuatmen, hat schon so einige teure Fehler verhindert.

Verantwortlichkeiten in ruhigen Zeiten klären

Den größten Hebel haben dabei Gründer und Entscheider. „Founder Mode“ bedeutet oft auch, vieles selbst zu machen. IT Systeme und Sicherheits-Lösungen sind mittlerweile aber so komplex, dass sich das Investment in einen seriösen IT-Dienstleister lohnt. Viele bieten auch eine Hotline für Notfälle an.

Wesentlich günstiger ist es allerdings, diese Notfälle zu verhindern. Denn nach meiner Erfahrung brauchen selbst schnelle kleine Unternehmen sechs bis zwölf Monate, um eine funktionierende Cybersicherheits-Strategie mit allen Maßnahmen aufzubauen. Neben den technischen Upgrades, müssen dabei auch die organisatorischen Strukturen sitzen.

Wo klar ist, wer was wann macht und auch, wer sich um die Cybersecurity Maßnahmen kümmert, Aufräum-Aktionen, Updates und Backups organisiert, geht weniger schief. Bei kleinen Unternehmen muss die Person nicht einmal einen IT-Hintergrund mitbringen. Es beginnt mit Interesse am Thema, Projektmanagement-Skills und der Bereitschaft, das Team regelmäßig mit aktuellen Informationen zu versorgen.

Konflikte eingehen, um sichere Lösungen zu finden

Und auch darum, Konfliktsituationen smart zu lösen. Zum Beispiel beim Thema „Zugriff und Zutritt„: Nicht jeder sollte Zugriff auf alles haben. Dabei geht es nicht darum, Team-Mitglieder zu degradieren, sondern eine saubere Segmentierung zu schaffen. Am stärksten trenne ich hier zwischen Marketing und Kern-Business.

Alles, was sowieso für die Öffentlichkeit und mit verschiedenen Partnern produziert wird, findet bei mir selbst sogar in einer anderen Firma statt. Für Kunden richten wir technische Lösungen und Prozesse ein, die kreatives Marketing erlauben, Kunden-Kommunikation klar strukturiert und gleichzeitig das eigentliche Geschäftsmodell und die damit verbundenen Daten auf einem hohen Level schützt. Wer mit besonders sensiblen Informationen arbeitet, seine Patente aus Forschung und Entwicklung schützen will oder an einer einzigartigen Datenbasis für KI-Modelle arbeitet, kann über Segmentierung kosteneffizient Datenintegrität dort gewährleisten, wo sie wirklich notwendig ist.

Solche Konzepte stehen und fallen mit sicheren Login-Lösungen und der Bereitschaft aller Nutzer, diese auch zu nutzen. Die Aktivierung von 2 Faktor- oder Multi-Faktor-Authentifizierung führt dabei immer wieder zu Diskussionen.

Passwörter reichen schon lange nicht mehr aus, um Accounts zu schützen. Häufig bekommen Nutzer nur über die Abfrage des 2. Faktors mit, dass gerade ein Angreifer versucht, in ihren Account zu kommen.

Keine Schatten-IT, keine Schatten-KI

Wesentlich einfacher wird es, wenn alle im Team wirklich nur die Accounts nutzen, die sie wirklich für ihre tägliche Arbeit brauchen – und die sichere Funktion dieser über regelmäßige Tests oder technisches Tracking sicherstellen. So lässt sich auch vermeiden, dass das eigene Unternehmen zehn Tage offline und per E-Mail nicht erreichbar ist. Wie es zuletzt einer Wiener Geschäftsinhaberin passiert ist.

Auch aus wirtschaftlichen Gründen, kaufen Unternehmen kaum noch komplette Enterprise-Lizenzen für alle Mitarbeiter. Und auch bei Startups lohnt es sich, Lizenzen mindestens einmal im Jahr auszumisten und den jeweiligen Support zu bitten, vorhandene Daten EU DSGVO-konform zu löschen. Denn Accounts die ordentlich gelöscht wurden, können auch nicht zu Datenlecks führen.

Das gleiche gilt für alle KI Tools. Wer ein klares Prüfschema verfolgt, sich nicht vom Hype treiben lässt, unkontrolliertes Vibe Coding verhindert und auch hier ungenutzte Accounts wieder ordnungsgemäß löscht, kann von KI Effizienz profitieren, ohne seine eigene Arbeit oder gleich das ganze Unternehmen zu zerstören.

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