23.12.2022

Crypto Weekly #85: Kryptowinter, Luna-Crash und FTX-Pleite – das war 2022

In diese Sonderausgabe des Crypto Weekly blicken wir nicht auf die vergangene Woche, sondern gleich auf das gesamte Jahr 2022 zurück. Außerdem: Wie hätten sich 1.000 Euro Investment über das Jahr in unterschiedlichen Krypto-Assets entwickelt? Ja, ihr ahnt es schon.
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Chart line goes down
Foto: © Евгений Бордовский / AdobeStock

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In dieser Sonderausgabe des Crypto Weekly zum Jahresabschluss blicken wir nicht, wie sonst üblich, auf Ereignisse der vergangenen Woche zurück – sondern gleich auf das gesamte Kryptojahr 2022. Und eines lässt sich schon sagen: Ein gutes Jahr war es für die Branche nicht. Das zeigt schon ein Blick auf die Kurstafel.

Die 2022er-Kurstafel:

Bitcoin-64%
Ethereum-67%
BNB-53%
Solana-93%
Cardano-81%
XRP-58%
Terra-100%
Polkadot-84%
Avalanche-88%
Dogecoin-55%
Polygon-69%
Uniswap-70%
Kursperformances beziehen auf den Zeitraum von Jahresbeginn bis 23. Dezember 2022 und sind in US-Dollar berechnet / Daten von CoinGecko

Das sieht richtig übel aus. Wir wollen hier niemanden quälen, aber der guten Ordnung halber auch dieses Jahr wieder die Kurstafel in Euro:

1.000 Euro Investment am 31. Dezember 2021 wären nun…

Bitcoin357 Euro
Ethereum329 Euro
BNB475 Euro
Solana69 Euro
Cardano191 Euro
XRP418 Euro
Luna0 Euro *
Polkadot164 Euro
Avalanche117 Euro
Dogecoin454 Euro
Polygon315 Euro
Uniswap300 Euro
Hinweis: Für die Berechnung wurden Euro-Kurse von CoinGecko herangezogen. Aufgrund der Wechselkursschwankungen zwischen Euro und Dollar unterscheiden sich die Kursperformances in den beiden Währungen

* gerundet – Luna Classic hat offiziell noch einen Marktwert von einigen Cent-Bruchteilen)


? 2022 gab es nur eine Jahreszeit: den Kryptowinter

Was für ein Jahr! Der massive Bullenmarkt im Vorjahr hatte manche schon zu der gewagten Annahme verleitet, Krypto befinde sich in einem “Supercycle” – also einer Marktphase, in der Crashes und die massive Volatilität als Kinderkrankheiten überwunden seien. Die meisten ernsthaften Beobachter:innen haben dies damals schon nicht ernst genommen. 

Und 2022 brachte die Bestätigung: Ein Kryptowinter zog auf – und zwar ein wirklich frostiger. Die beiden Tiefpunkte: Der Zusammenbruch des Blockchain-Ökosystems rund um Terra und Luna im Mai. Und dann die Pleite von FTX, einer der größten Kryptobörsen der Welt, im November.

? Wie es zum Ende des großen Bullenmarkts von 2021 kam

Begonnen hatte das Jahr allerdings noch nicht einmal so schlecht. Klar, im Nachhinein weiß man: Der Bärenmarkt hat schon im November 2021 begonnen. Damals war Bitcoin zunächst noch auf ein Rekordhoch von 69.000 Dollar gestiegen. Doch schon Ende November und Mitte Dezember kam es zu scharfen Korrekturen. 

Ob damit der Bullrun wirklich vorbei sein würde, war zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ganz klar. Denn immerhin war Bitcoin auch nach dem vorigen Rekordhoch vom April 2021 über den Sommer mehr als 50 Prozent eingebrochen – und hatte trotzdem im November einen neuerlichen Höchststand geschafft.

Aber diesmal war es anders. Und dass es anders sein würde, das ließen die Auslöser der jeweiligen Abverkäufe erahnen. Denn es waren völlig andere als im Sommer 2021 – als beispielsweise Tweet von Elon Musk den Markt bewegten. 

Diesmal lagen die Gründe weit außerhalb der Krypto-Branche. Und zwar auf der makroökonomischen Ebene. Da war zunächst eine neue Variante des Coronavirus, die Befürchtungen vor neuerlichen Lockdowns und gestörten Lieferketten aufkommen ließ. Diese Befürchtungen über die Omikron-Variante bestätigten sich zwar nicht.

Doch dann kam ein anderes Thema dazu, das den Markt bis heute begleitet: Das Ende des billigen Geldes. Die Inflation stieg – und die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) deutete nach einem gewissen Zögern einen Kurswechsel in der Geldpolitik an. Heißt konkret: Die Zinsen müssen rauf, damit die Preise wieder runterkommen. Gleich in der ersten Woche des Jahres 2022 sorgte die Fed damit für einen Kursrutsch.

In den folgenden Wochen blieb das Bild gleich: Die traditionellen Finanzmärkte litten – und der Kryptomarkt mit ihnen. Alles, was nach Risiko aussah, wurde abverkauft. Und Krypto sieht definitiv nach Risiko. Nach viel Risiko.

Im Februar spitzte sich die Situation in der Ukraine weiter zu – und Russland begann dann tatsächlich einen Krieg im Nachbarland. Eines ist klar: Der Krieg hat massive Auswirkungen – und jene auf die Finanzmärkte gehören zu den unwichtigsten. Dennoch wirkten sich die Ereignisse in der Ukraine auch am Kryptomarkt entsprechend aus. Allerdings: Nach einem ersten Schock legten die Kurse wieder zu. 

Ende März stieg Bitcoin auf über 48.000 Dollar – der höchste Stand im Jahr 2022. Einer der Kurstreiber: Do Kwon, der Mann hinter dem Terra-Luna-Ökosystem. Dessen Stablecoin UST wollte er zum Teil mit Bitcoin-Reserven hinterlegen. Und dazu hatte er auch viel Geld aufgenommen: Zwischen Jänner und März soll die Organisation Luna Foundation Guard (LFG) rund 1 Mrd. Dollar in Bitcoin investiert haben.

? Terra-Luna: Der totale Kollaps einer Top-10-Kryptowährung 

Wenn einer wie der damals schon umstrittene Do Kwon als Hoffnungsträger für die Branche herhalten muss, ist das kein besonders gutes Zeichen. Was die folgenden Wochen zeigen sollten: Der algorithmische Stablecoin UST und sein Gegenpart LUNA standen schon länger in der Kritik. 

Der Mechanismus, der UST 1:1 am US-Dollar halten sollte, sei instabil und werde in einen wirklichen Härtetest nicht überstehen, prophezeiten viele. Und behielten recht. Im Mai entkoppelte sich UST vom Dollar – und kollabierte in weiterer Folge komplett. 

Dass irgendwelche Kryptowährungen zusammenbrechen und wertlos werden, ist an sich noch keine große Besonderheit. Aber hier ging es um richtig große. UST und Luna gehörten gemessen an der Marktkapitalisierung zu den Top 10 der größten Kryptowährungen. In den Monaten vor dem Crash hatte Luna sogar noch dem schwachen Umfeld getrotzt und als einzige große Kryptowährungen einen neuen Rekordstand erreicht.

Der Terra-Luna-Zusammenbruch riss einige andere Akteure mit in den Abgrund: Prominentes Beispiel war hier das Lending-Unternehmen Celsius. Aber auch der Niedergang des Kryptofonds Three Arrows Capital (3AC) sorgte für Aufsehen. Betroffen waren zudem eine ganze Reihe an weiteren Unternehmen, darunter etwa Voyager Digital und BlockFi. Bei letzteren sprang FTX ein, sicherte sich eine Kaufoption und hielt das Unternehmen am Leben. 

Dass BlockFi mit diesem Deal eher vom Regen in die Traufe kam, sollte sich erst Monate später herausstellen. Überhaupt war FTX-Gründer Sam Bankman-Fried im Frühsommer recht aktiv – und steckte entweder über FTX selbst oder über seine Tradingfirma Alameda Gelder in angeschlagene Kryptofirmen. Neben BlockFi floss etwa auch Geld an Voyager. 

Wirklich beruhigen konnte dies die angespannte Stimmung in der Branche aber nicht. Im Juni fiel der Bitcoin-Kurs schließlich sogar klar unter die Marke von 20.000 US-Dollar – und damit auch unter den Höchststand aus dem vorigen Marktzyklus. Womit eine Faustregel aus den vorigen Marktzyklen, wonach genau dies nie passieren würde, obsolet wurde. 

Aber wie schon damals in Crypto Weekly #61 thematisiert: Solche Faustregeln basieren bei Bitcoin 1) auf einem statistisch eher geringen Beobachtungszeitraum (Bitcoin ist 14 Jahre alt, der Dow Jones fast 140 Jahre!) und werden 2) in ihrer Wirkung häufig überschätzt. So war es auch diesmal: Der Abverkauf, der ohnehin schon stattgefunden hatte, intensivierte sich nach dem Unterschreiten der Marke nicht mehr. Die Lage stabilisierte sich in weiterer Folge sogar einigermaßen.

? “The Merge”: Ethereum steigt erfolgreich von Mining auf Staking um

Im Sommer rückte dann ein völlig anderes Thema in den Mittelpunkt – und ausnahmsweise in diesem Jahr ein positives: Der “Merge” bei Ethereum. Darunter versteht man den Umstieg der Konsensmechanismus, der bei der Ethereum Blockchain eingesetzt wird. Der “Proof of Work”-Ansatz, der auf Mining basiert und etwa auch bei Bitcoin verwendet wird, wird durch “Proof of Stake” ersetzt. 

Validatoren, die neue Blocks zur Chain hinzufügen wollen, müssen eine bestimmte Anzahl an Token in einem Smart Contract hinterlegen. Mining wird obsolet. Als größter Vorteil wird meist der drastisch niedrigere Energieverbrauch angeführt. Kritische Stimmen sehen dagegen vor allem die Gefahr einer Zentralisierung.

Geplant war dieser Umstieg bei Ethereum von Anfang an. Realität wurde er aber lange nicht. Weil er sich immer wieder verzögerte, spotteten manche, er liege immer jeweils sechs Monate in der Zukunft. 

Im Sommer 2022 wurden diese Spötter jedoch eines Besseren belehrt: Zuerst lief der “Merge” auf mehreren Test-Netzwerken reibungslos ab. Dann stand bald ein zumindest grobes Datum für den “Merge” am Mainnet fest. Und am 15. September war es dann Realität: Die Ethereum-Blockchain läuft seither auf “Proof of Stake”. 

Technisch lief alles problemlos. Lang- und mittelfristig sind aber andere Fragen noch offen: Etwa, was die potentielle Widerstandsfähigkeit gegen staatliche Eingriffe angeht – gerade vor dem Hintergrund, dass das US-Finanzministerium im August mit Tornado Cash erstmals ein Krypto-Protokoll unmittelbar sanktioniert haben. 

Aber auch rechtlich: Aus einer Klage der US-Börsenaufsicht vom September geht hervor, dass diese sich für sämtliche Transaktionen auf Ethereum regulatorisch zuständig sieht. Kurz zuvor hatte Behördenchef Gary Gensler angedeutet, möglicherweise gegen Anbieter von Ethereum-Staking vorgehen zu wollen. 

? FTX: Die Pleite, die die Szene schockte

Technisch war der “Merge” für die Branche eine Riesensache, keine Frage. Aber was die Kursentwicklung am Kryptomarkt anging, war er nicht in der Lage, für einen generellen und vor allem dauerhaften Stimmungsumschwung zu sorgen. Zu stark war der makroökonomische Gegenwind. Die US-Notenbank mit ihren Zinserhöhungen und auch neu veröffentlichte US-Inflationsdaten selbst bewegten in den folgenden Wochen immer wieder den Markt.

Grundsätzlich stabilisierte sich die Lage am Markt im Herbst jedoch. Es reichte für keinen neuen Bullenmarkt. Aber es blieben zumindest weitere Kurseinbrüche aus. Zumindest vorerst. Denn im November kam dann der nächste Hammer: Die Kryptobörse FTX ging pleite. Wer Crypto Weekly liest, kennt die Details mittlerweile zur Genüge – so dominant war das Thema in den vergangenen Wochen. 

Daher nur kurz: Das Online-Portal CoinDesk berichtete Anfang November, dass ein hoher Anteil der Assets der FTX-Schwesternfirma Alameda Research aus Beständen des FTX-Token FTT besteht. Den FTX aus dem Nichts schaffen kann und dessen Wert wohl deutlich fallen würde, wenn Alameda im großen Stil verkaufen müsste. 

Konkurrent Binance kündigte dann an, seine eigenen FTT-Bestände deswegen zu verkaufen. Schnell kamen Sorgen über die Liquidität von FTX auf. Kundinnen und Kunden zogen ihre Gelder ab. Es zeigte sich. So getrennt wie oft behauptet waren FTX und Alameda nicht. Ganz im Gegenteil. FTX dürfte Kundeneinlagen an Alameda verliehen haben – und die verschwanden dann dort.

Bald war klar: FTX war pleite. Es war ein Schock für die Branche. Nein, Sam Bankman-Fried war alles andere als unumstritten. Aber FTX galt den meisten dennoch als seriöser Akteur in einer Szene, der es an unseriösen Akteuren nicht mangelt.

Bankman-Fried zog sich daraufhin nicht in ein Erdloch zurück. Sondern war überraschend kommunikativ. Dass Betrug im Spiel war, bestritt er und führte stattdessen mangelhaftes Risikomanagement an. Allerdings: Der neu eingesetzte FTX-CEO ist ein Restrukturierungsspezialist, der schon am Enron-Skandal gearbeitet hatte. Und der jetzt sagte: Ein solches “Versagen von unternehmensinternen Kontrollstrukturen” habe er noch nie erlebt. 

Im Dezember wurde Bankman-Fried dann auf den Bahamas festgenommen. Er wurde in die USA ausgeliefert – kam aber kurz vor Weihnachten gegen eine Kaution von 250 Mio. Dollar wieder auf freien Fuß. Die US-Justiz wirft ihm eine ganze Reihe an Vergehen vor. Klar ist auch: Die juristische Aufarbeitung des Falls wird uns wohl noch über mehrere Jahre begleiten.

Und welche Themen werden sonst 2022 die Krypto-Branche prägen? Meine Kollegin Carolin Rainer hat unter anderem bei Bitpanda und Blockpit nachgefragt. Der Artikel dazu wird am Montag hier auf brutkasten.com veröffentlicht.


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Bybit-Payments-Chef Krick: „Eine Banklizenz schließen wir für die Zukunft nicht aus“

Die Bybit Payments GmbH hat von der FMA eine E-Geld-Konzession erhalten und treibt damit den Ausbau des Wiener EU-Standorts voran. Im Interview erklärt Geschäftsführer Bernhard Krick, warum die Wahl auf Österreich fiel, was aus Bybit.eu werden soll und warum er eine Banklizenz nicht ausschließt.
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Bernhard Krick, Geschäftsführer der Bybit Payments GmbH | (c) Bybit

Anfang August erhielt die Bybit Payments GmbH von der Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Konzession als E-Geld-Institut, nach rund neun Monaten Verfahren. Laut Geschäftsführer Bernhard Krick gibt es die Lizenz zwar seit rund 25 Jahren, durchschritten hätten das Verfahren aber erst zwei Marktteilnehmer. Mit der Konzession baut die nach eigenen Angaben gemessen am Handelsvolumen zweitgrößte Kryptobörse der Welt ihre EU-Zentrale in Wien weiter aus. Die Schwestergesellschaft Bybit EU GmbH hält bereits seit Mai 2025 eine MiCAR-Zulassung. Im Interview spricht Krick über das Verfahren, die Standortwahl und die Frage, ob am Ende eine Banklizenz steht.


Die Bybit Payments GmbH hat von der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Lizenz als E-Geld-Institut erhalten. Wie lange hat das Verfahren gedauert und was waren rückblickend die größten Hürden?

Der eigentliche Lizenzierungsprozess mit der FMA war naturgemäß intensiv und hat sich über einen Zeitraum von rund neun Monaten erstreckt. Wir haben jedoch bereits deutlich davor mit dem Aufbau der lokalen Gesellschaft, der Infrastruktur sowie aller compliance-relevanten Agenden begonnen. Obwohl es die Lizenz seit rund 25 Jahren gibt, haben erst zwei Marktteilnehmer diesen Prozess durchschritten. Die größte Herausforderung bestand darin, die Fülle an Informationen über die eigene Organisation, Prozesse und geplanten Produkte so aufzubereiten, dass sie den hohen Anforderungen der FMA entsprechen und ein klares, transparentes Bild vermitteln. Dabei steht man grundsätzlich auch immer unter einem gewissen Zeitdruck. Unsere Mitarbeiter:innen haben hier eine sehr gute Arbeit geleistet.

Rückblickend war der Prozess zwar anspruchsvoll, aber immens wertvoll. Er hat dazu beigetragen, unsere europäischen Strukturen weiter zu professionalisieren. Die E-Geld-Konzession ist eine wichtige Grundlage für die nächste Phase der Expansion unseres Geschäfts in Europa.

Warum hat Bybit die EMI-Lizenz ausgerechnet in Österreich beantragt? Länder wie Litauen oder Luxemburg gelten in Europa als die klassischen Standorte für E-Geld-Institute.

Wien ist für uns der Standort unserer EU-Zentrale. Von hier aus decken wir MiCAR, E-Geld und MiFID ab. Uns war wichtig, einen Standort mit einem europaweit respektierten Regulator zu wählen. Die FMA bietet dabei die perfekte Balance: streng in der Aufsicht, was für eine Organisation wie uns, die weltweit auf Compliance ausgerichtet ist, kein Problem, sondern ein Vorteil ist, und gleichzeitig kommunikativ, pragmatisch und effizient im Austausch. Wien ist zudem ein zentraler Standort in Europa mit attraktiver Infrastruktur und hoher regulatorischer Kompetenz. Von hier aus können wir langfristige europäische Strukturen aufbauen, mit einem verlässlichen Partner vor Ort, und unser Geschäft in den Märkten ganz Europas steuern.

Die FMA gilt als strenge Aufsicht. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Vergleich zu anderen Jurisdiktionen, in denen Bybit tätig ist?

Eine strenge Aufsicht ist aus unserer Sicht kein Nachteil. Ganz im Gegenteil: Wenn man langfristig in einem regulierten europäischen Markt tätig sein möchte, ist Klarheit darüber, welche Anforderungen gelten, ein wesentlicher Vorteil. Unsere Erfahrung ist, dass die Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörden naturgemäß intensiv und detailliert ist, und das erwarten wir auch. Wir sehen Regulierung nicht als einmalige Eintrittshürde, sondern als laufenden Prozess, der sehr wichtig für die gesamte Branche ist. Die FMA sehen wir als eine durchaus fordernde, aber vor allem als eine sehr kompetente Behörde, die auch einen sehr guten Ruf in Europa genießt.

In der Aussendung zur Lizenz heißt es, konkrete Termine für die Produkteinführung würden in Kürze bekannt gegeben. Können Sie schon konkreter werden: Welche Dienste starten zuerst, und wann rechnen Sie mit dem Marktstart in Österreich und im restlichen EWR?

Die konkreten Produktneuerungen, Marktstart und Rollout-Phasen werden wir, wie versprochen, zeitnah kommunizieren. Was wir jedoch jetzt bereits sagen können: Unser Ziel ist es, die neue Lizenz schrittweise für den Ausbau eines umfassenderen Payment-Angebots in Europa zu nutzen. Wir haben bereits um das Passporting der Lizenz für den EWR angesucht. Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen, da die relevanten nationalen Behörden in Europa dies bestätigen müssen. Wir verfolgen dabei bewusst einen stufenweisen Ansatz, können aber bereits jetzt sagen: Bybit.eu wird bald viel mehr sein als eine reine Krypto-Plattform und wird sich zu einer universellen Finanzlösung entwickeln.

Die Bybit Card ist in Europa bereits verfügbar. Was ändert sich durch die EMI-Lizenz konkret für das Kartenprogramm? Wird die Bybit Payments GmbH die Kartenausgabe künftig selbst übernehmen?

Die Bybit Card wird auch in Zukunft eines unserer zentralen Produkte bleiben. Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir jedoch keine konkreten Änderungen an bestimmten Produkten vorwegnehmen oder bekanntgeben. Was wir sagen können: Die Lizenz gibt uns generell zusätzliche strategische Flexibilität, um unser europäisches Dienstleistungsangebot im Zahlungsverkehr weiterzuentwickeln sowie attraktiver zu gestalten.

Auf Bybit.eu setzen Sie bei Stablecoins bislang auf regulierte Token von Circle wie EURC. Die EMI-Lizenz würde der Bybit Payments GmbH grundsätzlich auch die Emission eines eigenen E-Geld-Tokens erlauben. Ist ein eigener Euro-Stablecoin ein Thema für Sie?

Stablecoins und andere tokenisierte Zahlungsinstrumente beobachten wir auf dem europäischen Markt sehr genau. Gerade MiCAR schafft hier einen neuen regulatorischen Rahmen, der in den kommenden Jahren erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung digitaler Zahlungsmittel haben wird. Aktuell liegt unser Fokus jedoch darauf, unseren Kundinnen und Kunden Zugang zu bestehenden regulierten und qualitativ hochwertigen Produkten zu ermöglichen. EURC ist dafür ein gutes Beispiel. Wir schließen grundsätzlich keine strategischen Optionen in diesem Bereich aus, haben derzeit aber nichts anzukündigen.

Bybit EU GmbH und Bybit Payments GmbH sind bewusst getrennte Gesellschaften mit unterschiedlichen Lizenzen. Warum diese Struktur, und was bedeutet die Trennung im Alltag konkret für die Kundinnen und Kunden?

Die Trennung folgt einer klaren regulatorischen und auch organisatorischen Logik. Die Bybit EU GmbH und die Bybit Payments GmbH verfolgen unterschiedliche Geschäftsmodelle und verfügen über unterschiedliche regulatorische Berechtigungen. Deshalb ist es sinnvoll, diese Aktivitäten auch gesellschaftsrechtlich, organisatorisch und in Bezug auf die Regulatorik und das Risikomanagement klar voneinander abzugrenzen. Für die Kundinnen und Kunden wird sich das positiv auswirken, da wir in der Zukunft über eine gemeinsame Finanzplattform und App neue innovative Möglichkeiten im Zahlungsverkehr anbieten werden. Die Kunden werden die volle Transparenz haben, welche Dienstleistung sie von welchem Unternehmen beziehen.

Sie betonen, dass die EMI-Lizenz keine Banklizenz ist. Ist eine Banklizenz der nächste logische Schritt für Bybit in Europa, oder schließen Sie das aus?

Für uns ist die EMI-Lizenz der logische Schritt, um unsere Kompetenz im Zahlungsverkehr in Europa aufzubauen. Wir verfolgen das Ziel, ein globales Finanz-Ökosystem aufzubauen, das den Zugang zu einer modernen Bank-, Investitions- und Zahlungsverkehrsinfrastruktur für alle Kundengruppen bietet. Da ist es natürlich selbstverständlich, dass wir kontinuierlich evaluieren, welche regulatorischen Strukturen und Partnerschaften für unsere langfristige Strategie sinnvoll sind. Eine Banklizenz schließen wir für die Zukunft nicht aus. Aktuell liegt unser Fokus aber klar auf dem erfolgreichen Aufbau und der Skalierung unseres regulierten Geschäfts in Europa.

Mit regulierten Zahlungsdiensten tritt Bybit in direkte Konkurrenz zu Neobanken wie Revolut und N26, aber auch zu anderen Kryptobörsen mit Payment-Ambitionen in Europa. Womit wollen Sie sich in diesem Feld differenzieren?

Bybit ist gemessen am Handelsvolumen die zweitgrößte Krypto-Asset-Plattform der Welt und bietet bereits heute weltweit über 80 Millionen Kundinnen und Kunden viel mehr als reines Krypto-Trading an. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das enorme Volumen im Krypto-Derivate- und Futures-Handel auf der globalen Bybit-Plattform. Mit unserem „Compliance-First-Ansatz“ wird Bybit einer der relevantesten Player in Europa werden. Der entscheidende Faktor ist, das Vertrauen der Kundinnen und Kunden zu bekommen. Unser Ansatz geht daher über das reine Krypto-Trading weit hinaus. Wir verbinden die Welten der digitalen Assets und Web3-Produkte mit den traditionellen Finanzdienstleistungen.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Bybit aktuell in Wien, und wie verändert der Aufbau der Payments-Sparte den Standort? Wird derzeit Personal gesucht?

Aktuell beschäftigen wir in Wien rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Ausbau der Payments-Sparte stärkt den Standort zusätzlich, da ein reguliertes Payment-Geschäft weitere spezialisierte Funktionen benötigt, etwa in den Bereichen Produktmanagement, Legal und Compliance, Risk, Finance, Operations und Technology. Hier sind wir derzeit auch auf der Suche und heißen jede Bewerbung willkommen.

Welchen Stellenwert hat das Thema Sicherheit beim Aufbau des europäischen Zahlungsverkehrsgeschäfts, und wie werden die Kundengelder der Bybit Payments GmbH abgesichert?

Sicherheit und Vertrauen bilden das Fundament des Finanzgeschäfts. Beim Aufbau der Bybit Payments GmbH wurden deshalb regulatorische Anforderungen an Governance, Risikomanagement, IT-Sicherheit und den Umgang mit Kundengeldern von Beginn an berücksichtigt. Die Kundengelder des E-Geld-Instituts werden entsprechend den regulatorischen Vorgaben geschützt und bei einer Bank zu 100 Prozent treuhänderisch verwahrt. Für die Bybit.eu-Plattform gelten zudem dieselben strengen regulatorischen Anforderungen an IT-Sicherheit wie für Banken.

Bybit hat kürzlich seinen Risiko- und Sicherheitsbericht für das erste Halbjahr 2026 veröffentlicht. Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz inzwischen in der Sicherheitsarbeit, und was bedeutet das für Nutzerinnen und Nutzer in Europa?

Wir setzen modernste Technologien ein, um Muster schneller zu erkennen, Auffälligkeiten frühzeitig zu identifizieren und potenzielle Risiken effizient zu analysieren. Unser Anspruch ist es, im Bereich Sicherheit immer einen Schritt voraus zu sein, ganz nach dem Credo: Prävention statt Nachsorge. Künstliche Intelligenz ist in der präventiven Sicherheitsarbeit im Zahlungsverkehr ein fixer Bestandteil. Für Nutzerinnen und Nutzer in Europa bedeutet das im Alltag vor allem, dass der Zahlungsverkehr reibungslos und sicher abläuft. Der große europäische Vorteil ist dabei der rechtliche Rahmen. Dank strenger Gesetze wie der DSGVO und dem neuen KI-Gesetz gibt es in Europa klare Leitplanken, die die Privatsphäre aller am Zahlungsverkehr beteiligten Personen schützen.

Wo steht Bybit.eu in drei Jahren?

Unser Anspruch ist klar: Wir wollen in drei Jahren eine der führenden regulierten Plattformen für digitale Finanzdienstleistungen in Europa sein. Krypto und Blockchain wollen wir dabei immer weniger als eigenständige oder alternative Systeme betrachten, sondern die Brücke zwischen der Welt digitaler Assets und traditionellen Finanzdienstleistungen weiter stärken und direkt verbinden. Entscheidend ist Vertrauen: Ein verlässlicher institutioneller Rahmen und klare Regulierungen bilden die Basis, damit immer mehr Unternehmen sowie Kundinnen und Kunden auf diese Technologien setzen. Im Idealfall ist Bybit EU in drei Jahren eine vertrauenswürdige, regulierte All-in-one-Finanzplattform, auf der digitale und traditionelle Finanzdienstleistungen zusammenkommen und nahtlos in den Alltag unserer Kundinnen und Kunden integriert sind.

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