05.10.2023

Chatarmin-Founder-Posting offenbart unterschiedliche Fronten der heimischen Startup-Szene

Analyse. Es gibt heutzutage New-Work-Entwicklungen, die nicht jedem gefallen. Chatarmin-Founder Johannes Mansbart traf mit seinem Posting und seiner Kritik an neuen Arbeitswelt-Tendenzen einen Nerv der heimischen Startup-Szene. Und sah sich bei durchaus kontroversen Aussagen neben Zustimmung auch mit starker Widerrede konfrontiert.
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Mansbart, Chatarmin, New Work, 4-Tage-Woche, Menstruationstage
(c) Chatarmin - Chatarmin-Gründer Johannes Mansbart startete mit einem Posting einen Diskurs über New Work-Tendenzen.

„Chatarmin-Founder-Posting offenbart unterschiedliche Fronten der heimischen Startup-Szene“ ist weder eine gute Schlagzeile, noch ein besonders schöner Satz. Trifft aber den Kern des Diskurses, der sich nach einem LinkedIn-Posting von Chatarmin-Gründer Johannes Mansbart zugetragen hatte. Seine emotional angehauchten Worte auf der sozialen Plattform und die Reaktionen darauf deuten eine zwiegespaltene Startup-Szene an, wenn es um New-Work-Entwicklungen geht.

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„Die absurde Leistung unserer Eltern und Großeltern nach dem Krieg rechtfertigt keine Wohlstandsverwahrlosung, dank derer wir Jungen jetzt in gesellschaftlicher Paralyse Potenzialanalysen und Gap Years machen, bis wir darauf kommen, dass wir mit den 1.000 Karrierewegen so überfordert sind, dass wir lieber direkt nochmal neun Monate Burnout-Klinik machen. Und uns dabei gegenseitig noch zujubeln“, schreibt Mansbart auf LinkedIn und erntet dafür von User:innen Lob, aber auch Kritik, die ihm u.a. „Bull**** und Shaming von psychischen Problemen“ vorwerfen.

„Ich war selber knapp am Burnout (probably im Burnout) und kann daher aus Erfahrung sprechen“, reagiert der Chatarmin-Founder auf den Vorwurf. „Burnout ist meiner Meinung nach eine Krankheit, die es sowohl zu heilen, als auch präventiv zu verhindern gilt. Diese Verantwortung liegt einzig alleine in der kontrollierbaren Sphäre des Individuums, das selber darüber die Entscheidungsmacht innehat.“

Mansbart: „Ist man ein Bösewicht, wenn man gegen Grundeinkommen ist?“

In einem weiteren Punkt, den der Founder beschreibt, wehrt er sich gegen ein Anti-Leistungs-Prinzip, das seinem Gefühl nach aktuell vorherrscht. Und er stellt die Frage, ob man der Bösewicht ist, wenn man sich gegen das bedingungslose Grundeinkommen ausspricht.

In seinen LinkedIn-Worten klingt das so: „Ich verstehe den Wirbel echt nicht. Von nichts kommt nichts. Und der, der sich für Arbeit und Leistung ausspricht, und gegen noch sattere bedingungslose Grundgehälter, die uns noch wettbewerbsunfähiger machen, weil keiner mehr was arbeitet und riskiert. Der ist dann der Buhmann?“

Und weiter: „Jeder soll machen, was er will. ABER wenn ich in Einstellungsgesprächen und hier auf LinkedIn nur mehr von Menstruationstagen, Frauenquoten, 4-Tage-Wochen und Obstkörben, Company-Retreats und Yoga + Physio-Therapie Sessions als „Corporate Benefits“ lese, wunderts mich nicht, dass wir längst unterdigitalisiert und wettbewerbsunfähig sind. Ich kenne keinen brillanten und erfolgreichen Gründer, der nicht diese positive Obsessivität hat. Ich kenne keinen richtig erfolgreichen Unternehmer, der nicht richtig, richtig, richtig hart dafür gearbeitet hat.“

Auf diese harten Worte angesprochen erklärt Mansbart dem brutkasten seine Befürchtungen und Bedenken, die er tagtäglich beobachtet. Konkret meint er, rein auf die „Startup-Bubble“ bezogen, dass Förderungen Startups faul und träge machen und sie dadurch nicht wirklich den Product-/Market-Fit finden müssten. Und dass Fundingrunden und Headcount als ‚Erfolg‘ tituliert werden. Was Jungunternehmen allerdings bräuchten, seien zahlende Kunden für ein funktionierendes Produkt. Alles andere sei seiner Einstellung nach ‚Noise‘.

Auch hält er das bedingungslose Einkommen für nicht nachhaltig, da es den Menschen ebenso faul mache und „Incentives“ schaffe, die Interessenskonflikte zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber fördern würden, anstatt sie zu beseitigen.

Beispiele gegen den „Faul-Vorwurf“

Studien und Pilotprojekte haben jedoch gezeigt, dass es durchaus gesellschaftlich positive Effekte gibt. Der Spiegel berichtete von einem Versuchsmodell in Finnland, wo ersichtlich wurde, dass die Bezieher eines Grundeinkommens weniger gesundheitliche Probleme und Stresssymptome hatten als die Menschen in der Vergleichsgruppe – vor allem Depressionen seien zurückgegangen. Eine andere Bezieherin erzählte davon, dass sie durch das Grundeinkommen den Weg in die Selbstständigkeit wagen konnte. Und heute ein Cafe in Helsinki führt.

Auch der Bayrische Rundfunk beschrieb im Juni des heurigen Jahres eine seit zwei Jahren laufende Studie. Hierbei handelt es sich um eine Zwischenbilanz der Ergebnisse, denn die Organisatoren der Untersuchung – der Verein „Mein Grundeinkommen“ – wollten die Ergebnisse durch eine verfrühte Publikmachung nicht verfälschen. Bemerkenswert ist aber auch hier, dass eine Grundeinkommensbezieherin ihr Studium abbrach, um arbeiten zu gehen, weil ihr das bedingungslose Grundeinkommen „eine gewisse Sicherheit und die Möglichkeit, in Ruhe eine gute Stelle zu suchen“, ermöglicht hatte.

Seitens der LinkedIn-Community gibt es zu diesen Punkten unterschiedliche Auffassungen – von Zustimmung bis Unverständnis – wobei Mansbart nach einem kritischen Kommentar ihm gegenüber auch etwas zurückrudert:

(…) Dass körperliche Arbeit noch einmal ein ganz anderes Life-Management benötigt, als Schreibtisch-Arbeit, ist doch auch völlig klar. Dass ‚mit vollen Hosen gut stinken ist‘ und ich als junger veranwortungsloser Selbständiger ganz andere Lebensbedingungen habe, ist doch sonnenklar„, stellt der Gründer richtig, als ihm ein User vorwirft, er würde nur an die „Fantasieberufe aus der eigenen Bubble“ denken, und nicht an Bauarbeiter:innen oder Pfleger:innen, die in Schichtdiensten körperlich emotional richtig anstrengende Arbeit verrichten.

„Kann Gerede von 4-Tage-Woche nicht mehr hören“

Weitere LinkedIn-Worte von Mansbart thematisieren die Forderung der 4-Tage-Woche und Work-Life-Balance. Und offenbaren eine kritische Geisteshaltung gegenüber den Wünschen von Angestellten, die sie von einem guten Unternehmen 2023 erwarten. Und immer mehr fordern.

Ich kann das Gerede von 4-Tage-Woche und Work-Life-Balance nicht mehr hören. Auch der ‚degressive Grenznutzen, über den ich nicht darüber hinaus arbeiten darf‘ ist völliger Schwachsinn. So geht Unternehmertum nicht. Ich habe keine Ahnung, wer solche Ideen der jungen Gründer-Generation als erstrebenswert verkauft. Die ganzen Konkurse statt Exits sind die logische Konsequenz. Wer hat uns das kollektiv eingeimpft, dass Verdienst ohne Leistung eine gute Idee ist? Wo kommt das Gedankengut her, dass wir den Staat weiter überschulden, damit die Leute weniger arbeiten können? Und umgekehrt? A-B-S-U-R-D“, lässt der Founder seinem Frust freien Lauf auf LinkedIn. „Warum wird Arbeit so negativ behaftet? Darf hier keiner mehr erfolgreich sein, für das brennen, das er tut, und dann auch zeigen, was er hat?“

Auch hier muss man die Einstellung des Chatarmin-Founders differenzierter und seine Kritik an der 4-Tage-Woche und Co. mit der nötigen stoischen Ruhen angehen, um sich der Thematik ohne emotionale Ausbrüche zu nähern. Um sie besser zu erfassen.

„Schwindlige Studien“

Auch wenn manche in dieser Work-Debatte von „schwindligen Studien“ reden, wie etwa Kurt Egger, ÖVP-Wirtschaftsbund-Generalsekretär, gab es bereits Untersuchungen, die positive Effekte bescheinigen.

Eine von der Non-Profit-Initiative „4 Day Week Global“ in Auftrag gegebene Studie untersuchte nämlich 33 Unternehmen in den USA, Australien, Irland, Großbritannien, Neuseeland und Kanada. Diese haben für sechs Monate die Vier-Tage-Woche getestet. Die knapp 1.000 Angestellten der Unternehmen arbeiteten ohne Einkommensverlust statt 40 nur mehr 32 Stunden pro Woche.

Das Ergebnis zeigte, dass die Krankenstandstage pro Angestellten pro Monat sanken von durchschnittlich 0,56 auf 0,37. Generell haben sich auch die teilnehmenden Unternehmen sehr zufrieden mit dem Versuch gezeigt – etwa bei der Auswirkung auf die Produktivität bewerteten sie im Schnitt mit 7,6 – bei einer Skala von 0 (sehr negativ) bis 10 (sehr positiv). Bei einigen Unternehmen war die Produktivität während der Testphase sogar gestiegen.

Außerdem gab knapp die Hälfte der Belegschaft (44 Prozent) an, dass ihre Zufriedenheit im Beruf durch das Projekt gestiegen sei. Für 27 Prozent verschlechterte sich hingegen ihre Beziehung zum Arbeitsplatz. Positiv merkten 60 Prozent der Angestellten an, dass sich ihre Work-Life-Balance verbessert hätte.

Andere funktionierende Beispiele der 4-Tage-Woche findet man bei TeamEcho oder auch Tractive.

„Wir waren von Anfang an der Meinung, dass die 35 Stunden-Woche in etwa die gleiche Produktivität liefern wird, wie das Arbeitszeit-Modell davor”, sagte TeamEcho-Founder Markus Koblmüller damals gegenüber dem brutkasten. „Als Startup mit jährlichen Wachstumszielen im zwei- bis dreistelligen Prozentbereich, ist es jetzt schwer zu beurteilen, ob sich deswegen Vor- und Nachteile beim ‘Growth’ ergeben haben; gefühlt kann ich aber sagen, dass es insgesamt keine negativen Auswirkungen gab. Auch keine großen positiven. Jedoch zeigte sich, dass die Mitarbeiterzufriedenheit ein großer Vorteil wurde. Und ‘overall’ bei allen Aspekten, inklusive Motivation und Produktivität, eine positive Einschätzung seitens der Befragten herrschte.“

Bei Tractive gab es nach der Einführung der 4-Tage-Woche indes eine drastisch Erhöhung der Anzahl der Bewerbungen, sowohl von lokalen als auch von internationalen Talenten. Im zweiten Halbjahr 2022 erreichten das Tracking-Startup etwa dreimal so viele Bewerbungen wie im ersten Halbjahr, berichtete Founder Michael Hurnaus.

Benefits und Branding: Muss sich ein Unternehmen bemühen?

Mit diesen Beispielen im Kontrast zu Mansbarts Posting und oben beschrieben Reaktionen darauf aus den LinkedIn-Kommentaren zeigt sich, dass, obwohl der New-Work-Diskurs bereits länger besteht, trotzdem noch starke Ideologien zur heranschreitenden neuen Arbeitswelt existieren. Und von Front zu Front – mal mehr, mal weniger inhaltsleer – widergegeben werden.

Was mitunter ebenso an dieser Stelle mitschwingt, ist die Notwendigkeit des neuen Credos, dass sich heute und im Zuge des Fachkräftemangels ein Arbeitnehmermarkt statt eines bisherigen Arbeitgebermarktes herauskristallisiert hat, wie auch Annina Haslinger-Galipeau hier beschreibt. Und die abwehrende Haltung mancher, die diese Entwicklung mitbringt. Stichworte und im Fokus der Kritik dabei: Employer Branding und Mitarbeiter:innen-Benefits.

Wie brutkasten herausgefunden hat, schreibt ein Teil der hiesigen Startup-Szene Benefits einen hohen Stellenwert zu, um Fluktuationen zu vermeiden bzw. neue Fachkräfte anzulocken. Siehe unteren Redaktionstipp. Auch scheint einigen klar zu sein, dass sich ein Unternehmen heutzutage als „begehrenswert“ präsentieren muss, möchte es „gute Leute“ anwerben.

Mansbarts Ansicht nach sollte ein Mitarbeiter jedoch eine Firma nur: „joinen, weil er richtig Bock auf die Company und seine Aufgabe hat. Das soll das Mindset und die Zielsetzung sein. Nicht aufgrund allen anderes. Wähle deinen Lebenspartner, weil du IHN willst, nicht seine Garderobe, sein Erbe, seine Familie, oder sonst etwas“, sagt er. „Frauenquote und Frauenparkplätze schafft Männer-Benachteiligung, ich sehe hier einen primären Wettbewerbsnachteil fürs Unternehmen, dessen primäres Interesse immer sein sollte, den BESTEN Bewerber zu nehmen. Egal welche Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Farbe, etc. Alles andere ist Diskriminierung.“

Das Problem der Sichtbarkeit bei Frauen

Besonders der letzte Punkt, den Mansbart da zur Disposition stellte, zeigt sich problematisch und blieb natürlich nicht ohne Reaktion. Während manche davon berichteten, viel Wahres in seinen Zeilen zu sehen, betonten andere, dass der Chatarmin-Founder sie bei der Kritik an „Menstruationstagen“ und „Frauenquoten“ verloren hätte. Ein anderer User meinte, dass es speziell für junge Mädchen extrem wichtig sei, Frauen in Berufen durch das Gendern sichtbar zu machen.

An dieser Stelle sei eine Aussage von Storebox-Gründer Johannes Braith aus dem März 2021 in Erinnerung gerufen, in er der die Problematik zu diesem Thema bei seinem Unternehmen beschrieb. Und aufzeigt, warum Frauenförderung auch heutzutage noch essentiell ist.

Braith sagte damals offen: „Die ersten Mitarbeiter waren zwei Entwickler und ein Seller – alle männlich. Und so ging das weiter. Es war nicht so, dass wir Frauen kategorisch ablehnten, im Gegenteil. Wir beklagten uns sogar, dass wir keine Bewerberinnen hatten. Wir schoben das natürlich auf oberflächliche und auch kurzsichtige Ausreden wie ‚im Tech-Bereich gibt es einfach wenig Frauen, Logistik ist eine Männerdomäne, etc‘. Dass wir selbst schuld an dieser Situation waren, begriffen wir erst viel später. Dass z.B. unsere Stellenausschreibungen absolut unpassend formuliert waren, kam uns nicht in den Sinn.“

Auch eine Studie der WU aus dem Vorjahr skizziert die eigentliche Problematik von Frauen in Tech. Darin liest man, dass die Gründe für die geringe Anzahl an Frauen in Tech-Startups nicht mangelnde Kompetenzen seien (wie Ausbildung oder Erfahrungen), sondern an der klassischen Assoziation der Tech-Szene zu finden sind, die sich in der Gesellschaft durchsetzt. „Die Tech-Szene ist bis heute vorwiegend jung, technikaffin, weiß und männlich und wird auch als solche wahrgenommen“, hieß es dort.

Was bedeutet Unternehmertum?

Abseits der 4-Tage-Woche, Grundeinkommen und frauenspezifische Themen kritisiert Mansbart auch die Einstellung von Mitarbeiter:innen der Startup-Szene. Es wirkt wie der Vorwurf der Verweichlichung von Gründern und Gründerinnen bzw. von Mitarbeitenden.

Wenn ich im Nightjet von Köln nach Wien fahre, bin ich zehn Stunden unterwegs. Das ist ein Arbeitstag. In dem Fall halt von 22:00-08:00. Ist aber auch völlig egal. Schlafen kann ich in dem Ding eh nicht. Soll ich mir jetzt für Psycho-Hygiene Netflix Serien reinziehen? Oder mit Stirnlampe Richard David Precht lesen? Da baller ich lieber einen Blogpost, acht LinkedIn Posts, mach 20 To-Dos weg und schlaf dann halt zwei Stunden. Das akkumuliert sich longterm massiv. Die Extra-Meile zu gehen. Und macht richtig Spaß. Arbeit ist gut. Arbeit schafft Arbeit. Arbeit schafft Wohlstand. Ran an die Arbeit„, scheibt er auf Linkedin.

Spannend hierzu war eine Reaktion eines Users darauf, der den ganzen Post wie folgt zusammengefasst hat: „Was du skizzierst ist der Spirit, den man als erfolgreicher Unternehmer braucht. ABER JEDER sollte gut auf seinen Körper hören und ihm auch entsprechend Pausen, Regeneration und Inspiration gönnen, um leistungsfähig zu bleiben.“

Auf Nachfrage zu diesem Punkt erzählt der Posting-Urheber dem brutkasten, dass Unternehmertum bzw. die Selbständigkeit der schwierigste und härteste Karriere-Weg sei, den man wählen kann.

„Es ist auch der extremste, in dem 99 Prozent scheitern und ein Prozent reich entlohnt werden. Diese ein Prozent gilt es so stark wie möglich zu erzwingen. Wenn man dieser Auffassung ist, hat man auch seine Work-Ethik und seine Arbeitsmoral und -einstellung dementsprechend zu idealisieren und optimieren. Klar gehört da Anspannung und Entspannung dazu. Jeder ist unterschiedlich stark belastet. Aber die Wertschöpfung des Unternehmens entsteht primär immer während der Anspannung, sprich, der Arbeitsphasen. Entspannung oder Entlastung dient lediglich der Optimierung der Anspannung.“

Seiner Meinung nach braucht Unternehmertum schlussendlich immer zwei Dinge: „Ein Produkt und zahlende Kunden. Die meisten Startups haben weder/noch. Es wird immer nur über den Lärm rundherum geredet.“

Change und Innovation doch kein Selbstläufer

Insgesamt merkt man, dass sich Mansbart über die entstandene Diskussion freut, wie er erzählt. Und auch Kritik an seinen polemischen Aussagen eine Berechtigung hat, auch wenn User betonen, seine Worte seien polarisierend, trennend und würden der Diskussionskultur schaden. „Was hat die 4-Tage-Woche, Menstruationstage, Frauenquoten, Yoga+Physio als Corporate Benefit mit Unterdigitalisierung und Wettbewerbsunfähigkeit zu tun?„, ist eine Frage auf LinkedIn, die dort bisher unbeantwortet blieb.

Eines zumindest, möchte man etwas Positives in Mansbarts Worten finden, scheint der Post geschafft zu haben: Er hat die manchmal vor sich hindösende und uniform kritiklose Startup-Szene aufgerüttelt und wenn auch nicht alle zum Reden, so zumindest zum Nachdenken gebracht. Und gezeigt, dass auch in der Startup-Szene „Change“, oder das geliebte Wort „Innovation“ auch in einer sich wandelnden Arbeitswelt, keine Selbstverständlichkeit ist; (Frauen-) und neue Rechte erst gegen Widerstand erkämpft werden müssen.

Mansbart dazu: „Ich genieße den Diskurs und Austausch. Es existiert in unserer Gesellschaft, wo jeder am Smartphone hängt und anderen zunickt, eh viel zu wenig davon. Es gehört wieder mehr am Stammtisch debattiert, Meinungen gehören respektiert und mit Rückgrat ausgesprochen. Und auch bekräftigt.“

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Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren | (c) Sabine Klimpt

Im Hochsommer, vor genau 15 Jahren, reiste ich zum ersten Mal nach China. In dieser schicksalshaften Woche lernte ich nicht nur meine Frau kennen, sondern auch einen nahezu perfekt anmutenden europäischen Exportmarkt mit einer Milliarde Menschen, stark steigenden Einkommen und niedriger Marktsättigung.

Das Straßenbild der 25-Millionen-Metropole Schanghai war unübersehbar von europäischen Autos geprägt. Volkswagen stand damals mit rund einem Fünftel Marktanteil am Zenit seiner Dominanz im wichtigsten Automarkt der Welt. Wer sich einen Audi, BMW oder Mercedes leisten konnte, hatte es im Reich der Mitte geschafft und stellte das zur Schau.

Heute ist die Welt eine andere. Meine damalige Freundin ist längst meine Ehefrau mit österreichischer Staatsbürgerschaft. China hat uns technologisch vielfach überholt und seine Importabhängigkeit radikal reduziert. Die Handelsströme sprechen eine deutliche Sprache, denn das EU-Defizit im Warenhandel mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, plus 18 Prozent binnen eines Jahres.

Die Zahl neuer chinesischer Marken und Modelle ist überwältigend – heimische Hersteller halten inzwischen rund 70 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes. Volkswagen, jahrelang Marktführer in China, liegt heute mit knapp elf Prozent hinter BYD und Geely. Credit: Thomas Reiter 

Im Vergleich zu Europa punktet China heute mit moderner Infrastruktur, seiner Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien und sichtbarem Wohlstandszuwachs. Auch das leistungsorientierte Bildungssystem rückt an die Weltspitze. Jährlich schließen 3,5 Millionen Menschen ein MINT-Studium ab, fast die Hälfte aller Patentanmeldungen weltweit kommt aus China.

Nicht zufällig heißt die erste chinesische Hochgeschwindigkeitsbaureihe auf eigenen Schutzrechten „Fuxing“ – Verjüngung, Wiedererstarken. Ihre Vorgängerin „Hexie“, Harmonie, fuhr noch mit Lizenztechnologie von Siemens, Alstom und Kawasaki.

Rushhour in Schanghais U-Bahn: rund zehn Millionen Fahrgäste täglich – und kaum eine Hand ohne Smartphone. Credit: Thomas Reiter

Auf den Trikots chinesischer Spitzensportler steht „Glory of China“, und BYD, mittlerweile weltgrößter Hersteller reiner Elektroautos, trägt „Build Your Dreams“ im Namen. Dieses Mindset verrät viel über ein Land.

China ist nicht perfekt. Aber es steht heute eher für den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Milliardär als Donald Trumps „Make America Great Again“.

Tencent East China Headquarters in Schanghai: Der Konzern hinter der Super-App WeChat zählt 1,42 Milliarden aktive Nutzer im Monat – mehr, als die EU und die USA zusammen Einwohner:innen haben. Credit: Thomas Reiter 

Ich schreibe diese Zeilen am Rückflug von China nach Österreich. Das Europäische Forum Alpbach steht heuer unter dem Motto „How Europe Wins“ und benennt die neue Realität. In einer Welt, in der alle anderen schneller und entschlossener handeln, ist offen, ob Europa in den entscheidenden Fragen noch gewinnen kann. Die Antwort steckt bereits in der Diagnose. Europa muss schneller und entschlossener werden.

Entschieden wird das nicht auf Konferenzen. Europa braucht nicht die nächste Arbeitsgruppe, sondern konkrete Vorhaben mit Datum, Budget und Verantwortlichen, die dafür geradestehen. Ein Plan ist immer nur so gut wie seine Ausführung. Umsetzungsgeschwindigkeit muss das Maß aller Dinge sein.

Zwei Beispiele. Die beschlossene Senkung der Lohnnebenkosten – der Dienstgeberbeitrag sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent, rund zwei Milliarden Euro Entlastung – wirkt erst ab 2028. Die von der Kommissionspräsidentin persönlich unterstützte „EU Inc.“ liegt seit März als Vorschlag am Tisch, anwendbar frühestens 2028. Der Kontinent scheint viel Zeit zu haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Wucht der Veränderung

BYD hat seinen Absatz in fünf Jahren verzehnfacht, auf 4,6 Millionen Fahrzeuge. Und China ist längst der größte Autoproduzent der Welt. 34,5 Millionen gebaute, acht Millionen exportierte Fahrzeuge allein 2025. Bei Photovoltaikmodulen hält es 85 Prozent Weltmarktanteil, bei Batteriezellen rund 70 Prozent. Veränderung war nie schneller, mit einem hohen Preis für Sieger:innen und Verlierer:innen – die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz noch gar nicht eingerechnet.

Botengänge im Hotel erledigt längst der Roboter: 2024 wurden 54 Prozent aller Industrieroboter weltweit in China installiert. Credit: Thomas Reiter 

Wir leben in Österreich weit über unseren Verhältnissen, ohne dafür eine Sensorik zu haben. Zwei Rezessionsjahre, zwölf Prozent Minus bei der abgesetzten Industrieproduktion seit 2021, 25.000 verlorene Industriejobs in zwei Jahren, 6.810 Firmenpleiten im Vorjahr, eine Schuldenquote, die 2027 auf 85 Prozent zusteuert, ein offenes EU-Defizitverfahren. Wer sagt, unser Pensionssystem sei gesichert, rechnet mit Annahmen von gestern. Gut ein Viertel des Bundesbudgets fließt in Pensionen, und 2040 kommen auf einen Menschen im Pensionsalter nur noch zwei im Erwerbsalter – 1950 waren es sechs.

Es mangelt nicht an Lösungen und Wissen, sondern an Bereitschaft – genauer gesagt an den Möglichkeiten einer Dreierkoalition und an den Abläufen zwischen Wien und Brüssel. Was die Politik nicht richten wird, müssen Unternehmerinnen und Unternehmer leisten. Und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich ihres Beitrags bewusst sind.

Der Weg zu neuem Wachstum ist machbar

Vorziehen statt ankündigen. Der Dienstgeberbeitrag, den Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn an den Familienlastenausgleichsfonds zahlen, sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent. Das entlastet die Betriebe brutto um rund zwei Milliarden Euro. Ein Prozentpunkt weniger Lohnnebenkosten bringt laut EcoAustria 10.000 bis 12.000 Jobs. Wirksam wird die Senkung aber erst 2028. Wer heuer um Aufträge und Fachkräfte kämpft, hat davon nichts. Also vorziehen auf Mitte 2027, gegenfinanziert aus der Föderalismusreform.

Schnellere Genehmigungen. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung dauerte im Zehnjahresschnitt 22,6 Monate. Fast zwei Jahre bereitliegendes Kapital ohne Baustart, während andere Standorte in Monaten entscheiden.

Deshalb sollte nach zwölf Monaten ohne Bescheid die Bewilligung automatisch gelten. Nötig ist der Druck, denn Bürokratie kostet die Unternehmen laut KMU Forschung Austria 21,1 Milliarden Euro und 320 Millionen Arbeitsstunden jährlich, die Leistung von fast 200.000 Vollzeitkräften – ohne Mehrwert für Kund:innen.

Kapital statt Sparbuch. Österreichs Risikokapital brach 2025 um 56 Prozent auf 253 Millionen Euro ein, während europaweit zehn Billionen Euro niedrig verzinst auf Konten liegen. Es braucht eine KESt-Befreiung nach Behaltefrist und Pensionskassen, die heimische Innovation finanzieren dürfen.

Arbeit muss sich lohnen. Mit 47,1 Prozent Abgabenbelastung liegt Österreich laut OECD auf Rang vier. Dazu ein faktisches Antrittsalter unter 62 Jahren bei steigender Lebenserwartung. Dänemark und die Niederlande koppeln ihr Pensionsalter an sie, das schafft Planbarkeit und hält das Thema aus dem Wahlkampf.

Verwertung statt Förderung. Österreich investiert 3,34 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung, EU-weit Platz drei, im Innovation Scoreboard nur Rang acht. Wir finanzieren Forschung erstklassig und übersetzen sie zweitklassig in Produkte. Förderungen sollten daher an Marktergebnisse gekoppelt werden, nicht an gut geschriebene Anträge.

Mehr denn je zählen Leistung und Einsatz statt Hoffnung auf einen Staat, der selbst eine Verschlankung braucht.

Europäischer Exportschlager: Das größte Legoland der Welt steht seit 2025 nicht in Dänemark, sondern in Schanghai. Credit: Thomas Reiter

Das ist kein Grund für Pessimismus. Europa hat schon große Träume verwirklicht, und keiner davon war einfach oder unumstritten. CERN entstand 1954, neun Jahre nach dem Krieg, als zwölf Staaten ein gemeinsames Labor bauten, in dem Jahrzehnte später das World Wide Web erfunden wurde. Airbus startete 1970 als Konsortium gegen eine amerikanische Dominanz, die als unangreifbar galt, und lieferte 2025 mit 793 Maschinen mehr Verkehrsflugzeuge aus als Boeing mit 600.

Erasmus wurde 1987 erst nach langem Streit über Rechtsgrundlage und Finanzierung beschlossen, begann mit rund 3.000 Studierenden und hat seither mehr als zehn Millionen Menschen in einem anderen EU-Mitgliedstaat ausgebildet. Binnenmarkt und Währungsunion galten als zu groß zum Funktionieren, heute zahlen rund 360 Millionen Menschen in 21 Ländern mit derselben Währung, seit Jänner auch die Bulgaren.

Nicht die Aufgaben sind größer geworden, sondern unsere Bereitschaft kleiner, den Status quo zu verändern, uns festzulegen und unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Jacques Delors legte 1985 ein Weißbuch mit 282 Einzelmaßnahmen vor und schrieb einen Stichtag hinein, den 31. Dezember 1992. Jede Maßnahme hatte einen Termin, und die Einheitliche Europäische Akte ersetzte für den Binnenmarkt die Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheidungen. Der Stichtag wurde bis auf wenige Ausnahmen gehalten.

Träume verwirklichen sich nicht durch Absichtserklärungen und Diskussionen, sondern durch Menschen, die täglich daran arbeiten und dafür geradestehen. Wir müssen es unseren Eltern und Großeltern nur gleichtun.


Über den Autor:

Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren. www.reiterpr.com

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