Digitale Souveränität – was Unternehmen jetzt wissen müssen

VIDEO

„No Hype KI“ wird unterstützt von ACP, EY, ITSV, KEBA Group, Lenovo, Microsoft, ONTEC AI und der Universität Graz.

Alle reden von digitaler Souveränität – doch was steckt hinter dem Schlagwort? Und was bedeutet es konkret für Unternehmen? Um diese und noch weitere Fragen geht es in der dritten Folge der zweiten Staffel von “No Hype KI”. Es diskutieren

Alexander Liebl (ACP| Director Business Consulting)

Martin H. Hörmann (Microsoft | Director Government Affairs)

Dietmar Wiesinger (CANCOM Austria | Vorstand)

Gregor Dedl (Base-IT| CEO)

Beleuchtet wird unter anderem der Balanceakt zwischen technologischer Abhängigkeit und Innovation und warum digitale Souveränität nicht mit völliger Autarkie gleichzusetzen ist. Außerdem wird behandelt, warum Unternehmen stattdessen auf kontrollierte Abhängigkeiten und eine saubere Datenklassifizierung setzen sollten.

Im Talk geht es weiter darum, warum der Versuch, eigene europäische Infrastrukturen wie LLMs nachzubauen, oft weniger zielführend ist als der Fokus auf die konkrete Anwendungsebene. Zudem wird behandelt, wie Führungskräfte Souveränität individuell definieren sollten, um Wettbewerbsvorteile durch KI nicht durch überzogene Sicherheitsbedenken zu verspielen.


Um diese Themen geht es im Videotalk:

1. Warum digitale Souveränität gerade jetzt so zentral ist

  • Martin Hörmann beschreibt digitale Souveränität als Reaktion auf geopolitische Spannungen, Lieferkettenrisiken und die wachsende Frage, ob sich Unternehmen im digitalen Raum sicher fühlen können.
  • Gregor Dedl beobachtet, dass sich die Kundenperspektive in den letzten sechs bis zwölf Monaten verschoben hat: Neben schneller technischer Weiterentwicklung rückt nun stark die Frage in den Vordergrund, wie man wieder unabhängiger in politischen und technologischen Dimensionen entscheiden kann.
  • Dietmar Wiesinger betont, dass digitale Souveränität je nach Organisation sehr unterschiedlich zu bewerten ist und dass sie am Ende immer mit der Fähigkeit zusammenhängt, die eigenen Daten zu kontrollieren und deren Nutzung zu steuern.

2. Abhängigkeiten, Autarkie-Mythos und praktische Bewertung von Risiken

  • Alexander Liebl macht klar, dass digitale Souveränität nicht mit Autarkie verwechselt werden darf und plädiert stattdessen für „kontrollierte Abhängigkeiten“, die bewusst gestaltet sind und neben Risiken auch einen klaren Nutzen bringen.
  • Dietmar Wiesinger verweist auf Analysen wie Eurostack und zeigt auf, dass echte technologische Unabhängigkeit in vielen Schichten des digitalen Stacks faktisch nicht erreichbar ist, weshalb Unternehmen ihre Abhängigkeiten ehrlich bewerten und gezielte Maßnahmen zur Risikoreduzierung setzen müssen.
  • Gregor Dedl unterstreicht, dass sich vor allem mittelständische Unternehmen oft in einer Scheinsouveränität wähnen, wenn sie Daten „im eigenen Kammerl“ halten, und erinnert daran, dass globale Bedrohungen wie Cyberangriffe nur durch professionelle Sicherheitsstandards und Partner wirklich adressiert werden können.

3. Regulierung, Governance und die Rolle von Partnern

  • Martin Hörmann führt aus, dass Microsoft sich strikt an den europäischen Rechtsrahmen mit NIS, DORA und AI Act hält, zusätzlich aber mit Konzepten wie der EU Data Boundary und erweiterten Kontrollwerkzeugen wie „Data Guardian“ bewusst eine „Extra-Meile“ für Vertrauen und Souveränität in Europa geht.
  • Dietmar Wiesinger sieht in Regulierungen wie NIS2 und DORA grundsätzlich sinnvolle Ziele zur Stärkung der Resilienz kritischer Infrastrukturen, warnt aber davor, dass überbordende Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen kann und verweist auf die Möglichkeit, Compliance über spezialisierte europäische Service-Provider sicherzustellen.
  • Alexander Liebl empfiehlt Unternehmen, sich bei der Interpretation und Umsetzung komplexer Regulierungen externe Expertise hereinzuholen, da praktisch jede neue EU-Regel direkten Einfluss auf die IT-Organisation hat und interne Leitplanken – über die gesetzlichen Vorgaben hinaus – definiert werden müssen.

4. KI in der Praxis: Reifegrad, Nutzerperspektive und Integration in den Alltag

  • Gregor Dedl beschreibt, dass viele Unternehmen nach dem anfänglichen KI-Hype ernüchtert feststellen, dass der eigentliche Engpass weniger die Technologie als der Mindset- und Reifegrad der Anwender ist, und plädiert dafür, KI so tief in Werkzeuge zu integrieren, dass Nutzer gar nicht merken, „wann KI ausgelöst wird“.
  • Alexander Liebl unterscheidet zwischen breit wirksamen General-Purpose-Tools wie Microsoft 365 Copilot, bei denen vor allem die organisatorische Reife und die Qualifikation der Mitarbeitenden entscheidend sind, und tief in Geschäftsprozesse eingebetteten KI-Lösungen, die sorgfältig an konkreten neuralgischen Prozesspunkten ausgerichtet werden müssen.
  • Martin Hörmann betont, dass KI nicht einfach als weiteres Tool „hingestellt“ werden kann, sondern eine begleitete Reise braucht – mit Data-Governance-Analysen, Use-Case-Identifikation und umfangreichen Skilling-Initiativen, die Hersteller und das Partner-Ökosystem gemeinsam mit den Kunden umsetzen müssen.

5. Europa, LLMs, Anwendungsebene und digitale Souveränität als Chance

  • Gregor Dedl hält fest, dass Europa bei grundlegenden KI-Plattformen und LLMs heute bereits in Abhängigkeiten steckt und warnt, dass ohne klare Strategien zur Skalierung europäischer Lösungen – ähnlich wie SAP in der ERP-Welt – vielversprechende Technologien wieder in Übernahmen durch außereuropäische Konzerne münden könnten.
  • Alexander Liebl sieht die eigentliche wirtschaftliche Hebelwirkung weniger in der Infrastruktur, sondern auf der Anwendungsebene, wo europäische Unternehmen durch Produktivitätsgewinne und smarte KI-Anwendung ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern und dadurch wiederum Investitionskraft im europäischen Ökosystem aufbauen können.
  • Martin Hörmann plädiert dafür, dass Europa nicht versucht, den gesamten Technologie-Stack nachzubauen, sondern seine Stärken – etwa in Spitzenforschung oder spezialisierten Modellen – auf bestehenden globalen Plattformen ausspielt, und unterstreicht, dass digitale Souveränität so gestaltet sein muss, dass sie Innovation nicht bremst, sondern deren sichere Nutzung ermöglicht.

6. Konkrete Empfehlungen zur digitalen Souveränität aus der Schlussrunde

  • Dietmar Wiesinger empfiehlt Unternehmen, ihr Risiko- und Bedrohungsprofil systematisch zu analysieren, Daten und Prozesse nach Kritikalität zu klassifizieren, bewusst auf europäische Eigentums- und Rechtsstrukturen zu achten und vertrauenswürdige Partner einzubinden, statt allein auf „rein europäische Hersteller“ zu hoffen.
  • Gregor Dedl würde als ersten Schritt das Management fragen, wie es Souveränität für das eigene Unternehmen überhaupt definiert, weil erst aus dieser Spitzenentscheidung klar abgeleitet werden kann, welche Projekte – von Datenschutz bis Cloud-Transition – mit welcher Priorität und welchem Budget umgesetzt werden müssen.
  • Alexander Liebl rät dazu, digitale Souveränität als gestaltbaren Prozess zu begreifen, in dem Unternehmen gemeinsam mit Technologieanbietern und Implementierungspartnern ein „magisches Dreieck“ bilden, in dem Business-Know-how, technologische Plattformen und Integrationskompetenz zusammenwirken.
  • Martin Hörmann fasst zusammen, dass Unternehmen sich nicht zwischen Souveränität und Innovation entscheiden sollten, sondern mit fundierter Analyse, Partnern und klaren Exit-Strategien darauf hinarbeiten müssen, gleichzeitig sicher im digitalen Raum agieren und die Chancen moderner Technologien – insbesondere KI – voll nutzen zu können.

Videos zum weiterstöbern