06.11.2019

Investitionen in europäische Tech-Scale-ups: Österreich nur auf Platz 15

Die gute Nachricht zuerst: In nur drei Jahren haben sich die Investitionen in europäische Later-Stage vervierfacht. Allerdings sind Großbritannien und Deutschland hier federführend, Österreich liegt weit hinter der etwa gleich großen Schweiz.
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Early Stage-Investments Europa 2018 - AVCO Annual Conference 2020 - vc-investments
(c) fotolia.com - Philip

Die Later-Stage-Investitionen in europäische Tech-Scale-ups haben sich in nur drei Jahren vervierfacht – das ist die zentrale Aussage des von Tech.eu und Stripe veröffentlichen Berichts „Blooming Late„, der den Stand der Technologieinvestitionen in Europa analysiert. Zuvor hatten die beiden Unternehmen die Berichte „Seed the Future“ (November 2018) und „Life is Growth“ (Mai 2019) präsentiert, die sich mit Frühphaseninvestitionen bzw. Investitionen in europäische Growth-Stage-Startups beschäftigten.

+++Studie: Österreich bei Funding von Growth-Stage-Startups nur auf Platz 15+++

Allein in den ersten drei Quartalen im Jahr 2019 wurden in ganz Europa mehr als 52 Transaktionen im Wert von 100 Millionen Euro oder mehr verzeichnet, heißt es von den Studienautoren. Unter diesen Investionsrunden finden sich klingende Namen wie Deliveroo (UK), N26 (Deutschland), Glovo (Spanien), Doctolib (Frankreich), Klarna (Schweden) und OutSystems (Portugal). Finanzierungsrunden über 100 Millionen Euro oder mehr bezeichnet man auch “Megafinanzierungsrunden”.

Wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, werden wir 2019 voraussichtlich rund 70 dieser Megafinanzierungsrunden sehen, was mehr Later-Stage-Finanzierungen in einem Jahr wären als in den letzten drei Jahren zusammen, heißt es weiter von den Studienautoren. Die gesamten Investitionen in der Spätphase haben sich in weniger als drei Jahren vervierfacht: Von 3 Milliarden Euro im Jahr 2016 auf 12 Milliarden Euro im Zeitraum Q1 bis Q3 2019.

Großbritannien und Deutschland als europäische Champions

Wie schon bei der Studie zu Early-Stage-Investments, so zeigen sich auch bei den Scale-ups zwei europäische Länder führend in Bezug auf die investierten Summen: Großbritannien und Deutschland. Von 2015 bis zum dritten Quartal 2019 wurden in beiden Ländern in Megafinanzierungsrunden knapp 15,3 Milliarden Euro investiert. Das sind mehr als in allen anderen Ländern zusammen während dieses Zeitraums (14,7 Milliarden Euro). komplettiert wird die Liste der Top5-Länder mit Israel, Schweden und Frankreich.

Die Schweiz findet sich auf dem sechsten, Österreich hingegen erst auf dem 15. Platz – zwischen Estland und Litauen.

(c) Tech.eu / stripe

 

Die meisten Investitionen kommen von außerhalb der EU

75 Prozent dessen, was in Later-Stage-Runden für europäische Technologie-Scale-ups investiert wurden, kamen aus dem außereuropäischen Ausland. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus ausländischen PE- und VC-Firmen, sowie aus Großunternehmen wie Microsoft und Amazon, Hedgefonds, Staatsfonds und weiteren Investoren. Von den Top-10-Investoren in Megafinanzierungsrunden in europäische Technologie-Scale-ups haben mehr als die Hälfte (6) ihren Sitz außerhalb Europas (USA, Japan, Südafrika, Hongkong, Singapur und China).

Platzhirsch ist hier der japanische Investor SoftBank, heißt es von den Studienautoren: Über ihren Vision Fund hat SoftBank von 2015 bis Q3 2019 fast 4 Milliarden Euro in europäische Großunternehmen investiert, während die Nummer 2, Insight Venture Partners (US), in diesem Zeitraum etwa 1,4 Milliarden Euro aufbrachte. Für Aufsehen sorgte Softbank zuletzt unter anderem mit den Geschehnissen rund um die Causa WeWork.

+++SoftBank: Japans Mega-VC hat neben WeWork noch weitere Sorgenkinder+++

Betrachtet man die Liga der in Europa ansässigen Investoren mit Investments in Later-Stage-Scale-ups über den Zeitraum von 2015 bis zum dritten Quartal 2019, so ist das Vereinigte Königreich mit 30 Unternehmen führend, gefolgt von Frankreich (20) und Deutschland (17).

Europas Scale-ups: Weniger IPOs und Übernahmen

Was außerdem auffällt: Immer mehr Unternehmen entscheiden sich dafür, nicht an die Börse zu gehen und unabhängig zu wachsen. „Obwohl wir in den letzten Jahren hochkarätige Listings von europäischen Technologie-Scale-ups wie Spotify, Delivery Hero oder Farfetch gesehen haben, sinkt die Zahl der IPOs schnell“, heißt es von den Studienautoren: Während es 2017 auf dem Höhepunkt 36 IPOs europäischer Technologieunternehmen gab, wurden 2018 nur 21 verzeichnet. Mit bisher nur fünf Tech-IPOs im Jahr 2019 sinkt die Zahl weiter kontinuierlich.

Ähnliches gilt für Übernahmen: Im Jahr 2015 gab es 629 Übernahmen von europäischen Technologieunternehmen. Diese Zahl sank bis 2017 um fast 12 Prozent auf 555 Deals und in den ersten drei Quartalen 2019 auf nur 273 Exits durch Übernahme.

„In der Vergangenheit gab es eine Lücke bei der Finanzierung von Tech-Scale-ups in Europa im Spätstadium, so dass viele von ihnen von US-amerikanischen oder asiatischen Käufern erworben oder mangels Optionen an der Börse notiert wurden“, sagt dazu Robin Wauters, Gründer von Tech.eu und Hauptautor des Berichts: „Die Daten zeigen deutlich, dass die zunehmende Verfügbarkeit von – zugegebenermaßen größtenteils ausländischem – Kapital in Verbindung mit der fortschreitenden Reife der Fintech-, Software-, Medtech- und Lebensmittelindustrie in Deutschland und Großbritannien zu einem Zustrom von Megafinanzierungsrunden in der europäischen Technologie geführt hat. Es ist unwahrscheinlich, dass sich das in Zukunft wieder zum vorherigen Level ändert“.

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V.l.n.r.: Peter Llewellyn-Davies (Präsident BIOTECH AUSTRIA), Lejla Pock (CEO Human.technology Styria), Marcus Hofer (CEO Standortagentur Tirol) © BIOTECH AUSTRIA

Rund 250 Teilnehmer:innen aus zwölf Ländern, zwei Tage in Innsbruck, ein Motto: „Start up, Scale up, Step up!“ Mit vielen neuen Kontakten und einem guten Gefühl bin ich nach Hause gefahren und mit einer offenen Frage: Die österreichische Biotech-Branche ist so gut vernetzt wie nie, aber woher kommt  künftig das Geld, damit aus exzellenter Forschung Unternehmen werden, die in Europa groß werden?

Am Wissen fehlt es nicht. Ob Europa in der Biotechnologie mitspielt, entscheidet sich an der Finanzierung der Wachstumsphase.

Europa zwischen den USA, Golfstaaten und China

Der Schwerpunkt des Summits lag auf dem Scaleup, also auf dem Schritt vom Startup zum international wachsenden Unternehmen.

Ein Bild für die Zukunft der Pharmatrends zeichnete Claudio Albrecht, ehemaliger CEO der Stada AG. Er sprach darüber, wie Geopolitik, neue Technologien und sich wandelnde Gesundheitssysteme die Pharmaindustrie bis 2035 prägen könnten. Besonders hervorgehoben hat er dabei die Transformation Chinas von einer Service-Industrie zu einem Innovationsmotor sowie die Dynamik in den Golfstaaten. Europa widmete er keine eigene Folie in seiner Präsentation, was vom Publikum hinterfragt wurde. Es wirft die Frage auf, welchen Stellenwert Europa künftig im globalen Wettbewerb überhaupt noch spielen wird.

(c) Hofelich – Claudio Albrecht gab einen Ausblick in die Zukunft.

 Ein Champion, der nicht auswandern muss

Den Gegenentwurf lieferte Karl Nehammer, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB) und ehemaliger Bundeskanzler. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir vor allem ein Satz: „The next champion should not need to leave Europe in order to become a global champion.“ 

(c) Hofelich – Karl Nehammer, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB).

Das Ziel ist ambitioniert und gerade in der Biotechnologie bislang schwer erreichbar. Entwicklungszyklen dauern hier i. d. R. mehr als ein Jahrzehnt. 

Der Startup- & Scaleup-Dachfonds: eine gute Nachricht mit Fragezeichen

Für die Branche besonders interessant war die Diskussion über den geplanten österreichischen Dachfonds. Stefan Haubner, Founding Partner bei APEX Ventures, widmete sich der Frage, ob Europa ein eigenes Modell für Venture Capital braucht. Dabei ging es auch um den österreichischen Fund-of-Funds. 

Der Dachfonds soll Anfang 2027 starten. Der Staat steuert 100 Mio. Euro bei, institutionelle Investoren sollen weitere 400 Mio. Euro bringen. Das ist ein wichtiges Signal. Weil es ein Dachfonds ist, investiert er aber nicht direkt in Unternehmen, sondern in andere Fonds.

Wie viel von diesem Geld tatsächlich bei Biotech-Unternehmen ankommt, ist derzeit offen.

Life Sciences brauchen Investoren mit Fachwissen und langem Atem. Davon gibt es in Österreich nur wenige. Wenn der Dachfonds vor allem in Generalisten-Fonds fließt, könnte die Biotechnologie leer ausgehen.

Tirol zeigt, wie Standortarbeit aussieht

Auch organisatorisch war der Summit ein Vorzeigeprojekt. Veranstaltet wurde der Summit von BIOTECH AUSTRIA, Human.technology Styria und der Standortagentur Tirol. Vor Ort vertreten waren Peter Llewellyn-Davies, Präsident von BIOTECH AUSTRIA, Marcus Hofer, CEO der Standortagentur Tirol, und Lejla Pock, CEO von Human.technology Styria. Äußerst charmant moderiert hat Damita Pressl.

Die Villa Blanka hoch über Innsbruck bot eine außergewöhnliche Kulisse; ebenso das Gala-Dinner am Abend in der Rooftop-Bar des Hotels aDLERs. Begeistert zeigten sich auch die Teilnehmer:innen, die am Vortag im Rahmenprogramm die Skisprungschanze Bergisel besichtigt hatten. Ich selbst habe mir am Dienstagmorgen den Health Hub Tirol angesehen. Das Technologiezentrum ist seit knapp einem Jahr in Betrieb und bietet noch freie Flächen. Das ist die Art Standortpolitik, die wirkt: Infrastruktur, Netzwerk und ein Treffpunkt, an dem Forschung, Investor:innen und Politik tatsächlich ins Gespräch kommen.

Was es jetzt braucht

Der Summit hat gezeigt, dass die Branche sich der Herausforderungen bewusst ist und weiß, was zu tun ist.

Der nächste Champion muss nicht auswandern. Aber dafür muss das Kapital vor Ort stärker mobilisiert werden. 

Der fünfte Biotech Summit Austria findet am 21. und 22. Oktober 2027 in Graz statt. Bis dahin wissen wir mehr darüber, ob der Dachfonds auch der Biotechnologie hilft.


Disclaimer: Karin Hofelich ist Life Science Lead beim brutkasten-Schwestermagazin VentureCapital. Das VC Magazin war Medienpartner des Summits.

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