30.12.2017

Rückblick und Ausblick: Player aus der Startup-Szene über 2017 und 2018

Wir haben haben unterschiedliche Akteure der österreichsichen Startup-Szene um einen Rückblick auf 2017 und einen Ausblick auf 2018 gebeten.
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Rückblick 2017 Ausblick 2018
Herbert Gartner, Tanja Sternbauer, Hansi Hansmann, Ali Mahlodji

Im vergangenen Jahr hat sich in der österreichischen Startup-Szene einiges getan. Es gab große Exits und Investments. Neue Technologien, allen voran die Blockchain, wurden auch hierzulande zu einem dominierenden Thema. Auch vom kommenden Jahr ist nicht zu erwarten, dass es langweilig wird. Wir haben einige Player aus der österreichischen Startup-Szene um einen Rückblick und einen Ausblick gebeten. Dabei haben wir ganz unterschiedliche Blickwinkel eingeholt.

+++ Herbert Gartner: Mit Syndizierung zum Business Angel des Jahres 2017 +++

Rückblick & Ausblick

Herbert Gartner – Business Angel of the Year

2017 war aus eQventure-Sicht von einigen großen Themen bestimmt. Wir haben eine beschleunigte digitale Transformation der gesamten Wirtschaft erlebt. Es gab verstärkte Anstrengungen von etablierten Unternehmen mit jungen Technologiefirmen zu kooperieren – anstatt sie zu akquirieren. Zugleich gab es im Rückblick wenig inländischen Mut zur Akquisition – daher erfolgten auch 2017 fast alle Tech-Akquisitionen durch ausländische Käufer. Außerdem haben wir zahlreiche unstrukturierte Direktbeteiligungen privater Investoren beobachtet.

Was wir für die österreichische Startup-Szene erwarten: Österreich zählt zu den forschungsintensivsten Regionen Europas. Hier schlummert viel Potential für zukünftige Hidden-Champions. Wir erwarten für 2018 wieder zahlreiche Unternehmensgründungen von Talenten, die den Sprung von der Industrie in die Selbstständigkeit wagen und damit technologisch völlig neue Gebiete und neue Märkte erobern.

Hansi Hansmann – Business Angel

Mein persönliches Highlight 2017 war der mySugr-Exit. Der war international vielleicht noch wichtiger als Runtastic und jedenfalls der größte Digital Health-Deal bislang. Allgemein gesprochen: Wir haben uns weiterentwickelt, keine Frage. Startups sind tatsächlich im Mainstream angekommen. Accelerators, Incubators und Coworking Spaces schießen nur so aus dem Boden. Big Corporates sind auch hierzulande dabei aufzuwachen. Das ist insgesamt gut. Innovation bekommt einen höheren Stellenwert, das Ecosystem entwickelt sich weiter, die Politik (siehe Wahlkampf!) sieht es als wichtig an. Es hat aber auch Nachteile: Es gibt auch viele Trittbrettfahrer, also Leute, die wenig Ahnung haben und das gut verschleiern können. Manchmal habe ich den Eindruck, dass nicht die Startups bzw. die Gründer im Fokus sind, sondern das ganze Rundherum.

Für 2018 habe ich einige Wünsche. Von der Politik erwarte ich mir konkrete Maßnahmen, die deutlich über das Startup-Paket hinausgehen. Vor allem im bereich steuerliche Incentivierung, Gesellschaftsform, leichterer Zugang zu ausländischen Mitarbeitern und Entwicklern brauchen wir dringender denn je passende Regelungen. Da ist die neue Regierung sehr gefragt.

Tanja Sternbauer – Startup Live, Female Founders

Die Szene wird langsam erwachsen und positioniert sich auch international erfolgreich. Sektor5 musste schließen, dafür zeigen größere, vielversprechende Initiativen wie der Launch von factory300 und weXelerate, dass das Startup-Thema auch von Staat und Corporates ernst genommen wird.

Ich persönlich wünsche mir eine bessere Zusammenarbeit zwischen den relevanten Playern und eine nachhaltigere Herangehensweise bestehender Initiativen um das österreichische Startup-Ökosystem auch über die nächsten Jahre hinaus zu unterstützen. Spannend wird’s vor allem, sollte die Politik unter Umständen nicht mehr so viel Zuspruch leisten.

Ali Mahlodji – Whatchado

Wenn das Jahr etwas war, dann alles andere als langweilig. Ich denke, wir sind am richtigen Weg und gerade deshalb sollten wir inne halten und uns auf die Stärken des österreichischen Ökosystems besinnen, um es 2018 noch nachhaltiger zu machen.

Markus Raunig – AustrianStartups

Die Szene ist im letzten Jahr gefühlt erwachsener geworden. Mehr und mehr Leute sehen das wirtschaftliche Potenzial von Startups und es entwickelt sich ein zunehmend kompetitiveres Umfeld. Es gab im Rückblick viele persönliche Highlights, wie den Stammtisch mit dem Bundeskanzler oder die super Zusammenarbeit übers ganze Ökosystem für die Austrian Startup Agenda. Am Ende haben wir aber auch gesehen, dass wir nicht vergessen sollten, wo wir herkommen. Während es immer mehr und bessere Angebote für späterphasige Startups gibt, fallen manche frühphasige Unterstützer wie der Sektor 5 weg. Es wäre wichtig, dass diese Lücken im Jahr 2018 wieder geschlossen werden. Denn unser großer Wunsch fürs nächste Jahr ist ganz klar: Mehr Unternehmergeist, mehr Gründungen und mehr Startups die wirklich ambitioniert und international denken.

Thomas Schranz – Blossom, Lemmings

Thomas Schran Tosh lemmings blossom rückblick 2017 ausblick 2018 startup2017 haben wir es in Wien in kürzester Zeit von Null auf eine weltweit führende Rolle im Bereich Facebook Messenger Apps und Chat Bots geschafft. Das zeigt für mich, dass es möglich ist, international mitzugestalten und ganz vorne dabei zu sein. 2018 wird der Test ob wir diesen Vorsprung in der Kombination von Machine Learning und der Reichweite in Facebook Messenger und ähnlichen Plattformen weiter ausbauen können. Ähnlich viel Hype ist gerade im Blockchain-Bereich. Auch hier wird es spannend werden ob wir es schaffen, nicht nur beim Hype vorne dabei zu sein sondern Wert zu erzeugen und Resultate zu liefern. Es wird auf jeden Fall nicht langweilig.

Herwig Springer – CEO i5invest

Unsere Top 5 Highlights 2017 waren: Österreichs erstes globales agTech-Investment aus den USA in das Startup smartbow. StreamUnlimited und Google erobern mit dem Voice Assistant den Weltmarkt. Bonnier aus Schweden investiert in das österreichische EduTech Knowledgefox. WeAreDevelopers organisiert Europas grösste Software-Development Konferenz in Wien. i5invest holt zahlreiche internationale Investoren nach Österreich.

Unsere Strategie, internationale Investoren und Konzerne nach Österreich zu holen geht auf. CEE wird so schrittweise mehr und mehr Bedeutung beigemessen, das spüren wir auch bei unseren Aktivitäten im Silicon Valley und an der US-Ostküste.

Für 2018: i5invest wird noch mehr internationale Investoren nach Österreich holen. Es werden weiter viele High-Tech-Jobs geschaffen.
Die größte Herausforderung und mittlerweile ein ernstes Problem dass es für 2018/2019 gibt: Wir haben einen extremen Fachkräftemangel. WeAreDevelopers alleine kann das Problem nicht lösen. Österreich muss für internationale Fachkräfte weiter attraktiv bleiben und noch sichtbarer werden. Die Zahl der österreichischen Absolventen ist leider viel zu gering – an allen Ecken und Enden sind Österreichische Unternehmen bei Ihrem Wachstum eingeschränkt.

Rudolf Dömötör – WU Entrepreneurship Center

Für mich war natürlich besonders spannend, was sich 2017 im universitären Umfeld getan hat. Da gibt es im Rückblick drei besondere Highlights: Erstens das Spin-off Austria Fellowship, das im Sommer aus der Taufe gehoben wurde und akademische Gründungsprojekte in den nächsten zwei Jahren mit bis zu 15 Millionen Euro unterstützen wird. Das ist ein auch im internationalen Vergleich bemerkenswertes Förderprogramm und ein starkes Signal zur Stärkung des Wissens- und Technologietransfers aus den Hochschulen. Zweitens die internationale Auszeichnung der Entrepreneurship Avenue als eines von weltweit nur 15 und einziges europäisches Programm als Best Practice im Bereich Entrepreneurship Education. Und – drittens – in Graz freue ich mich riesig über die Einrichtung des ZWI (Zentrum für Wissens- und Innovationstranfer) als neuen universitären Hub for Innovators.

Meine sonstigen Highlights 2017 in der Startup-Szene: der mySugr-Exit, Opening von Wexelerate (starkes Signal der Internationalisierung des Standorts Wien und Zusammenrücken von Corporates und Startups) und die 300er-Aktivitäten in Linz sowie die Mitwirkung der Stadt Wien im Start Alliance Startup City Netzwerk. 2018 wird es spannend, welche konkreten Maßnahmen, Initiativen und Aktivitäten die neue Bundesregierung setzen wird.

Berthold Baurek-Karlic – Venionaire Capital

Das Jahr 2017 war im Rückblick ohne Zweifel das spannendste in unserer bisherigen Firmengeschichte. Wir haben gemeinsam mit Partnern der KPMG den European Super Angels Club (ESAC) ins Leben gerufen und bereits im ersten Jahr mehrere Millionen Euro über dieses Netzwerk investiert. Ein starkes Zeichen der wachsenden Community war sicherlich die Eröffnung des CO-Working & Acceleration Centers WeXelerate – wo wir zwar nicht eingezogen sind, aber als Channel-Partner mit unserem Know-how gerne zur Verfügung stehen.

Dieses Jahr wurde insgesamt sehr viel Geld in der Early-Stage in Österreich investiert – ich denke, wir haben hier im Vergleich zu Deutschland mehr als das „übliche“ 1/10 aufgezeigt – aber wir haben noch viel zu tun. Es fehlt insbesondere in der Anschlussfinanzierung. Förderungen zielen kaum auf regulierte Venture Fondsvehikel ab und Corporates wachen erst sehr langsam auf und erkennen das Potenzial von Startup-Investments und Akquisitionen! Tatsächlich ist es so das wir immer noch auf Exits im Ausland angewiesen sind und Corporate Accelerator meist nur an Proof-of-Concepts (also einer Zusammenarbeit mit Startups interessiert sind) – nicht aber bereit sind Geld zu investieren.

Zu 2018: In den letzten Jahren hat die Politik sehr stark die Themen Startups, Digitalisierung und Privates Eigenkapital (Business Angel Investments) für sich entdeckt. Das war sehr wichtig und hat gute Impulse gesetzt. Die nächste Bundesregierung hat diese Themen ebenfalls im Programm, jedoch für mich persönlich etwas zu viele staatliche Förderungen und Initiativen – die dem aktuellen Entwicklungsstand des Ökosystems nicht mehr 100 Prozent gerecht werden. Ich persönlich wünsche mir mehr Angebote von EIF Fund-of-Fund Programmen durch die AWS – echte Cornerstone Investments von bis zu 20 Millionen Euro pro Fonds. Die Gelder liegen beim EIF werden aber von uns bisher nur zögerlich abgerufen.

Darüberhinaus wünsche ich mir eine Entbürokratisierung des Unternehmensstandorts, eine Entflechtung des Förderjungels und eine „echte“ Steuerreform. Unsere Unternehmen brauchen Zugang zu einem starken Kapitalmarkt – auch schon bei geringerer Marktkapitalisierung. Der Dritte Markt der Wienerbörse sollte hierfür geöffnet werden. Ich selbst habe im November die Einladung aktiv im AVCO Vorstand mitzuarbeiten angenommen und versuche mich 2018 in dieser Rolle aktiv für mehr Fonds, stärkeren Zugang zu institutionellen Investoren und bessere Rahmenbedingungen einzusetzen.

Martin Bittner – Acccoi

Im vergangenen Jahr ist das Thema Startup breit in der Corporate Welt angekommen und hat alle Branchen erfasst. Sei es in der Landwirtschaft mit dem AgroInnovation Lab, wo jetzt auch die BayWa mit dabei ist, bei Mobility mit der Factory1 der KTC oder auch ganz prominent mit dem Elevator Lab im Finanzbereich.

Für 2018 erwarte ich einen Schub durch die Initiativen der neuen Regierung und die Hoffnung ist, dass mit dem Fokus auf Digitalisierung alle Player im Ökosystem die Beine in die Hand nehmen und zum Sprint ansetzen. Auf der Seite der Unternehmen werden wir in der Zusammenarbeit mit den Startups vermehrt Skalierungsprojekte sehen, was auch die Finanzierungskomponente betrifft – eine Säule, die uns weitgehend bisher gefehlt hat.

Florian Kandler – Serial Entrepreneur und Startup Coach

Einer meiner Gedanken zum Jahr 2017: „Virgin Angels werden erwachsen…“. Ich sehe eine zunehmende Professionalisierung von Business Angels. Der Anteil der Angel-Investments hat in den letzten Jahren zugenommen. Mehr und mehr Menschen haben begonnen, als „Business Angel“ Startups zu finanzieren und zu unterstützen. Diesen Trend habe ich im Funding Report beobachtet. Und ich habe ihn auch klar bei vielen Startups gesehen, die ich bei ihrer Fundraising-Strategie unterstütze. First-time-Investoren, sogenannte „Virgin Angels“, sind selten einte gute Mischung mit First-time-Gründern. Die Angels werden aber erwachsen. Diese neue Garde an Angels hat jetzt Erfahrung gesammelt. Die Deals werden besser, die Konditionen realistischer, und die Unterstützung für die Gründer greifbarer. Dieser positive Trend wird sich 2018 aus meiner Sicht weiter fortsetzen. Eine Entwicklung, die für das österreichische Ökosystem sehr positiv ist.

Mario Mayerthaler – A1 Startup Campus

Von meiner Warte aus waren wichtige Ereignisse 2017 das Clustern von Initiativen, die dann bei startup300 und im WeXelerate gemeldet haben. Das bringt auch international mehr Sichtbarkeit. Für 2018 ist die Herausforderung das nun zu bestätigen und in den Initiativen selbst weiterzukommen. Für unseren A1 Startup Campus war 2017 im Rückblick ein tolles Jahr, da sich die Umsätze alles Startups, verglichen zu 2016, verdoppelt haben. Wir arbeiten weiterhin hart an neuen Programmmitgliedern.

Harry Federspiel – Pioneers Discover

Harry Federspiel Pioneers Discover startup rückblick 2017 ausblick 2018Für mich hatte die Corporate Welt maßgeblichen Anteil an der Startup-Entwicklung im Jahr 2017. Viele Türen wurden durch Startup-Programme geöffnet. Große internationale Konzerne sind durch strategische Investments aufgefallen und wichtiges Know-how wurde zwischen Corporates und Startups ausgetauscht. Für 2018 erwarte ich mir eine Forcierung der internationalen Wahrnehmung von Österreich als Startup-Standort und weitere internationale Leuchttürme wie Roche & MySugr. Startups sollten sich an Österreichs Hidden Champions benchmarken, die weltweit Marktführerschschaft in Nischen erarbeitet haben und dadurch langfristig erfolgreich sind.

Arthur Stadler und Oliver Völkel – Stadler Völkel Rechtsanwälte

ico stadler völkel

Stadler: Der echte Einsatz der Blockchain-Technologie, auch in der öffentlichen Wahrnehmung, war im Rückblick mit Sicherheit eines der Hauptthemen, das Startups 2017 in Österreich beschäftigt hat. Dieser Trend wird 2018 nicht stoppen. Wir sind gespannt auf neue Einsatzmöglichkeiten, die entwickelt werden. Und freuen uns auf die rechtlichen Herausforderungen und Fragestellungen. Besonders spannend wird neben den technischen Fragen der Umgang von Politik und öffentlichen Institutionen mit dem Thema.

In Österreich gab es 2017 die ersten ICOs. Meine Prognose: Dieser Trend wird weitergehen, sodass diese neue Finanzierungsform 2018 im Mainstream ankommen wird. Kryptowährungen sind nicht zuletzt aufgrund der hohen Kursgewinne immer mehr Menschen bekannt. Derzeit sehen wir überdurchschnittlich viele Startups, die gute Ideen haben und solche Modelle nützen wollen.

An großen Themen für 2018 erwarten wir mit Spannung die Entwicklungen im Bereich Datenschutz. Mit Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung im Mai wird es jedenfalls einen Bedarf an innovativen Lösungen für die Datennutzung geben. Gerade dort werden sich (auch 2018) Startups mit neuen Ideen profilieren könnten. Auch die ePrivacy-Verordnung wird derzeit genutzte Geschäftstätigkeiten in vielerlei Hinsicht berühren. Cybersecurity gehört ebenfalls zu den Themen, die als Geschäftsidee für Startups boomen werden. Natürlich sind klassische E-Commerce-Startups aber nicht vom Markt wegzudenken.

Völkel: In der Startup-Szene waren im Rückblick vor allem die FinTechs und Unternehmen im Bereich Cryptocurrencies und anderer Blockchain-Anwendungen die großen Gewinner. Diese Unternehmen werden rasend schnell zu ernstzunehmenden Playern auf dem Markt. Für 2018 erwarte ich mir gerade in diesem Bereich erneut ein starkes Wachstum.

2017 wird wohl als das Jahr der Initial Coin Offerings in die Geschichtsbücher eingehen. Für 2018 erwarte ich mir, dass es zum Jahr der Tokenization wird. Österreich hat 2017 mit der Blockchain Initiative des Bundesministeriums (BMWFW) einen gewaltigen Schub in die richtige Richtung erhalten. Ich hoffe, dass die neue Regierung diesen Kurs 2018 weiter fortsetzen wird – derzeit sieht es ganz danach aus.

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Steinberger, Peter Steinberger, OpenClaw, OpenAI
© zVg - Jeannette Gorzala.

Der globale KI-Wettlauf hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch geopolitische Dimensionen erreicht. Sowohl die USA als auch Europa erkennen die Bedeutung strategischer Initiativen, um KI-Entwicklung aktiv zu fördern und zu gestalten. Trotz unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen verfolgen beide Regionen ähnliche Ziele, die auf strukturellen Innovationen beruhen. Insbesondere in den Bereichen Regulatory Sandboxes, Datenzugang und Behördenstrukturen existieren bemerkenswerte Parallelen.

Sandboxes: Flexibilität als Innovationstreiber

Sowohl die USA als auch Europa setzen auf Regulatory Sandboxes – flexible Räume, in denen Unternehmen Innovationen im Dialog mit Regulierungsbehörden entwickeln können, ohne sofort den vollen regulatorischen Anforderungen zu begegnen. Dies ermöglicht eine schnellere Markteinführung, während die Behörden wertvolle Erkenntnisse über Technologie sammeln.

In den USA sind Sandboxes bereits in zahlreichen Bundesstaaten etabliert (z.B. im Bereich FinTech, LegalTech). Das AI Legislative Framework aus März 2026 sieht nunmehr auch die Einrichtung von spezifischen KI-Sandboxes vor. Europa hingegen hat mit dem EU AI Act bereits in 2024 die Notwendigkeit von Sandboxes für den KI-Bereich formalisiert. Jeder EU-Mitgliedsstaat hat bis August 2026 mindestens eine horizontale KI-Sandbox zu etablieren, wobei ergänzend auch lokale, sektorspezifische und grenzüberschreitende Sandboxes möglich sind, um Innovationspotenziale zu bündeln. Ergänzend ermöglicht der EU AI Act auch das Testen von Hochrisiko-KI-Systemen unter Realbedingungen außerhalb von Sandboxes als innovationsfördernde Maßnahme.

Während die USA sehr markt- und wettbewerbsorientiert agieren, werden in der EU aktuell Ressourcen für die Umsetzung von Regulatory Sandboxes in Diskussionen zum Digitalen Omnibus gebunden. Durchführungsrechtsakte bleiben auf der Strecke, der Aufbau der Organisationsstruktur ist deutlich im Verzug. Debattiert wird sogar eine Verschiebung der Deadline für Sandboxes auf Dezember 2027.

Während die USA schneller agieren, könnte Europa trotz der Herausforderungen von der langfristigen Strukturierung profitieren. Für Unternehmen bedeutet dies, dass es unerlässlich ist, die regulatorischen Landschaften zu verstehen und in strategische Innovationspläne zu integrieren.

Daten: Zugang als Wettbewerbsvorteil

Zugang zu großen, qualitativ hochwertigen Datensätzen bleibt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil im KI-Bereich. Die USA setzen im National AI Legislative Framework auf die Öffnung von staatlichen Datensätzen, um Unternehmen eine breitere Datenbasis für präzisere KI-Modelle zu bieten. Europa verfolgt einen ähnlichen Weg, allerdings mit stärkerer Berücksichtigung von Datenschutz und Sicherheit. Die Europäische Datenstrategie, unterstützt durch den Data Act und den Data Governance Act, fördert den freien Datenfluss innerhalb definierter regulatorischer Grenzen.

Der Data Act ermöglicht einen effizienteren Zugang zu und Austausch von Daten zwischen Unternehmen und öffentlichen Institutionen, indem er den rechtlichen Rahmen für die Nutzung öffentlicher und privater Datensätze schafft. Der Data Governance Act sorgt für eine verantwortungsvolle Nutzung dieser Daten, indem er die Einrichtung von sicheren Datenräumen fördert. Zusammen zielen diese Gesetze darauf ab, dass der freie Datenfluss vorangetrieben wird, ohne die Rechte der betroffenen Personen zu gefährden, was Unternehmen einen stabilen und sicheren Rahmen für die Nutzung von Daten zur Innovation und Wettbewerbsfähigkeit bietet.

Behördenstrukturen: Optimierung statt Expansion

Eine weitere bemerkenswerte Parallele ist die Nutzung bestehender Behördenstrukturen zur Überwachung von KI-Entwicklungen. In den USA soll die Aufsicht durch bereits etablierte Institutionen wie die Federal Trade Commission (FTC) und die Food and Drug Administration (FDA) erfolgen, die mit den jeweiligen Sektoren vertraut sind und schnell auf neue Entwicklungen reagieren können.

In Europa verfolgt der EU AI Act ebenfalls den Ansatz der Einbindung bestehender Aufsichtsbehörden und delegiert grundsätzlich die Marktüberwachungskompetenzen im KI-Bereich an bereits zuständige Sektorbehörden (z.B. Maschinen, Medizinprodukte, Spielzeug) und Datenschutzbehörden, um bürokratischen Overhead zu minimieren. Für jene Bereiche, für die es noch keine dezidierte Aufsichtsbehörde gibt (z.B. Personal, Bildung), muss eine Zuordnung der Aufsichtskompetenz erfolgen. Für KI-Modelle ist das neue EU AI Office in Brüssel zuständig, das zentralisiert die Aufsicht über KI-Modelle übernimmt. Auch hier liegt der Fokus auf der Optimierung bestehender Strukturen und der Vermeidung unnötiger bürokratischer Hürden.

Europa und die USA setzen in ihrer Struktur auf bewährte regulatorische Institutionen, um die Effizienz zu steigern und gleichzeitig Innovation zu fördern. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sie aktiv mit den bestehenden Institutionen zusammenarbeiten müssen, um sicherzustellen, dass ihre Innovationen in beiden Regionen reibungslos integriert werden. Das Verständnis der regulatorischen Struktur wird zum Vorteil in einem zunehmend komplexen Marktumfeld.

An dieser Stelle ist die frühzeitige Einrichtung der KI-Servicestelle in Österreich bei der RTR GmbH hervorzuheben, die Unternehmen als Ansprechpartnerin bei allgemeinen Fragen und Anlaufstelle dient. Die KI-Servicestelle hat in diesem komplexen Marktumfeld, in dem noch einige (Zuständigkeits-)Fragen ungeklärt sind, einen sehr positiven Mehrwert für den KI-Standort Österreich erreicht und wurde als Best Practice auch auf europäischer Ebene als Blueprint identifiziert und als Instrument übernommen. Eine vergleichbare Informations- und Anlaufstelle ist in den USA nicht eingerichtet.

Fazit: Der strategische Blick

In der Wahrnehmung vieler gilt der US-Markt als der Goldstandard – mehr Möglichkeiten, weniger Regulierung, schnellere Innovation. Doch die Realität ist differenzierter: Auch in Europa gibt es gleiche Mittel und potenzielle Chancen.

Der zentrale Unterschied liegt in der Innovationskultur und der Bereitschaft, Risiken einzugehen und zu experimentieren. In den USA ist Fehlerkultur (Fail-forward Culture) tief verankert, Unternehmen sind häufig bereit, Fehler als Lernprozesse zu betrachten und unternehmerisches Scheitern nicht zu stigmatisieren. Diese Einstellung, gepaart mit einer dynamischen Finanzierungslandschaft insbesondere durch Venture Capital, ermöglicht es Startups und etablierten Unternehmen, schneller zu skalieren und zu innovieren.

In Europa hingegen bieten stabile Rahmenbedingungen ein Umfeld, das Sicherheit und langfristige Planung fördert. Mit einem Netzwerk von AI Factories findet in Europa ein bedeutender Infrastrukturausbau statt. Gleichzeitig bleibt jedoch die Fehlerkultur oft zurückhaltend, was zu einer vorsichtigeren Herangehensweise an Innovationen führt. Risikobereitschaft ist hier häufig geringer. Der Kapitalmarkt in Europa ist zwar gut etabliert, aber im Vergleich zu den USA oft weniger agil und fokussiert sich stärker auf etablierte Unternehmen, wodurch Startups und risikobehaftete Innovationen nicht immer die nötige finanzielle Unterstützung erhalten, um schnell zu skalieren und zu experimentieren.

Die Frage ist daher nicht, ob die Möglichkeiten vorhanden sind, sondern wer in beiden Märkten die nötige Geschwindigkeit und Innovationskultur aufbaut, um im globalen Wettbewerb nachhaltig zu wachsen. Ebenso entscheidend ist die richtige Balance zwischen langfristigem Investitionsansatz und agiler Kapitalbeschaffung, um eine erfolgreiche und nachhaltige Expansion zu ermöglichen.

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