03.02.2021

Indzi Kodba, REXEL Austria: „Dass Smart Home nur für Millennials interessant ist, halte ich für ein Klischee“

Indzi Kodba, Geschäftsfeldleitung Produkte & Gewerbe bei Rexel Austria, ist Expertin zum Thema "Smart Home". Sie erklärt den in der Pandemie gewachsenen Begriff "Cocooning", spricht von zweiter digitaler Revolution und bricht eine Lanze für "Nicht-Millenials".
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Smart Home, Indzi Kodba, Tücken im Smart Home, IoT
(c) Rexel Austria - Indzi Kodba, Rexel Austria,

Alles hat Effekte. Durch die Pandemie, den Lockdown und die eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten wurden die eigenen vier Wände wieder wichtiger. Ein weiterer Effekt: Plötzlich hatten die Leute wieder mehr Zeit, sich mit Dingen, wie „Smart Home“, zu befassen. Das weiß Indzi Kodba, Geschäftsfeldleiterin REXEL Austria. Bisher assoziierten diesen Begriff viele Menschen bloß mit Smart-TV inklusive HD-Fähigkeit. Man hörte am Rande von intelligenten Thermostaten und lernenden Lichtsystem, IoT blieb aber weiter ein Fremdwort. Dies scheint sich laut Kodba zu ändern.

Küchenwaagen und Apps

„In den letzten Jahren hat sich viel getan, am Produkt beziehungsweise Lieferanten, aber vor allem bei der Akzeptanz der Kunden. Am Markt für Sprachassistenten sieht man beispielsweise, dass es heute kaum mehr Produkte ohne smarte Möglichkeiten gibt. Die Funktionen entwickeln sich extrem schnell. Konnte eine Küchenwaage vor einigen Jahren nur wiegen, so kann ich sie heute beispielsweise mit einer App verknüpfen, die Rezeptideen bringt, während die Lebensmittel gewogen werden“, sagt sie.

„Konsumenten besser informiert“

Kodba hat gemerkt, dass für den Konsumenten der Wunsch nach Komfort und Sicherheit weiter an erster Stelle steht. Dabei sei zusätzlicher Komfort stärker bei Jüngeren gefragt, Sicherheit dagegen eher ein Thema für ältere Konsumenten. Geringere Heiz- und Stromkosten werden zudem ein immer wichtigeres Motiv. Konsumenten sind heute besser informiert als noch vor einigen Jahren – nicht zuletzt aufgrund des breiteren Angebots und der Präsenz des Themas in der Presse, sowie in der öffentlichen Diskussion.

Auch in Österreich wurde smarter gekauft: „Was auch damit zusammenhängt, dass die Anzahl der smarten Produkte und Funktionen Jahr für Jahr rasant steigt. Die Pandemie hat sicher dazu beitragen, dass die Personen vermehrt in das Eigenheim investieren, Stichwort ‚Cocooning‘ und auch die Zeit haben, um sich zu informieren, wie sie sich das Leben durch smarte Geräte erleichtern können. Sowohl die Verkäufe von ‚Braunware‘ wie Fernseher und Laptops, als auch von ‚Weißware‘ wie Kühlschränke und Waschmaschinen sind seit der Coronakrise stark angestiegen“, sagt Kodba.

Wandel in Gesellschaft

Allgemein bemerkt die Expertin einen Wandel innerhalb der Bevölkerung. Zwar sei die Skepsis rund um den Datenschutz und die Datensicherheit nach wie vor ein großes Thema und werde auch künftig eine große Hemmschwelle bleiben. Aber in der breiten Masse seien die Konsumenten offener geworden.

Preise sinken

„Diese Entwicklung wird sicher von den Anbietern beflügelt, da immer weniger nicht ’smarte‘ Produkte zur Verfügung stehen. Ebenso wird die Preisdifferenz zwischen smarten und nicht smarten Produkten immer geringer, je nach Produktkategorie. Anschaffungskosten sind nicht mehr die größte Hemmschwelle bei Konsumenten“ weiß Kodba. „Ebenfalls relevante Aspekte sind die Skepsis vor nicht ausgereiften Technologien, sowie die Furcht vor einer komplizierten Installation. Hier kann aber gegengesteuert werden, indem man auf Qualitätsprodukte und auf begleitende Beratung setzt.“

Die Tücken im Smart Home

Zu den Top-Herausforderungen im Bereich Smart Home zählen nach wie vor: Fehlende Netzabdeckung im Haushalt, unterschiedliche Smart-Home-Funkstandards, heterogene Smart-Home-Lösungswelten, komplizierte Einrichtung von Smart-Home-Geräten: „Besonders die Planungsphase wird von Verbrauchern oft unterschätzt, etwa die Wahl des Funkstandards. Daher empfehle ich, bereits beim Gerätekauf auf einen Händler des Vertrauens zu setzen, der beratend begleitet, Fragen beantwortet und Wartungen vornimmt“, so Kodba weiter.

Keine Insellösungen mehr

Die Smart Home-Expertin glaubt, dass sich generell der Trend fortsetzen wird, sich die einzelnen Smart-Home-Produkte unabhängig vom Hersteller ins Heim integrieren zu lassen. Die meisten Anbieter von Smart-Home-Produkten hätten jedoch eingesehen, dass sie bei den Kunden mit „Insellösungen“ nicht mehr punkten können. Immer mehr Unternehmen stimmen deshalb ihre Geräte auf die Funktionen von Alexa, Google Assistant, oder setzen auf offene Standards.

Mehr Einsatzchancen im Smart Home

„Die Vernetzung zwischen den Geräten wird sich stark weiterentwickeln und produktübergreifender werden“, glaubt Kodba. „Die Angebotspalette von Produkten und Lösungen wird sich verbreitern. Schlussendlich sollen alle Bereiche miteinander vernetzt werden. Jene, die das nicht sind, werden in der Entwicklung stehen bleiben. Freuen dürfen sich Smart Home Nutzer auch über die zunehmenden Einsatzmöglichkeiten, die die Verbreitung von Lösungen befeuern. Dazu zählen beispielsweise Funktionen im Bereich Ambient Assisted Living, die Senioren bei der Bewältigung des Alltags helfen. Licht, das sich automatisch einschaltet, wenn man das Bett verlässt, die Benachrichtigung von Angehörigen oder Betreuern, wenn die Haustür geöffnet wird oder der schnelle Blick in die Wohnung via Sicherheitskamera.“

Potential für Senioren

Kodba widerspricht hier auch der gängigen Meinung, dass ein Smart Home nur für die jüngeren Bevölkerungsgruppen ein Thema sei. „Ein Smart Home hilft nicht nur älteren Personen dabei, länger selbstständig in der gewohnten Umgebung wohnen zu können, sondern entlastet auch die Angehörigen. Dass Smart Home nur für Millennials interessant ist, halte ich für ein Klischee; gerade für Senioren gibt es so viel Potential.“

Eine zweite Revolution

Sie sieht auch im „Internet of Things“ (IoT) eine kommende zweite digitalen Revolution. Viele Geräte, die wir heute bereits nutzen, würden in Zukunft neue Möglichkeiten bieten. Beispielsweise im Bereich der Kontextsensitivität, wenn Geräte registrieren, was in ihrer Umgebung passiert. Noch wichtiger sei die Kommunikation mit der Cloud.

Mehr als die Summe von Geräten

„Dies optimiert Prozesse und schafft die Möglichkeit, Smart Home via Apps aus der Ferne zu steuern. Wenn intelligente Geräte im Haushalt zur Verfügung stehen, einander erkennen und untereinander Informationen austauschen, wird Smart Home mehr sein als die Summe seiner Geräte“, sagt Kodba.

Generell lässt sich laut Kodba festhalten, dass innovative Marken profitieren werden. Viele Jahre wurde Smart Home als Hype gehandelt, jetzt streben die vielfältigen Möglichkeiten nach oben, besonders mit dem vernetzten Zuhause Geld zu verdienen. Traditionelle Marktteilnehmer – vom Energieversorger und Versicherer bis hin zum Händler – müssen sicherstellen, dass sie diese Entwicklung nicht verpassen.

Machtverhältnisse neu ordnen

„Das Internet der Dinge hat das Potential, die Machtverhältnisse in nahezu allen Branchen neu zu ordnen. Startups bietet sich plötzlich die Chance, grundlegend in den Markt einzugreifen, obwohl sie keine Branchenexpertise besitzen“ so Kodba weiter. „Der echte Mehrwert liegt im Angebot von Dienstleistungen. Im Frühstadium des Smart Home-Markts wird der größte Umsatz mit dem Verkauf von Geräten erzeugt. Das allein wird aber nicht zum Erfolg führen, denn langfristig werden Dienstleistungen das Geschäft dominieren.“

Smart Home mit Flügeln

Die Sorge, dass mit dem Ende der Pandemie ebenso das Smart Home-Interesse verschwindet, teilt Kodba nicht. „Auch wenn der Lockdown endet und vermehrt geimpft wird, wird es eine Weile dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren“, sagt sie. „Mobiles Arbeiten wird wichtiger werden. Arbeitgeber werden die Effizienzsteigerung dahinter erkennen, etwa verkürzte Arbeitswege. Und mit dieser Entwicklung wird auch das smarte Zuhause sowie die Angebotsbreite in diesem Bereich beflügelt. Außerdem ist klar, die neue Generation wächst mit Smart Home auf – sie wollen dann nicht plötzlich auf diesen Komfort verzichten.“

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Axel Deniz, Geschäftsführer von Bosch Business Innovations, dem Corporate Venture Builder der Bosch Gruppe. (c) Bosch Business Innovations

Axel Deniz war 15 Jahre lang Gründer in Berlin und im Silicon Valley, bevor er auf die Konzernseite wechselte, zunächst zu PricewaterhouseCoopers, wo er unter anderem das Corporate-Venture-Capital-Vehikel verantwortete. Seit rund eineinhalb Jahren baut er Bosch Business Innovations um, den Corporate Venture Builder der Bosch Gruppe. Ende April wurde das neue Setup öffentlich: Rund 200 Millionen Euro stehen zur Verfügung, um bis 2030 neue DeepTech-Startups außerhalb des Bosch-Kerngeschäfts aufzubauen, zum Start in den Feldern medizinische Fernüberwachung und softwaregesteuerte Fertigung.


brutkasten: Bosch hat mit Bosch Ventures einen eigenen VC-Arm und mit Open Bosch ein Venture-Clienting-Programm. Warum braucht es zusätzlich einen Venture Builder?

Axel Deniz: Bosch Ventures ist ein etablierter CVC-Investor mit dem sechsten Fonds, Open Bosch holt externe Startups als Partner herein. Beides ist Outside-in. Die offene Frage ist: Was passiert mit den großen Assets, die im Konzern liegen? Wir haben 80.000 Forscher:innen und Entwickler:innen und die größte IP-Bibliothek Europas, alle 20 Minuten entsteht ein neues Patent. Wer so viel in Forschung und Entwicklung investiert, muss daraus auch etwas machen. Für dieses Inside-out gab es bei Bosch keine gute Lösung. Viele Jahre lang wurde versucht, Mitarbeiter:innen von Bosch zu Intrapreneuren weiterzuentwickeln. Mit überschaubarem Erfolg.

Wie sieht die Lösung jetzt aus?

Die Grundüberlegung: Was ein Konzern sehr gut kann, ist Technologie entwickeln. Worin er oft scheitert, ist Startups bauen. Deshalb muss das raus aus dem Konzern. Ich habe dafür mit meinem Team Fondsvehikel gebaut, die off balance sheet und soweit möglich außerhalb der Konzern-Governance liegen. Für die Gründer:innen gelten weniger Compliance-Vorschriften und Konzernregeln. Was Startups an Konzernen missfällt, ist die Langsamkeit, und dass man es sich zwischendurch anders überlegt. Beide Punkte möchten wir herausdesignen.

Wie ist das konkret strukturiert?

Bosch Business Innovations agiert in Teilen ähnlich wie ein Fund of Funds. Teile des Budgets schneiden wir in mehrere Vehikel nach Regionen wie China oder Afrika oder nach Themen wie Healthcare. In jedes dieser Vehikel holen wir ein am Markt etabliertes Venture Studio als General Partner, das die Startups baut und selbst mitinvestiert. Wir ziehen uns auf die Rolle des Limited Partners zurück und geben Kapital und Technologie hinein. Die Pre-Seed-Runden führen wir über diese Vehikel, geplant sind 50 bis 60 Ausgründungen in den nächsten Jahren. Für die Seed-Runde müssen die Teams dann einen externen Lead-Investor finden, da sind wir Co-Investor. Ab Series A gehen wir nur sehr selektiv mit, die Ventures müssen alleine lebensfähig sein.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Themen aus?

Mit zwei Fragen, abgeleitet aus der Bosch-Strategie. Erstens: Haben wir Technologie, die einem Venture ein, zwei Jahre Vorsprung verschafft? Wenn ich keine Assets von Bosch einlege, mache ich es nicht. Zweitens: Soll es ein Thema jenseits des Kerngeschäfts sein. Ich nenne das „the right amount of too early“. Ein gutes Beispiel ist ein Radar aus dem autonomen Fahren, Spitzentechnologie, die Bosch außerhalb dieses Bereichs nicht anwendet. In einem Healthcare-Startup ermöglicht sie neuartige Anwendungen im Patientenmonitoring.

Die Gründerteams kommen von außen. Warum nicht aus dem Konzern?

Bosch hat 420.000 außergewöhnliche Mitarbeitende weltweit, aber es ist kein Hotbed für Founder-Talent. Viele Menschen kommen, um eine Konzernkarriere zu machen. Meine Hypothese war, ich finde zumindest First-Time-CTOs, weil Bosch eine Engineering Company ist. Aber das ist nur selten so. Also suchen wir meistens Teams von außen, die die Technologie adoptieren und in Produkt und Markt bringen. Beim CEO setzen wir gezielt auf Serial Entrepreneurs, die zwischen zwei Gigs sind, keine First-Time-Founder.

Warum sollten sich erfahrene Gründer:innen ausgerechnet auf einen Konzern einlassen?

Bosch Business Innovations ist bei Gründer:innen noch nicht bekannt. Wir müssen viel Vertrauen aufbauen und nachhaltig beweisen, dass unser Ansatz stimmt. Ich sage immer: backed by Corporate, aber nicht blocked by Corporate. Das Kernversprechen ist der Zugang zur besten HardTech- und DeepTech-Bibliothek, zu Fähigkeiten und Know-how, die ein, zwei Jahre Entwicklung ersparen. Kapital gibt es überall am Markt, das ist kein entscheidender Faktor. Aber wenn ein Founder mit einem Domain-Experten spricht, der seit 30 Jahren im Reinraum Sensoren baut, oder wir sagen, zu dem Thema haben wir noch ein Lab in Shanghai, schau dir das an, dann kommt bei den Gründer:innen das Leuchten in den Augen. Beim Equity verhalten wir uns marktüblich: In der Pre-Seed nehmen wir typischerweise rund 20 Prozent, 80 Prozent bleiben beim Founder-Team. Das muss identisch mit dem sein, was sie bei einer eigenen Gründung bekämen.

Schauen Sie sich dabei auch in Österreich um?

Auf jeden Fall, über verschiedene Netzwerke. Ein österreichisches Venture Studio ist derzeit allerdings nicht in unserem Ökosystem. Da es ein globales Programm ist, arbeiten wir mit großen Studios, die auf mehreren Kontinenten aktiv sind, sonst hätten wir zu viele Partner.

Corporate Venture Builder machen in Europa gerade reihenweise zu. Warum soll es bei Bosch funktionieren?

Es gibt momentan einen Winter, viele sagen, das Format sei tot. Ich glaube, es riecht nur komisch, weil man es immer schlecht gemacht hat. Corporate Venture Building ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Innerhalb einer Konzernlogik kann man keine Ventures bauen. Es geht nur, wenn man sie von Corporate Constraints befreit. Deshalb nenne ich uns den Un-Corporate Venture Builder. Man muss Startups so bauen, wie Startups gebaut werden, in der freien Wildbahn, und das Gute des Konzerns hineingeben und alles Schlechte für sich behalten.

Was ist das Ziel bis 2030?

Ein Portfolio von mindestens 20 Ventures, werthaltig, idealerweise mit M&A-Kandidaten für Bosch darunter. Letzteres ist ein Kann, kein Muss. Und ich habe ein persönliches Motiv: Über das Tal des Todes zwischen Universitätsforschung und Startups wird viel geredet. Aber das Potenzial, das in den Corporates liegt, ist noch größer, und darüber redet kaum jemand. R&D heißt, Geld in Wissen zu verwandeln. Innovation heißt, Wissen in Geld zu verwandeln. Ich will ein Beispiel dafür sein, wie man mit Corporate-IP eine neue Startup-Renaissance in Europa erzeugt.

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