22.09.2025
FROM SCIENCE TO BUSINESS | NACHLESE

Spin-off-Landschaft in Österreich: „Die nächste Zündstufe ist gestartet“

Spin-offs schlagen die Brücke von Forschung zu Wirtschaft – und sind entscheidend für künftigen Wohlstand. In der ersten Folge von From Science to Business zeigt brutkasten, wo Österreich steht und welche Schritte jetzt nötig sind.
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(c) brutkasten

Mit der neuen Serie From Science to Business rückt brutkasten den „Wissenstransfer von Hochschulen in die Wirtschaft“ in den Mittelpunkt. Im Studio-Talk diskutierten Rudolf Dömötör (Direktor WU Entrepreneurship Center & Entrepreneurship Center Network), Tanja Spennlingwimmer (Austria Wirtschaftsservice, Geschäftsfeldleiterin Deep Tech, Innovationsschutz & Entrepreneurship) und Sara Matt (Leiterin Transferstelle Wissenschaft-Wirtschaft-Gesellschaft, Universität Innsbruck) über den Status quo der österreichischen Spin-off-Landschaft. Themen wie Förderinstrumente, Beteiligungsgesellschaften und kulturelle Fragen standen dabei im Vordergrund.

Österreich: stark in Forschung, schwach bei Gründungen

“Österreich ist sehr forschungsstark und es gab und gibt definitiv eine positive Dynamik, aber gleichzeitig gibt es auch noch einiges Potenzial“, sagt Rudolf Dömötör. Mit Verweis auf harte Kennzahlen bringt er die Ausgangslage auf den Punkt: „Bei der F&E-Quote sind wir aktuell Top 3 in der EU, bei Patenten pro Einwohner sogar doppelt so stark wie die USA. Aber wenn es darum geht, unternehmerische Absichten in tatsächliche Gründungen zu übersetzen, sind wir im internationalen Vergleich im hinteren Mittelfeld. Und bei der Verfügbarkeit von Venture Capital sind wir bei den Schlusslichtern.“

Zwar machen akademische Spin-offs laut dem Austrian Startup Monitor 2022 inzwischen rund ein Viertel aller Neugründungen in Österreich aus, doch gemessen am Forschungsoutput hinkt das Land hinterher. Während Deutschland relativ zur Wirtschaftsleistung etwa viermal so viele Hochschul-Spin-offs hervorbringt, bleibt Österreich unter seinen Möglichkeiten.

Strukturelle Entwicklung: Von Transferstellen bis zu Beteiligungsgesellschaften

Seit der Universitätsautonomie in den frühen 2000er-Jahren entstanden an fast allen Hochschulen eigene Transferstellen. Fast zeitgleich entstand das AplusB-Netzwerk mit universitären Inkubatoren. Mitte der 2010er-Jahre brachten die Wissenstransferzentren und neue Entrepreneurship Center wie jenes an der WU Wien zusätzliche Dynamik. Heute sei man an einem Wendepunkt, so Dömötör: „Es ist die nächste Zündstufe gestartet – mit gemeinsamen Spin-off-Leitlinien fast aller Hochschulen und der Gründung eigener Beteiligungsgesellschaften.“

Ein Beispiel dafür ist die WU Wien. Dort bündelt die Beteiligungsgesellschaft WU Ignite Ventures Kapital für Pre-Seed-Investments in universitäre Gründungsteams. „Wir starten mit Tickets ab 25.000 Euro und wollen pro Jahr sechs bis acht Projekte begleiten. Ziel ist es, als erster Investor Geschwindigkeit zu geben und Teams auf die erste größere Runde vorzubereiten“, erklärt Dömötör. Das Modell ist bewusst schlank gehalten, um jungen Gründern schnell Handlungsspielraum zu geben (brutkasten berichtete bereits).

Innsbruck: Von Patenten zur Verwertung

Die Universität Innsbruck hat bereits 2008 eine eigene Beteiligungsgesellschaft gegründet – eine Pionierleistung in Österreich. “Wir haben früh erkannt, dass Ausgründungen oft der einzige Weg sind, neues Wissen in den Markt zu bringen, weil es schlicht noch keinen Markt und somit auch keine Lizenznehmer gibt. Also haben wir uns gesagt: Dann machen wir es selbst“, erzählt Sara Matt.

Seitdem hat die Universität zwischen 30 und 40 Spin-offs begleitet und ist aktuell an rund 25 davon beteiligt. Besonders sichtbar sind die Ausgründungen im Bereich Quantenforschung – mit Startups wie ParityQC oder AQT, die weltweit Maßstäbe setzen.

Die Entwicklung zeigt, wie sich der Fokus verschoben hat: Weg von reinen Patentanmeldungen hin zu gezielter Verwertung. „In unseren Anfängen haben wir möglichst viele Patente angemeldet und dafür Förderungen bekommen. Heute schauen wir sehr bedacht auf die beste Verwertungsoption – ob Lizenz, Ausgründung oder Verkauf“, sagt Matt. Dabei gelte: „Es geht nicht ums schnelle Geld, sondern darum, dass die Forschungsergebnisse auf den Boden kommen. Rund zehn Prozent Beteiligung sind für uns in Ordnung, weil wir dann alle Informationen erhalten und lernen können und im Fall, dass das Spin-off erfolgreich ist, auch am Gewinn partizipieren.“

Förderlandschaft: Vom Proof-of-Concept bis zum Spin-off-Fonds

Einen wichtigen Schub bringen staatliche Förderinstitutionen. „Gerade die letzten zwei Jahre haben eine unglaubliche Dynamik gebracht. Viele Hochschulen wollen ihre Third Mission aktiv vorantreiben – und das ist auch international ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor“, betont Tanja Spennlingwimmer.

Das Austria Wirtschaftsservice (aws) unterstützt akademische Gründungsteams mit Programmen wie Proof-of-Concept, Pre-Seed und Seed-Financing. Zudem wurde 2024 die aws Spin-off-Initiative gestartet. Sie hat laut Eigendefinition das Ziel, ein „starkes Ökosystem für akademische Spin-offs und Spin-ins in Österreich zu etablieren, das den Anforderungen internationaler Risikokapitalgeber:innen entspricht.“ Dafür werden sowohl eine Anschubfinanzierung, um private Investor:innen (Modul 2) anzuziehen, als auch eine Förderung professioneller Ausgründungsstrukturen von Hochschulen (Modul 1) bereitgestellt.

„Wichtig ist dabei, dass die Hochschulen standardisierte Prozesse entwickeln und schnell entscheiden können – Schnelligkeit ist key“, so Spennlingwimmer.

Ergänzt wird die Kette durch FFG Spin-off Fellowships, die Forschenden bis zu 18 Monate finanzierte Zeit geben, ihre Erfindungen zur Gründungsreife zu bringen. Über die AplusB-Zentren (INiTS, Science Park Graz, tech2b, AplusB South West, u.a.) erhalten Teams Coaching, Labors und erste Finanzierung.

Mindset-Frage: Scheitern lernen und Unternehmergeist fördern

Neben Strukturen und Förderprogrammen bleibt die kulturelle Dimension zentral. „Bei uns sagen viele Studierende und auch Forscher:innen noch immer: Gründung ist riskant und Scheitern hat ein zu negatives Image. Dabei ist begleitetes Scheitern das beste Lernprogramm, das man haben kann“, sagt Sara Matt.

Auch Tanja Spennlingwimmer sieht Nachholbedarf: „Ganz wesentlich finde ich das Thema Entrepreneurial Mindset – gerade auch bei den Forscherinnen und Forschern. An den Universitäten passiert das punktuell schon sehr gut, aber da gibt es in Österreich definitiv noch Raum für Verbesserungen.“

Die WU Wien geht hier mit einem dreistufigen Ansatz vor: Awareness schaffen, Skills trainieren und Teams konkret unterstützen. Über Programme wie die Entrepreneurship Avenue, die Skills Academy oder die Startup League schnuppern jährlich hunderte Studierende in Gründungsprozesse hinein. „In unserer Arbeit mit den Studierenden geht es nicht darum, dass alle Gründerinnen oder Gründer werden müssen. Aber wir sind überzeugt, dass gerade das Studium eine wertvolle Zeit ist, um sich mit dieser Karriereoption auseinanderzusetzen“, erklärt Dömötör.

Herausforderungen: Finanzierung und Governance

Trotz aller Fortschritte bleibt die Finanzierung das Nadelöhr. Business Angels sind schwer zu finden, vor allem für Hightech-Spin-offs mit langen Entwicklungszyklen. „Unsere Forscher sind zwar international sehr gut vernetzt, aber in Bereichen wie Quantencomputing war anfangs kaum jemand zu finden, der die Businessmodelle hinter den Erfindungen verstand“, erinnert sich Matt.

Ein weiteres Dauerthema sind Beteiligungen von Universitäten am Cap Table. Investoren fürchten komplizierte Strukturen, Gründer hohe Anteile der Hochschulen. „Wichtiger als die genaue Prozenthöhe ist die Governance. Wenn Unis sich professionell verhalten und in ihren Entscheidungen schnell sind, ist eine Beteiligung kein Hindernis“, sagt Matt. Dömötör ergänzt: „Wir zielen mit Ignite Ventures auf rund fünf Prozent Beteiligung. Das ist fair, standardisiert und international vergleichbar.“

Fazit: Treibstoff für den Wohlstand von morgen

Alle drei Diskutant:innen sind sich einig: Spin-offs sind keine Nebensache, sondern zentrale Treiber von Innovation, Arbeitsplätzen und Wohlstand. „Wir müssen verstehen, dass Investitionen in Innovation kein Luxus sind, sondern die Basis unseres künftigen Wohlstands“, betont Dömötör.

Für die nächsten Jahre erwarten die Expert:innen weitere Zuwächse – sowohl bei den Strukturen (Beteiligungsgesellschaften, Fonds) als auch beim Mindset (Scheiterkultur, neue Metriken für Forscherkarrieren). Matt bringt es auf den Punkt: „Wir haben uns da an internationalen Benchmarks orientiert. Das heißt, wir zielen mit Ignite Ventures auf etwa fünf Prozent Beteiligung ab. Das ist fair, das ist standardisiert und das ist international vergleichbar.“

Damit zeichnet sich ab: Österreich hat die Grundlagen gelegt, nun geht es darum, die nächste Stufe zu zünden – damit aus exzellenter Forschung noch mehr erfolgreiche Unternehmen werden.


Diese Themen werden in „From Science to Business“ behandelt:

Folge 1: Status quo der Spin-offs in ÖsterreichStrukturen, Leistungsvereinbarungen, Beteiligungsgesellschaften und Mindset-Veränderungen an Hochschulen.
Folge 2: Von der Idee zum Patent und Spin-offWie Universitäten und Industrie den Transferpfad gestalten, inkl. IP- und Scouting-Prozesse.
Folge 3: Life Sciences im FokusLange Entwicklungszyklen von Medikamenten, hohe Investitionskosten und wie MedLifeLab und Takeda Spin-offs und Innovationen unterstützen.
Folge 4: Finanzierung von DeepTech-Spin-offsHerausforderungen langer Entwicklungszyklen, Evergreen-Fonds, Co-Investments und Investorensicht.
Folge 5: Kooperationen als ErfolgsfaktorVon der Idee zum globalen Skalieren. Wie Universitäten, Inkubatoren und Industriepartner Innovationen gemeinsam entwickeln.
Folge 6: Gründungsmindset an Hochschulen stärkenBest Practices, Infrastruktur und Anreizsysteme, um mehr Spin-offs bis 2030 zu ermöglichen.

„From Science to Business“ setzen wir gemeinsam mit unseren Partnern AplusB (Academia plus Business), Austria Wirtschaftsservice (aws), MedLifeLab Innovation Hub (Medizinische Universität Innsbruck), Noctua Science Ventures, JKU – LIT Open Innovation Center (Johannes Kepler Universität Linz), OÖ HightechFonds, Spin-off Austria, Takeda, tecnet equity, The Spinoff Factory (Technische Universität Wien), Universität Innsbruck und WU (Wirtschaftsuniversität Wien) um.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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