25.11.2022

Crypto Weekly #81: Binance mit neuem Milliardenfonds – wirklich ein Hoffnungsträger für die Branche?

Diese Woche: Warum in Woche drei nach Bekanntwerden des FTX-Fiaskos neue Enthüllungen über die Pleitebörse nicht mehr schockieren können. Und: Die Branche setzt Hoffnungen auf einen neuen Rettungsfonds von Binance - zu Recht?
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Logo of crypto exchange Binance
Foto: Vadim Artyukhin/Unsplash

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Die Kurstafel:

  • Bitcoin (BTC): 16.570 US-Dollar (-1 % gegenüber Freitagnachmittag der Vorwoche)
  • Ethereum (ETH): 1.200 Dollar (+/-0 %)
  • Cardano (ADA): 0,31 Dollar (-3 %)
  • Solana (SOL): 14 Dollar (+5 %)

?‍♂️ FTX: Warum weitere Enthüllungen zur Pleitebörse nicht mehr schockieren 

Wir sind in Woche drei nach Bekanntwerden des milliardenschweren FTX-Fiaskos. Und Fiasko heißt in diesem Fall: Zuerst massive Liquiditätsprobleme. Dann ein rasch geplatzter Übernahmeversuch durch den schärfsten Konkurrenten Binance. Und dann die Pleite. 

Dazu kommt noch ein mittlerweile abgesetzter CEO, der sich mit dieser Realität offenbar noch nicht ganz abgefunden hat. Und kommunikationstechnisch versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Unterdessen wurde ein Nachfolger eingesetzt, der schon an der Abwicklung des Enron-Bilanzskandals beteiligt war – und der jetzt sagt, er habe “noch nie so ein Versagen von Kontrollstrukturen” erlebt wie bei FTX.

Soweit einmal die Ausgangslage in der Vorwoche. Was ist nun seitdem passiert? Bei FTX selbst zunächst einmal nicht mehr ganz so viel. Aus veröffentlichten Gerichtsunterlagen ging hervor, dass immerhin noch Geldmittel in der Höhe von 1,24 Mrd. Dollar vorhanden sein sollen. Das  neue Team arbeitet im Hintergrund weiter – und auch der abgesetzte CEO und Gründer Sam Bankman-Fried (SBF) macht keine Anstalten, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Nicht nur, dass er weiter auf freiem Fuß ist: Offenbar will er in der kommenden Woche sogar auf der DealBook-Konferenz der New York Times auftreten. 

Viel entscheidender ist aber aktuell eine andere Thematik. Denn dass FTX pleite ist, ist im Wesentlichen eingepreist. Dass jetzt nach und nach grobe Missstände ans Tageslicht kommen werden, ebenfalls. FTX hat Kundengelder an seine Schwesterfirma, das Trading-Unternehmen Alameda, weitergegeben – und die sind dort verschwunden. Das ist bekannt.

Ob dies jetzt aufgrund schiefgelaufener (und wahrscheinlich verantwortungsloser!) Trades passiert ist oder ob Gelder von SBF und anderen Verantwortlichen direkt in die eigene Tasche abgezweigt wurden – das wird alles in den nächsten Monaten und Jahren aufkommen. Aber selbst wenn SBF persönlich 80 Prozent des fehlenden Geldes mit Sportwetten auf die Regionalliga Ost verzockt und sich 20 Prozent bar auszahlen lassen und mit den Geldscheinen kubanische Zigarren angezündet hat: Ja, wäre sicherlich überraschend – aber würde substanziell nicht mehr extrem viel ändern.

? ”Contagion”: Welche Krypto-Unternehmen werden jetzt noch mitgerissen?

Denn die wichtigere Frage ist im Moment: Wer ist aller von der FTX-Pleite noch betroffen? Wen kann das Debakel potenziell noch in den Abgrund reißen? Und potenziell sind das einige – auch große Namen. Das Lending-Unternehmen BlockFi etwa. Dieses war schon im Frühjahr nach dem Zusammenbruch des Terra-Luna-Ökosystems unter Druck geraten. FTX hatte daraufhin eine Kaufoption für das Unternehmen erworben. Schon in der Vorwoche hatte BlockFi Auszahlungen gestoppt – ein Insolvenzantrag könnte bald folgen. 

Dann ist da Genesis. Das vor unter anderem im Broker- und Lending-Business aktive Unternehmen ist ein Urgestein der Branche – und jetzt ebenfalls in Schwierigkeiten. Wie BlockFi hat auch Genesis in seiner Lending-Sparte Auszahlungen gestoppt. Diese Woche berichtete die New York Times, dass das Unternehmen nun eine Investmentbank beauftragt hat, um verschiedene Möglichkeiten zu prüfen – darunter auch eine Insolvenz.

Verschiedenen Berichten zufolge soll das Unternehmen nun zunächst versucht haben, eine Milliarde Dollar von Investoren aufzunehmen. Nachdem sich dies offenbar als unrealistisch erwiesen hat, soll der angepeilte Betrag auf 500 Mio. Dollar reduziert worden sein. Die Erfolgsaussichten sind dennoch unklar.

Genesis selbst ist das eine – aber gerade eben weil es sich hier um ein Urgestein der Branche handelt, hat das Unternehmen viele Verbindungen zu anderen Akteuren. Der Genesis-Mutterkonzern Digital Currency Group (DCG) beispielsweise hat eine Stellungnahme abgegeben, dass man zwar knapp 600 Mio. Dollar an Genesis verliehen habe – dass aber angeblich dennoch keine Insolvenzgefahr bestehe. Doch auch über DCG hinaus stellt sich die Frage: Wer hängt da noch drinnen, wer könnte bei einer Pleite mit in den Abgrund gezogen werden?

Und damit sind wir wieder bei einem altbekannten Stichwort: “Contagion”, die Ansteckungsgefahr im Kryptosektor. Schon nach dem Terra-Luna-Zusammenbruch im Juni machte das Wort die Runde. Damals wurden unter anderem das Lending-Unternehmen Celsius und der Hedgefonds Three Arrows Capital (3AC) zahlungsunfähig. Diese Pleiten waren an sich schon ein Problem – aber ein noch größeres Problem war, dass niemand wusste, welche Akteure potenziell noch betroffen waren. So entstand eine Situation völliger Unsicherheit.

? Binance mit neuem Milliardenfonds – wirklich ein Hoffnungsträger für die Branche?

Ironischerweise war es ausgerechnet FTX-Gründer Sam Bankman-Fried, der sich damals als Retter präsentierte – und über seine Firmen FTX und Alameda Gelder in angeschlagene Unternehmen steckte. FTX hatte seit 2021 insgesamt drei Mal größere Finanzierungsrunde abgeschlossen – und angesichts der vermeintlich gut gefüllten Kassen war von den Rettungsaktionen damals niemand übermäßig überrascht. 

SBF als Retter fällt diesmal aus offensichtlichen Gründen aus. Aber es hat sich schon ein anderer in Stellung gebracht: Binance-Gründer Changpeng Zhao alias CZ. Dieser hatte vor rund drei Wochen den Auslöser für den folgenden FTX-Zusammenbruch geliefert: Mit seiner Ankündigung, seine Bestände an FTX’ eigenem Token FTT zu verkaufen (die Vorgeschichte wurde in Crypto Weekly #79 genauer behandelt). Rund einen Tag stand, wie eingangs bereits erwähnt, sogar eine Übernahme von FTX durch Binance im Raum.

Zu dieser kam es nicht, weil Binance sein Angebot nach einer Prüfung der Bücher zurückzog. Möglicherweise kommen aber andere Unternehmen bald in den Genuss von Investments durch Binance. Bereits vor rund zwei Wochen hatte CZ angekündigt, eine Art “Rettungsfonds” für die Branche aufsetzen zu wollen.

Diese Woche gab Binance nun weitere Details bekannt: Der “Industry Recovery Initiative” benannte Fonds soll zunächst ein Volumen von 1 Mrd. Dollar haben – könnte aber nach Angaben von Binance sogar bis auf das Doppelte erweitert werden, falls mehr Geld benötigt würde. Jedenfalls habe man bisher schon Bewerbungen von rund 150 Unternehmen erhalten, heißt es in der Ankündigung von Binance.

Das Geld für den Fonds kommt nicht nur von Binance selbst, sondern auch von anderen Akteuren aus der Branche. Solche haben nach Angaben von Binance bisher insgesamt rund 50 Mio. Dollar zugesagt. Mit Jump Crypto, Polygon Ventures und Aptos Labs befinden sich auch drei größere Namen darunter. Binance-Chef CZ hat mittlerweile übrigens angekündigt, dass der Fonds möglicherweise auch Assets aus der FTX-Konkursmasse kaufen könnte.

Sind CZ und Binance jetzt also die Hoffnungsträger der Branche? Es mutet noch immer etwas skurril an. Hätte man vor einem Jahr gefragt, ob Binance oder FTX das seriöse Unternehmen sei, hätte sich wohl eine Mehrheit für FTX ausgesprochen. Und dies nicht unbedingt, weil FTX unumstritten war – im Gegenteil, es gab genug Kritik an Bankman-Fried und seinen unterschiedlichen Aktivitäten. Auch und gerade zum Verhältnis zwischen FTX und Alameda, das immer viel Raum für Spekulationen lieferte. 

Aber Binance produzierte über die Jahre noch mehr Kontroversen. Immer wieder geriet die Börse ins Visier der Behörden – gefühlt in allen möglichen Ländern. In den USA gab es mehrfach Untersuchungen verschiedener Behörden aus unterschiedlichen Gründen. Auch in Deutschland, Japan und Großbritannien gab es Probleme. Binance selbst betonte immer, mit sämtlichen Behörden bestmöglich zu kooperieren und bestritt alle Vorwürfe – ein gutes Bild macht es wohl trotzdem nicht.

Auch anderweitig stand Binance in der Kritik: Eine im Juni veröffentlichte investigative Recherche von Reuters kam etwa zum Schluss, dass über die Börse zwischen 2017 und 2021 mindestens 2,35 Mrd. US-Dollar gewachsen sind (auch dies bestreitet Binance). In der Krypto-Szene selbst gibt es unter anderem Kritik am Token BNB (früher Binance Coin), weil dieser keineswegs dezentral, sondern im Wesentlichen von Binance kontrolliert sei. Und diese Aufzählung an Kritikpunkten ist alles andere als vollständig. 

Was heißt das also alles für die Branche? Mit Sam Bankman-Fried ist ausgerechnet derjenige, der sich noch vor wenigen Monaten als großer Retter der Branche positioniert hatte, tief gefallen. Sollte dies also nicht für mehr Skepsis sorgen, wenn eine andere Kryptobörse, die auch nicht gerade für unglaubliche Transparenz bekannt ist, nun Ähnliches vorhat? Die Antwort darauf lautet: Ja, natürlich. 

Die Realität ist aber auch: Es gibt derzeit wenige andere Möglichkeiten. Krypto-Unternehmen in Schieflage müssen nehmen, was sie bekommen. Bestes Beispiel dafür war FTX selbst: Man kann davon ausgehen, dass der zwischenzeitlich geplante Notverkauf an den Rivalen Binance so ziemlich die letzte einigermaßen realistische Option gewesen ist, die Bankman-Fried sah.


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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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