25.11.2022

Crypto Weekly #81: Binance mit neuem Milliardenfonds – wirklich ein Hoffnungsträger für die Branche?

Diese Woche: Warum in Woche drei nach Bekanntwerden des FTX-Fiaskos neue Enthüllungen über die Pleitebörse nicht mehr schockieren können. Und: Die Branche setzt Hoffnungen auf einen neuen Rettungsfonds von Binance - zu Recht?
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Logo of crypto exchange Binance
Foto: Vadim Artyukhin/Unsplash

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Die Kurstafel:

  • Bitcoin (BTC): 16.570 US-Dollar (-1 % gegenüber Freitagnachmittag der Vorwoche)
  • Ethereum (ETH): 1.200 Dollar (+/-0 %)
  • Cardano (ADA): 0,31 Dollar (-3 %)
  • Solana (SOL): 14 Dollar (+5 %)

?‍♂️ FTX: Warum weitere Enthüllungen zur Pleitebörse nicht mehr schockieren 

Wir sind in Woche drei nach Bekanntwerden des milliardenschweren FTX-Fiaskos. Und Fiasko heißt in diesem Fall: Zuerst massive Liquiditätsprobleme. Dann ein rasch geplatzter Übernahmeversuch durch den schärfsten Konkurrenten Binance. Und dann die Pleite. 

Dazu kommt noch ein mittlerweile abgesetzter CEO, der sich mit dieser Realität offenbar noch nicht ganz abgefunden hat. Und kommunikationstechnisch versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Unterdessen wurde ein Nachfolger eingesetzt, der schon an der Abwicklung des Enron-Bilanzskandals beteiligt war – und der jetzt sagt, er habe “noch nie so ein Versagen von Kontrollstrukturen” erlebt wie bei FTX.

Soweit einmal die Ausgangslage in der Vorwoche. Was ist nun seitdem passiert? Bei FTX selbst zunächst einmal nicht mehr ganz so viel. Aus veröffentlichten Gerichtsunterlagen ging hervor, dass immerhin noch Geldmittel in der Höhe von 1,24 Mrd. Dollar vorhanden sein sollen. Das  neue Team arbeitet im Hintergrund weiter – und auch der abgesetzte CEO und Gründer Sam Bankman-Fried (SBF) macht keine Anstalten, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Nicht nur, dass er weiter auf freiem Fuß ist: Offenbar will er in der kommenden Woche sogar auf der DealBook-Konferenz der New York Times auftreten. 

Viel entscheidender ist aber aktuell eine andere Thematik. Denn dass FTX pleite ist, ist im Wesentlichen eingepreist. Dass jetzt nach und nach grobe Missstände ans Tageslicht kommen werden, ebenfalls. FTX hat Kundengelder an seine Schwesterfirma, das Trading-Unternehmen Alameda, weitergegeben – und die sind dort verschwunden. Das ist bekannt.

Ob dies jetzt aufgrund schiefgelaufener (und wahrscheinlich verantwortungsloser!) Trades passiert ist oder ob Gelder von SBF und anderen Verantwortlichen direkt in die eigene Tasche abgezweigt wurden – das wird alles in den nächsten Monaten und Jahren aufkommen. Aber selbst wenn SBF persönlich 80 Prozent des fehlenden Geldes mit Sportwetten auf die Regionalliga Ost verzockt und sich 20 Prozent bar auszahlen lassen und mit den Geldscheinen kubanische Zigarren angezündet hat: Ja, wäre sicherlich überraschend – aber würde substanziell nicht mehr extrem viel ändern.

? ”Contagion”: Welche Krypto-Unternehmen werden jetzt noch mitgerissen?

Denn die wichtigere Frage ist im Moment: Wer ist aller von der FTX-Pleite noch betroffen? Wen kann das Debakel potenziell noch in den Abgrund reißen? Und potenziell sind das einige – auch große Namen. Das Lending-Unternehmen BlockFi etwa. Dieses war schon im Frühjahr nach dem Zusammenbruch des Terra-Luna-Ökosystems unter Druck geraten. FTX hatte daraufhin eine Kaufoption für das Unternehmen erworben. Schon in der Vorwoche hatte BlockFi Auszahlungen gestoppt – ein Insolvenzantrag könnte bald folgen. 

Dann ist da Genesis. Das vor unter anderem im Broker- und Lending-Business aktive Unternehmen ist ein Urgestein der Branche – und jetzt ebenfalls in Schwierigkeiten. Wie BlockFi hat auch Genesis in seiner Lending-Sparte Auszahlungen gestoppt. Diese Woche berichtete die New York Times, dass das Unternehmen nun eine Investmentbank beauftragt hat, um verschiedene Möglichkeiten zu prüfen – darunter auch eine Insolvenz.

Verschiedenen Berichten zufolge soll das Unternehmen nun zunächst versucht haben, eine Milliarde Dollar von Investoren aufzunehmen. Nachdem sich dies offenbar als unrealistisch erwiesen hat, soll der angepeilte Betrag auf 500 Mio. Dollar reduziert worden sein. Die Erfolgsaussichten sind dennoch unklar.

Genesis selbst ist das eine – aber gerade eben weil es sich hier um ein Urgestein der Branche handelt, hat das Unternehmen viele Verbindungen zu anderen Akteuren. Der Genesis-Mutterkonzern Digital Currency Group (DCG) beispielsweise hat eine Stellungnahme abgegeben, dass man zwar knapp 600 Mio. Dollar an Genesis verliehen habe – dass aber angeblich dennoch keine Insolvenzgefahr bestehe. Doch auch über DCG hinaus stellt sich die Frage: Wer hängt da noch drinnen, wer könnte bei einer Pleite mit in den Abgrund gezogen werden?

Und damit sind wir wieder bei einem altbekannten Stichwort: “Contagion”, die Ansteckungsgefahr im Kryptosektor. Schon nach dem Terra-Luna-Zusammenbruch im Juni machte das Wort die Runde. Damals wurden unter anderem das Lending-Unternehmen Celsius und der Hedgefonds Three Arrows Capital (3AC) zahlungsunfähig. Diese Pleiten waren an sich schon ein Problem – aber ein noch größeres Problem war, dass niemand wusste, welche Akteure potenziell noch betroffen waren. So entstand eine Situation völliger Unsicherheit.

? Binance mit neuem Milliardenfonds – wirklich ein Hoffnungsträger für die Branche?

Ironischerweise war es ausgerechnet FTX-Gründer Sam Bankman-Fried, der sich damals als Retter präsentierte – und über seine Firmen FTX und Alameda Gelder in angeschlagene Unternehmen steckte. FTX hatte seit 2021 insgesamt drei Mal größere Finanzierungsrunde abgeschlossen – und angesichts der vermeintlich gut gefüllten Kassen war von den Rettungsaktionen damals niemand übermäßig überrascht. 

SBF als Retter fällt diesmal aus offensichtlichen Gründen aus. Aber es hat sich schon ein anderer in Stellung gebracht: Binance-Gründer Changpeng Zhao alias CZ. Dieser hatte vor rund drei Wochen den Auslöser für den folgenden FTX-Zusammenbruch geliefert: Mit seiner Ankündigung, seine Bestände an FTX’ eigenem Token FTT zu verkaufen (die Vorgeschichte wurde in Crypto Weekly #79 genauer behandelt). Rund einen Tag stand, wie eingangs bereits erwähnt, sogar eine Übernahme von FTX durch Binance im Raum.

Zu dieser kam es nicht, weil Binance sein Angebot nach einer Prüfung der Bücher zurückzog. Möglicherweise kommen aber andere Unternehmen bald in den Genuss von Investments durch Binance. Bereits vor rund zwei Wochen hatte CZ angekündigt, eine Art “Rettungsfonds” für die Branche aufsetzen zu wollen.

Diese Woche gab Binance nun weitere Details bekannt: Der “Industry Recovery Initiative” benannte Fonds soll zunächst ein Volumen von 1 Mrd. Dollar haben – könnte aber nach Angaben von Binance sogar bis auf das Doppelte erweitert werden, falls mehr Geld benötigt würde. Jedenfalls habe man bisher schon Bewerbungen von rund 150 Unternehmen erhalten, heißt es in der Ankündigung von Binance.

Das Geld für den Fonds kommt nicht nur von Binance selbst, sondern auch von anderen Akteuren aus der Branche. Solche haben nach Angaben von Binance bisher insgesamt rund 50 Mio. Dollar zugesagt. Mit Jump Crypto, Polygon Ventures und Aptos Labs befinden sich auch drei größere Namen darunter. Binance-Chef CZ hat mittlerweile übrigens angekündigt, dass der Fonds möglicherweise auch Assets aus der FTX-Konkursmasse kaufen könnte.

Sind CZ und Binance jetzt also die Hoffnungsträger der Branche? Es mutet noch immer etwas skurril an. Hätte man vor einem Jahr gefragt, ob Binance oder FTX das seriöse Unternehmen sei, hätte sich wohl eine Mehrheit für FTX ausgesprochen. Und dies nicht unbedingt, weil FTX unumstritten war – im Gegenteil, es gab genug Kritik an Bankman-Fried und seinen unterschiedlichen Aktivitäten. Auch und gerade zum Verhältnis zwischen FTX und Alameda, das immer viel Raum für Spekulationen lieferte. 

Aber Binance produzierte über die Jahre noch mehr Kontroversen. Immer wieder geriet die Börse ins Visier der Behörden – gefühlt in allen möglichen Ländern. In den USA gab es mehrfach Untersuchungen verschiedener Behörden aus unterschiedlichen Gründen. Auch in Deutschland, Japan und Großbritannien gab es Probleme. Binance selbst betonte immer, mit sämtlichen Behörden bestmöglich zu kooperieren und bestritt alle Vorwürfe – ein gutes Bild macht es wohl trotzdem nicht.

Auch anderweitig stand Binance in der Kritik: Eine im Juni veröffentlichte investigative Recherche von Reuters kam etwa zum Schluss, dass über die Börse zwischen 2017 und 2021 mindestens 2,35 Mrd. US-Dollar gewachsen sind (auch dies bestreitet Binance). In der Krypto-Szene selbst gibt es unter anderem Kritik am Token BNB (früher Binance Coin), weil dieser keineswegs dezentral, sondern im Wesentlichen von Binance kontrolliert sei. Und diese Aufzählung an Kritikpunkten ist alles andere als vollständig. 

Was heißt das also alles für die Branche? Mit Sam Bankman-Fried ist ausgerechnet derjenige, der sich noch vor wenigen Monaten als großer Retter der Branche positioniert hatte, tief gefallen. Sollte dies also nicht für mehr Skepsis sorgen, wenn eine andere Kryptobörse, die auch nicht gerade für unglaubliche Transparenz bekannt ist, nun Ähnliches vorhat? Die Antwort darauf lautet: Ja, natürlich. 

Die Realität ist aber auch: Es gibt derzeit wenige andere Möglichkeiten. Krypto-Unternehmen in Schieflage müssen nehmen, was sie bekommen. Bestes Beispiel dafür war FTX selbst: Man kann davon ausgehen, dass der zwischenzeitlich geplante Notverkauf an den Rivalen Binance so ziemlich die letzte einigermaßen realistische Option gewesen ist, die Bankman-Fried sah.


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Mitarbeiterbeteiligung - Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu
Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu

Transkribus ist eine KI-Plattform, die historische Handschriften automatisch erkennt. Entstanden ist sie an der Universität Innsbruck, heute ist sie als Europäische Genossenschaft organisiert und wird weltweit von Archiven und Forschenden genutzt. Ein Paradebeispiel für ein akademisches Spinoff, nur eben keines aus der Technik, sondern aus den Geisteswissenschaften. Genau solche Gründungen will ein neuer Ausgründungsrahmen künftig systematisch ermöglichen.

„SHAPE Austria“ wurde im Rahmen der ECN-Konferenz von Werner Wutscher (New Venture Scouting) und Sektionschef Elmar Pichl vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) vorgestellt. SHAPE steht für Social Sciences, Humanities and the Arts for People and the Economy. Der Bericht ergänzt den Ausgründungsrahmen von 2024, der den Hochschulen erstmals einheitliche Standards für Spinoffs vorgab. „Da war der klare Fokus auf skalierbare, technologieorientierte Startups. Die Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Künste sind zu kurz gekommen“, sagt Wutscher. Das Ministerium habe den Rahmen komplettieren wollen.

27 Institutionen in der Arbeitsgruppe

Erarbeitet wurde der Bericht von November 2025 bis Juni 2026 mit einer Arbeitsgruppe aus 27 Institutionen, darunter 16 Hochschulen von der Universität Wien über das Mozarteum bis zur Kunstuniversität Linz. Dazu kamen Interviews mit 16 Einrichtungen, die bereits weiter sind, etwa dem britischen ARC Accelerator, der Erasmus University Rotterdam oder der Universität Köln.

Das Ergebnis sind elf Empfehlungen, sechs an die Leitungsebene der Hochschulen, fünf an Transferstellen und Career Center. „Um auch strategische Themen zu diskutieren, braucht man unbedingt auch die Leitungsebene, also die Rektorate für diese Diskussionen“, so Wutscher.

Andere Sprache, andere Strukturen

Der zentrale Befund: Gründungen aus diesen Disziplinen folgen einer anderen Logik. Sie entstehen selten aus einer Marktchance, sondern aus einem gesellschaftlichen Problem. Im Bericht ist von „Reluctant Founders“ die Rede, Menschen, die nicht primär ein Unternehmen aufbauen, sondern etwas verändern wollen. „Du musst sehr stark über die Wirkung reden, über den Impact reden, um die dann gut abzuholen“, sagt Wutscher. Empfohlen wird ein „Prinzip der Zweisprachigkeit“: nach innen Wirkungssprache, nach außen klassische Startup-Begriffe, damit Finanzierung und Netzwerke nicht verschlossen bleiben. Statt von Kund:innen spricht man dann von Audiences.

Strukturell sind SHAPE-Gründungen meist günstiger und schneller als Tech-Spinoffs: kein Labor, kein Patentierungsprozess, kürzere Validierungszyklen. Dafür braucht es niederschwellige, mehrstufige Begleitung und offene Rechtsformen. Statt der GmbH kann auch ein Verein, eine Genossenschaft oder ein Hybridmodell passen. „Wenn du einen Verein gründest, um Gesundheitspolitik zu promoten, brauchst du kein Labor“, so Wutscher.

Soft IP statt Patente

Ein eigener Schwerpunkt gilt dem geistigen Eigentum. Wo keine Patente entstehen, sondern Urheberrecht, Software, Daten oder Know-how, greifen die üblichen IP-Richtlinien nicht. Der Bericht empfiehlt getrennte Regeln für Hard und Soft IP mit deutlich günstigeren Konditionen und nennt als Benchmark die University of Bristol: 20 Prozent Beteiligung bei patentbasierten Spinoffs, fünf Prozent bei „IP light“, null Prozent ohne verwertbares IP. Leitprinzip: so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig, inklusive Creative-Commons- und Open-Source-Lizenzen.

Weil die Wirkung im Vordergrund steht, sollen Hochschulen auch nicht auf Lizenzeinnahmen hoffen, sondern Impact messen. Anlage 1 des Berichts liefert dafür beispielhafte Indikatoren, von erreichten Nutzer:innen bis zu Impact Case Studies.

Netzwerk und gemeinsames Programm

Weil die Pipelines einzelner Hochschulen klein sind, empfiehlt der Bericht ein österreichweites SHAPE-Netzwerk nach dem Vorbild des britischen Aspect Network und ein gemeinsames Frühphasenprogramm, angedockt an bestehende Strukturen wie AplusB, ECN oder die Ludwig Boltzmann Gesellschaft. New Venture Scouting koordiniert dafür ein Jahr lang Quartalstreffen der Arbeitsgruppe. Dazu kommt die Forderung, Transfer und Gründung in Berufungen und Evaluierungen anzuerkennen, im Sinne der CoARA-Initiative, die von rein publikationsbasierten Metriken abrücken will.

Die Beispiele in Anlage 2 reichen von ArtWave, einem Startup zweier Opernsängerinnen für Stressreduktion und Burnout-Prävention, über die Praxissoftware freudio für Psychotherapeut:innen bis zur Kärntner Freiwilligenplattform inmojo. „Wir haben noch sehr wenige. Deswegen haben wir den Ausgründungsrahmen um Success Stories ergänzt, damit sich die Leute das vorstellen können“, sagt Wutscher.

„Da wären wir mit vorne dabei“

Für Wutscher ist der Zeitpunkt entscheidend: Die großen Fragen rund um KI, Ethik oder Medizin bräuchten interdisziplinäre Teams. Und beim SHAPE-Thema stehe ganz Europa noch am Anfang. „Deswegen wäre das jetzt so spannend, wenn wir das jetzt starten könnten. Da wären wir mit vorne dabei.“

Bleibt der Haken: das neue Universitätsbudget. Wutscher, der auch Vorsitzender des Universitätsrats der Universität Klagenfurt ist, nennt die Kürzungen einen „massiven Dämpfer“. Die große Herausforderung sei, „dass diese Einsparungen nicht dazu führen, dass Innovation und das Neue gedrosselt werden“. Gerade bei Entrepreneurship-Aktivitäten sei die Entwicklung zuletzt nach oben gegangen: Österreichweit gebe es mittlerweile 31 Forschungs-Spinoffs, 2024 waren es noch 25.

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