26.05.2026
INTERVIEW

Wiener Unicorn-Gründer Yat Siu: „Europa läuft Gefahr, dollar-kolonisiert zu werden“

Mit Animoca Brands hat der Wiener Yat Siu in Hong Kong ein Milliardenunternehmen rund um Gaming und Web3 geschaffen. Am International Blockchain Day Vienna der Digital Asset Association Austria (DAAA) im Rahmen der ViennaUp sprachen wir mit Siu über Wien als Krypto-Standort, die EU und den zukünftigen Einsatz von Blockchain und Stablecoins.
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Yat Siu, Gründer von Animoca Brands | (c) brutkasten / Dominik Perlaki
Yat Siu, Gründer von Animoca Brands | (c) brutkasten / Dominik Perlaki

Es gibt sie schon eine ganze Zeit lang, über viele Jahre hinweg waren sie aber primär ein nützliches Hilfsmittel im Krypto-Trading: Stablecoins. Das ändert sich aktuell massiv. Die Blockchain-basierten Äquivalente zu etablierten Währungen, allen voran dem US-Dollar, halten gerade Einzug in der klassischen Finanzwelt – brutkasten berichtete etwa über ein internationales Konsortium, dem auch die heimische Raiffeisen Bank International angehört.

Auch am International Blockchain Day der im Rahmen des Global Digital Asset Forum Vienna der Digital Asset Association Austria (DAAA) im Zuge der ViennaUp stattfand, waren Stablecoins eines der großen Themen. Insights dazu gab es unter anderem von Vertreterinnen des Kreditkartenriesen Visa und der US-Großbank JPMorgan Chase.

Beim International Blockchain Day trafen wir auch Yat Siu zum Interview. Der Wiener baute mit Animoca Brands in Hong Kong ein Milliardenunternehmen rund um Gaming und Web3 auf – brutkasten berichtete bereits ausführlich. Im Interview sprachen wir mit ihm über eine drohende „Kolonisierung“ Europas mit Dollar-Stablecoins, den zukünftigen Einsatz von Stablecoins und Blockchain in einer Welt der AI-Agents, über Wien als Krypto-Standort und die Krypto-Politik der EU rund um die MiCA-Regulierung.


brutkasten: Was bringt dich nach Wien? Worüber sprichst du hier beim Event?

Yat Siu: Ich war schon für die Vienna Blockchain Week hier und wurde eingeladen. Da ich in Wien aufgewachsen bin, war das natürlich eine gute Ausrede, um wieder nach Wien zu kommen. Zusätzlich habe ich hier Leute aus der Politik, dem Business und auch von Banken getroffen, um Introductions zu machen und zu verstehen, wo der Markt aktuell steht. Österreich und Wien ganz besonders sind jetzt viel offener für Krypto. Die FMA (Anm. Österreichische Finanzmarktaufsicht) hat ja verschiedene Kryptofirmen lizenziert. Wir sind selbst keine Kryptobörse, daher betrifft uns das nicht per se, aber dass Bybit und andere Firmen nun hierherkommen (brutkasten berichtete), ist auch für uns sehr interessant. Es war also ein bisschen eine Forschungsreise, gepaart mit gutem Wetter und gutem Essen.

Du hast jetzt etwas angeteasert. Ist Österreich als Markt bzw. Standort für dein Unternehmen auch spannend?

Das könnte sein, das ist ein Teil meiner Forschungsreise hier. Unser europäisches Hauptquartier war ja bisher London, aber London ist technisch gesehen nicht mehr Europa. Wir sind also auf der Suche nach einem Ort für unseren Europa-Sitz. Deutschland war immer ein Thema, aber Deutschland ist leider politisch und businessmäßig momentan nicht so freundlich – nicht nur im Kryptobereich, sondern ganz generell. Dann gibt es natürlich die Schweiz mit Zug und Zürich. Das ist eine tolle Stadt, aber auch sehr institutionell geprägt. Das macht für bestimmte Sachen Sinn, ist dann aber vielleicht nicht ganz so dynamisch. Für die DACH-Region ist Wien sehr geeignet.

Wir sind natürlich auch in Frankreich, in Italien und in Spanien aktiv, aber wir überlegen, wo ein gutes Hauptquartier für Europa wäre, das auch noch mehr Krypto-Leute anzieht. Ich war gerade auch bei einem Vortrag an der WU Wien und die Studenten dort waren sehr aktiv und interessiert. Ich glaube, Wien hat schon das Zeug dazu, nicht nur ein Crypto Capital, sondern eventuell auch eine Entrepreneurial Capital zu sein. Es muss sich in der breiten Masse vielleicht nur die Attitude zu Geld und Unternehmertum ein bisschen ändern.

Die bekannte Mindset-Frage…

Genau. Aber vielleicht ist das eine Rolle, die auch wir spielen können. Denn wir können vielleicht offener über Geld reden, als die Alteingesessenen.

Wir haben heute bei der Konferenz schon einiges über die EU als Digital Asset Standort und die MiCA-Regulierung gehört. Wie beurteilst du Europa im Vergleich zu deinem Heimatmarkt?

Um es kurz zu machen: Die MiCA-Regulierung ist eigentlich ziemlich gut. Sie ist eine der ersten weltweit, wir sind da also schon sehr fortschrittlich. Das Problem ist jedoch, dass die Unterstützung in der Praxis nicht existiert. Man kann Regulierung haben, aber wenn die Banken und die Zentralbank das nicht unterstützen – was im Moment oft der Fall ist –, dann ist es schwierig.

Ich glaube, ein Teil des Problems in Europa ist, dass sie gerne eine CBDC (Anm. Central Bank Digital Currency / digitale Zentralbankwährung) haben wollen, aber niemand diese eigentlich möchte. Weltweit funktionieren CBDCs nicht. Man müsste völlig neue Infrastrukturen bauen. Dabei bietet die Blockchain die Liquidität und die Use Cases bereits. Alles ist schon da – warum muss man das neu bauen? Natürlich geht es dabei um Kontrolle, aber das macht alles schwerer.

In der Zwischenzeit macht Amerika ganz stark mit Stablecoins weiter. Ein Stablecoin ist eine offene, freie und zulassungsfreie Art von „Programmable Money“. Eine CBDC ist das nicht. Sie ist in diesem Sinne nicht programmierbar und man kann keine neuen innovativen Sachen darauf aufbauen. Es ist eigentlich ein relativ primitives Objekt im Vergleich zu Stablecoins. Man konkurriert hier – um einen Vergleich zu ziehen – wie mit einem alten Volkswagen gegen einen Ferrari. Wenn beide den selben Preis haben, nehme ich natürlich das Bessere.

Wie wird sich das auswirken?

Amerika pusht extrem bei Stablecoins. Das ist politisch betrachtet auch eine Methode, die Welt mit dem Dollar zu kolonisieren. Es gibt jetzt weltweit über 300 Millionen Menschen, die Stablecoins haben. In Regionen wie Südamerika, Afrika und Südostasien wächst eine Generation mit dem Dollar als Hauptwährung auf. In zehn oder 20 Jahren wird das dort die einzige Währung sein. Da stellt sich die Frage: Warum braucht man dann noch die lokale Währung? Das heißt, der steuerbare Markt für die Amerikaner hat sich verdoppelt und wird sich vervierfachen, wenn die ganze Welt den Dollar verwendet.

Europa läuft Gefahr, genauso dollar-kolonisiert zu werden, wie wir im Moment technologisch kolonisiert sind. Das große Thema in Europa ist jetzt „Digitale Souveränität“. Aber digitale Souveränität dreht sich nicht nur um Software oder KI, sondern auch um Geld. Geld ist vielleicht das Wichtigste für Souveränität, und wenn das digitale Geld in Europa nicht als Euro-Stablecoin gefördert wird, dann verliert man diese. Ich glaube, das ist die wahre Gefahr für Europa.

Es gibt aber durchaus Initiativen von etablierten Finanzinstitutionen, beispielsweise in Österreich von der Raiffeisen Bank International, die einen Euro-Stablecoin aufbauen wollen. Wie beurteilst du die Chancen dafür?

Ich hoffe, dass sie Erfolg haben. Es ist ein Konsortium von über 20 Banken. Genau das ist aber die Stärke und die Schwäche zugleich. Die Stärke ist natürlich, dass man sich in einer großen Allianz befindet. Die Schwäche ist, dass sich alle erst auf alles einigen müssen. Das ist ein bisschen wie die EU selbst: Die Stärke und die Schwäche der EU ist, dass immer alle zustimmen müssen, während der Markt in der Zwischenzeit superschnell weiterläuft. Ich gebe dem Projekt gute Chancen, aber das Risiko besteht, weil es eben eine Allianz ist, in der man erst einen Konsens aufbauen muss, dass der Stablecoin buchstäblich einfach nur wie eine weitere EU-Struktur wird.

Abschließend: Wo siehst du in den nächsten Jahren die allergrößten Entwicklungen? Was sind aus deiner Sicht die ganz großen Themen?

Eines der wichtigsten Themen ist die Entwicklung von KI-Agenten. Wir sind der Meinung, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren mindestens über 100 Milliarden KI-Agenten geben wird, die überall im Internet Aufgaben übernehmen. Diese Agenten brauchen ein Blockchain-Wallet, denn ein KI-Agent bekommt kein traditionelles Bankkonto. Genau hier ist Krypto-Technologie wirklich notwendig. Das fängt mit Stablecoins an, geht dann aber auch um andere tokenisierbare Assets.

Zweitens wird sich durch KI-Agenten das gesamte Web total verändern. Auch die Art, wie wir Leute kennenlernen, etwa die Dating-Szene, wird sich ändern. Man wird seinem KI-Agenten einfach sagen: „Ich suche jemanden.“ Ein anderer sucht ebenfalls, und die Agenten verhandeln dann miteinander. In China, in Shanghai zum Beispiel, gehen heute noch die Eltern auf die Straße und treffen andere Eltern, um nach Ehe-Kandidaten für ihre Kinder zu suchen. Der KI-Agent ist der perfekte Vermittler, weil man Dinge teilen und abfragen kann, die einem persönlich vielleicht ein bisschen peinlich wären. In Südkorea ist es beispielsweise sehr gewöhnlich, dass die Frau schon beim zweiten Date fragt: „Wie viel Geld verdienst du?“. Das ist in Europa nicht typisch, aber es ist eine Frage, die jeder im Hinterkopf hat. Ein KI-Agent muss nicht genau die Summe nennen oder ein Bankkonto zeigen, aber mit der Blockchain und Zero-Knowledge-Proofs kann man beweisen, dass jemand zumindest in einer bestimmten Einkommensstufe ist.

Außerdem sehe ich einen Wandel bei der „Attention Economy“, die ja im Kern eine Transaktion mit Werbung ist. Diese soll dieses Jahr 950 Milliarden Dollar umfassen, also fast eine Billion. Wir denken, dass sich das in eine Art „Invocation Economy“ verwandeln wird, wo die Leute einfach direkt für Dienste bezahlen. Man bezahlt dann nicht mehr indirekt mit Werbegeld, sondern zahlt einen Bruchteil eines Cents via Micropayments. Diese Micropayments können nur durch die Blockchain passieren. Das funktioniert nicht mit Mastercard oder Visa und 2,5 Prozent Gebühren. Wenn man eine oder fünf Transaktionen am Tag macht, geht das. Aber wenn ein KI-Agent 1.000 Transaktionen in der Stunde für kleine Aufgaben für einen Mikro-Cent macht, dann müssen die Kosten fast null sein. Und genau das ist natürlich der entscheidende Vorteil der Blockchain-Technologie.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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