26.05.2026
INTERVIEW

Wiener Unicorn-Gründer Yat Siu: „Europa läuft Gefahr, dollar-kolonisiert zu werden“

Mit Animoca Brands hat der Wiener Yat Siu in Hong Kong ein Milliardenunternehmen rund um Gaming und Web3 geschaffen. Am International Blockchain Day Vienna der Digital Asset Association Austria (DAAA) im Rahmen der ViennaUp sprachen wir mit Siu über Wien als Krypto-Standort, die EU und den zukünftigen Einsatz von Blockchain und Stablecoins.
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Yat Siu, Gründer von Animoca Brands | (c) brutkasten / Dominik Perlaki
Yat Siu, Gründer von Animoca Brands | (c) brutkasten / Dominik Perlaki

Es gibt sie schon eine ganze Zeit lang, über viele Jahre hinweg waren sie aber primär ein nützliches Hilfsmittel im Krypto-Trading: Stablecoins. Das ändert sich aktuell massiv. Die Blockchain-basierten Äquivalente zu etablierten Währungen, allen voran dem US-Dollar, halten gerade Einzug in der klassischen Finanzwelt – brutkasten berichtete etwa über ein internationales Konsortium, dem auch die heimische Raiffeisen Bank International angehört.

Auch am International Blockchain Day der im Rahmen des Global Digital Asset Forum Vienna der Digital Asset Association Austria (DAAA) im Zuge der ViennaUp stattfand, waren Stablecoins eines der großen Themen. Insights dazu gab es unter anderem von Vertreterinnen des Kreditkartenriesen Visa und der US-Großbank JPMorgan Chase.

Beim International Blockchain Day trafen wir auch Yat Siu zum Interview. Der Wiener baute mit Animoca Brands in Hong Kong ein Milliardenunternehmen rund um Gaming und Web3 auf – brutkasten berichtete bereits ausführlich. Im Interview sprachen wir mit ihm über eine drohende „Kolonisierung“ Europas mit Dollar-Stablecoins, den zukünftigen Einsatz von Stablecoins und Blockchain in einer Welt der AI-Agents, über Wien als Krypto-Standort und die Krypto-Politik der EU rund um die MiCA-Regulierung.


brutkasten: Was bringt dich nach Wien? Worüber sprichst du hier beim Event?

Yat Siu: Ich war schon für die Vienna Blockchain Week hier und wurde eingeladen. Da ich in Wien aufgewachsen bin, war das natürlich eine gute Ausrede, um wieder nach Wien zu kommen. Zusätzlich habe ich hier Leute aus der Politik, dem Business und auch von Banken getroffen, um Introductions zu machen und zu verstehen, wo der Markt aktuell steht. Österreich und Wien ganz besonders sind jetzt viel offener für Krypto. Die FMA (Anm. Österreichische Finanzmarktaufsicht) hat ja verschiedene Kryptofirmen lizenziert. Wir sind selbst keine Kryptobörse, daher betrifft uns das nicht per se, aber dass Bybit und andere Firmen nun hierherkommen (brutkasten berichtete), ist auch für uns sehr interessant. Es war also ein bisschen eine Forschungsreise, gepaart mit gutem Wetter und gutem Essen.

Du hast jetzt etwas angeteasert. Ist Österreich als Markt bzw. Standort für dein Unternehmen auch spannend?

Das könnte sein, das ist ein Teil meiner Forschungsreise hier. Unser europäisches Hauptquartier war ja bisher London, aber London ist technisch gesehen nicht mehr Europa. Wir sind also auf der Suche nach einem Ort für unseren Europa-Sitz. Deutschland war immer ein Thema, aber Deutschland ist leider politisch und businessmäßig momentan nicht so freundlich – nicht nur im Kryptobereich, sondern ganz generell. Dann gibt es natürlich die Schweiz mit Zug und Zürich. Das ist eine tolle Stadt, aber auch sehr institutionell geprägt. Das macht für bestimmte Sachen Sinn, ist dann aber vielleicht nicht ganz so dynamisch. Für die DACH-Region ist Wien sehr geeignet.

Wir sind natürlich auch in Frankreich, in Italien und in Spanien aktiv, aber wir überlegen, wo ein gutes Hauptquartier für Europa wäre, das auch noch mehr Krypto-Leute anzieht. Ich war gerade auch bei einem Vortrag an der WU Wien und die Studenten dort waren sehr aktiv und interessiert. Ich glaube, Wien hat schon das Zeug dazu, nicht nur ein Crypto Capital, sondern eventuell auch eine Entrepreneurial Capital zu sein. Es muss sich in der breiten Masse vielleicht nur die Attitude zu Geld und Unternehmertum ein bisschen ändern.

Die bekannte Mindset-Frage…

Genau. Aber vielleicht ist das eine Rolle, die auch wir spielen können. Denn wir können vielleicht offener über Geld reden, als die Alteingesessenen.

Wir haben heute bei der Konferenz schon einiges über die EU als Digital Asset Standort und die MiCA-Regulierung gehört. Wie beurteilst du Europa im Vergleich zu deinem Heimatmarkt?

Um es kurz zu machen: Die MiCA-Regulierung ist eigentlich ziemlich gut. Sie ist eine der ersten weltweit, wir sind da also schon sehr fortschrittlich. Das Problem ist jedoch, dass die Unterstützung in der Praxis nicht existiert. Man kann Regulierung haben, aber wenn die Banken und die Zentralbank das nicht unterstützen – was im Moment oft der Fall ist –, dann ist es schwierig.

Ich glaube, ein Teil des Problems in Europa ist, dass sie gerne eine CBDC (Anm. Central Bank Digital Currency / digitale Zentralbankwährung) haben wollen, aber niemand diese eigentlich möchte. Weltweit funktionieren CBDCs nicht. Man müsste völlig neue Infrastrukturen bauen. Dabei bietet die Blockchain die Liquidität und die Use Cases bereits. Alles ist schon da – warum muss man das neu bauen? Natürlich geht es dabei um Kontrolle, aber das macht alles schwerer.

In der Zwischenzeit macht Amerika ganz stark mit Stablecoins weiter. Ein Stablecoin ist eine offene, freie und zulassungsfreie Art von „Programmable Money“. Eine CBDC ist das nicht. Sie ist in diesem Sinne nicht programmierbar und man kann keine neuen innovativen Sachen darauf aufbauen. Es ist eigentlich ein relativ primitives Objekt im Vergleich zu Stablecoins. Man konkurriert hier – um einen Vergleich zu ziehen – wie mit einem alten Volkswagen gegen einen Ferrari. Wenn beide den selben Preis haben, nehme ich natürlich das Bessere.

Wie wird sich das auswirken?

Amerika pusht extrem bei Stablecoins. Das ist politisch betrachtet auch eine Methode, die Welt mit dem Dollar zu kolonisieren. Es gibt jetzt weltweit über 300 Millionen Menschen, die Stablecoins haben. In Regionen wie Südamerika, Afrika und Südostasien wächst eine Generation mit dem Dollar als Hauptwährung auf. In zehn oder 20 Jahren wird das dort die einzige Währung sein. Da stellt sich die Frage: Warum braucht man dann noch die lokale Währung? Das heißt, der steuerbare Markt für die Amerikaner hat sich verdoppelt und wird sich vervierfachen, wenn die ganze Welt den Dollar verwendet.

Europa läuft Gefahr, genauso dollar-kolonisiert zu werden, wie wir im Moment technologisch kolonisiert sind. Das große Thema in Europa ist jetzt „Digitale Souveränität“. Aber digitale Souveränität dreht sich nicht nur um Software oder KI, sondern auch um Geld. Geld ist vielleicht das Wichtigste für Souveränität, und wenn das digitale Geld in Europa nicht als Euro-Stablecoin gefördert wird, dann verliert man diese. Ich glaube, das ist die wahre Gefahr für Europa.

Es gibt aber durchaus Initiativen von etablierten Finanzinstitutionen, beispielsweise in Österreich von der Raiffeisen Bank International, die einen Euro-Stablecoin aufbauen wollen. Wie beurteilst du die Chancen dafür?

Ich hoffe, dass sie Erfolg haben. Es ist ein Konsortium von über 20 Banken. Genau das ist aber die Stärke und die Schwäche zugleich. Die Stärke ist natürlich, dass man sich in einer großen Allianz befindet. Die Schwäche ist, dass sich alle erst auf alles einigen müssen. Das ist ein bisschen wie die EU selbst: Die Stärke und die Schwäche der EU ist, dass immer alle zustimmen müssen, während der Markt in der Zwischenzeit superschnell weiterläuft. Ich gebe dem Projekt gute Chancen, aber das Risiko besteht, weil es eben eine Allianz ist, in der man erst einen Konsens aufbauen muss, dass der Stablecoin buchstäblich einfach nur wie eine weitere EU-Struktur wird.

Abschließend: Wo siehst du in den nächsten Jahren die allergrößten Entwicklungen? Was sind aus deiner Sicht die ganz großen Themen?

Eines der wichtigsten Themen ist die Entwicklung von KI-Agenten. Wir sind der Meinung, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren mindestens über 100 Milliarden KI-Agenten geben wird, die überall im Internet Aufgaben übernehmen. Diese Agenten brauchen ein Blockchain-Wallet, denn ein KI-Agent bekommt kein traditionelles Bankkonto. Genau hier ist Krypto-Technologie wirklich notwendig. Das fängt mit Stablecoins an, geht dann aber auch um andere tokenisierbare Assets.

Zweitens wird sich durch KI-Agenten das gesamte Web total verändern. Auch die Art, wie wir Leute kennenlernen, etwa die Dating-Szene, wird sich ändern. Man wird seinem KI-Agenten einfach sagen: „Ich suche jemanden.“ Ein anderer sucht ebenfalls, und die Agenten verhandeln dann miteinander. In China, in Shanghai zum Beispiel, gehen heute noch die Eltern auf die Straße und treffen andere Eltern, um nach Ehe-Kandidaten für ihre Kinder zu suchen. Der KI-Agent ist der perfekte Vermittler, weil man Dinge teilen und abfragen kann, die einem persönlich vielleicht ein bisschen peinlich wären. In Südkorea ist es beispielsweise sehr gewöhnlich, dass die Frau schon beim zweiten Date fragt: „Wie viel Geld verdienst du?“. Das ist in Europa nicht typisch, aber es ist eine Frage, die jeder im Hinterkopf hat. Ein KI-Agent muss nicht genau die Summe nennen oder ein Bankkonto zeigen, aber mit der Blockchain und Zero-Knowledge-Proofs kann man beweisen, dass jemand zumindest in einer bestimmten Einkommensstufe ist.

Außerdem sehe ich einen Wandel bei der „Attention Economy“, die ja im Kern eine Transaktion mit Werbung ist. Diese soll dieses Jahr 950 Milliarden Dollar umfassen, also fast eine Billion. Wir denken, dass sich das in eine Art „Invocation Economy“ verwandeln wird, wo die Leute einfach direkt für Dienste bezahlen. Man bezahlt dann nicht mehr indirekt mit Werbegeld, sondern zahlt einen Bruchteil eines Cents via Micropayments. Diese Micropayments können nur durch die Blockchain passieren. Das funktioniert nicht mit Mastercard oder Visa und 2,5 Prozent Gebühren. Wenn man eine oder fünf Transaktionen am Tag macht, geht das. Aber wenn ein KI-Agent 1.000 Transaktionen in der Stunde für kleine Aufgaben für einen Mikro-Cent macht, dann müssen die Kosten fast null sein. Und genau das ist natürlich der entscheidende Vorteil der Blockchain-Technologie.

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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