18.09.2025
SEBASTIAN KURZ

„Wenn man mit großen Playern in Konkurrenz tritt, funktioniert ‚Klein-Klein‘ nicht“

Nach seinem Abgang aus der Politik gründete Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zunächst ein Beratungsunternehmen, mit dem er international aktiv war. 2022 folgte der nächste Schritt: Er wurde Co-Founder des auf Cybersecurity spezialisierten KI-Startups Dream mit Sitz in Tel Aviv. Drei Jahre nach der Gründung hat das Unternehmen über 150 Mio. US-$ an Investorengeldern aufgenommen – und kommt mittlerweile auf eine Bewertung von 1,1 Mrd. US-$. Im brutkasten-Studiotalk erläutert Sebastian Kurz, wie es dazu kam, warum er als Startup-Gründer erst lernen musste, in Finanzierungsthemen nicht zu konservativ zu denken – und warum es in Europa seiner Meinung nach zu viel Regulierung für zu wenig Innovation gibt.
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Sebastian Kurz im brutkasten-Talk | © brutkasten
Sebastian Kurz im brutkasten-Talk | © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Mit 24 wurde Sebastian Kurz der jüngste Staatssekretär, den Österreich je hatte, mit 27 der jüngste Außenminister und mit 31 nicht nur der jüngste Bundeskanzler, sondern auch der damals weltweit jüngste amtierende Regierungschef. Einige Jahre später – nun mit 38 Jahren (zum Zeitpunkt unseres Interviews) – befindet sich Kurz inmitten der nächsten „Bilderbuchkarriere“; diesmal als Mitgründer eines Tech-Startups: Nicht einmal drei Jahre brauchte sein KI-Cybersecurity-Unternehmen Dream Security von der Gründung bis zur Milliarden-Dollar-Bewertung, also dem in der Startup-Welt so heiß begehrten „Unicorn“-Status. Wie kam es dazu?

Ungewissheit nach Rücktritt als Kanzler

Das Ende der Polit-Karriere des Wieners ist – zumindest in Österreich – allgemein bekannt: Es verlief aufsehenerregend und von einer öffentlichen Kontroverse begleitet. Bereits im Mai 2021 hatte die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) Ermittlungen gegen Kurz mit dem Vorwurf der Falschaussage im „Ibiza-Untersuchungsausschuss“ aufgenommen – im Mai 2025 wurde er von diesen Vorwürfen in zweiter Instanz rechtskräftig freigesprochen. Später kam ein weiteres Ermittlungsverfahren in der sogenannten „Inseratenaffäre“ hinzu, das nach wie vor läuft. Im Oktober 2021 trat Kurz im Lichte der gegen ihn laufenden Ermittlungen vom Kanzleramt zurück, in den Wochen darauf auch von allen anderen politischen Funktionen.

Über das, was dann folgte, sagt Kurz im brutkasten-Talk: „Ich muss zugeben, es hat sich alles eigentlich sehr zufällig entwickelt. Ich habe damals die Politik verlassen, ohne zu wissen, was ich danach tue.“ Seinen Rücktritt erklärte der damalige Kanzler genau in der Woche, in der er auch Vater wurde. „Ich bin nach der Pressekonferenz ins Spital gefahren, habe meine Freundin und unser Kind abgeholt, und als die beiden dann am Abend schlafen gegangen sind, habe ich mir bei uns in der Wohnung einen Tisch freigeräumt. Und ich kann mich noch erinnern, ich bin gesessen und habe gedacht: ‚Was tue ich jetzt eigentlich?‘“

Unternehmertum statt Vorstandsposten

Zumindest der Druck, einen neuen Job zu finden, sei aber schon „innerhalb von wenigen Stunden weg“ gewesen, erzählt Kurz: „Ich habe sofort nach dem Rücktritt ein paar Angebote und Nachrichten von Leuten aus Deutschland, der Schweiz und Amerika bekommen, die sich gemeldet haben und gesagt haben: ‚Wir hätten Interesse, lass uns reden!‘ Ich war sicher in einer privilegierten Situation.“ Doch er räumt ein: „Nichtsdestotrotz: Wenn man spannende Dinge im Leben tun durfte, wie zehn Jahre in der österreichischen Bundesregierung zu dienen, dann ist das Monetäre das eine; das andere ist aber natürlich: Man sucht nach etwas, das einem Freude macht, wo man sich entfalten kann, wo man vielleicht auch wieder etwas Neues lernt. Und da war ich natürlich in einer gewissen Phase der Unsicherheit und habe überhaupt nicht gewusst, wie es weitergeht.“

Sebastian Kurz (r.) im Talk mit brutkasten-CEO Dejan Jovicevic (l.) | © brutkasten

Jobangebote für Vorstandspositionen in großen Unternehmen in Deutschland und der Schweiz, die er erhalten habe, seien für ihn dabei „im ersten Moment das absolut Naheliegendste“ gewesen, erzählt Kurz. Aber dann hätten einige Freunde auf ihn eingeredet und gesagt“ „Na, du kannst jetzt nicht einfach irgendeinen Job annehmen in irgendeiner Branche. Du kennst dich weder aus noch weißt du, ob dich das interessiert. Du musst das doch ein bisschen freier gestalten“, so der Ex-Kanzler. „Und ich habe mir immer gedacht: ‚Die haben alle leicht reden!‘, wenn sie gesagt haben, ich soll Unternehmer werden, weil: Wie denn und was denn? Und auf der anderen Seite habe ich in der Politik immer so viel davon gepredigt, dass es Leute braucht, die Unternehmer werden, dass ich mir gedacht habe: Eigentlich wäre es an der Zeit, dass ich es jetzt selbst tue.“

Seinen Einstieg ins Unternehmertum, der dann Anfang 2022 folgte, machte Kurz mit einem Beratungsunternehmen, „was ja naheliegend ist nach der Politik und auch viele ehemalige Politiker machen“, wie er sagt. Noch davor, bereits im Dezember 2021, hatte er eine andere Tätigkeit publik gemacht, die öffentlich durchaus kontrovers diskutiert wurde, aber auch einen Anknüpfungspunkt in die Startup-Szene lieferte: Er nahm einen Job bei Thiel Capital des umstrittenen Silicon-Valley-Milliardärs und PayPal-Gründers Peter Thiel an. Hinzu kamen mehrere Tätigkeiten in Abu Dhabi.

Co-Founder mit Vorgeschichte

„Es hat sich gut entwickelt“, erzählt Kurz. „Ich habe mit einem kleinen Team von zehn Leuten diese Beratungstätigkeit gemacht. Ich hatte aber nach einiger Zeit das Gefühl, das ist zwar interessant und auch Gott sei Dank gut angelaufen, aber ich habe damals gesehen, insbesondere in der Arbeit mit Peter Thiel, aber auch zum Teil in Abu Dhabi, wie stark künstliche Intelligenz ganze Branchen verändert und was da gerade alles Neues am Entstehen ist.“

So entstand der Gedanke, neben der beratenden Tätigkeit „auch selbst etwas Unternehmerischeres zu starten“. „Ich bin herumgereist auf der Suche nach Partnern oder Menschen, mit denen ich potenziell gemeinsam etwas machen könnte. Und durch Zufall habe ich dann zwei junge Leute in meinem Alter in Tel Aviv in Israel kennen gelernt, die schon vorher sehr erfolgreich im Cyber-Offensive-Bereich waren. Wir hatten dann gemeinsam die Idee, dass wir all diese Expertise im Cyber-Offensive-Bereich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz schneiden, um eine KI- Cybersicherheitsplattform für kritische Infrastruktur zu bauen, um Staaten, aber auch große Corporates besser zu schützen“, so Kurz.

Kurz mit Co-Founder Shalev Hulio | Foto bereitgestellt

Einer der beiden neuen Geschäftspartner von Kurz, Shalev Hulio, war schon zu diesem Zeitpunkt international alles andere als ein Unbekannter: Als Mitgründer und Ex-CEO des Unternehmens NSO hatte er mit dessen Spionagesoftware Pegasus, die an Staaten vertrieben wurde, weltweit für Kontroversen gesorgt. Mit dem bereits eingangs erwähnten Startup Dream Security, das Hulio dann 2022 mit Kurz gründete, wechselte Hulio die Seiten, vom Cyber-Offensive- in den Cybersecurity-Bereich. Neben staatlichen Institutionen sind hier auch Großkonzerne Teil der Zielgruppe. Dass Kurz dabei sein Netzwerk aus der Zeit in der Spitzenpolitik gut einbringen kann, liegt auf der Hand. Mit seinem eigenen Large Language Model (LLM) kann das Unternehmen Cyberangriffe frühzeitig identifizieren und abwenden.

Erst 20, dann 34, dann 100 Millionen

Gleich zum Start holte sich Dream Security ein 20-Millionen-Dollar-Investment. „Insbesondere aufgrund des Teams“ habe man sich mit dem Aufstellen dieser beachtlichen Kapitalrunde „nicht schwergetan“, meint Kurz. „Wir hatten schon eine gewisse Vision, wo wir hinwollen. Wir hatten ein Team, das schon vorher im Leben einiges gemacht hat: Ich war mal Bundeskanzler, die anderen beiden waren sehr erfolgreiche Unternehmer im Cyber-Bereich. Und wir wussten auch schon relativ klar, welche Talente wir an Bord bringen wollen. Aber ich war mir trotzdem nicht sicher, ob das Fundraising gleich funktioniert“, erzählt der Gründer.

Es funktionierte. „Wir haben 20 Millionen geraist und haben dann zu arbeiten begonnen. Und da kam für mich schon ein Stück weit die Phase der Unsicherheit – denn wenn man selbst kein Techniker ist, wenn man selbst nicht programmiert, das nicht bauen kann, kann man natürlich schwer abschätzen, wann es fertig wird, wie gut es wird und ob es auch funktioniert“, erzählt Kurz. Auf seine Rückfragen, wie lange es noch dauere, habe das Team stets mit „a few weeks“ geantwortet. „Es waren für mich gefühlt Jahre, in Wahrheit waren es aber Gott sei Dank nur Monate“, erzählt er.

Dennoch: „Wir sind draufgekommen: Es dauert länger und braucht mehr Geld. Dann haben wir noch mal 34 Millionen geraist und weitergebaut und schließlich ein erstes Produkt gehabt, das sehr gut ankommt und mit dem wir die ersten doch ganz guten Umsätze erzielen konnten.“ Diese besagte zweite Finanzierungsrunde schloss Dream Security im Herbst 2023 ab. Ende 2024 schließlich verkündete das Startup, bereits neunstellige Umsätze zu erzielen. Im Februar 2025 wurde die bislang letzte Finanzierungsrunde über 100 Mio. US-$ unter dem Lead des US-Investors Bain Capital publik gemacht, mit der das Unternehmen mit einer Bewertung von 1,1 Mrd. US-$ zum „Unicorn“ wurde. Dieses Kapital habe man aufgenommen, um das LLM weiter zu verbessern, so Kurz.

„Ich bin immer noch viel zu konservativ“

Dabei habe er in Sachen Mindset einen Lernprozess hin zu „Think Big“ durchgemacht, den er auch noch nicht abgeschlossen habe, erzählt der Ex-Kanzler. „Ich bin immer noch viel zu konservativ“, sagt er. „Als wir begonnen haben, habe ich gesagt: ‚Starten wir mal mit fünf Millionen‘, und er (Anm.: Shalev Hulio) hat gesagt: ‚Nein, mit mindestens 20!‘ Er hatte natürlich recht. Ich war auch bei unserer letzten Finanzierungsrunde eher skeptisch, weil ich mir dachte, es läuft eigentlich ganz gut, wir sind gut unterwegs, wir sind Cashflow-positiv. Also wieso?“

Er sei „nicht so geboren und nicht so erzogen“, aber versuche, sich anzupassen, meint Kurz. Denn er habe gelernt, dass weitere finanzielle Möglichkeiten Chancen brächten, noch schneller zu wachsen. Und: „Wenn man mit ganz großen Playern in Konkurrenz tritt, die natürlich sehr große finanzielle Möglichkeiten haben, dann funktioniert ‚Klein-Klein‘ nicht.“

Doch auch aus seiner Zeit in der Politik habe er viel Erfahrung für seine unternehmerische Tätigkeit mitgenommen, erzählt der Ex-Kanzler. Sein wichtigstes Learning schon als Staatssekretär sei „First Who“ gewesen, also das Bestreben, immer die „besten Leute“ um sich haben zu wollen. „Es geht darum, gute Leute zu finden und zu schauen, dass jeder sich bestmöglich einbringen kann und jeder den richtigen Platz findet, Hand in Hand gehend mit seinen Talenten und Fähigkeiten. Das ist, was wir täglich probieren. Mal gelingt es besser, mal schlechter, aber in Summe bin ich nicht unzufrieden.“

In Sachen persönliche Resilienz sei die Politik für ihn eine „harte Schule“ gewesen, erzählt Kurz. „Spitzenpolitik ist ein Bereich, in dem man viel lernen kann, unter anderem, mit Druck umzugehen. Und nachdem ich das zehn Jahre gemacht habe, bin ich, glaube ich, für den Rest des Lebens, egal was noch kommt, relativ gut vorbereitet“, so der Ex-Kanzler. „Ich glaube, in kaum einem Bereich lernt man so stark wie in der Politik, mit Ablehnung umzugehen und nicht nach Zustimmung und Unterstützung süchtig zu werden. Man lernt, sich nicht vom Applaus abhängig zu machen, man lernt aber auch, nicht jede Kritik gleich persönlich zu nehmen.“

„Zu viel Regulierung für zu wenig Innovation“ in Europa

Und wie sieht Kurz das zuvor angesprochene Thema „Think Big“ auf makroökonomischer Ebene in Europa? „Ich glaube, das Wichtigste wäre einmal, zu verinnerlichen, dass wir in Europa nicht mehr das Zentrum der Welt sind“, meint der Unternehmer. „Wenn man sich ansieht, wo die wertvollsten Unternehmen der Welt im Moment angesiedelt sind: die Masse nicht in Europa; wenn man sich ansieht, wer in den Bereichen künstliche Intelligenz und Quantencomputing die wirklich führenden Staaten sind: definitiv nicht in Europa.“

Kurz in New York | Foto bereitgestellt

Er mache sich daher „wirklich, wirklich große Sorgen“, was den Standort angeht. „Wenn ich unterwegs bin, erlebe ich an so vielen Orten eine ganz andere Dynamik, einen ganz anderen Hunger nach Erfolg. An vielen Orten der Welt gibt es ganz viele Menschen, die arbeiten wollen, die was verdienen wollen, die was aufbauen wollen. Es gibt in Europa meiner Meinung nach einfach zu viel Regulierung für zu wenig Innovation“, so Kurz. „Ein Bewusstsein, wie hart der Wettbewerb ist und dass all der Wohlstand, den unsere Eltern- und Großeltern-Generation aufgebaut hat, auch sehr schnell weg sein kann, wäre extrem notwendig.“ Er sehe eine große Gefahr, dass Europa in ganz entscheidenden Bereichen abgehängt werde.

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Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer haben We Are Unicorns gegründet | (c) treat.agency

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen


An einem Mittwochabend in Yokohama treffen einander Gründerinnen und Gründer, Corporate-Innovator:innen, Studierende und Investor:innen im Tech Hub Yokohama; kein Panel, keine Preisverleihung, sondern ein offener Community-Abend unter dem Namen Yokohama Connect. Wenige Wochen später sitzt in einem Wiener Coworking-Space ein Bäckereichef neben einer Innovationsmanagerin und dem Vertreter eines Tourismusbetriebs – auch sie sprechen über die Zukunft ihrer Organisationen. Am Ende beider Abende steht dieselbe Frage: Wie zukunftsfähig sind wir wirklich?

Ein Werkzeug gegen die Ziellosigkeit

Österreich und Japan sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernt. Bei näherer Betrachtung eint sie aber ein Muster: hohe Ingenieurskompetenz, eine dichte Landschaft aus kleinen und mittleren Unternehmen, starke Familienbetriebe, daneben große Konzerne und Städte, die vor ähnlichen Fragen stehen. Wer heute ein Unternehmen führt, hat selten Zeit für Buzzwords – gefragt sind Werkzeuge, die aus abstrakten Trends nächste Schritte machen; und eine Sprache, die über Ländergrenzen hinweg funktioniert.

Genau hier setzt das Wiener Unternehmen We Are Unicorns (WAU) an. Die Gründer:innen Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer arbeiten seit rund sieben Jahren mit Betrieben an Zukunftsthemen, zuvor gemeinsam in der Wirtschaftskammer Österreich. Ihre Beobachtung: Viele KMU stehen mehrfach unter Druck – steigende Kosten, Energiewende, Fachkräftemangel und Digitalisierung verändern die Rahmenbedingungen, während im Alltag oft Zeit, Orientierung und leistbare Unterstützung fehlen. WAU versteht sich deshalb als „Innovationsabteilung as a Service“, die komplexe Zukunftsthemen in verständliche Handlungsfelder übersetzt und Betriebe bis zur Umsetzung begleitet.

Yokohama ist die zweitgrößte Stadt Japans | (c) Antomattei

Ihr zentrales Werkzeug ist das Future Radar. Es ordnet Zukunftsfähigkeit entlang von fünf Feldern: Menschen, Organisation und Kultur; digitale Prozesse, Automatisierung und KI; Kunden, Vertrieb und Services; Geschäftsmodelle und Plattformen; Energie, Kosten und Nachhaltigkeit. Daraus werden 55 konkrete Chancen statt tausend Schlagworte, entstanden in Co-Creation-Workshops mit KMU aus ganz Österreich sowie Partnern aus Universitäten und Forschung. Ein eigens entwickelter KI-Assistent ordnet die Themen ein und leitet nächste Schritte ab, die Betriebe eigenständig umsetzen können. Er ersetzt keine unternehmerische Entscheidung, sondern versteht sich als Sparringpartner, der ins Tun bringt.

Kommt das Future Radar in Yokohama auf den Tisch, betrachten alle Beteiligten dieselben fünf Felder, dieselben Fragen, dieselbe Auswertung. Ein japanisches KMU, ein Startup aus dem Tech Hub Yokohama und ein österreichischer Mittelständler sehen auf einen Blick, wo sie stark sind und welche Schritte sich ableiten lassen. Der Mehrwert entsteht im Vergleich.

Von Wien nach Yokohama

Warum aber der Blick nach Japan? Weil sich dort ein Ökosystem entwickelt hat, das als Referenz dienen kann. Rund um CIC Tokyo, Japans größten Startup-Campus, hat sich unter dem Dach von Venture Café Japan eine offene Innovationscommunity etabliert: wöchentliche Thursday Gatherings, Formate wie Yokohama Connect, Tsukuba Connéct oder Nagoya Connect, dazu Partner wie der Tech Hub Yokohama, der als Soft-Landing-Punkt für internationale Startups und KMU konzipiert ist. Dazu kommt die städtische Ebene: Der Midterm Plan der Stadt Yokohama verankert Nachhaltigkeit als Ziel bis 2029. Physische Orte, Community-Programme und Stadtstrategie greifen ineinander.

Wer dort sitzt und warum diese Unternehmen nach Europa schauen, zeigt Qubitcore: Das Unternehmen mit Sitz in Yokohama entwickelt Hardware für Quantencomputing, hervorgegangen aus der Forschung am Okinawa Institute of Science and Technology (OIST). Es verbindet mehrere Quantenprozessoren auf Basis von Ionenfallen über Licht miteinander und arbeitet so an fehlertoleranten Rechnern, die über die Grenzen eines einzelnen Prozessors hinaus skalieren.

„Das Quanteninternet entfaltet seinen vollen Wert erst durch grenzüberschreitende Vernetzung. Gerade Europa verfügt über große Tiefe in der Quantenoptik und in der Ionenfallenforschung. Wir hoffen, dass der Tech Hub Yokohama zur Brücke zwischen Yokohama und europäischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Investoren wird“, so Ryuta Watanuki, Gründer und CEO von Qubitcore.

Der Tech Hub Yokohama. | (c) TechHub Yokohama

Damit solche Verbindungen tatsächlich entstehen, braucht es Brückenbauer. Auf japanischer Seite übernimmt Marcel Rasinger mit genten LLC diese Rolle: Als Mitinitiator von Yokohama Connéct verbindet er lokale Unternehmen, Startups und städtische Organisationen mit internationalen Partnern. Auf österreichischer Seite strukturiert WAU die Zukunftsthemen heimischer Betriebe so, dass sie in den Dialog mit japanischen Partnern passen.

Die Stimme aus Tokio

Warum diese Übersetzungsarbeit nötig ist, weiß Kentaro Imai aus eigener Erfahrung – er verantwortet beim japanischen Konzern Kokuyo die Global Marketing Division im Global Workplace Business und ist dort Ansprechpartner für Europa und Nordamerika. Kokuyo beschäftigt sich seit mehr als 120 Jahren damit, wie Menschen arbeiten und lernen, und nutzt die eigenen Büros seit den 1960er-Jahren als Versuchsflächen. „Ideen lassen sich nicht einfach von einem Land in ein anderes kopieren“, sagt Imai, „sie müssen übersetzt werden, nicht nur sprachlich, sondern kulturell und organisatorisch.“ Erwartungen an Hierarchie, Entscheidungsfindung und Risiko unterschieden sich. Imai: „Brückenbauer helfen beiden Seiten zu verstehen, welche menschlichen Bedürfnisse universell sind und welche Annahmen lokal geprägt.“

Dass Zusammenarbeit über Kontinente hinweg dabei mehr braucht als Videocalls, ist für Imai keine Frage: „Digitale Technologie erlaubt Kommunikation über enorme Distanzen – aber Kommunikation allein erzeugt nicht automatisch Vertrauen, Zugehörigkeit oder Zusammenarbeit.“ Innovation beginne oft mit Beobachtung, informellen Gesprächen und unerwarteten Begegnungen. Kokuyo hat deshalb Teile seiner Konzernzentrale The Campus in Tokio-Shinagawa für die Nachbarschaft geöffnet, samt Park, Shop und Coffee Stand. „Der innovativste Raum ist nicht zwangsläufig der technisch fortschrittlichste. Es ist jener, in dem Menschen, die einander sonst nie treffen würden, beginnen, gemeinsam etwas zu denken und zu bauen“, so Imai. Was The Campus für Tokio ist, soll der Tech Hub Yokohama für europäische Partner werden.

Für Imai ist das der Punkt, an dem Werkzeug und Erfahrung zusammenfinden könnten: „We Are Unicorns und das Future Radar machen abstrakte Veränderungen für KMU verständlich und helfen dabei, von weiten Schlagworten zu konkreten Chancen zu kommen.“ Kokuyo wiederum bringe Erfahrung darin ein, wie Menschen arbeiten, lernen und physische Umgebungen nutzen. „Gemeinsam könnte das Future Radar eine Chance identifizieren, und wir könnten helfen, sie in konkrete Arbeitsweisen, Umgebungen und Pilotprojekte zu übersetzen“, sagt Imai.

Tiefe trifft Tempo

Was können beide Seiten voneinander lernen? Imai warnt vor Klischees, sieht aber komplementäre Stärken: Japanische Organisationen zeigten im besten Fall langfristige Verbindlichkeit, hohe Aufmerksamkeit für Qualität, kontinuierliche, schrittweise Verbesserung und Geduld beim Aufbau von Vertrauen; österreichische und europäische Ökosysteme brächten direkte Auseinandersetzung, schnelles Experimentieren, starke Zusammenarbeit zwischen KMU, Startups und Universitäten und eine größere Bereitschaft, Entscheidungen trotz verbleibender Unsicherheit zu treffen. Imai: „Der produktivste Austausch ist nicht Japan gegen Österreich; es ist die Kombination aus japanischer Tiefe und österreichischer Agilität.“

Für WAU heißt das: Österreich kann von der langfristigen Ökosystem-Architektur Japans lernen, vom Zusammenspiel aus Infrastruktur, Community-Programmen und städtischer Strategie. Japan wiederum profitiert von der pragmatischen KMU-Kultur in Europa, von Betrieben, die mit wenigen Ressourcen neue Technologien testen und in überschaubaren Schritten starten.

Zurück nach Yokohama, an jenen Mittwochabend im Tech Hub: Was dort als offener Community-Abend beginnt, endet im besten Fall mit einem Projekt, das ein Wiener Betrieb und ein japanisches Startup gemeinsam angehen. Das Future Radar liefert die gemeinsame Ausgangslage, die Brückenbauer den Zugang. Oder, wie Imai es formuliert: „Die Zukunft ist nichts, worauf wir warten. Sie ist etwas, das wir greifbar machen, gemeinsam testen und durch Neugier laufend verbessern.“

Über We Are Unicorns

We Are Unicorns (WAU) macht Zukunftsarbeit für österreichische KMU konkret, leistbar und umsetzbar. Das Wiener Unternehmen von Marie-Therese Barth und Florian Moosbeckhofer realisiert als „Innovationsabteilung as a Service“ auch Projekte für Regionen, Institutionen und Corporates. Zentraler Baustein ist das Future Radar mit 55 konkreten Chancen entlang von fünf Zukunftsfeldern, ergänzt um einen eigens entwickelten KI-Assistenten. Der Anspruch: Zukunft ohne Blabla.

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