16.12.2025
KOOPERATION

Corporate Venturing: „Fokus erzeugt Gravitation, Verwässerung erzeugt Rauschen“

Interview. Im Vorfeld der von 13. bis 15. Jänner 2026 in Wien stattfindenden Konferenz „The Venture Mindset“ sprechen Nicolas Sauvage (TDK Ventures) und Mirella Lisboa (BASF Agricultural Solutions LATAM) im brutkasten-Doppelinterview darüber, wie Corporate Venturing in Konzernen wirklich wirkt – und was es dafür an Leadership, Fokus und Kooperation braucht.
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Nicolas Sauvage und Mirella Lisbo
Nicolas Sauvage und Mirella Lisboa | Foto: TDK Ventures BASF, Envato (Hintergrund)

Vom 13. bis 15. Jänner 2026 will die Alpha Omega Foundation mit „The Venture Mindset“ in Wien Corporate Venturing mit „Elite Leadership“ zusammenbringen. Die dreitägige Veranstaltung richtet sich an Entscheider:innen, die Corporate Venturing nicht als Nebenprojekt, sondern als strategisches Instrument für Wachstum und Transformation begreifen. Die Veranstaltung findet in der Wirtschaftskammer Österreich statt.

Zwei der prominentesten Speaker auf der Konferenz sind Nicolas Sauvage und Mirella Lisboa. Sauvage ist Founder und President von TDK Ventures, dem Corporate-Venture-Capital-Arm (CVC) des japanischen Elektronikkonzerns TDK, und gehört zu den sichtbarsten Köpfen der CVC-Szene. Er gilt als profilierter Corporate-Venturing-Praktiker und ist Host des Podcasts Corporate Venturing Insider.

Mirella Lisboa wiederum verantwortet bei BASF Agricultural Solutions LATAM den Bereich Open Innovation & Digital Solutions und führt damit unter anderem das Startup- und Open-Innovation-Programm AgroStart in Lateinamerika. In der Corporate-Venturing-Community ist sie als Stimme an der Schnittstelle von Agrar-Innovation, Partnerschaften und Venture-Ökosystemen bekannt. Im Vorfeld des Events wurden Sauvage und Lisboa von brutkasten in einem Doppel-Interview befragt.


Nicolas, wo stehen wir aus deiner Sicht bei Corporate Venturing im Jahr 2025?

Nicolas Sauvage: In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren ist Corporate Venturing nicht nur um den Faktor 10 in der Anzahl gewachsen, es ist auch in der Qualität gereift. Wichtiger als die Frage, wie viele CVCs es heute gibt, ist, dass viele inzwischen mehrere Zyklen überstanden haben und dabei Governance, Erfahrung und „institutionelles Gedächtnis“ aufgebaut haben.

Gleichzeitig gibt es immer eine Fragilität im Corporate Venturing, weil man an einen Mutterkonzern gekoppelt ist, der pivotieren, die Strategie ändern oder den CEO wechseln kann. Diese Fragilität ist nicht unvermeidlich und sie erfordert bewusstes Design, ein klares Mandat und eine breite interne Abstimmung, um sie zu reduzieren. Trotzdem hat sich Corporate Venturing in den vergangenen fünf Jahren stark professionalisiert. Wir haben Best Practices in der Branche verbessert und sie stärker verbreitet.

Ich glaube aber weiterhin, dass wir als Branche noch besser werden können, weil wir Best Practices noch breiter teilen könnten. Es geht nicht nur darum, sie mit anderen CVC-Teams zu teilen, sondern sie auch mit ihren Mutterkonzernen zu teilen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand morgens aufwacht und sagt: „Heute werde ich einen schlechten Job im Corporate Venturing machen.“ Alle wollen einen guten Job machen und Mehrwert schaffen, aber sie brauchen das richtige Design, um Wirkung zu erzielen – sowohl für das Corporate als auch für die Unternehmer:innen, die sie unterstützen.

Deshalb sind Gelegenheiten zum Austausch wie die Venture Mindset Conference, die Global Corporate Venturing Conference und ähnliche Events hilfreich. Menschen treffen sich, teilen Praktiken und sprechen darüber, wie sie gegenüber ihrem Mutterkonzern effektiver sein können.

Mirella, in Österreich sagen viele Corporate-Venturing-Teams, Profitabilität sei wichtiger geworden und es gebe weniger Spielraum für Experimente, weil die Wirtschaftslage schwierig ist. Ist das Bild in Brasilien und Lateinamerika generell ähnlich?

Mirella Lisboa: Ja, und ich würde sogar sagen, dass Corporate Venturing in Brasilien und in Lateinamerika keine Nebenaktivitäten für Corporates mehr ist. Es wird zu einem strategischen Betriebssystem, über das Unternehmen Zugang zur Zukunft erhalten. Es geht es nicht mehr nur darum, in Innovation zu investieren. Es geht darum, strategische Fähigkeiten durch Zusammenarbeit zwischen Startups, Technologie und großen Unternehmen aufzubauen.

Wir folgen Trends aus großen Technologie-Hubs weltweit, wie dem Silicon Valley, China und Europa, wo man Universitäten und große Unternehmen miteinander verbindet, um Hindernisse und Herausforderungen zu überwinden. Wir stehen gleichzeitig vor wirtschaftlichen, politischen und Klimakrisen. Daher müssen wir kurzfristige Ergebnisse in unserem täglichen Kerngeschäft mit langfristigem Denken darüber, wie wir als Unternehmen überleben werden, ausbalancieren

Wir innovieren in Zusammenarbeit mit Startups, behalten dabei aber auch einen klaren Blick auf strategische Ergebnisse und darauf, wie wir in Zukunft finanziell profitieren können. Das Ziel ist, den Betrieb aufrechtzuerhalten und gleichzeitig neue Geschäfte, neue Produkte und neue Bewegungen zu schaffen.

Nicolas, ist dieser Druck hin zu messbarerem Impact etwas, das du ebenfalls siehst, und hältst du das für gesund?

Nicolas Sauvage: Ich finde, Corporates sollten durchaus anspruchsvoll sein. Das ist Teil der Professionalisierung. Sie sollten einen Wertbeitrag für das Unternehmen einfordern. Das bedeutet, die richtigen KPIs zu setzen und sie konkret zu machen. Zum Beispiel kann es einen Corporate VC geben, der auf Exploitation des heutigen Geschäfts fokussiert ist; dann sollte der Wert, den der CVC in den nächsten zwei Jahren bringt, für diesen Zeitrahmen klar sein.

Aber selbst wenn du eine Explorationsmission hast – wie wir sie bei TDK Ventures haben, mit Blick auf neue Märkte, neue Technologien, neue Use Cases und neue Anwendungen – sollte man es trotzdem mit der langfristigen Strategie des Mutterkonzerns verknüpfen und auch mit kurzfristigen Explorations-Piloten, mit Klarheit darüber, was das Unternehmen lernen wird und wie es den Startups, mit denen wir arbeiten, nützt – egal ob wir in sie investieren oder nicht. Exploration ist nicht vage. Es bedeutet, Lernziele, strategische Optionalität und langfristige Relevanz explizit zu machen.

Eine Sache, bei der wir bei TDK Ventures bewusst vorgehen, ist, dass wir uns nicht auf Portfoliounternehmen beschränken. Wir arbeiten auch mit Startups, in die wir uns entscheiden, nicht zu investieren – manchmal, weil sie in einer zu späten Phase sind. Und tatsächlich kann es, wenn ein Startup späterphasig ist, leichter sein, mit ihm einen Piloten umzusetzen.

Also ja: Der Druck und die Erwartung nach konkretem Impact sind gut. Es ist auch ein Signal, dass die Corporate-Venturing-Branche sich professionalisiert, weil die Menschen inzwischen wissen, was sie erwarten können. Sie haben Erfolgsgeschichten gesehen und sagen: „Das will ich auch.“ Das hebt die Messlatte – und genau das wollen wir.

Wenn du auf Europa blickst: Welche Länder oder Regionen sind deiner Meinung nach „Best Practice“-Beispiele, wenn es um Corporate Venturing geht – und warum?

Nicolas Sauvage: Das ist eine schwierige Frage, weil man sich in dem Moment, in dem man darauf antwortet, Freunde und Feinde macht. Ich fange von der Unternehmerseite an. Wir haben vor zwei Jahren einen Fonds namens Fund EX1 aufgelegt, unseren ersten Multi-LP-Fonds. Er ist geografisch auf Nordamerika und Europa fokussiert und dreht sich um Dekarbonisierung, Energieerzeugung, Energiespeicherung und Energie-Resilienz.

Wir haben Europa ausgewählt, weil wir sehen konnten, dass eine Energiekrise kommt, und wir konnten die Abhängigkeit von anderen Ländern als eine ernsthafte Herausforderung erkennen, die sich abzeichnete. Wir wussten, dass es in Europa als Konsequenz großartige Unternehmer:innen geben würde, die Energielösungen bauen – und wir wollen in sie investieren.

Wir haben zum Beispiel in Deutschland investiert, in ein Unternehmen, das an Sustainable Aviation Fuel arbeitet: INERATEC. Wir haben auch in Italien investiert, und in diesem Fall haben wir bereits ganz zu Beginn investiert, als eines der ersten Investments, in ein Unternehmen, das an Methan-Pyrolyse arbeitet: Tulum.

Wir sehen durchaus Unterschiede zwischen Corporate VCs in den USA und in Europa. Es gibt in beiden Regionen ein sehr starkes Gefühl von Purpose, und tendenziell ist es in Europa sogar noch stärker. Aber das Gefühl von Dringlichkeit, das man oft im Silicon Valley sieht, ist möglicherweise nicht dasselbe. Deshalb schätze ich einen Mix an Investmentpartnern. Das ist keine Frage von Talent oder Ambition, sondern oft von kulturellen und strukturellen Anreizen rund um Geschwindigkeit und Risiko.

Wenn du Unternehmer:innen hast, die globalen Impact wollen, hilft es, einen guten Mix aus VCs und Corporate VCs zu haben, und auch Corporate VCs aus unterschiedlichen Regionen. Das gilt auch für Brasilien und Lateinamerika. Wenn Unternehmer:innen global skalieren wollen, hilft es, wenn sie bereits internationale Unterstützung haben.

Mirella, was würdest du sagen, sind die spezifischen Stärken der Corporate-Venturing-Landschaft in Lateinamerika, und welche Sektoren treiben sie?

Mirella Lisboa: Ich fange ebenfalls von der Unternehmerseite an. Hier ist Fintech das relevanteste Segment. Startups lösen strukturelle Probleme mit hoher Wirkung. Und Fintech bleibt die stärkste Kategorie – nicht nur bei Payments, sondern auch bei Krediten. Das hängt auch stark mit Agribusiness zusammen, über Embedded Finance und über finanzielle Struktur.

Das zweite große Segment ist Agtech. Agtech expandiert schnell, getrieben durch Klimadruck und Ernährungssicherheit sowie durch den Bedarf an prädiktiver, KI-gestützter Landwirtschaft. Und wenn du Logistik und Supply Chain dazu nimmst, siehst du einen weiteren Bereich, der schnell skaliert – besonders mit dem Wachstum von E-Commerce und Infrastruktur-Lücken. Diese drei Segmente wachsen nicht wegen Hype. Sie wachsen, weil sie echte systemische Probleme lösen, denen wir in Lateinamerika heute gegenüberstehen.

Wenn es um Zusammenarbeit mit Europa geht, mag ich das Framing nicht, dass Europa Innovation nach Lateinamerika exportiert oder Lateinamerika Innovation nach Europa exportiert. Ich fokussiere mich auf Co-Development. Europa bringt außergewöhnliche wissenschaftliche Stärke sowie regulatorische Reife und Präzision. Wir bringen Skalierung, Vielfalt und auch Variabilität in der Geschwindigkeit der Adoption mit, weil wir eine diverse Region mit unterschiedlichen Prioritäten sind – aber wir sind offen, aus einer globalen Perspektive gemeinsam zu innovieren. Wenn wir beides kombinieren, können wir einen Innovationszyklus schaffen, in dem wissenschaftliche Exzellenz unter realer Komplexität getestet und dann über Kontinente hinweg skaliert wird.

Wenn du nach Ländern fragst: Brasilien ist der stärkste Corporate-Venturing-Markt in Lateinamerika. Wir haben die höchste Anzahl strukturierter Corporate-Fonds, das tiefste Innovationsökosystem und die höchste Konzentration an Startups, die skalieren können.

Kolumbien und Mexiko sind neben Brasilien ebenfalls wichtig, mit Unicorns und schnell wachsenden Startups. Mexiko steigt schnell auf – wegen Nearshoring, starker Corporate-Nachfrage und einer lebendigen Fintech- und Retail-Landschaft, insbesondere wegen der Nähe zum US-Markt. Chile sticht bei Nachhaltigkeit, Bergbau und Energie hervor. Kolumbien hat starke Fintech- und Retail-Innovationen und exportiert viel dieser Innovationen in andere Länder.

Argentinien bleibt ein starkes Zentrum für technisches Talent, und wir lernen viel aus der dortigen Erfahrung, Universitätstalente mit Unternehmertum zu verbinden. Argentinien wird auch stärker zu einem Protagonisten im Early-Stage-Deep-Tech-Bereich.

Und in vielen kleineren Volkswirtschaften müssen Startups über ihren Heimatmarkt hinaus expandieren, um zu überleben und zu skalieren – daher starten sie mit einer internationaleren Vision. Das ist auch der Grund, warum internationale Fonds viel investieren: um Startups zu helfen, in anderen Ländern zu operieren und international zu skalieren.

Wenn ein Unternehmen entscheidet, Corporate Venturing zu starten – sei es über einen CVC-Fonds oder andere Modelle: Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren?

Mirella Lisboa: Erstens braucht der CVC eine klare Investment-These, die mit der langfristigen Strategie des Unternehmens verbunden ist. Er kann nicht opportunistisch oder trendgetrieben sein. Aber es gibt eine weitere große Lektion, die wir in Brasilien gelernt haben – auch aus schmerzhaften Erfahrungen in großen Unternehmen: Du brauchst die Fähigkeit, Startups ins Kerngeschäft zu integrieren. Das ist entscheidend. Ohne Zugang zu Markt, Distribution, Daten und internen Champions übersetzt sich die Investition nicht in Wert.

Als wir wirklich verstanden haben, dass der letzte Schritt der CVC-Strategie Integration ist, haben wir auch verstanden, dass es nicht nur darum geht, im Unternehmen eine Tür zu öffnen. Es geht darum, als Venture Client zu agieren. Bei CVC geht es nicht nur um Geld, es geht um Smart Money. Wenn ein Startup keine Kund:innen gewinnt und seine Technologie nicht in einer sinnvollen Umgebung testen kann, löst Geld allein das Problem nicht.

Ein Unternehmen kann eine geschützte Umgebung anbieten, Zugang zu Kund:innen und eine Struktur für Skalierung. Das schafft ein Support-Ökosystem, das hilft, Technologie zu skalieren und über zehn oder fünfzehn Jahre finanzielle Ergebnisse zu erreichen.

Und ein weiterer Erfolgsfaktor ist, Führungskräfte auf die richtigen KPIs zu schulen. CVC-KPIs sind anders als finanzielle KPIs des Kerngeschäfts. Wenn sich die Führung ändert oder sich die Strategie ändert, kann ein CVC über Nacht beendet werden. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, die Führungsspitze über den langfristigen strategischen Wert von Corporate Venture Capital aufzuklären.

Wenn CVC nicht vollständig als strategisches Thema verstanden wird – eines, das Optionalität, zukünftige Umsätze und organisationales Lernen aufbaut –, wird es anfällig für Verschiebungen in Prioritäten oder Konjunkturzyklen. Nur ein starkes internes Narrativ stellt Kontinuität sicher, schützt Beziehungen zu Startups und ermöglicht, dass Investitionen in echtes Capability Building übersetzt werden.

Nicolas, wie blickst du auf das Thema Erfolgsfaktoren für Corporate-Venture-Initiativen?

Nicolas Sauvage: Die Investment-These ist sehr wichtig. Ich denke auch, man braucht breites Verständnis und Unterstützung im gesamten Unternehmen, bevor man startet. Wenn der CEO einen CVC will, die Organisation aber nicht versteht, warum – oder wenn jemand intern einen CVC genehmigt bekommt, ohne breite Unterstützung –, ist es unwahrscheinlich, dass er erfolgreich ist.

Ein CVC funktioniert nicht in Isolation. Er muss mit dem Mutterkonzern integriert sein, mit einem effektiven Austausch in beide Richtungen. Wenn du mit schwacher Unterstützung startest, wirst du Schwierigkeiten haben, für Unternehmer:innen wirksam zu sein, und du wirst Schwierigkeiten haben, Wert zurück ins Unternehmen zu liefern.

Wenn du mit einem starken und gemeinsamen „Warum“ startest – egal ob das Mandat Exploitation oder Exploration ist –, baust du eine Basis an Unterstützung auf, und dann kannst du echten Wert sowohl für das Corporate als auch für die Unternehmer:innen liefern. Das kann starke „Equal-Win-Engagements“ mit dem Mutterkonzern schaffen. Aber ich will es auch nicht so klingen lassen, als wäre es trivial. Ein CVC umfasst Hunderte Design-Entscheidungen. Es gibt keinen einzelnen CVC, den man kopieren kann.

Ein guter Teil der Design-Entscheidungen muss zum Mutterkonzern passen und dazu, wie er erwartet, Wert zu schaffen. Ein weiterer guter Teil geht darum, wie ein finanzieller VC zu agieren hat, mit den Best Practices, die damit einhergehen. Du musst diese beiden Seiten miteinander verheiraten. Wenn du das tust, kannst du Wert für Unternehmer:innen, für Co-Investor:innen und für den Mutterkonzern schaffen. Aber du hast keine Chance, wenn du nicht mit einem starken „Warum“ startest.

Ihr sprecht beide bei „The Venture Mindset“-Konferenz in Wien im Jänner. Nicolas, was kann das Publikum von deinem Vortrag erwarten, und worauf freust du dich bei der Konferenz am meisten?

Nicolas Sauvage: Was ich mir von dem Event erhoffe, ist erstens, Österreich besser zu verstehen – das Ökosystem, die Innovationsmöglichkeiten. Es ist möglich, dass ich den Wert und die potenziellen Investmentmöglichkeiten in Österreich noch nicht genug würdige. Ich weiß, ich werde Side-Meetings haben, unter anderem mit Vertreter:innen aus der Politik und mit Führungskräften, und ich will von ihnen lernen.

Ich bin ehrlich: Ein Teil dieser Motivation ist egoistisch, und dennoch kann es auch nützlich sein, weil es großartig wäre, wenn wir in Österreich investieren oder Startups dort unterstützen könnten – durch Engagements mit TDK. Unser Mutterkonzern TDK hat bereits R&D-Teams in Österreich, also sind wir verankert, aber TDK Ventures ist noch nicht in das breitere Ökosystem integriert.

Aus Sicht des Publikums will ich teilen, was ich im Corporate Venturing gelernt habe – während der Keynote, im Panel und in Side Conversations. Wir haben über Druck und Herausforderungen gesprochen, und ich kann Ideen teilen, wie man das Design neuer oder bestehender CVCs verbessern kann, damit sie effektiver werden.

Ich werde auch teilen, was ich über den „Corporate Venturing Insider„-Podcast gelernt habe. Ich komme auf fast 120 einstündige, tiefgehende Gespräche mit Corporate-Venturing-Leader:innen, die Best Practices geteilt haben und auch die Lektionen, die sie durch schmerzhafte Fehler gelernt haben. Daher hoffe ich, sowohl von Wien zu lernen als auch etwas Konkretes beizutragen, während ich dort bin.

Mirella, was kann das Publikum von deiner Keynote erwarten, und worauf freust du dich in Wien am meisten?

Die Menschen können eine praktische Perspektive darauf erwarten, wie Innovation in einer der dynamischsten Regionen der Welt aussieht. Ich werde Insights aus der Praxis mitbringen – sowohl strategisch als auch in der Realität verankert. Weil ich in einem multinationalen Unternehmen arbeite, werde über ich reale Beispiele sprechen, wie Lateinamerika und Europa zusammenarbeiten, um die nächste Generation von Innovation zu beschleunigen – insbesondere in der Landwirtschaft. Landwirtschaft ist ein Bereich, in dem globale Zusammenarbeit Sinn ergibt, weil die Herausforderungen globale sind.

Innerhalb des BASF-Ökosystems kann ich zeigen, wie wir den Markt für europäische Startups in Brasilien öffnen. Und ich kann auch die andere Seite zeigen, nämlich wie wir Startups aus Brasilien, Argentinien und Mexiko dabei helfen, Märkte zu erschließen und durch unser Corporate-Venture-Capital-Programm und unser Venture-Client-Programm von Erfahrungen aus aller Welt zu lernen. Ich möchte nicht nur über Erfolge, sondern auch über Misserfolge sprechen, denn aus Fehlern zu lernen ist ein wirkungsvoller Weg, um die Innovationspraxis zu verbessern.

Worauf ich mich am meisten freue, ist eine offene Konversation, die Wissenschaft, Technologie und reale Herausforderungen verbindet. Für mich liegt der Wert dieser Konferenz darin, eine Brücke zu bauen und Perspektiven zwischen Regionen auszurichten und dann zu identifizieren, wo Zusammenarbeit Innovation in der Landwirtschaft wirklich beschleunigen kann. Ich werde dort sein, um zu lernen, um Ideen herauszufordern und um gemeinsam zu gestalten – mit CVCs und Unternehmen, die auf eine globalere Weise arbeiten wollen.

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Alexandra Polic sitzt mit Harald Zumpf in einer Klasse der HTL Spenegrgasse
Lehrer Harald Zumpf betreut die Hochbegabten an der HTL Spengergasse. (c) brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Hinter einer Glasfassade in der Spengergasse befindet sich eine Schule, die mehr kann als Unterricht. Hier bauen Schüler:innen Software, die mit Produkten von Technologie-Giganten konkurriert. Wer das Gebäude betritt, sieht Klassenzimmer wie überall: Tische, Bildschirme, Schüler:innen vor ihren Laptops. Und doch entsteht hier etwas, das an vielen Schulen fehlt.

Die Liste der Absolvent:innen liest sich wie das Who’s who der österreichischen Tech-Szene: Eric Steinberger und Sebastian De Ro, deren KI-Coding-Startup Magic international für Aufsehen sorgt; Ben Koska, der mit seinen Brüdern in San Francisco an Infrastruktur für KI-Modelle arbeitet; Mojmír Horváth, der mit seinem Startup PothAI im Sommer ins Y-Combinator-Programm einzieht. Sie haben eines gemeinsam: Sie sind durch dieselbe Förderung gegangen.

Im Computerraum wartet Harald Zumpf. Er unterrichtet im Bereich Informatik – und betreut nebenbei jene, die mehr wollen als den Lehrplan. Zumpf ist seit fast 13 Jahren an der HTL Spengergasse. Als er damals an die Schule kam, fiel ihm auf, dass es zwar zahlreiche Unterstützungsangebote für schwächere Schüler:innen gab, aber kein spezielles Angebot für die leistungsstärksten. „Wir haben uns also gefragt: Wie bereiten wir die Besten möglichst gut auf die Welt nach der Schule vor?“, erzählt Zumpf. Der Lehrer suchte die Antwort direkt bei jenen, die im Unterricht herausstechen. Er fragte sie, was er für sie tun könne. So entstand nach und nach die Hochbegabtenförderung.

Heute hat sich daraus ein Programm mit 18 Schüler:innen entwickelt, die in Teams an innovativen Projekten für reale Kunden aus der Wirtschaft arbeiten. Auf dem Papier ist die Förderung ein Freifach; in der Praxis eine 24/7-Betreuung. „Alle Schüler:innen haben meine Handynummer und können sich jederzeit melden – auch am Sonntag oder in den Ferien“, sagt Zumpf. Auf LinkedIn fasst er es so zusammen: Serving Austria’s brightest minds. „Ich arbeite nicht für mich – ich arbeite für die Schüler:innen“, sagt er.

Die HTL Spengergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk. (c) brutkasten

Erst Silicon Valley, dann Matura

Viele der Schüler:innen, die in Zumpfs Programm waren oder sind, zählen zu den vielversprechendsten Talenten in der Startup- und Innovationsszene. Der besagte Mojmír Horváth etwa, 19 Jahre alt, besucht im Rahmen eines Auslandsjahrs die renommierte Phillips Academy in den USA. Mit seinem Startup PothAI hat er es außerdem ins Early-Programm des Y-Combinator-Ökosystems geschafft. Im Sommer, gleich nach seiner Matura an der HTL Spengergasse, wird Horváth am Summer 2026 Batch teilnehmen.

Mit PothAI entwickelt er eine agentenbasierte KI, die Unternehmensdaten eigenständig analysiert, Hypothesen bildet und daraus kontinuierlich neue Erkenntnisse ableitet, um manuelle Analyseprozesse zu ersetzen. Mit drei Unternehmen sind bereits Pilotprojekte vereinbart. Wenn der YC-Batch startet, will Horváth eine funktionierende Version seines Produkts haben.

Dass er es jetzt schon so weit gebracht hat, hat er auch seiner Schule und der Hochbegabtenförderung zu verdanken. Dabei hat er aber nichts dem Zufall überlassen: „Ich habe Professor Zumpf schon vor dem Schulstart geschrieben, um herauszufinden, wie ich in das Programm komme“, erzählt Horváth. Die Förderung war einer der Gründe, warum er sich für die HTL Spengergasse entschieden hat. In die Förderung aufgenommen hat ihn Harald Zumpf in der zweiten Klasse. Ausschlaggebend war unter anderem ein Medizin-Hackathon: „Wir sind dort gegen PhD-Teams angetreten und haben den zweiten Platz erreicht, beim Publikumsvoting sogar den ersten.

In diesem Rahmen habe ich in 24 Stunden einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der Patientendaten verarbeitet und die Kostenentwicklung prognostiziert“, sagt Horváth.

Talente fallen auf

Dies ist einer von vielen Schlüsselmomenten, die Harald Zumpf mit seinen Schüler:innen erlebt. „Das Identifizieren der Hochbegabten ist das Einfachste überhaupt. Man muss sich eher Mühe geben, sie nicht zu erkennen“, sagt er. Dabei komme es auch gar nicht nur auf ihn an: „Wenn man eine Klasse fragt, wer von ihnen der Beste im Programmieren ist, zeigen alle auf dieselbe Person“, erzählt Zumpf. Auch Empfehlungen aus dem Lehrerkollegium bekommt er immer wieder.

Manchmal geht Zumpf auf die Schüler:innen zu, manchmal kommen sie zu ihm. Wer aufgenommen werden will, braucht einen bestimmten Notenschnitt, weil die schulischen Leistungen nicht leiden sollen. Kandidat:innen führen ein Gespräch mit Zumpf und zwei oder drei Schüler:innen, die bereits in der Förderung sind. „Uneinig über eine Aufnahme waren wir uns noch nie“, sagt Zumpf. Ein Assessment-Center oder andere formale Metriken gibt es nicht.

Harald Zumpf hat die Hochbegabtenförderung an der HTL Spengergasse ins Leben gerufen. (c) brutkasten

Echte Projekte statt Theorie

Was nach der Aufnahme passiert, bestimmen die Schüler:innen. In Teams von zwei bis vier Personen arbeiten sie an Themen, die sie interessieren. Dabei geht es immer um reale Projekte von Wirtschaftspartnern. „Wenn sie etwas brauchen – Mentoring, Kontakte, Rechenleistung oder Projekte –, dann organisiere ich das“, sagt Zumpf. Am Anfang des Schuljahrs stellte er Kontakt zu einer österreichischen Bank her, weil sich eines seiner Teams für Cybersecurity begeistert. Drei Tage später saßen deren Vertreter bereits in der Schule – und noch am selben Tag fiel der Startschuss für das Projekt. Mittlerweile haben die Schüler:innen eine KI für das Compliance-Management entwickelt.

„Je offener die Aufgabenstellung, desto besser. Wir arbeiten strikt agil – von Sprint zu Sprint“, sagt Zumpf. Einmal im Monat trifft er sich bei einem Jour fixe mit seinen Schüler:innen, aber wenn es Herausforderungen gibt, sieht er sie zum nächstmöglichen Termin. Den Wirtschaftspartnern verspricht Zumpf keine bestimmten Ergebnisse – die Schüler:innen sollen Fehler machen dürfen –, aber „meistens kommt etwas sehr Gutes heraus“.

Die Projekte laufen normalerweise über ein Schuljahr. Manchmal aber sind die Teams schon nach drei Wochen fertig. „Wir schauen nicht auf die Zeit – wir schauen auf das Ergebnis“, sagt Zumpf.

Von der HTL zu Y ­Combinator

Einer, der auch nicht auf die Zeit schaut, ist Ben Koska – zum Video-Interview erscheint er pünktlich um Mitternacht, nordamerikanische Westküstenzeit. Koska sitzt gemeinsam mit seinen Brüdern in San Francisco, um Infrastruktur für Firmen zu bauen, die KI-Modelle trainieren.

Auch er ist Absolvent der HTL Spengergasse, Maturajahrgang 2025, und war Teil des Y-Combinator-Programms, Batch 2025. Wer dort aufgenommen werden will, muss einiges vorweisen. Das konnte Koska – dank der Hochbegabtenförderung in der HTL.

„Die größte Stärke der Förderung ist die Freiheit, Dinge auszuprobieren und eigene Projekte zu verfolgen. Wir konnten an vielen Hackathons und Events teilnehmen – das wäre ohne die Unterstützung der Schule nicht möglich gewesen“, sagt Koska. Ein Highlight? „Wir haben ein akademisches Paper geschrieben und auf einer Konferenz in Dubai präsentiert – das hat mich extrem geprägt.“

In das Programm aufgenommen hat ihn Harald Zumpf, nachdem er sich bei der österreichischen Informatikolympiade für internationale Wettbewerbe qualifiziert hatte. Dass die Schule ihre jungen Talente dorthin schickt, ist Teil des Konzepts der HTL Spengergasse. „Was die HTL besonders macht, ist, dass Lehrer sagen: Wenn ihr etwas Sinnvolles macht, dann dürft ihr euch dafür Zeit nehmen“, sagt Koska.

Seine Zeit steckt Koska heute in sein Startup SF Tensor. Oft programmiert er bis spät in die Nacht – gemeinsam mit seinen Brüdern. Damit haben die drei schon früh begonnen: Noch während der Schulzeit machten sie parallel ihren Bachelor, ermöglicht durch das Programm „Schülerinnen und Schüler an die Hochschulen“ der OeAD. Der Abschluss kam damit noch vor der Matura. Ben Koska studiert heute bereits im Master Computer Science an der University of Colorado Boulder.

Seine Brüder haben inzwischen ebenfalls abgeschlossen: Ihren letzten Schultag am BG & BRG Keimgasse in Mödling hatten sie erst vor wenigen Wochen – ihre Bachelor-Abschlüsse aber schon längst in der Tasche.

Dass solche Wege kein Zufall sind, zeigt sich auch in den Rankings: In den Bestenlisten der österreichischen Informatikolympiade tauchen immer wieder Namen von Schüler:innen des BG & BRG Keimgasse und der HTL Spengergasse auf.

Ben Koska hat mit seinen Brüdern das Startup SF Tensor gegründet, an dem sie derzeit in San Francisco arbeiten. (c) San Francisco Tensor Company

Das Erfolgsrezept: Praxis und Freiraum

Was machen diese Schulen besser als alle anderen? „Das Programm selbst ist gar nicht so komplex – es ist eher die Einstellung der Lehrer:innen und der Schulleitung, die den Unterschied macht“, sagt Ben Koska. Man brauche keine komplizierten Regeln – man brauche Personen, die wirklich wollen, dass so etwas funktioniert.

PothAI-Co-Founder Mojmír Horváth sieht den Vorteil vor allem in der Praxis. „Was andere Schulen übernehmen sollten? Echte Projekte mit Unternehmen statt nur Übungsaufgaben“, sagt er. Auch dass in der Förderung nur Englisch gesprochen wird, habe ihn sehr gut auf internationale Programme wie Y Combinator vorbereitet. „Talente gibt es viele – aber erst durch die richtige Förderung kann wirklich etwas aus ihnen werden“, fasst Horváth zusammen.

Für Harald Zumpf sind mehrere Faktoren ausschlaggebend: Lehrkräfte wie er, die sich engagieren wollen, brauchen Freiraum und ein Umfeld, das unbürokratisches Vorgehen erlaubt. Starre Strukturen, feste Stundenpläne oder enge Lehrplanvorgaben stehen der Agilität, die für innovative Projekte nötig ist, oft im Weg. Wenn Lehrkräfte selbst Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt haben, können sie die Praxis meist besser vermitteln. Auch Zumpf ist seit 25 Jahren selbstständig tätig – nun eben neben seinem Job an der HTL. Viele der Schüler:innen im Hochbegabten-programm verdienen schon während der Schulzeit Geld als Software Engineers oder Consultants. Außerdem vernetzt Zumpf die Jugendlichen schon früh mit führenden Köpfen aus der Tech- und Startup-Szene.

Mindestens genauso wichtig ist für ihn aber das Mindset – und dazu gehört die Fehlerkultur. Zumpf spricht deshalb nie von Problemen: „Wir nennen es Herausforderungen“, sagt er. Scheitern ist trotzdem erlaubt: „Man muss wertschätzen, was gemacht wurde, und gutes Feedback geben“, sagt Zumpf.

Strukturelle Herausforderungen

So hält er es auch mit dem Programm selbst: Er schätzt, dass es die Hochbegabtenförderung gibt – aber weiß auch um deren Herausforderungen. Zum einen fehlen finanzielle Ressourcen; die Arbeit mit künstlicher Intelligenz ist kostspielig, und seitens der Schule gibt es kein Budget für die Anschaffung von Hardware. Aber Vereine und Wirtschaft unterstützen hier „schnell und unbürokratisch“, sagt Zumpf.

Offiziell ist die Hochbegabtenförderung als Freifach mit einer Wochenstunde angesetzt – entsprechend wird auch nur diese eine Stunde vergütet. Seine Schüler:innen schätzen das: „Ohne ihn geht gar nichts“, sagt SF-Tensor-Founder Ben Koska, der noch immer regelmäßig mit seinem ehemaligen HTL-Lehrer telefoniert.

Aus Talenten werden Leader

Ben Koska und Mojmír Horváth kamen als Schüler an die HTL Spengergasse – und gehen als Gründer. Eric Steinberger und Sebastian De Ro haben mit Magic ein Startup gebaut, das international Aufmerksamkeit bekommt. Wieder andere entwickeln schon vor der Matura KI-Systeme auf Produktionsniveau oder werden für Programme wie die Rise Initiative ausgewählt.

Was sie verbindet, ist weniger ein bestimmter Karriereweg als ein gemeinsamer Ausgangspunkt: eine Schule, die ihnen zutraut, mehr zu können – und ihnen den Raum gibt, es zu beweisen. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsrezept der HTL Spengergasse: Nicht ein besonderes Curriculum, sondern die einfache Entscheidung, hinzuschauen – und Talente ernst zu nehmen.

Mojmír Horváth wird im Sommer im Y-Combinator-Programm sein Startup PothAI
weiterentwickeln. (c) privat

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