09.10.2025
CORPRORATE VENTURING

Venture Clienting: Eine Frage der Strategie

Wie fügt sich Venture Clienting in die ganzheitliche Innovationsstrategie ein? Zu dieser Frage diskutierten Mavie-CEO Erich Kruschitz und Joela Elezi, Innovation Managerin bei der Walter Group, bei einem Event im Wiener weXelerate.
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Venture Clienting - vl.: Erich Kruschitz, CEO Mavie, und Joela Elezi, Innovation Managerin Walter Group, in der Diskussion mit Moderator Matthias Meyer | Foto: privat
vl.: Erich Kruschitz, CEO Mavie, und Joela Elezi, Innovation Managerin Walter Group, in der Diskussion mit Moderator Matthias Meyer | Foto: privat
Corporate Venturing

Die brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ is powered by AKELA, Raiffeisen Bank International AG, UNIQA Insurance Group, Mavie Next, Verbund, whataventure — New business. Powered by entrepreneurs. und Wien Energie GmbH.


Dass Venture Clienting momentan das große Thema in der Corporate-Venturing-Welt ist, wird nicht zuletzt bei den aktuellen Diskussionen im Rahmen der brutkasten-Serie „Corporate Venturing“ klar. Ein Verdacht muss also zumindest formuliert werden: Könnte es sich dabei um einen Hype handeln, der, wie viele zuvor, wieder abflauen wird?

Blick hinter den Hype

„Im Innovationsbereich gibt es meiner Erfahrung nach immer Hypes. Auch Venture Clienting ist aktuell so ein Hype-Begriff. Es ist aber tatsächlich nicht so, dass der Ansatz erst vor ein paar Jahren erfunden wurde. Corporates haben schon lange davor mit Startups zusammengearbeitet“, sagt Joela Elezi, Innovation Managerin bei der Walter Group, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Venture Clienting im Corporate-Venture-Mix“ im Wiener weXelerate. Gute Corporate-Innovators könnten hinter diese Hypes blicken, meint sie.

„Venture Clienting, Venture Building und Corporate Venture Capital – das sind alles nur Werkzeuge. Man darf Venture Clienting oder irgendein anderes Venturing-Tool nicht nur um der Sache Willen nutzen, sondern muss wirklich über das Warum im Hintergrund nachdenken“, sagt Elezi. Man müsse sich über die strategische Zielsetzung klar sein und diese auch mit dem Top-Management abstimmen.

„Tu nichts, wovon du überhaupt keine Ahnung hast.“

Genau so eine strategische Zielsetzung war der Ausgangspunkt für die Schaffung von Mavie, einem Corporate-Startup des heimischen Versicherungsriesen Uniqa. Mavie-CEO Erich Kruschitz reflektiert am Podium über die Entstehung: „Man muss das Geschäftsmodell weiterentwickeln, um nicht disruptiert zu werden. Aber man muss dabei auf den Stärken aufbauen, die man tatsächlich in der Organisation hat.“ Eine Devise dabei: „Tu nichts, wovon du überhaupt keine Ahnung hast.“ So sei man bei Uniqa mit Mavie auf den Gesundheitsbereich als Fokus gekommen, zu dem man bereits zahlreiche Anknüpfungspunkte hatte.

Selbst aus einem Venture-Building-Prozess entstanden – auch wenn man den Begriff bei Uniqa nicht nutzt-, betreibt Mavie mittlerweile eigene Corporate-Venturing-Aktivitäten. Von den oben genannten Hypes lässt man sich dabei aber nicht allzu sehr beeinflussen – und geht in einigen Bereichen einen eigenen Weg, wie Kruschitz erklärt. So etwa beim Investieren in Startups bzw. innovative Unternehmen. Denn zwar sei man ein „sehr aktiver Investor“, aber „bei Mavie betreiben wir in dem Sinne kein Venture Capital“, so der CEO. Man strebe keine Exits mit hohen Renditen an, sondern halte strategische Beteiligungen dauerhaft – oft mit Option auf eine komplette Übernahme. „Wenn wir etwas verkaufen, dann weiß jeder, dass etwas schiefgelaufen ist“, sagt Kruschitz.

Kein „Jack of all trades“ im Corporate Venture Capital

Entsprechend äußert sich der Mavie-CEO auch skeptisch gegenüber der allgemeinen Zielsetzung im Bereich Corporate Venture Capital (CVC). Denn während es im klassischen VC-Bereich ganz klar um die Asset-Performance gehe, werde bei CVC nicht nur das, sondern auch ein strategischer Nutzen für das Kerngeschäft erwartet. „Sie wollen alles zugleich und dieser ‚Jack of all trades‘ existiert nicht“, so Kruschitz.

CVC liefert Deal Flow für Venture Clienting

Anders sieht das Joela Elezi. Die Walter Group betreibt mit WaVe-X seit einigen Jahren eine CVC-Einheit. Diese sei, wie im VC-Bereich üblich, finanziell getrieben, sagt die Innovation Managerin. „Allerdings investieren wir in Themen, die wir verstehen, die für die Gruppe strategisch relevant sind“, so Elezi.

Und das bringe dem Innovations-Team auch in anderen Corporate-Venturing-Bereichen, etwa im Venture Clienting, Vorteile. „Wir haben in der Innovations-Abteilung nicht die Ressourcen, um ständig Startups zu scouten. Unser Venture-Capital-Arm macht das und bringt uns viel Deal Flow. Wann immer sie ein Startup mit hohem Potenzial aus geschäftlicher Sicht sehen, leiten sie es an das Innovationsteam weiter. Und wir machen umgekehrt dasselbe, wenn wir auf ein spannendes Startup stoßen“, erklärt Elezi.

Die richtige Methode aus der „Innovations-Toolbox“

Noch habe man keine eigene Venture-Clienting-Einheit, plane das aber für die Zukunft. Wichtig sei jedoch letztlich, die richtige Methode aus der „Innovations-Toolbox“ zu nutzen, um das strategische Ziel zu erreichen. „Wir identifizieren strategische Felder, die für uns relevant sind. Wir erkunden diese zuerst mit internen Experten, bringen manchmal auch externe Experten hinzu. Und während der Ideenfindungsphase und basierend auf unseren Erkenntnissen entscheiden wir, was wir mit dieser Gelegenheit machen. Was ist wirklich unser Ziel, was wollen wir erreichen?“, so Elezi.

„Ist es etwas, das wir an unser IT-Team oder an unser Digital Competence Center weitergeben? Ist dies eine Herausforderung, die wir durch ein externes Startup oder Unternehmen angehen können? Es ist alles auf dem Tisch“, sagt die Innovation Managerin. Und manchmal komme dabei auch nur ein Bericht heraus, der abgelegt wird, um ihn gegebenenfalls später wieder aufzugreifen.

„Das Warum im Hintergrund bleibt“

Die Einbettung in die Strategie ist also entscheidend und Venture Clienting nur ein Instrument, um diese umzusetzen. Aktuell sei es für viele Unternehmen attraktiver als etwa Venture Building, weil der Ansatz kostengünstiger und die Budgets knapper seien, meint Elezi. „Ich glaube aber nicht, dass einer der Corporate-Venturing-Ansätze ganz verschwinden wird, denn das Warum im Hintergrund bleibt.“

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Die Gründer von versa: Jakob Logar, Maximilian Brehm und Elija Dentler (v. l.) | (c) webformance.agency

Ein schwieriges Kundengespräch, eine heikle Preisverhandlung oder eine verärgerte Kundin: Solche Situationen gehören in vielen Berufen zum Alltag. Doch wie bereitet man Mitarbeitende darauf vor? Klassische Kommunikationstrainings sind oft zeitaufwendig und bieten nur begrenzte Möglichkeiten, das Gelernte praktisch anzuwenden.

Genau hier setzt das Grazer Startup versa an. Das im Jänner 2026 gegründete Unternehmen hat eine KI-basierte Plattform entwickelt, mit der Mitarbeitende realistische Gesprächssituationen simulieren und anschließend individuelles Feedback erhalten können.

Gegründet wurde das Unternehmen von Jakob Logar, Elija Dentler und Maximilian Brehm. Die Idee entstand aus den beruflichen Erfahrungen der Gründer. Co-CEO Logar war rund 20 Jahre im Vertrieb tätig und absolvierte selbst zahlreiche Kommunikationstrainings. Diese seien zwar hilfreich gewesen, hätten aber meist nur wenig Raum für praktische Übungen geboten. „Da haben wir jetzt einfach gesehen, das was KI da möglich macht, ist eben diesen Flaschenhals der Rollenspiele aufzuheben“, erklärt Logar. Mitarbeitende könnten dadurch unabhängig von Trainer:innen oder Vorgesetzten Gespräche üben.

Von einem Forschungsprojekt zur KI-Plattform

Den Anstoß lieferte ein Forschungsprojekt am Grazer Know-Center. Dort wurde auf Anfrage der Medizinischen Universität Innsbruck untersucht, ob sich Arzt-Patienten-Gespräche mit KI simulieren lassen. Ein erster ChatGPT-Prototyp zeigte Potenzial, aber auch technische Grenzen.

Heute kombiniert versa verschiedene KI-Modelle für die Szenarioerstellung, Sprachinteraktion und Auswertung. Unternehmen können eigene Unterlagen und Kundenprofile einbinden, um möglichst praxisnahe Trainingssituationen zu schaffen.

Doch warum braucht es dafür eine eigene Plattform statt ChatGPT? „Die Magie liegt eigentlich in der KI-Architektur und in der Agent-Orchestrierung“, sagt Logar. Anders als bei der Nutzung eines einzelnen Sprachmodells sollen die KI-Personas konsistent bleiben und die Auswertungen vergleichbar sein.

Eigene KI-Basismodelle entwickelt das Startup nicht. Stattdessen setzt es auf eine flexibel aufgebaute Architektur. „Wir verwenden immer das beste Modell“, so Logar. Neue Technologien könnten dadurch einzelne Komponenten ersetzen, ohne die gesamte Plattform verändern zu müssen.

Eingesetzt wird versa derzeit vor allem beim Onboarding neuer Mitarbeitender. Diese können vom ersten Kundentelefonat bis zur Preisverhandlung unterschiedliche Gesprächssituationen trainieren.

Das KI-Trainingsgespräch selbst erfolgt dann im Look eines Video-Calls. (c) versa Training GmbH

14 zahlende Kunden und bereits profitabel

Nur wenige Monate nach der Gründung zählt versa laut Logar rund 14 zahlende Unternehmenskunden. Darunter befinden sich eine große Bank und einer der größten deutschen Versicherer. Als Zielgruppe sieht versa nicht ausschließlich Großkonzerne. Interessant sei die Plattform grundsätzlich für Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitenden in kundenorientierten Rollen, etwa im Vertrieb oder Kundenservice.

Der Weg vom ersten Interesse zum Vertragsabschluss sei allerdings nicht immer kurz. Besonders bei größeren Unternehmen würden rechtliche Prüfungen rund um den Einsatz von KI den Verkaufsprozess verlängern.

Finanziert wurde das Startup bislang ausschließlich aus Eigenmitteln. Das Stammkapital von 10.000 Euro brachten die drei Gründer selbst auf. Auf die Frage, wann das Unternehmen profitabel werden wolle, antwortet Logar: „Wir sind schon profitabel.“

Förderabsage als Wendepunkt

Ursprünglich hatte das Gründerteam auf eine aws-Seedförderung gehofft. Nach einem Pitch im Frühjahr 2026 folgte jedoch die Absage. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Gründer ihre bisherigen Jobs bereits gekündigt. Trotz des Rückschlags beschlossen sie weiterzumachen. „Wir haben dann aber den Entschluss gefasst, weiterzumachen, weil die Idee so gut ist“, erzählt Logar. Die Absage habe das Team letztlich stärker auf den Markt fokussiert.

Aktuell ist versa in der Science Park Graz Academy und arbeitet im Grazer Unicorn. Zunächst will das Startup aus eigener Kraft weiterwachsen und einen mittleren sechsstelligen Umsatzbetrag erreichen. Für die spätere Skalierung werden Partner gesucht.

Dabei denkt das Team von Beginn an international. „Wir haben ja keine sprachlichen Restriktionen“, erklärt Logar. Erste Kunden aus Deutschland hat versa bereits gewonnen. Langfristig will das Unternehmen vor allem dort wachsen, wo der Bedarf an skalierbaren Kommunikationstrainings besonders groß ist.

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