21.09.2020

Trumps “America First”-Triumph mit TikTok

Wie geht es weiter mit TikTok? Und was bedeutet der ByteDance-Oracle-Deal für den Wahlkampf in den USA? Eine aktuelle Analyse von Mic Hirschbrich.
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Tik tok in den usa
Im TikTok-Wirtschaftskrieg zwischen USA und China geht die aktuelle Runde an Donald Trump. (c) Adobe Stock / gguy / beigestellt

Bemüht man die martialische Metapher um den kürzlich entfachten „Wirtschaftskrieg“ Trumps gegen China, so dürfte er die erste Schlacht für sich entschieden haben, sofern uns die Chinesen nicht noch in letzter Minute überraschen. Bis diesen Samstag US-Zeit hieß es noch, TikTok würde ab Sonntag aus den US App-Stores genommen werden. In letzter Minute segnete der US-Präsident dann doch noch einen Deal zwischen dem chinesischen Eigentümer ByteDance und amerikanischen Partnern ab.

Weshalb etablierte Wirtschaftsjournalisten dieses Startup wirtschaftlich in ihren Berichten immer noch nicht richtig ernst nehmen, bleibt ein Rätsel. Mutterkonzern ByteDance könnte heuer die 20 Milliarden Dollar Umsatz-Marke knacken. In Österreich wäre er damit mit der OMV und der Porsche Holding unter den drei größten Konzernen des Landes. Umgekehrt übernehmen viele Medien den Spin Trumps und Indiens vom angeblichen Datenschutz-Risiko der App (der brutkasten hatte dazu berichtet), auch der ORF in seiner gestrigen ZIB1, obwohl nie harte Beweise für diesen schweren Vorwurf vorgelegt wurden, die Basis sehr harter Eingriffe der USA in ein privates Unternehmen sind.

Der Deal ist vor allem gut für Donald Trump

Man kann dem US-Präsidenten nur gratulieren, denn aus seiner Sicht verlief diese erste Schlacht in seinem Sinne und dürfte seine Wahlkampagne pushen. Zunächst gingen mit Oracle und Walmart zwei Partner und Miteigentümer siegreich aus dem Bieterrennen hervor, die sich durchaus gut vermarkten lassen. Weil fast alle Medien, auch die sonst eher demokratisch ausgerichteten CNN und MSNBC, den Spin vom Datenschutz-Problem bei der beliebten App mittrugen, kann Trump nun eine echte Lösung für das vermeintliche Problem liefern.

Das 40 Milliarden Dollar schwere Oracle, das immer noch vom Mitgründer Larry Ellison gelenkt wird, soll künftig für die amerikanischen Daten verantwortlich zeichnen, alle diesbezüglichen Systeme übernehmen und so die US-Bürger künftig vor Datenmissbrauch durch China schützen. Dass Oracle das technologisch kann und ganz im Sinne der USA erledigen wird, wird niemand bezweifeln. Und, dass Ellison zu den wenigen Unterstützern Trumps unter den kalifornischen IT-Giganten zählt, passt sicher auch gut in seine künftige Erzählung. Mit Walmart wird man zwar keine 20 Prozent an TikTok halten, doch zusammen mit den bisherigen Großinvestoren wie Sequoia dürften alle US-Eigentümer zusammen deutlich über 50 Prozent an der App halten, der nächste Punkt für Trump.

Mit Walmart hat das Konsortium zudem so etwas wie amerikanische Identität mit in den Deal gebracht. Nicht-Amerikaner halten dieses Unternehmen bloß für einen großen Einzelhändler. Doch das 500 Milliarden Umsatz-Dollar schwere Handels-Flaggschiff ist auch der weltweit größte private Arbeitgeber mit über 2 Millionen Beschäftigten – eine amerikanische Institution – und hat mittlerweile ein ordentlich großes IT-Backbone und mächtige, hauseigene KI-Entwicklung – made in USA.

25.000 neue Arbeitsplätze und Milliarden für Bildung durch den TikTok-Deal

Dass mit dem Deal 25.000 neue Arbeitsplätze entstehen sollen, klingt vielleicht übertrieben. Aber langfristig könnte diese Zahl durchaus erreicht werden, beschäftigen die größten vergleichbaren Online-Unternehmen global meist zwischen 30.000 und 40.000 Mitarbeiter. Sollten Technologie, Content-Betreuung und Vermarktung der amerikanischen Nutzer kurzfristig in den USA zusammengezogen werden, dürften es auch kurzfristig rasch über 10.000 neue Arbeitsplätze werden, mit denen der US-Präsident in der von Corona gebeutelten Wirtschaft als Erfolgsstory brillieren kann.

Und last but not least, hatte er von vorne herein klar gemacht, dass der amerikanische Staat von dem Deal profitieren müsse und eine 5 Milliarden Dollar Donation an einen Bildungsfond angekündigt. Dass TikTok selbst bis zuletzt davon nichts wusste und auch unklar ist, ob so eine Forderung rechtlich gedeckt ist, stört kaum noch jemanden. Man nimmt Trump die Erzählung in dieser Schlacht längst ab, seine Fans sehen ihn wieder als „Macher“.

Mit dem TikTok-Deal werden starke Signale gesetzt

Wer für den Präsidenten ist und republikanisch wählt, wird belohnt. Dieses Signal sendet Trump mehr als deutlich aus. Nicht bloß, weil mit Larry Ellison ein offener Unterstützer des Präsidenten zum Zug kam. Noch wichtiger scheint, dass der Cloud-Dienstleister AWS von Amazon Gründer und Intim-Feind Jeff Bezos nicht profitierte, der laut diversen Medienberichten auch an einem Deal bastelte.

Der zweite große Profiteur dürfte der Bundesstaat von Greg Abbott sein. Der republikanische Gouverneur von Texas könnte sowohl das neue TikTok Headquarter bekommen (der bisherige US-Standort lag in L.A.), als auch den 5 Milliarden Dollar schweren Bildungsfonds. Doch auch das wird nicht viele Kritiker am Deal hervorlocken können, denn es macht sachlich durchwegs Sinn. Mit der Hauptstadt Austin hat Texas sowas wie einen kleinen Rivalen zum Silicon Valley geschaffen. Das eine ist in Kalifornien gelegen, sündteuer und überwiegend demokratisch eingestellt. Zweiteres wurde durch sein Tech-Festival South by Southwest bekannt und ist mittlerweile ein deutlich günstigerer und beliebter Standort mit vielen wachsenden Startups und Scaleups.  

Österreich Zuerst

Der TikTok-Deal mag datenschutzrechtlich und weltpolitisch unterschiedlich eingeordnet werden. Doch zweifelsfrei ist es ein Deal der Marke „America First“, strotzt er doch vor Protektionismus und sogar einer Art Zwangsbeteiligung mit Übersiedlung aus vorgegebenen Schutzinteressen für die US-Bevölkerung.

Österreichern mag der Spruch abgewandelt bekannt vorkommen. Das 1993 von Jörg Haider und der FPÖ durchgeführte Volksbegehren mit dem Titel „Österreich Zuerst“ hatte immerhin rund 417.000 Unterzeichner. Die Forderungen des Volksbegehrens hätten aus Trumps Feder stammen können: Von der Verfassungsbestimmung, wonach Österreich kein Einwanderungsland sei, bis zur Schaffung eines ständigen Grenzschutzes und der Ausweisung straffällig gewordener Einwanderer und solcher, die das Sozialsystem missbrauchten, gab es Ähnlichkeiten zu genüge.

Und noch eine frappierende Ähnlichkeit besteht zwischen Donald Trump und dem begabten österreichischen Populisten, der 2008 bei einem Autounfall ums Leben kam: Beide hatten und haben große Medien gegen sich, die sich regelrecht an ihnen abarbeiteten, ihnen falsche Angaben oder sogar Korruption vorwarfen. Und beide schienen dennoch von genau dieser Gegnerschaft zu profitieren und damit Wahlsiege einzufahren. Beide nutzten ein wachsendes Misstrauen gegen die von ihnen so benannten „Main-Stream-Medien“ und obwohl beide demselben angehörten, gewannen und gewinnen sie vom „Kampf gegen das Establishment“. Es mag ein Zufall sein, aber nicht ganz unwahrscheinlich ist die These, dass Jörg Haider sich Anleihe für „Österreich Zuerst“ in den USA nahm, wohin er bekanntlich zu Studienzwecken immer wieder reiste.

Trump ein unterschätzter „America First“-Stratege?

Sieht man Berichte über Trump in den sozialen Medien und liest man Kommentare über ihn in durchwegs seriösen Zeitungen, könnte man den Glauben an seine Zurechnungsfähigkeit verlieren. Die Art wie er Fakten verdreht, einen infantil einfachen Demenz-Test als Glanzleistung verkauft oder zuletzt Österreich als „fernes Land explodierender Bäume“ beschreibt, machen es schwer, ihn richtig ernst zu nehmen. Andererseits: Die Art, wie er den ersten Wahlkampf souverän gewann und auch jetzt den zweiten taktisch anlegt und hoch strategisch vorzugehen scheint, muss die Frage aufwerfen, ob er der unterschätzteste US-Präsident ist oder Berater und Unterstützer um sich hat, die wir nicht kennen. Und letztere tauscht der US-Präsident bekanntlich mit einem derart hohen Tempo, dass nur den echten US-Kennern die Namen der gegenwärtigen Berater im Weißen Haus überhaupt bekannt sind.

Hinter dem so simpel anmutenden „America First“ Slogan, der schon die erste „Make America Great Again“-Kampagne begleitete, steht jedenfalls eine starke amerikanische Strömung. Sie steht außenpolitisch für Anti-Interventionismus, Isolationismus und wirtschaftlichen Protektionismus.

Der demokratische Präsident Wilson nutzte den Slogan als erstes 1915, bevor die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten. In den 30-er Jahren wurde es der Slogan der US-Sympathisanten des Nationalsozialismus. Und eine Organisation, die sich Anfang der 40-er Jahre gegen eine Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg formte, nannte sich AFC (America First Committee). Als einer ihrer bekanntesten Unterstützer galt Auto-Pionier Henry Ford. Bis heute fielen extrem-rechte und anti-interventionistische Gruppen damit auf, sich mit diesem Slogan zu identifizieren.

Ist TikTok ein „America First“-Opfer?

Und schließlich gibt es die sogenannte „America First Policies“, eine 2017 gegründete Nonprofit-Organisation, die explizit Donald Trump unterstützt. Bei seiner Antrittsrede 2017 versprach Trump schließlich dem amerikanischen Volk: Fortan werde es nur noch „America First“ heißen. Als einzelne Mitglieder der Organisation mit Rassismus und Nazi-Sympathie auffielen, mussten sie getauscht werden und es wurde nach außen hin leiser um diesen Think-Tank.

Doch kühl analysiert, scheint Trump nach seinem außenpolitischen und vor allem militärischen Rückzug aus vielen Gebieten der Welt, mit TikTok eine neue Welle an „America First“-Policies gestartet zu haben. Und abhängig vom Ausgang der Wahl, dürften noch etliche weitere folgen.

Über den Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, in den SwissCAT+-Laboren am Campus Hönggerberg | (c) Martin Pacher

Wer auf den Hönggerberg im Norden Zürichs fährt, lässt die Stadt hinter sich. Der zweite Campus der ETH, entstanden ab 1961, liegt in ländlicher Umgebung, hier sind unter anderem die Departemente für Chemie, Physik und Materialwissenschaft zu Hause. Und hier, in den SwissCAT+-Laboren der Hochschule, lässt sich derzeit besichtigen, wie Forschung aussehen könnte, wenn nicht mehr der Mensch jeden einzelnen Handgriff macht.

In diesen Laboren übernehmen Roboter die Arbeit, die sonst Forschende beschäftigt: Sie hantieren mit Flüssigkeiten und Pulvern, bereiten Proben vor, testen sie und messen laufend die Ergebnisse. Das Bemerkenswerte daran ist aber nicht die Automatisierung selbst, sondern wer die Versuche plant: eine Künstliche Intelligenz. Die Software stammt vom Startup Atinary, das an der ETH keinen eigenen Standort hat, sondern mit der Technologieplattform SwissCAT+ zusammenarbeitet. Sie schlägt vor, welches Experiment als nächstes sinnvoll ist, lernt aus jedem Ergebnis und berechnet daraus den nächsten Schritt. Dieser Kreislauf läuft rund um die Uhr, ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

„Ein Labor ist eine große Küche“

Wie soll man sich das vorstellen? Loïc Roch, Mitgründer und CTO von Atinary, greift im Gespräch mit brutkasten zu einem Alltagsbild: „Am Ende ist ein Labor eine große Küche. Wir liefern die Rezepte. Wir nutzen KI, um Rezepte zu erzeugen, die dann im Labor getestet werden.“ Das Ziel: möglichst schnell zum besten Rezept kommen. Denn jeder einzelne Versuch kostet Zeit, Material und Geld. Wer statt tausender Versuche nur ein paar Dutzend braucht, spart enorm.

Genau darauf ist die Software ausgelegt. Statt sich blind durch unzählige mögliche Kombinationen zu probieren, lernt das System mit jedem Experiment dazu und empfiehlt gezielt die vielversprechendsten nächsten Schritte. „Self-Driving Labs“ nennt Atinary das Prinzip, selbstfahrende Labore. Den Begriff hat sich das 2019 gegründete Unternehmen sogar markenrechtlich schützen lassen.

Loïc Roch, Co-founder und CTO von Atinary | (c) Martin Pacher / brutkasten

Den Bedarf für solche Werkzeuge begründet Roch mit einem unbequemen Befund: Forschung wird immer teurer und langsamer, es braucht immer mehr Zeit und Geld, bis Neues gefunden ist. Dazu kommt eine handfeste Vertrauenskrise: Roch verweist auf eine vielzitierte Befragung von rund 1.500 Forschenden, wonach ein Großteil daran scheitert, Experimente zu wiederholen, in der Chemie sind die Quoten besonders hoch. Das ist nicht nur für die Wissenschaft ein Problem: Ohne verlässliche Daten lässt sich auch keine verlässliche KI trainieren.

100 Jahre Forschung in sechs Wochen

Was das System kann, zeigt das Vorzeigeprojekt direkt vor Ort. Gemeinsam mit dem SwissCAT+-Team suchte Atinary nach dem besten Katalysator, also jenem Hilfsstoff, mit dem sich das Treibhausgas CO₂ in Methanol umwandeln lässt, einen Ausgangsstoff für nachhaltige Treibstoffe. Laut Atinary kamen dafür mehr als 20 Millionen mögliche Kombinationen infrage. Das Ergebnis wurde in einem Fachjournal publiziert: In sechs Wochen wurden 144 Katalysator-Kandidaten hergestellt und getestet, mit minimalem menschlichem Zutun. Die Zahl, mit der Atinary seither wirbt, ist eindrucksvoll: eine 1000-fache Beschleunigung, umgerechnet 100 Jahre Katalyse-Forschung in nur sechs Wochen. SwissCAT+-Chef Paco Laveille, der die Umsetzung an der ETH verantwortet, bestätigt beim Besuch die Größenordnung: von Jahren an Forschung hinunter zu Wochen.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Beim konkreten Nutzen für Firmenkunden hält sich Roch hingegen zurück, aus einem strukturellen Grund: „Wir sind ein Dienstleister. Wir sehen den generierten Mehrwert nicht, und die Kunden wollen ihn nicht teilen.“ Das habe auch mit Sicherheitsanforderungen zu tun, ergänzt das Unternehmen: Angaben zum erzielten Return on Investment erhalte Atinary dann, wenn Kunden sie von sich aus teilen — teils münde das in gemeinsame Publikationen.

Die einzige konkrete Zahl, die er im Gespräch nennt, stammt aus einer gemeinsamen Publikation mit dem Aromen- und Duftstoffkonzern dsm-firmenich: Dort konnte der Einsatz eines teuren Edelmetalls so stark reduziert werden, dass dessen Kostenanteil um rund 95 Prozent sank. Es sei nicht die einzige gemeinsame Veröffentlichung mit Kunden, betont das Unternehmen — weitere gebe es etwa mit dem Pharmakonzern Takeda.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Auch ein aktueller gemeinsamer Blogbeitrag von AWS und Atinary liefert Anhaltspunkte. Ein Manager von Takeda wird dort mit der Aussage zitiert, eine Optimierung habe mit dem selbstfahrenden Ansatz rund eine Woche gedauert, verglichen mit ein bis zwei Monaten auf dem herkömmlichen Weg. Am MIT wiederum löste ein Forschungsteam mit der Software eine knifflige Aufgabe aus der Solarzellenforschung in nur 25 Versuchen, innerhalb einer strikten Frist von vier Wochen. Und über das eigene Labor, das Atinary heuer in Boston eröffnet hat, heißt es: Es erzeuge in einer Woche mehr Versuchsdaten, als ein Doktorand in fünf Jahren produziert.

Bezahlter Pilot, Lizenz pro Arbeitsplatz

Wirtschaftlich steht Atinary noch am Anfang. Das Unternehmen befindet sich in der Seed-Phase, öffentlich auffindbar sind laut Roch rund zehn Millionen an bisheriger Finanzierung, eingesammelt über Venture Capital, Family Offices und Förderungen. Als Nächstes peilt er eine Series A an. Das Wachstumskapital dafür werde voraussichtlich aus den USA kommen: „Der Ansatz ist in Europa und den USA sehr unterschiedlich.“

Paco Laveille, Managing Director, SwissCAT+ East, ETH Zurich | (c) Martin Pacher / brutkasten

Verdient wird über Software-Lizenzen, abgerechnet pro Arbeitsplatz. Am Anfang steht ein dreimonatiger, bewusst kostenpflichtiger Testlauf. „Wenn der Pilot nicht bezahlt ist, stecken die Kunden nicht die Ressourcen hinein, um ihn richtig zu testen“, sagt Roch. Dass er mit diesem Modell Geld liegen lässt, räumt er offen ein: Eine Beteiligung am geschaffenen Wert wäre lukrativer, scheitert aber daran, dass die Kunden diesen Wert eben nicht offenlegen.

Die Kundschaft kommt bisher vor allem aus der Pharmabranche, die laut Roch am ehesten bereit ist, Neues zu riskieren; der Rest der Industrie folge dann. Einsatzfelder gibt es aber quer durch: Lebensmittel, Duftstoffe, Materialforschung, grüne Energie, und gemeinsam mit Stanford sogar Zelltherapien gegen Krebs. Umsatz machen vor allem Konzerne. Mit Universitäten arbeitet Atinary eng zusammen, weil sich dort Ergebnisse veröffentlichen lassen, sie werden so zu Botschaftern der Technologie. Auch KMU zählen zu den Kunden, das jüngste sei erst vor wenigen Tagen dazugekommen. Die Arbeitsteilung im Unternehmen: Das Entwicklerteam sitzt bei Roch in Lausanne, das eigene Labor steht in Boston, dort, wo die großen Pharma-Forschungszentren angesiedelt sind.

„Fast jeden zweiten Tag ein neues Startup“

Beim Thema Konkurrenz wird Roch deutlich: Der Bereich „AI for Science“ ziehe derzeit massiv Gründungen an, fast jeden zweiten Tag komme ein neues Startup dazu. Gefährlich sei daran vor allem eines: Mit den heutigen KI-Werkzeugen lasse sich sehr schnell ein beeindruckender Prototyp bauen, der Kunden begeistert. „Unter der Haube ist das aber kein produktionsreifer Code, der bei einem Großunternehmen laufen kann.“ Atinary sieht er im Vorteil, weil man seit 2019 das gesamte Paket aufgebaut habe: die Anbindung an die Laborgeräte, das eigene KI-Training, die Anwendungen und die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit durch den eigenen Beirat. Dazu kommt laut Unternehmen ein Netzwerk an Technologiepartnern, darunter AWS, ABB Robotics, Agilent, Bruker, Chemspeed und Mettler-Toledo. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt unter anderem der MIT-Chemiker Stephen Buchwald — im Bostoner Labor optimiert Atinary nach eigenen Angaben ausgerechnet die nach ihm benannte Buchwald-Hartwig-Reaktion.

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zugleich beobachtet er seit heuer einen Umschwung im Markt: Kunden dächten zunehmend in einer Wettlauf-Logik. Wer die Technologie nicht als Erster einsetze, riskiere, dass es die Konkurrenz tut. Und wenn diese in Wochen schafft, wofür man selbst Jahre braucht, sei der Rückstand kaum aufzuholen.

Die größte Hürde ist der Mensch

Und was bremst die Verbreitung? Nicht die Technik, sagt Roch, sondern der Mensch. „Der Wissenschaftler im Labor ist oft seit 15, 20 Jahren dort. Wenn man ihm sagt: Wir können deine Forschung um den Faktor zehn oder hundert beschleunigen, sagt er: Nein. Ich kenne mein Fach besser als irgendein Algorithmus.“ Es sei dabei weniger mangelndes Vertrauen, die Technologie werde schlicht als Bedrohung für den eigenen Job empfunden. Christoph Schnidrig von AWS ergänzt: Dieses Muster kenne man von jeder Technologiewelle, von der Einführung der Cloud bis zur KI in der Softwareentwicklung. Rochs Haltung dazu: Jobs würden sich verändern, aber nicht verschwinden. „Am Ende ist es ein Werkzeug. Der Mensch bleibt am Steuer.“

(c) Martin Pacher / brutkasten

Zum Vertrauen gehört auch die Datenfrage, schließlich legen die Kunden ihr wertvollstes Gut, ihre Forschungsdaten, in die Plattform. Die läuft vollständig auf der Cloud von AWS. Roch verweist auf Prüfungen, Audits und Sicherheitstests; personenbezogene Daten würden praktisch keine gespeichert, schon gar keine Patientendaten, dafür sei man in der Forschung viel zu früh angesetzt. Auch deshalb sieht er im EU AI Act derzeit kein Hindernis: In Kundengesprächen sei die Regulierung bislang schlicht kein Thema gewesen.

Auszeichnung vom Weltwirtschaftsforum

Während brutkasten mit Roch in Zürich spricht, befindet sich sein Mitgründer, CEO Hermann Tribukait, gerade im chinesischen Dalian, um dort den Technology-Pioneer-Award des Weltwirtschaftsforums entgegenzunehmen. Zu den früheren Preisträgern der Auszeichnung zählen Roch zufolge Namen wie Google, Dropbox und Airbnb. Preisgeld gibt es keines, der Wert liege im Zugang zum Netzwerk des Forums und zu Entscheidungsträgern großer Unternehmen. Kunden in China hat Atinary übrigens keine, und das dürfte vorerst so bleiben: Als in den USA registriertes Unternehmen sei das Geschäft mit chinesischen Firmen „wegen der Geopolitik sehr heikel“.

Gefragt nach dem Blick fünf Jahre voraus, skizziert Roch eine Vision, die er ausgerechnet am Vorbild seines Cloud-Partners entwirft: Labore, die wie Rechenleistung aus der Cloud abrufbar sind, weltweit vernetzt, mit einer übergeordneten KI, die Erkenntnisse zwischen Forschungszentren auf verschiedenen Kontinenten austauscht.

Den Antrieb dahinter beschreibt er ganz persönlich: Er und seine Mitgründer seien Naturliebhaber, und die Energiewende brauche schnellere Forschung. „Der Planet kann nicht noch ein Jahrzehnt warten, bis wir Lösungen finden.“ Sein Befund nach sieben Jahren: „R&D ist heute noch zu langsam.“


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AI Summaries

Trumps “America First”-Triumph mit TikTok

  • Bemüht man die martialische Metapher um den kürzlich entfachten „Wirtschaftskrieg“ Trumps gegen China, so dürfte er die erste Schlacht für sich entschieden haben, sofern uns die Chinesen nicht noch in letzter Minute überraschen.
  • Bis diesen Samstag US-Zeit hieß es noch, TikTok würde ab Sonntag aus den US App-Stores genommen werden.
  • In letzter Minute segnete der US-Präsident dann doch noch einen Deal zwischen dem chinesischen Eigentümer ByteDance und amerikanischen Partnern ab.
  • Das 40 Milliarden Dollar schwere Oracle, das immer noch vom Mitgründer Larry Ellison gelenkt wird, soll künftig für die amerikanischen Daten verantwortlich zeichnen, alle diesbezüglichen Systeme übernehmen und so die US-Bürger künftig vor Datenmissbrauch durch China schützen.
  • Mit Walmart hat das Konsortium zudem so etwas wie amerikanische Identität mit in den Deal gebracht.
  • Sollten Technologie, Content-Betreuung und Vermarktung der amerikanischen Nutzer kurzfristig in den USA zusammengezogen werden, dürften es auch kurzfristig rasch über 10.000 neue Arbeitsplätze werden, mit denen der US-Präsident in der von Corona gebeutelten Wirtschaft als Erfolgsstory brillieren kann.

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