10.08.2020

TikTok, TikTok – Die Zeit läuft ab!

TikTok könnte zum ersten Bauernopfer in einem wirtschaftspolitischen Konflikt werden, analysiert Mic Hirschbrich in seiner aktuellen Kolumne.
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Mic Hirschbrich schreibt über TikTok
"Wer könnte Tiktok kaufen?" ist nicht die einzige Frage, die derzeit gestellt werden muss. (c) Adobe Stock / prima91 / beigestellt

Zu Beginn der TikTok-Krise habe ich die These aufgestellt, dass die Hintergründe der Querelen rund um die chinesische App TikTok viel komplexer und großflächiger sind, als zunächst angenommen und dass es nur am Rande um Daten-Sicherheit oder die App TikTok selbst geht. Vielmehr stehen wir am Beginn eines anti-globalistischen Wirtschaftskriegs, dessen erstes Bauernopfer TikTok werden könnte.

Genau in diese Richtung deuten nun die vergangenen Freitag geäußerten Worte von US-Außenminister Mike Pompeo: Die USA müssten sich verstärkt um „die chinesischen Apps“ kümmern, die eine starke Bedrohung für US-Interessen darstellen würden.

TikTok und die USA: Was bisher geschah

  • Die chinesische App TikTok erfreut sich besonderer Beliebtheit und ist derzeit das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt, auch in den USA.
  • Staaten, die sich in einem zunehmenden (wirtschafts-) politischen Konflikt mit China befinden (wie etwa Indien, Indonesien, USA, Australien, der UK, u.a.), benutzen Apps wie TikTok, um gegen China mobil zu machen. Die Apps seien eine Sicherheitsbedrohung und man müsse sich vor Chinas Zugriff auf westliche Daten schützen. Auch der deutsche EU-Abgeordnete Axel Voss äußerte sich besorgt in Bezug auf TikTok und die Sicherheit für europäische User.
  • US Präsident Trump nutzt diese Stimmung in seinem Wahlkampf, schürt, auch wegen Corona, gezielt anti-chinesische Ressentiments („the China-virus“) und macht Druck, dass zumindest der US-amerikanische Teil der App an ein amerikanisches Unternehmen verkauft werden solle. Mit Microsoft verhandelt das TikTok-Management Medienberichten zufolge ernsthaft, mit Twitter soll es erste Sondierungsgespräche gegeben haben.
  • Sollte der Kauf nicht gelingen, wird Trump TikTok per Dekret verbieten. Die Deadline dafür ist der 15. September, eine extrem kurze Frist für eine derart große Transaktion.

Von erkämpftem Vertrauen und vorauseilender Angst

Viele Berichte zum TikTok-Streit verbreiten den Frame der unsicheren App weiter. Politisch und von der Konkurrenz geschürt, glauben mittlerweile sehr viele Menschen, dass die Nutzung solcher Apps erhebliche Sicherheitsrisiken berge. Vielleicht tun sie das auch, nur hat nie jemand stichhaltige und überprüfbare Beweise vorgelegt.

Versetzen wir uns einmal in die Lage des Gründers von TikTok,  Zhang Yiming, über dessen App weltweit unbewiesene, geschäftsschädigende Gerüchte verbreitet werden. Nehmen wir an, er ist ein global agierender Internet-Unternehmer, der in China, den USA und Europa aufgefordert wird, persönliche Daten, ohne Wissen der User, dem jeweiligen Staat offen zu legen. So wie die Gründer von Apple, Google, Spotify oder SAP, hat auch er das Ziel, eine weltweit erfolgreiche Daten-Technologie zum Nutzen seiner User zu entwickeln, ihr Vertrauen zu gewinnen und diesem gerecht zu werden. Er muss sich an die jeweiligen Gesetze halten, Regulierungen einhalten, das ist verständlich. Aber zum Spielball geopolitischer Interessen zu werden, das wünscht sich keiner.

Wir leben heute in einer Welt, in der Angst vor Technologie permanent geschürt wird, egal ob berechtigt oder nicht. „Ist TikTok gefährlich?“, ist die am häufigsten gestellte Frage zur App laut Google. Wir reden, geschätzte Leser, von einer App für Stimmen- und Musik- Lippen-Synchronisation. Das derzeit viralste TikTok-Video in meinem Feed beinhaltet drei Worte, die von den Usern spaßhalber synchronisiert werden: Rarrr, Booom, Bitch. Jene User werden besonders häufig geteilt, die bei „Booom“ besonders keck ihre Augen rollen.

Derweil gebe es so viele offene Fragen:

  • Wie kann ein Präsident einer so großen Demokratie-Nation wie der USA eine spezielle App verbieten, die primär Millionen User seines Landes mit Spaßvideos unterhält?
  • Wie können ein Kongress und ein Senat und vor allem eine Opposition so etwas billigen, ohne dass stichhaltige Beweise vorgelegt werden, die die Sicherheitsrisiken belegen? Das auch technologisch mächtigste Land dieser Welt muss doch Fakten dazu haben.
  • Wie kann ein Staat mit einer freien Marktwirtschaft derart offensiv in M&A-Fragen eingreifen und den Ausgang an einen gesetzlich nicht vorgesehenen, finanziellen Vorteil für das Land binden?
  • Auch wäre spannend zu wissen, wieso Microsoft Interesse an TikTok hat. Es stimmt zwar, dass der Konzern kein junges B2C-Netzwerk hat, nur wozu braucht es das? Es hat mit LinkedIn eine perfekt in seine B2B-Strategie eingepasste Plattform, hat eine riesige X-Box Community für die Teenager und die Schnittmenge der Microsoft-Interessen mit TikTok-Kunden scheinen von außen betrachtet enden wollend. Das Akquisitions-Interesse finden übrigens nicht nur manche unter uns sonderbar, auch Gründer Bill Gates ist alles andere als glücklich über die Gespräche und fürchtet den berühmten Sack voller Flöhe, also den Kauf vieler Probleme. Die kolportierte und von einigen Analysten vorgebrachte Meinung, Microsoft kaufe TikTok auf Verlangen der US-Politik, halte ich für wenig glaubhaft. Ein derart selbstbewusster Konzern hat das nicht nötig.
  • Wozu verhandelt Twitter mit TikTok? Das Übernahmeziel wäre ein übermächtiger Goliath verglichen mit dem Gezwitscher-David. Nicht nur was Userzahlen und Umsatz angeht, auch mit der derzeitigen Bewertung könnte Twitter nur mit mächtigen Finanz-Partnern zuschlagen und die Frage lautet: Wozu? Anders als Microsoft hat Twitter zumindest Erfahrung mit semi-automatisierter Moderation für Fake- und Hass-Prävention, eine Mammut-Aufgabe der sich die Plattformen derzeit zu stellen haben. Andererseits kann man dem CEO, Jack Dorsey, kaum zutrauen, neben Twitter und dem finanziell viel interessanteren Square, dessen Gründer und CEO er ebenso ist, auch noch TikTok zu managen.
  • Jeder amerikanische Käufer hätte es aber technisch leicht, die Plattform „zu übernehmen“. Anders als vielfach behauptet, liegen die Daten und Server der US-Kunden nämlich in den USA und jene der Europäer in Irland und nicht, wie so oft behauptet, in China.

Die wichtigste Frage aber hat bisher noch niemand gestellt

Diese Frage lautet: Wer hat den größten Nutzen im TikTok-Streit und dessen Beilegung? Die Gruppe, die am meisten unter diesen geopolitischen Malversationen leidet, aber auch am meisten von einer Lösung profitieren würde, ist jene der Eigentümer der App. Eine Firma der Größe von TikTok brauchte massenhaft „Growth-Capital“, um derart schnell wachsen zu können. Und dieses Geld kam von durchaus bekannten Namen. So ist, ohne den Captable im Detail zu kennen, fraglich, ob die Mehrheit an TikTok überhaupt noch in chinesischen Händen liegt. Unter den uns bekannten 8 Investoren, die in die Eigentümer-Firma ByteDance investiert sind, sind besonders klingende Namen wie Softbank, KKR oder Sequoia Capital.

Der japanische, umsatzstarke Medienkonzern Softbank ist sowohl in amerikanische Unternehmen wie Yahoo investiert, aber auch in chinesische Größen wie Alibaba, an der er etwa 28% hält. Für Technologen wurde Softbank breiter bekannt, als es das führende Robotik-Unternehmen Boston Dynamics von Google (Alphabet Inc., Anm.) übernahm. Auch an der taumelnden Wirecard sind die Japaner investiert.

KKR ist anders als Sequoia oder Softbank weniger für seine Tech-Investitionen bekannt, es ist auch kein VC im eigentlichen Sinne. Vielmehr ist die aus New York stammende Beteiligungsfirma dafür bekannt, in sehr große Unternehmen diverser Branchen zu investieren, dort die Profitabilität zu erreichen, zu maximieren und nach längstens 7 Jahren wieder auszusteigen. In unseren Breiten wurden sie durch ihre jüngsten Beteiligungen an Axel Springer sowie ProSiebenSat1 und ihre europäischen Medienpläne bekannt.

Und, last but not least, Sequoia, das zu den erfolgreichsten Risikokapitalgebern aller Zeiten zählt. Der Marktwert seiner Beteiligungen misst heute schwer fassbare 3,3 Billionen Dollar und reicht von Apple, Cisco, Google und Oracle bis hin zu Square, Whatsapp und Zoom.

Es ist vieles vorstellbar im Spiel zwischen TikTok, China, Trump, Microsoft und all den anderen gewichtigen Stakeholdern in diesem konfliktreichen Geschehen. Aber so gut wie undenkbar ist, dass die genannten Größen und mächtigen Eigentümer Däumchen-drehend abwarten, was die Politik oder der Gründer als Nächstes planen. Möglicherweise werden sie entweder einen maximalen (Not-) Exit anstreben oder eine Weiterentwicklung in einem stabileren und vor allem berechenbareren politischen Umfeld. Das zweite Szenario wäre ihnen vermutlich lieber, nur das scheint es auf kurze Sicht nicht zu spielen.

Fazit: TikTok als Opfer des Wirtschaftskonflikts

Dass es zu einem wirtschaftspolitischen Konflikt zwischen den USA und China aber auch Europa kommt, scheint unausweichlich. Zuviel Porzellan ist zerbrochen und etliche Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte schreien nach einem Korrektiv.

Konflikte können rational ausgetragen werden, Probleme benannt und dann diplomatisch gelöst werden. Derzeit sieht es aber eher nach Brechstange, Drohgebärden und harten Maßnahmen mit dementsprechenden Kollateralschäden aus, von denen TikTok das erste prominente Opfer im September werden könnte.

Der US-Historiker Allan Lichtman ist ein bemerkenswerter Kopf. Als einer der ganz wenigen sagte er früh den Wahlsieg Donald Trumps voraus und lag seit Reagan immer richtig mit seinen Prognosen zu US-Wahlausgängen. Und gestern Abend sah er Trumps politisches Ende bei den anstehenden Wahlen 2020 gekommen. Vielleicht bedeutet das auch das Ende dieses martialischen Politikstils und ein Zurück zu mehr Berechenbarkeit und Partner-Treue in der US-Politik und einem Comeback klassischer Diplomatie. Das wäre womöglich auch die Rettung für TikTok und unzählige weitere Unternehmen auf beiden Seiten, die in diesen Konflikt noch hineingezogen werden könnten.

Über den Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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KI-Rechenzentrum Wien, UNO, UNO-Rechenzentrum
(v.l.o.) Manuel Mofidian, Mic Hirschbrich, Julia Eisner, Alexandra Ciarnau, (v.l.u.) Carina Zehetmaier, Jeanette Gorzala und Clemens Wasner. © Canva/Armin Hubner, zVg/ Women in AI/LinkedIn/paiper.one/Enlite.AI

Am Mittwoch schlug die Bundesregierung ein internationales KI-Zentrum in Wien vor. Es soll unter dem Dach der UNO angesiedelt werden und Staaten, Wissenschaft sowie Wirtschaft zusammenbringen, um das Potenzial von KI auszuloten, ihre Risiken zu erforschen und gemeinsame Standards zu entwickeln – brutkasten berichtete.


Wir haben uns in der heimischen Startup-Szene zu diesem Vorhaben umgehört und gemerkt, dass die Meinungen variieren: Es fallen Begriffe wie „Virtue Signalling“, globale KI-Governance, Antwort auf eine zentrale Machtfrage, Mehrwert und „Capacity-Building“.

Zehetmaier: „KI-Governance global denken“

Als ehemalige Vertreterin Österreichs und der EU bei der UNO in Genf weiß Carina Zehetmaier aus eigener Erfahrung, wie wichtig ein gemeinsamer Ort für die globale Zusammenarbeit zwischen Staaten sei.

„Die UNO hat mit dem Independent International Scientific Panel on AI und dem Global Dialogue on AI Governance bereits zwei wichtige Mechanismen für die globale KI-Governance geschaffen. Der erste ‚Global Dialogue‘ fand im Juli 2026 in Genf statt, womit die Stadt wichtige Vorarbeit geleistet hat. Wien besitzt nun die besten Voraussetzungen, um diese internationale Zusammenarbeit weiterzuentwickeln“, sagt die Vorsitzende der „Arbeitsgruppe 42“ bei Austrian Standards.

KI-Governance müsse ihr zufolge global gedacht werden – nicht nur aus der Perspektive einer einzelnen Region: „Gerade bei den leistungsfähigsten KI-Modellen brauchen wir internationale Zusammenarbeit, unabhängige Prüfungen und klare Verantwortlichkeiten. Als Gründerin von Humably – einem Startup, das Organisationen bei der verantwortungsvollen Entwicklung sowie beim Einsatz von KI unterstützt und Ausbildungsformate zur Stärkung menschlicher Aufsicht entwickelt – sehe ich sehr deutlich, wie wichtig es ist, Governance von Anfang an mitzudenken.“

Metriken und Evaluierungsmethoden

Dementsprechend bleibe es entscheidend, dass ein solches Zentrum — wie in Wien angedacht — nicht nur den globalen Dialog ermögliche, sondern konkrete Wirkung entfalte: durch unabhängige Prüfungen leistungsfähiger KI-Modelle sowie die systematische Erfassung und Untersuchung schwerwiegender Vorfälle, betont Zehetmaier.

„Darüber hinaus sollten wir international vergleichbare Metriken und Evaluierungsmethoden entwickeln, um auch die gesellschaftlichen Auswirkungen von KI systematisch zu untersuchen – etwa auf Grundrechte, Chancengerechtigkeit, Diskriminierung, Umwelt, Arbeitsmarkt und demokratische Prozesse. Denn wir müssen nicht nur wissen, ob ein KI-Modell sicher funktioniert, sondern auch, welche Folgen sein Einsatz für Menschen und Gesellschaften hat.“

Für Österreich sieht sie in einem solchen Zentrum einen enormen Gewinn – volkswirtschaftlich, für den Innovationsstandort und für die internationale Rolle der Republik. „Es könnte hochqualifizierte Talente aus aller Welt nach Wien bringen, internationale Expertise bündeln und Österreich als Standort für die Gestaltung globaler KI-Governance stärken“, meint die KI-Expertin.

Wien als vielfältiges Ökosystem

Die Hauptstadt hätte dafür bereits ein vielfältiges Ökosystem aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen: Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) oder das IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers).

Dazu kämen Forschungsprojekte wie FAIR-AI, Vereine wie Women in AI Austria und AI Austria und politisch gestützte Initiativen wie ShegoesAI, die Diversität und gesellschaftliche Teilhabe in der KI vorantrieben: „Wir haben somit ein Ökosystem, in dem Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Standardisierung und Zivilgesellschaft bereits heute an der verantwortungsvollen Gestaltung von KI arbeiten.“

Digitaler Humanismus

Was Wien darüber hinaus besonders auszeichne, sei seine Tradition des Digitalen Humanismus.

„Ein Beispiel dafür ist das von Prof. Sarah Spiekermann-Hoff an der WU Wien entwickelte ‚Value-based Engineering‘, welches Werte systematisch in die Technologieentwicklung integriert. Damit existiert hierzulande ein starkes Fundament, um technologische Innovation mit Grundrechten und demokratischen Werten zusammenzudenken. Genau diese Perspektive sollte auch in der globalen KI-Governance eine zentrale Rolle spielen“, sagt Zehetmaier.

Wasner: „Schlechtes Timing“

Eine abweichende Meinung zu diesem Thema hat Clemens Wasner, Gründer von enlite.ai. Er sieht diesen Vorschlag als „typisch österreichisches Virtue Signalling“, also das öffentliche Zurschaustellen moralischer Werte.

„Im ersten Moment dachte ich, es handelt sich dabei um eine Tagespresse-Meldung“, sagt er. „Man hat das Gefühl, dass das Land den Bedeutungsverlust seit der Ära Kreisky nie ganz verwunden hat und deshalb immer wieder nach internationaler Bühne sucht. Wie schon beim Sitz im UN-Sicherheitsrat oder den täglichen Erasmus-Meldungen aus dem Außenministerium zeigt sich, dass die Regierung Schwierigkeiten hat, ihre Prioritäten richtig zu setzen. Dabei liegen diese auf der Hand: Budget und Wirtschaft fixen, ‚Ease of Doing Business‘ verbessern, Forschung und Innovation fördern. ‚Virtue Signalling‘ ist keine Standortpolitik. Ein UN-Kooperationszentrum bringt weder Investitionen noch Rechenkapazität noch Gründungen ins Land.“

Wasner sieht zudem vor allem das Timing dieses Vorschlags als „besonders unglücklich“ an: „Nur eine Woche nach der Ankündigung drastischer Kürzungen bei den Universitätsbudgets wirkt das ziemlich realitätsfern. Man fragt sich, ob die Regierung die richtigen Berater hat, wenn sie sich ausgerechnet bei jener Community Pluspunkte holen will, die sie künftig unterfinanzieren wird. Die Zeit wäre besser investiert in Themen, für die die Menschen diese Regierung tatsächlich gewählt haben. Die Niederlande haben gestern angekündigt mithilfe von KI 25.000 Beamte einzusparen zu wollen, Österreich will Brownie-Points (Anm.: zynischer Ausdruck, um sich bei Autoritäten einzuschmeicheln) sammeln.“

Gorzala: „Strategische Antwort auf zentrale Machtfrage unserer Zeit“

CEO und Founderin von Act AI Now und stellvertretende Vorsitzende des KI-Beirats der österreichischen Bundesregierung Jeannette Gorzala meint, dass die Skalierung exponentieller Technologien schlicht nach einer neuen geopolitischen Architektur verlange.

„Der Vorstoß, ein UN-Zentrum für KI-Kooperation in Wien anzusiedeln, ist eine strategische Antwort auf die zentrale Machtfrage unserer Zeit: Wie sichern wir Kontrolle, wenn die Entwicklungsgeschwindigkeit unsere Institutionen längst herausfordert?“

Wien bringe hierzu entscheidende Assets mit: „Etwa die etablierte multilaterale Infrastruktur eines UN-Sitzes, diplomatische Reichweite und die Tradition des digitalen Humanismus. Das Fundament ist da. Jetzt geht es darum, daraus einen globalen Hub für KI-Sicherheit und verantwortungsvolle Innovation zu formen“, sagt sie.

Diplomatie dürfe jedoch nicht zum Synonym für Langsamkeit werden. „Im Zeitalter immer leistungsfähigerer KI-Modelle ist ein institutioneller Debattierclub ohne operative Wirkung keine Lösung. Die Zukunft von KI-Technologie ist global. Ihre Sicherheit auch. Wien kann der Ort sein, an dem aus globaler Konkurrenz gemeinsame Verantwortung wird.“

Women in AI: „Mehrwert in internationaler Koordination“

Alexandra Ciarnau, Präsidentin, und Julia Eisner, Vizepräsidentin Women in AI, stehen dem Vorschlag der Regierung grundsätzlich positiv gegenüber. „Wenn es ein KI-Zentrum unter dem Dach der UNO wird, könnte der Mehrwert vor allem in internationaler Koordination, wissenschaftlicher Zusammenarbeit, Governance und ‚Capacity Building‘ liegen“, sagen sie. „Ein reines KI-Rechenzentrum wäre zu wenig und da stellt sich die Kosten-Nutzen-Frage. Das beginnt beim Infrastruktur-Ausbau und geht bis hin zu höheren Energiepreisen für Haushalte.“

Österreichs Pläne für ein internationales KI-Zentrum sollten ihrer Ansicht nach nicht allein als technische Sicherheitsfrage gesehen werden. Ebenso wichtig sei der Blick auf vertrauenswürdige und verantwortungsvolle KI.

„Außerdem ist fraglich, welche Aufgaben, Ressourcen und Entscheidungsbefugnisse das Zentrum tatsächlich erhalten soll. Wichtig wäre, dass es bestehende internationale Initiativen sinnvoll ergänzt und nicht lediglich eine zusätzliche institutionelle Ebene schafft“, sagen sie. „Ebenso braucht es transparente Entscheidungsprozesse, wissenschaftliche Unabhängigkeit und eine breite Beteiligung unterschiedlicher Akteur:innen.“

„Zivilgesellschaft einbinden“

Dabei müsse Österreich nicht bei null beginnen. Das Land verfüge über eine vielfältige Forschungslandschaft, europäisch vernetzte KI-Infrastrukturen und Initiativen wie die AI Factory Austria.

Diese Strukturen sollten der Women-in-AI-Führung nach von Anfang an strategisch eingebunden werden. Ein internationales Zentrum müsste dabei auf vorhandenen Stärken aufbauen und sie miteinander verbinden, raten sie.

„KI-Governance darf nicht ausschließlich von Regierungen, großen Technologieunternehmen und technischen Expert:innen geprägt werden“, so ihr Appell. „Auch die Zivilgesellschaft, unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und insbesondere bisher unterrepräsentierte Gruppen müssen eingebunden werden. Diversität ist dabei nicht nur eine Frage der Repräsentation, sondern auch der Qualität von Entscheidungen: Unterschiedliche Perspektiven helfen, gesellschaftliche Risiken, Diskriminierung und ungleiche Auswirkungen von KI frühzeitig zu erkennen.“

Hirschbrich: „Verankerung im diplomatischen Gefüge“

Mic Hirschbrich, Co-Founder von Apollo.ai sieht in diesem Vorhaben den Vorteil zusätzlicher Sichtbarkeit und eines breiteren Zugangs zu einem zentralen Thema unserer Zeit. „Es ist eine weitere Absicherung der Verankerung unseres Landes im diplomatischen Gefüge“, sagt er.

„Dazu werden wir im KI-Bereich die kommenden Jahre sehr viel Anstrengung brauchen. Ein Grundset globaler Spielregeln scheint mir fast noch bedeutender zu sein, als nationale oder kontinentale Alleingänge bei der KI-Regulierung. Als Land haben wir nach IAEO und Co. sicher die notwendige Glaubwürdigkeit und hätten damit dauerhaft wichtige KI-Player im Land, was sich auch auf den Standort positiv auswirken wird.“

Mofidian: „Einfluss nehmen“

Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian glaubt, dass Wien für die Entwicklung neuer Ansätze globaler KI-Governance eine „außergewöhnlich gute Ausgangsposition“ hat.

„Wir sind einer von vier großen Amtssitzen der Vereinten Nationen weltweit und der einzige innerhalb der Europäischen Union“, sagt er. „Hier treffen internationale Diplomatie, jahrzehntelange europäische Erfahrung mit Supranationalität und die österreichische Tradition der Neutralität aufeinander. Dazu kommt, dass Wien bereits ein international anerkannter Standort für die Bewältigung globaler technologischer Risiken ist. Denken wir nur an die Internationale Atomenergie-Organisation, die IAEA, die hier internationale Standards für nukleare Sicherheit entwickelt. Österreich hat bereits bewiesen, dass es durch Diplomatie, internationale Institutionen und politische Initiative weit über seine Größe hinaus Einfluss nehmen kann.“

Neutralität als Stärke für Glaubwürdigkeit

Auch sollte man Österreichs Neutralität wieder stärker als außenpolitische Stärke begreifen.

„Wenn die Neutralität, derzeit teils heiß diskutiert, weiterhin dem politischen Willen der österreichischen Bevölkerung entspricht, sollten wir sie nicht als eine Art politisches Sorglos-Paket verstehen, das uns vor den Konflikten der Welt bewahrt“, sagt er. Vielmehr könne sie dem Land bei globalen Herausforderungen helfen, als glaubwürdiger Initiator und Vermittler ernst genommen zu werden.

„Gerade bei Künstlicher Intelligenz sehe ich hier eine große Chance. Wir sprechen über ein potenziell wesentlich umfassenderes globales Risikofeld als etwa in der internationalen Luftfahrt. KI kann praktisch sämtliche digitalisierten Bereiche unserer Gesellschaft betreffen“, mahnt Mofidian.

Und er ergänzt: „Gleichzeitig zeigen uns die vergangenen Jahre, wie schnell klassische internationale Kooperationsmechanismen an ihre Grenzen stoßen, wenn fundamentale nationale Interessen aufeinanderprallen. Mein Ansatz wäre deshalb, die globale Erfahrung und den Kooperationsanspruch der Vereinten Nationen mit der europäischen Erfahrung aus der Supranationalität zu verbinden.“

Die EU habe seiner Ansicht nach über Jahrzehnte gezeigt, wie souveräne Staaten bestimmte Kompetenzen gemeinsam ausüben und verbindliche überstaatliche Entscheidungen ermöglichen können. „Warum sollten wir diese Erfahrung nicht nutzen, um für ausgewählte, besonders wichtige Fragen der globalen KI-Governance neue institutionelle Modelle zu entwickeln?“

Keine Weltregierung

Dabei gehe es ihm ausdrücklich nicht um eine Weltregierung oder um Überregulierung, sondern um verhältnismäßige Regeln und wirksame gemeinsame Strukturen zur Bewältigung globaler Risiken. „Vielleicht bietet uns Künstliche Intelligenz die Gelegenheit, an Österreichs internationale Tradition anzuknüpfen und Wien zu einem Ort zu machen, an dem nicht nur über globale KI-Herausforderungen gesprochen, sondern auch an neuen Modellen verbindlicher internationaler KI-Zusammenarbeit gearbeitet wird.“

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AI Summaries

TikTok, TikTok – Die Zeit läuft ab!

  • Wir stehen am Beginn eines anti-globalistischen Wirtschaftskriegs, dessen erstes Bauernopfer TikTok werden könnte.
  • Genau in diese Richtung deuten nun die vergangenen Freitag geäußerten Worte von US-Außenminister Mike Pompeo: Die USA müssten sich verstärkt um „die chinesischen Apps“ kümmern, die eine starke Bedrohung für US-Interessen darstellen würden.
  • Die chinesische App TikTok erfreut sich besonderer Beliebtheit und ist derzeit das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt, auch in den USA.
  • Dass es zu einem wirtschaftspolitischen Konflikt zwischen den USA und China aber auch Europa kommt, scheint unausweichlich.
  • Derzeit sieht es aber eher nach Brechstange, Drohgebärden und harten Maßnahmen mit dementsprechenden Kollateralschäden aus, von denen TikTok das erste prominente Opfer im September werden könnte.

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  • Dass es zu einem wirtschaftspolitischen Konflikt zwischen den USA und China aber auch Europa kommt, scheint unausweichlich.
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  • Die chinesische App TikTok erfreut sich besonderer Beliebtheit und ist derzeit das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt, auch in den USA.
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