30.12.2022

Stimmen aus der Szene zum Jahreswechsel: „2023 wird brutal für Startups“

Ein forderndes Jahr 2022 neigt sich dem Ende zu - und möglicherweise wird das nächste nicht besser. Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen in der Startup-Szene eingeholt.
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Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen in der heimischen Startup-Szene eingeholt

Viele hätten sich wohl eine Verlängerung des Boom-Jahrs 2021 gewünscht (das auch seine Herausforderungen hatte). Doch es kam bekanntlich anders: Durch die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs, Energiekrise und Inflation wurde 2022 für viele Startups zur noch größeren Herausforderung, als es das Corona-Jahr 2020 gewesen war. Die VC-Investments gingen deutlich zurück. Das zuvor rapide Wachstum vieler Startups und Scaleups wurde dadurch massiv gebremst. Kostenreduktion war das Gebot der Stunde, was mitunter auch Massenkündigungen zur Folge hatte. Und glaubt man Prognosen, könnte der heimischen Wirtschaft mit 2023 ein weiteres schweres Jahr bevorstehen.

Auf die individuelle Ebene lässt sich dieser allgemeine Befund freilich nicht in jedem Fall umlegen. In diesem Krisenjahr gab es nicht nur Herausforderungen, es wurden auch große Erfolgsgeschichten geschrieben. Wir haben bekannte Gesichter aus der heimischen Startup-Szene um einen kurzen Rück- und Ausblick gebeten.


Oliver Holle, CEO Speedinvest

Speedinvest CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek
Speedinvest-CEO Oliver Holle | © Klaus Vyhnalek

2022 war ein extrem aufregendes und ja, auch aufreibendes Jahr für Speedinvest und mich persönlich. Einige unserer Portfolio-Firmen wurden in den Himmel gehoben, nur um wenige Monate später von den gleichen Investoren (und Medien) verteufelt zu werden. Wir sind und bleiben seit vielen Jahren mit diesen Gründern als enge Partner mit dabei und erlauben uns, hier eine andere Haltung an den Tag zu legen. Natürlich war für uns das große eigene Thema Fundraising, was letztlich nach viel Arbeit, Einsatz und Vertrauen sehr, sehr erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Dafür bin ich persönlich sehr dankbar und freue mich wirklich auf 2023 und die neuen Aufgaben.

Diese werden auf andere Art herausfordernd, aber ich bin mir sicher, dass unser Portfolio und Speedinvest das letztlich gut meistern werden. Mir ist sehr bewusst, dass dies leicht gesagt ist für einen Fonds – wir haben viele Wetten ausstehend, die Gründer nur eine. Aber wir werden um jede einzelne kämpfen und hoffentlich das eine oder andere Mal einen Unterschied machen. 

Hansi Hansmann, Business Angel-Legende

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

Für Startups war es ein schweres Jahr. Anschlussfinanzierungen sind immer schwerer geworden, Cash und Runway haben enorm an Bedeutung gewonnen. Wir haben trotzdem viel investiert – rund 15 (!) Neuinvestments – weil ich überzeugt bin, dass der Startup-Trend wegen des Digitalierunsdruckes ungebrochen ist und noch stärker wird. Die Rahmenbedingungen für Finanzierung haben sich allerdings sehr geändert und es ist zu befürchten, dass Fundraising 2023 noch schwerer wird, bevor wir den Boden erreicht haben.

Diejenigen Startups und Business Angels, die die „neuen Regeln“ schnell akzeptiert und verstanden haben, werden sich wohl leichter tun. Scaleups, die große monatliche Burnrates haben, werden wohl harte Einschnitte machen und auch Downrounds akzeptieren müssen, oder es nicht schaffen. Cash ist King! Das war schon heuer so und wird 2023 noch stärker so sein.

Hannah Wundsam, Managing Director AustrianStartups

Hannah Wundsam | © Moore

Die Energiekrise hat 2022 auch das Startup-Ökosystem stark geprägt. Während Investor:innen, statt nach Hypergrowth zu streben, vermehrt Wert auf Profitabilität und Cash Flow-Management legen, hat sich in der Startupszene ein positiver Trend gezeigt: Immer mehr neue Lösungen für die Energiewende stammen von österreichischen Startups. Allerdings zeigt der Austrian Startup Monitor für dieses Jahr, dass die Zahl der Neugründungen in Österreich allgemein stagniert. Dass es wirtschaftlich wichtig wäre dies zu ändern, macht eine Studie von EcoAustria, die 2022 veröffentlicht wurde deutlich. Sie zeigt auf, dass das BIP Österreichs nach zehn Jahren um 3,8 Mrd. Euro höher liegen würde, wenn in Österreich genauso viele Startups gegründet würden wie in den Niederlanden. Erste Schritte in die richtige Richtung wurden von der Politik durch die Reformierung der Rot-Weiß-Rot Karte unternommen. Dadurch sollte es jetzt deutlich einfacher sein, die besten Köpfe ins Land zu holen.

Für AustrianStartups war 2022 das Jahr der Zahl 100. Beim AustrianStartups Summit konnten wir auf die letzten 100 Stammtische zurückblicken und sehen, wie wir gemeinsam mit dem Startup-Ökosystem gewachsen sind. Im Herbst fand die 100. Youth Entrepreneurship Week statt, in der die nächste Generation von Entrepreneuren entsteht und durch unseren Fast Track für Gründer:innen, dem Entrepreneurial Leadership Program, haben wir mittlerweile über 100 Teilnehmer:innen bei ihrem Start ins Ökosystem begleitet.

2023 wird AustrianStartups zehn Jahre alt. Save the Date für unsere Geburtstagsfeier am 3. Mai. im Zuge des nächsten AustrianStartups Summit! Ein gutes Geschenk wäre eine bessere steuerliche Behandlung der Mitarbeiter:innenbeteiligung. Das nächste Jahr wird weiterhin herausfordernd für die Startup-Szene, deshalb braucht es klare Anreize, um die besten Köpfe für neue, innovative Unternehmen zu gewinnen, sowie zusätzliche Anreize wie einen Investitionsfreibetrag, damit mehr privates Risikokapital in österreichische Startups investiert wird.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKO

Kambis Kohansal Vajargah, | © Christoph Steinbauer

2022 erlebten wir, genauso wie im Vorjahr, starke Veränderungen am Markt – Krisen über Krisen und mittendrin zielstrebige Gründer:innen samt ihren Startups, die Lösungen dafür bieten. Es ist großartig, wie sehr sich die heimische Szene gemeinsam bemüht, mit Innovation neue Standards für uns zu schaffen. Mit ihnen an der Speerspitze findet das gesellschaftliche Umdenken statt. Die Szene ist reifer, professioneller und stärker. In der Wirtschaftskammer konnten wir darüber hinaus unsere Flagship-Initiativen înno up sowie Born Global Academy weiter ausbauen und die neue Startup Landscape Austria realisieren.

Natürlich gibt es aktuell auch große Herausforderungen. Auch hier gilt wieder, dass Startups mehr zielgerichtete, rechtspolitische Maßnahmen erhalten sollten, die sie im Wachstum unterstützen. Die Reform der Rot-Weiß-Rot Karte ist ein Erfolg, Punkte wie eine vereinfachte Mitarbeiter:innenbeteiligung und der Beteiligungsfreibetrag können und sollten unbedingt nachfolgen. Die Umsetzung dieser Maßnahmen bleibt weiterhin eine unserer wichtigsten Aufgaben im nächsten Jahr.

Wir werden 2023 unter anderem den fortlaufenden Aufstieg von DeepTech und Spin-offs erleben und einen viel stärkeren Fokus auf frühere Profitabilität bei Startups sehen. Außerdem rücken Diversity, Equality and Inclusion, kurz DEI, in den Fokus. Es gilt auch weiterhin: mehr Startups in der Quantität und Qualität, mehr Initiativen für Entrepreneurship Education und vor allem eine größere, europäische Verflechtung mit anderen Tech-Hubs.

Laura Egg, Managing Director aaia

Laura Egg, Managing Director der aaia.
Laura Egg, Managing Director der aaia | © aaia

Das Jahr 2022 war durch ein Investment-intensives erstes Halbjahr und ein von Unsicherheit getriebenes zweites Halbjahr geprägt. Startup Investor:innen hatten speziell mit Verlusten in anderen Asset-Klassen zu kämpfen und Anschlussfinanzierungen im eigenen Portfolio hatten zudem Priorität.

Für 2023 bleibt zu hoffen, dass sich die wirtschaftliche Gesamtsituation und der Finanzierungsmarkt erholen. Für Gründer:innen, welche sich auf Lösungen für fundamentale Probleme wie Energie, Klima oder Sicherheit fokussieren, gibt es es im nächsten Jahr vermutlich weiterhin gute Möglichkeiten, erfolgreich zu wachsen.

Bernhard Lehner, Co-Founder startup300

Bernhard Lehner | © startup300

Für startup300 war 2022 das Jahr der Re-Fokussierung auf das Investment-Portfolio. Mit erfolgreichen Management Buyouts haben Conda, Pioneers und Minted durchgestartet, die factory300 wurde ein pulsierender Coworkingspace und Innovationshub in der Tabakfabrik.

2023 wird brutal für Startups. VC-Kapital liegt derzeit auf Eis. Ich fürchte, viele in den letzten Jahren viel zu hoch bewertete Startups werden ein schlimmes Erwachen erleben. Im nächsten Jahr trennt sich die Spreu vom Weizen.

Sander van de Rijdt, Co-Founder PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt | © der brutkasten / Martin Pacher

2022 war sowohl wirtschaftlich als auch persönlich für viele Menschen ein sehr herausforderndes Jahr. Bei PlanRadar haben wir trotzdem an unseren strategischen Zielen festgehalten und fünf neue Standorte in den USA, Brasilien, den Emiraten, Singapur und Australien eröffnet. Unser Team hat sich 2022 mehr als verdoppelt und auch umsatzseitig konnten wir trotz längerer Sales Cycle im sehr hohen zweistelligen Prozentbereich zulegen. Massenentlassungen gab es bei uns keine, im Gegenteil auch für 2023 sind bereits wieder ca. 80 offene Positionen ausgeschrieben.

Insgesamt bin ich positiv gestimmt, dass sich die allgemeine Marktlage ab Q2 wieder verbessern wird. Für die Bau- und Immobilienbranche sehen wir 2023 einige Herausforderungen, speziell im Wohnbau, aber die vielerorts geschnürten Maßnahmen- und Infrastrukturpakete werden die Industrie wieder ankurbeln bzw. für Ausgleich sorgen. Bei PlanRadar planen wir für 2023 mit einem Umsatzwachstum von ca. 70 bis 80 Prozent und haben uns auch auf der Produktseite einiges vorgenommen.

Petra Dobrocka, Co-Founder byrd

Petra Dobrocka | © Byrd

Dieses Jahr war haben wir bei byrd wieder einige neue Meilensteine erreicht. Dank unserer Series C Investmentrunde von 50 Millionen Euro im Mai konnten wir unter anderem mit Italien und Spanien zwei neue Fulfillment-Märkte launchen. Damit sind wir nun mit fast 30 Lagern in sieben Märkten der führende Anbieter für E-Commerce Fulfillment in Europa. Zusätzlich haben wir mehr als zehn neue Integrationen mit Versanddienstleistern, Shop- und ERP-Systemen hinzugefügt, mehr als 100 neue Kunden gewonnen und einige Millionen Pakete in (fast) jedes Land dieser Welt verschickt.

Das nächste Jahr wird sicherlich wieder spannend und herausfordernd zugleich. Herausfordernd aufgrund der aktuellen Marktsituation, in der es nicht leicht ist, die Marktbedingungen vorherzusagen, die sowohl uns, als auch auf unsere E-Commerce Händler beeinflussen. Wir rechnen deshalb für 2023 mit einem etwas konservativeren Wachstum, aber erwarten trotzdem dass die E-Commerce Branche weiter wachsen wird. In Krisenzeiten kristallisieren sich die erfolgreichsten Unternehmen heraus, deswegen sehen wir 2023 als die Gelegenheit unsere Stärken zu zeigen und weiter unsere Marktführerschaft auszubauen. Wir werden neue Services launchen, neue Schnittstellen bauen und unser Service auch 2023 weiter verbessern, indem wir auch weiter neue Lagerstandorte an unser Netzwerk anbinden.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Johannes Braith | © Storebox

2022 stand für Storebox ganz im Zeichen des strukturellen Wachstums. Wir haben unser Filialnetzwerk um über 50 Filialen in sechs Ländern in Europa erweitert, die Anzahl unserer Mitarbeiterinnen verdoppelt und uns in allen Unternehmensbereichen stark entwickelt und weiter professionalisiert. Das forderte uns stark, unsere Strukturen und Prozesse akkurat zu halten, um dieser raschen Skalierung nichts entgegenzusetzen. Weiters hervorzuheben ist unsere anhaltende Transformation hin zu einer Logistikplattform, die neben Storage-Services für Consumer, auch eine zentrale Rolle im Bereich Click&Collect auf der letzten Meile spielt.

2023 wird in vielen Belangen ein herausforderndes Jahr. Wir stehen vor einem wirtschaftlichen Downturn, der leider noch nicht seinen Tiefstand erreicht hat. Ich bin allerdings ein unverbesserlicher Optimist und bin daher überzeugt, dass sich in jeder Krise auch viele Chancen und Möglichkeiten verbergen. Diese zu nutzen wird vermutlich für viele nicht ohne Schmerzen möglich sein. 

Christoph Schreiner, Geschäftsführer Niceshops

niceshops: Co-Geschäftsführer Christoph Schreiner
Co-Geschäftsführer Christoph Schreiner | © niceshops

2022 war für uns ein sehr zwiegespaltenes Jahr. Auf der einen Seite stehen tolle neue Kunden (z.B. Almdudler) in unserer Dienstleistungssparte, Platz 1 bei Great Place to Work und ein Marketing Staatspreis für unsere Employer Branding-Kampagne. Auf der anderen Seite stehen Kosten- und Margendruck zusammen mit einem eingetrübten Konsumverhalten.

Wir sehen herausfordernde, aber auch chancenreiche Monate vor uns, in denen es gilt, möglichst viel Handlungsspielraum zu bewahren bzw. aufzubauen.

Martina Fischer, Tractive

Martina Fischer | © Tractive

2022 war ein spannendes Jahr für Tractive. Neben Einführung der 4-Tage-Woche und Eröffnung des Unternehmens-Campus in Pasching ist das Team an den Standorten in Österreich und den USA auf mittlerweile 200 Mitarbeiter:innen angewachsen. Die Geschäftsführer Michael Hurnaus und Wolfgang Reisinger sind besonders stolz auf den Zusammenhalt des Teams, das die Umstellung auf das neue Arbeitszeitmodell bravourös gemeistert und mitgetragen hat. Erfolgreiche TV-Kampagnen und die Etablierung auf dem amerikanischen Markt haben die Weichen für das weitere Wachstum gestellt.

Für 2023 haben wir uns ähnlich ambitionierte Ziele gesteckt. Der Launch neuer Hardware-Produkte für Hunde und Katzen ist in Planung und in der Tractive GPS App wird es neue Features rund um Wellness- und Fitness-Tracking für Haustiere geben. Besonderer Fokus wird im neuen Jahr auf dem Ausbau und der Organisation des Teams an allen Unternehmensstandorten liegen. Tractive wächst nach wie vor stark und sucht noch in vielen Bereichen neue Mitarbeiter:innen. Für uns ist es dabei wichtig, auch 2023 die besondere Unternehmenskultur zu bewahren und weiter zu stärken.

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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