30.12.2022

Stimmen aus der Szene zum Jahreswechsel: „2023 wird brutal für Startups“

Ein forderndes Jahr 2022 neigt sich dem Ende zu - und möglicherweise wird das nächste nicht besser. Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen in der Startup-Szene eingeholt.
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Wir haben zum Jahreswechsel Stimmen in der heimischen Startup-Szene eingeholt

Viele hätten sich wohl eine Verlängerung des Boom-Jahrs 2021 gewünscht (das auch seine Herausforderungen hatte). Doch es kam bekanntlich anders: Durch die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs, Energiekrise und Inflation wurde 2022 für viele Startups zur noch größeren Herausforderung, als es das Corona-Jahr 2020 gewesen war. Die VC-Investments gingen deutlich zurück. Das zuvor rapide Wachstum vieler Startups und Scaleups wurde dadurch massiv gebremst. Kostenreduktion war das Gebot der Stunde, was mitunter auch Massenkündigungen zur Folge hatte. Und glaubt man Prognosen, könnte der heimischen Wirtschaft mit 2023 ein weiteres schweres Jahr bevorstehen.

Auf die individuelle Ebene lässt sich dieser allgemeine Befund freilich nicht in jedem Fall umlegen. In diesem Krisenjahr gab es nicht nur Herausforderungen, es wurden auch große Erfolgsgeschichten geschrieben. Wir haben bekannte Gesichter aus der heimischen Startup-Szene um einen kurzen Rück- und Ausblick gebeten.


Oliver Holle, CEO Speedinvest

Speedinvest CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek
Speedinvest-CEO Oliver Holle | © Klaus Vyhnalek

2022 war ein extrem aufregendes und ja, auch aufreibendes Jahr für Speedinvest und mich persönlich. Einige unserer Portfolio-Firmen wurden in den Himmel gehoben, nur um wenige Monate später von den gleichen Investoren (und Medien) verteufelt zu werden. Wir sind und bleiben seit vielen Jahren mit diesen Gründern als enge Partner mit dabei und erlauben uns, hier eine andere Haltung an den Tag zu legen. Natürlich war für uns das große eigene Thema Fundraising, was letztlich nach viel Arbeit, Einsatz und Vertrauen sehr, sehr erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Dafür bin ich persönlich sehr dankbar und freue mich wirklich auf 2023 und die neuen Aufgaben.

Diese werden auf andere Art herausfordernd, aber ich bin mir sicher, dass unser Portfolio und Speedinvest das letztlich gut meistern werden. Mir ist sehr bewusst, dass dies leicht gesagt ist für einen Fonds – wir haben viele Wetten ausstehend, die Gründer nur eine. Aber wir werden um jede einzelne kämpfen und hoffentlich das eine oder andere Mal einen Unterschied machen. 

Hansi Hansmann, Business Angel-Legende

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

Für Startups war es ein schweres Jahr. Anschlussfinanzierungen sind immer schwerer geworden, Cash und Runway haben enorm an Bedeutung gewonnen. Wir haben trotzdem viel investiert – rund 15 (!) Neuinvestments – weil ich überzeugt bin, dass der Startup-Trend wegen des Digitalierunsdruckes ungebrochen ist und noch stärker wird. Die Rahmenbedingungen für Finanzierung haben sich allerdings sehr geändert und es ist zu befürchten, dass Fundraising 2023 noch schwerer wird, bevor wir den Boden erreicht haben.

Diejenigen Startups und Business Angels, die die „neuen Regeln“ schnell akzeptiert und verstanden haben, werden sich wohl leichter tun. Scaleups, die große monatliche Burnrates haben, werden wohl harte Einschnitte machen und auch Downrounds akzeptieren müssen, oder es nicht schaffen. Cash ist King! Das war schon heuer so und wird 2023 noch stärker so sein.

Hannah Wundsam, Managing Director AustrianStartups

Hannah Wundsam | © Moore

Die Energiekrise hat 2022 auch das Startup-Ökosystem stark geprägt. Während Investor:innen, statt nach Hypergrowth zu streben, vermehrt Wert auf Profitabilität und Cash Flow-Management legen, hat sich in der Startupszene ein positiver Trend gezeigt: Immer mehr neue Lösungen für die Energiewende stammen von österreichischen Startups. Allerdings zeigt der Austrian Startup Monitor für dieses Jahr, dass die Zahl der Neugründungen in Österreich allgemein stagniert. Dass es wirtschaftlich wichtig wäre dies zu ändern, macht eine Studie von EcoAustria, die 2022 veröffentlicht wurde deutlich. Sie zeigt auf, dass das BIP Österreichs nach zehn Jahren um 3,8 Mrd. Euro höher liegen würde, wenn in Österreich genauso viele Startups gegründet würden wie in den Niederlanden. Erste Schritte in die richtige Richtung wurden von der Politik durch die Reformierung der Rot-Weiß-Rot Karte unternommen. Dadurch sollte es jetzt deutlich einfacher sein, die besten Köpfe ins Land zu holen.

Für AustrianStartups war 2022 das Jahr der Zahl 100. Beim AustrianStartups Summit konnten wir auf die letzten 100 Stammtische zurückblicken und sehen, wie wir gemeinsam mit dem Startup-Ökosystem gewachsen sind. Im Herbst fand die 100. Youth Entrepreneurship Week statt, in der die nächste Generation von Entrepreneuren entsteht und durch unseren Fast Track für Gründer:innen, dem Entrepreneurial Leadership Program, haben wir mittlerweile über 100 Teilnehmer:innen bei ihrem Start ins Ökosystem begleitet.

2023 wird AustrianStartups zehn Jahre alt. Save the Date für unsere Geburtstagsfeier am 3. Mai. im Zuge des nächsten AustrianStartups Summit! Ein gutes Geschenk wäre eine bessere steuerliche Behandlung der Mitarbeiter:innenbeteiligung. Das nächste Jahr wird weiterhin herausfordernd für die Startup-Szene, deshalb braucht es klare Anreize, um die besten Köpfe für neue, innovative Unternehmen zu gewinnen, sowie zusätzliche Anreize wie einen Investitionsfreibetrag, damit mehr privates Risikokapital in österreichische Startups investiert wird.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKO

Kambis Kohansal Vajargah, | © Christoph Steinbauer

2022 erlebten wir, genauso wie im Vorjahr, starke Veränderungen am Markt – Krisen über Krisen und mittendrin zielstrebige Gründer:innen samt ihren Startups, die Lösungen dafür bieten. Es ist großartig, wie sehr sich die heimische Szene gemeinsam bemüht, mit Innovation neue Standards für uns zu schaffen. Mit ihnen an der Speerspitze findet das gesellschaftliche Umdenken statt. Die Szene ist reifer, professioneller und stärker. In der Wirtschaftskammer konnten wir darüber hinaus unsere Flagship-Initiativen înno up sowie Born Global Academy weiter ausbauen und die neue Startup Landscape Austria realisieren.

Natürlich gibt es aktuell auch große Herausforderungen. Auch hier gilt wieder, dass Startups mehr zielgerichtete, rechtspolitische Maßnahmen erhalten sollten, die sie im Wachstum unterstützen. Die Reform der Rot-Weiß-Rot Karte ist ein Erfolg, Punkte wie eine vereinfachte Mitarbeiter:innenbeteiligung und der Beteiligungsfreibetrag können und sollten unbedingt nachfolgen. Die Umsetzung dieser Maßnahmen bleibt weiterhin eine unserer wichtigsten Aufgaben im nächsten Jahr.

Wir werden 2023 unter anderem den fortlaufenden Aufstieg von DeepTech und Spin-offs erleben und einen viel stärkeren Fokus auf frühere Profitabilität bei Startups sehen. Außerdem rücken Diversity, Equality and Inclusion, kurz DEI, in den Fokus. Es gilt auch weiterhin: mehr Startups in der Quantität und Qualität, mehr Initiativen für Entrepreneurship Education und vor allem eine größere, europäische Verflechtung mit anderen Tech-Hubs.

Laura Egg, Managing Director aaia

Laura Egg, Managing Director der aaia.
Laura Egg, Managing Director der aaia | © aaia

Das Jahr 2022 war durch ein Investment-intensives erstes Halbjahr und ein von Unsicherheit getriebenes zweites Halbjahr geprägt. Startup Investor:innen hatten speziell mit Verlusten in anderen Asset-Klassen zu kämpfen und Anschlussfinanzierungen im eigenen Portfolio hatten zudem Priorität.

Für 2023 bleibt zu hoffen, dass sich die wirtschaftliche Gesamtsituation und der Finanzierungsmarkt erholen. Für Gründer:innen, welche sich auf Lösungen für fundamentale Probleme wie Energie, Klima oder Sicherheit fokussieren, gibt es es im nächsten Jahr vermutlich weiterhin gute Möglichkeiten, erfolgreich zu wachsen.

Bernhard Lehner, Co-Founder startup300

Bernhard Lehner | © startup300

Für startup300 war 2022 das Jahr der Re-Fokussierung auf das Investment-Portfolio. Mit erfolgreichen Management Buyouts haben Conda, Pioneers und Minted durchgestartet, die factory300 wurde ein pulsierender Coworkingspace und Innovationshub in der Tabakfabrik.

2023 wird brutal für Startups. VC-Kapital liegt derzeit auf Eis. Ich fürchte, viele in den letzten Jahren viel zu hoch bewertete Startups werden ein schlimmes Erwachen erleben. Im nächsten Jahr trennt sich die Spreu vom Weizen.

Sander van de Rijdt, Co-Founder PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt | © der brutkasten / Martin Pacher

2022 war sowohl wirtschaftlich als auch persönlich für viele Menschen ein sehr herausforderndes Jahr. Bei PlanRadar haben wir trotzdem an unseren strategischen Zielen festgehalten und fünf neue Standorte in den USA, Brasilien, den Emiraten, Singapur und Australien eröffnet. Unser Team hat sich 2022 mehr als verdoppelt und auch umsatzseitig konnten wir trotz längerer Sales Cycle im sehr hohen zweistelligen Prozentbereich zulegen. Massenentlassungen gab es bei uns keine, im Gegenteil auch für 2023 sind bereits wieder ca. 80 offene Positionen ausgeschrieben.

Insgesamt bin ich positiv gestimmt, dass sich die allgemeine Marktlage ab Q2 wieder verbessern wird. Für die Bau- und Immobilienbranche sehen wir 2023 einige Herausforderungen, speziell im Wohnbau, aber die vielerorts geschnürten Maßnahmen- und Infrastrukturpakete werden die Industrie wieder ankurbeln bzw. für Ausgleich sorgen. Bei PlanRadar planen wir für 2023 mit einem Umsatzwachstum von ca. 70 bis 80 Prozent und haben uns auch auf der Produktseite einiges vorgenommen.

Petra Dobrocka, Co-Founder byrd

Petra Dobrocka | © Byrd

Dieses Jahr war haben wir bei byrd wieder einige neue Meilensteine erreicht. Dank unserer Series C Investmentrunde von 50 Millionen Euro im Mai konnten wir unter anderem mit Italien und Spanien zwei neue Fulfillment-Märkte launchen. Damit sind wir nun mit fast 30 Lagern in sieben Märkten der führende Anbieter für E-Commerce Fulfillment in Europa. Zusätzlich haben wir mehr als zehn neue Integrationen mit Versanddienstleistern, Shop- und ERP-Systemen hinzugefügt, mehr als 100 neue Kunden gewonnen und einige Millionen Pakete in (fast) jedes Land dieser Welt verschickt.

Das nächste Jahr wird sicherlich wieder spannend und herausfordernd zugleich. Herausfordernd aufgrund der aktuellen Marktsituation, in der es nicht leicht ist, die Marktbedingungen vorherzusagen, die sowohl uns, als auch auf unsere E-Commerce Händler beeinflussen. Wir rechnen deshalb für 2023 mit einem etwas konservativeren Wachstum, aber erwarten trotzdem dass die E-Commerce Branche weiter wachsen wird. In Krisenzeiten kristallisieren sich die erfolgreichsten Unternehmen heraus, deswegen sehen wir 2023 als die Gelegenheit unsere Stärken zu zeigen und weiter unsere Marktführerschaft auszubauen. Wir werden neue Services launchen, neue Schnittstellen bauen und unser Service auch 2023 weiter verbessern, indem wir auch weiter neue Lagerstandorte an unser Netzwerk anbinden.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Johannes Braith | © Storebox

2022 stand für Storebox ganz im Zeichen des strukturellen Wachstums. Wir haben unser Filialnetzwerk um über 50 Filialen in sechs Ländern in Europa erweitert, die Anzahl unserer Mitarbeiterinnen verdoppelt und uns in allen Unternehmensbereichen stark entwickelt und weiter professionalisiert. Das forderte uns stark, unsere Strukturen und Prozesse akkurat zu halten, um dieser raschen Skalierung nichts entgegenzusetzen. Weiters hervorzuheben ist unsere anhaltende Transformation hin zu einer Logistikplattform, die neben Storage-Services für Consumer, auch eine zentrale Rolle im Bereich Click&Collect auf der letzten Meile spielt.

2023 wird in vielen Belangen ein herausforderndes Jahr. Wir stehen vor einem wirtschaftlichen Downturn, der leider noch nicht seinen Tiefstand erreicht hat. Ich bin allerdings ein unverbesserlicher Optimist und bin daher überzeugt, dass sich in jeder Krise auch viele Chancen und Möglichkeiten verbergen. Diese zu nutzen wird vermutlich für viele nicht ohne Schmerzen möglich sein. 

Christoph Schreiner, Geschäftsführer Niceshops

niceshops: Co-Geschäftsführer Christoph Schreiner
Co-Geschäftsführer Christoph Schreiner | © niceshops

2022 war für uns ein sehr zwiegespaltenes Jahr. Auf der einen Seite stehen tolle neue Kunden (z.B. Almdudler) in unserer Dienstleistungssparte, Platz 1 bei Great Place to Work und ein Marketing Staatspreis für unsere Employer Branding-Kampagne. Auf der anderen Seite stehen Kosten- und Margendruck zusammen mit einem eingetrübten Konsumverhalten.

Wir sehen herausfordernde, aber auch chancenreiche Monate vor uns, in denen es gilt, möglichst viel Handlungsspielraum zu bewahren bzw. aufzubauen.

Martina Fischer, Tractive

Martina Fischer | © Tractive

2022 war ein spannendes Jahr für Tractive. Neben Einführung der 4-Tage-Woche und Eröffnung des Unternehmens-Campus in Pasching ist das Team an den Standorten in Österreich und den USA auf mittlerweile 200 Mitarbeiter:innen angewachsen. Die Geschäftsführer Michael Hurnaus und Wolfgang Reisinger sind besonders stolz auf den Zusammenhalt des Teams, das die Umstellung auf das neue Arbeitszeitmodell bravourös gemeistert und mitgetragen hat. Erfolgreiche TV-Kampagnen und die Etablierung auf dem amerikanischen Markt haben die Weichen für das weitere Wachstum gestellt.

Für 2023 haben wir uns ähnlich ambitionierte Ziele gesteckt. Der Launch neuer Hardware-Produkte für Hunde und Katzen ist in Planung und in der Tractive GPS App wird es neue Features rund um Wellness- und Fitness-Tracking für Haustiere geben. Besonderer Fokus wird im neuen Jahr auf dem Ausbau und der Organisation des Teams an allen Unternehmensstandorten liegen. Tractive wächst nach wie vor stark und sucht noch in vielen Bereichen neue Mitarbeiter:innen. Für uns ist es dabei wichtig, auch 2023 die besondere Unternehmenskultur zu bewahren und weiter zu stärken.

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Bybit-Payments-Chef Krick: „Eine Banklizenz schließen wir für die Zukunft nicht aus“

Die Bybit Payments GmbH hat von der FMA eine E-Geld-Konzession erhalten und treibt damit den Ausbau des Wiener EU-Standorts voran. Im Interview erklärt Geschäftsführer Bernhard Krick, warum die Wahl auf Österreich fiel, was aus Bybit.eu werden soll und warum er eine Banklizenz nicht ausschließt.
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Bernhard Krick, Geschäftsführer der Bybit Payments GmbH | (c) Bybit

Anfang August erhielt die Bybit Payments GmbH von der Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Konzession als E-Geld-Institut, nach rund neun Monaten Verfahren. Laut Geschäftsführer Bernhard Krick gibt es die Lizenz zwar seit rund 25 Jahren, durchschritten hätten das Verfahren aber erst zwei Marktteilnehmer. Mit der Konzession baut die nach eigenen Angaben gemessen am Handelsvolumen zweitgrößte Kryptobörse der Welt ihre EU-Zentrale in Wien weiter aus. Die Schwestergesellschaft Bybit EU GmbH hält bereits seit Mai 2025 eine MiCAR-Zulassung. Im Interview spricht Krick über das Verfahren, die Standortwahl und die Frage, ob am Ende eine Banklizenz steht.


Die Bybit Payments GmbH hat von der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Lizenz als E-Geld-Institut erhalten. Wie lange hat das Verfahren gedauert und was waren rückblickend die größten Hürden?

Der eigentliche Lizenzierungsprozess mit der FMA war naturgemäß intensiv und hat sich über einen Zeitraum von rund neun Monaten erstreckt. Wir haben jedoch bereits deutlich davor mit dem Aufbau der lokalen Gesellschaft, der Infrastruktur sowie aller compliance-relevanten Agenden begonnen. Obwohl es die Lizenz seit rund 25 Jahren gibt, haben erst zwei Marktteilnehmer diesen Prozess durchschritten. Die größte Herausforderung bestand darin, die Fülle an Informationen über die eigene Organisation, Prozesse und geplanten Produkte so aufzubereiten, dass sie den hohen Anforderungen der FMA entsprechen und ein klares, transparentes Bild vermitteln. Dabei steht man grundsätzlich auch immer unter einem gewissen Zeitdruck. Unsere Mitarbeiter:innen haben hier eine sehr gute Arbeit geleistet.

Rückblickend war der Prozess zwar anspruchsvoll, aber immens wertvoll. Er hat dazu beigetragen, unsere europäischen Strukturen weiter zu professionalisieren. Die E-Geld-Konzession ist eine wichtige Grundlage für die nächste Phase der Expansion unseres Geschäfts in Europa.

Warum hat Bybit die EMI-Lizenz ausgerechnet in Österreich beantragt? Länder wie Litauen oder Luxemburg gelten in Europa als die klassischen Standorte für E-Geld-Institute.

Wien ist für uns der Standort unserer EU-Zentrale. Von hier aus decken wir MiCAR, E-Geld und MiFID ab. Uns war wichtig, einen Standort mit einem europaweit respektierten Regulator zu wählen. Die FMA bietet dabei die perfekte Balance: streng in der Aufsicht, was für eine Organisation wie uns, die weltweit auf Compliance ausgerichtet ist, kein Problem, sondern ein Vorteil ist, und gleichzeitig kommunikativ, pragmatisch und effizient im Austausch. Wien ist zudem ein zentraler Standort in Europa mit attraktiver Infrastruktur und hoher regulatorischer Kompetenz. Von hier aus können wir langfristige europäische Strukturen aufbauen, mit einem verlässlichen Partner vor Ort, und unser Geschäft in den Märkten ganz Europas steuern.

Die FMA gilt als strenge Aufsicht. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Vergleich zu anderen Jurisdiktionen, in denen Bybit tätig ist?

Eine strenge Aufsicht ist aus unserer Sicht kein Nachteil. Ganz im Gegenteil: Wenn man langfristig in einem regulierten europäischen Markt tätig sein möchte, ist Klarheit darüber, welche Anforderungen gelten, ein wesentlicher Vorteil. Unsere Erfahrung ist, dass die Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörden naturgemäß intensiv und detailliert ist, und das erwarten wir auch. Wir sehen Regulierung nicht als einmalige Eintrittshürde, sondern als laufenden Prozess, der sehr wichtig für die gesamte Branche ist. Die FMA sehen wir als eine durchaus fordernde, aber vor allem als eine sehr kompetente Behörde, die auch einen sehr guten Ruf in Europa genießt.

In der Aussendung zur Lizenz heißt es, konkrete Termine für die Produkteinführung würden in Kürze bekannt gegeben. Können Sie schon konkreter werden: Welche Dienste starten zuerst, und wann rechnen Sie mit dem Marktstart in Österreich und im restlichen EWR?

Die konkreten Produktneuerungen, Marktstart und Rollout-Phasen werden wir, wie versprochen, zeitnah kommunizieren. Was wir jedoch jetzt bereits sagen können: Unser Ziel ist es, die neue Lizenz schrittweise für den Ausbau eines umfassenderen Payment-Angebots in Europa zu nutzen. Wir haben bereits um das Passporting der Lizenz für den EWR angesucht. Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen, da die relevanten nationalen Behörden in Europa dies bestätigen müssen. Wir verfolgen dabei bewusst einen stufenweisen Ansatz, können aber bereits jetzt sagen: Bybit.eu wird bald viel mehr sein als eine reine Krypto-Plattform und wird sich zu einer universellen Finanzlösung entwickeln.

Die Bybit Card ist in Europa bereits verfügbar. Was ändert sich durch die EMI-Lizenz konkret für das Kartenprogramm? Wird die Bybit Payments GmbH die Kartenausgabe künftig selbst übernehmen?

Die Bybit Card wird auch in Zukunft eines unserer zentralen Produkte bleiben. Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir jedoch keine konkreten Änderungen an bestimmten Produkten vorwegnehmen oder bekanntgeben. Was wir sagen können: Die Lizenz gibt uns generell zusätzliche strategische Flexibilität, um unser europäisches Dienstleistungsangebot im Zahlungsverkehr weiterzuentwickeln sowie attraktiver zu gestalten.

Auf Bybit.eu setzen Sie bei Stablecoins bislang auf regulierte Token von Circle wie EURC. Die EMI-Lizenz würde der Bybit Payments GmbH grundsätzlich auch die Emission eines eigenen E-Geld-Tokens erlauben. Ist ein eigener Euro-Stablecoin ein Thema für Sie?

Stablecoins und andere tokenisierte Zahlungsinstrumente beobachten wir auf dem europäischen Markt sehr genau. Gerade MiCAR schafft hier einen neuen regulatorischen Rahmen, der in den kommenden Jahren erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung digitaler Zahlungsmittel haben wird. Aktuell liegt unser Fokus jedoch darauf, unseren Kundinnen und Kunden Zugang zu bestehenden regulierten und qualitativ hochwertigen Produkten zu ermöglichen. EURC ist dafür ein gutes Beispiel. Wir schließen grundsätzlich keine strategischen Optionen in diesem Bereich aus, haben derzeit aber nichts anzukündigen.

Bybit EU GmbH und Bybit Payments GmbH sind bewusst getrennte Gesellschaften mit unterschiedlichen Lizenzen. Warum diese Struktur, und was bedeutet die Trennung im Alltag konkret für die Kundinnen und Kunden?

Die Trennung folgt einer klaren regulatorischen und auch organisatorischen Logik. Die Bybit EU GmbH und die Bybit Payments GmbH verfolgen unterschiedliche Geschäftsmodelle und verfügen über unterschiedliche regulatorische Berechtigungen. Deshalb ist es sinnvoll, diese Aktivitäten auch gesellschaftsrechtlich, organisatorisch und in Bezug auf die Regulatorik und das Risikomanagement klar voneinander abzugrenzen. Für die Kundinnen und Kunden wird sich das positiv auswirken, da wir in der Zukunft über eine gemeinsame Finanzplattform und App neue innovative Möglichkeiten im Zahlungsverkehr anbieten werden. Die Kunden werden die volle Transparenz haben, welche Dienstleistung sie von welchem Unternehmen beziehen.

Sie betonen, dass die EMI-Lizenz keine Banklizenz ist. Ist eine Banklizenz der nächste logische Schritt für Bybit in Europa, oder schließen Sie das aus?

Für uns ist die EMI-Lizenz der logische Schritt, um unsere Kompetenz im Zahlungsverkehr in Europa aufzubauen. Wir verfolgen das Ziel, ein globales Finanz-Ökosystem aufzubauen, das den Zugang zu einer modernen Bank-, Investitions- und Zahlungsverkehrsinfrastruktur für alle Kundengruppen bietet. Da ist es natürlich selbstverständlich, dass wir kontinuierlich evaluieren, welche regulatorischen Strukturen und Partnerschaften für unsere langfristige Strategie sinnvoll sind. Eine Banklizenz schließen wir für die Zukunft nicht aus. Aktuell liegt unser Fokus aber klar auf dem erfolgreichen Aufbau und der Skalierung unseres regulierten Geschäfts in Europa.

Mit regulierten Zahlungsdiensten tritt Bybit in direkte Konkurrenz zu Neobanken wie Revolut und N26, aber auch zu anderen Kryptobörsen mit Payment-Ambitionen in Europa. Womit wollen Sie sich in diesem Feld differenzieren?

Bybit ist gemessen am Handelsvolumen die zweitgrößte Krypto-Asset-Plattform der Welt und bietet bereits heute weltweit über 80 Millionen Kundinnen und Kunden viel mehr als reines Krypto-Trading an. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das enorme Volumen im Krypto-Derivate- und Futures-Handel auf der globalen Bybit-Plattform. Mit unserem „Compliance-First-Ansatz“ wird Bybit einer der relevantesten Player in Europa werden. Der entscheidende Faktor ist, das Vertrauen der Kundinnen und Kunden zu bekommen. Unser Ansatz geht daher über das reine Krypto-Trading weit hinaus. Wir verbinden die Welten der digitalen Assets und Web3-Produkte mit den traditionellen Finanzdienstleistungen.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Bybit aktuell in Wien, und wie verändert der Aufbau der Payments-Sparte den Standort? Wird derzeit Personal gesucht?

Aktuell beschäftigen wir in Wien rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Ausbau der Payments-Sparte stärkt den Standort zusätzlich, da ein reguliertes Payment-Geschäft weitere spezialisierte Funktionen benötigt, etwa in den Bereichen Produktmanagement, Legal und Compliance, Risk, Finance, Operations und Technology. Hier sind wir derzeit auch auf der Suche und heißen jede Bewerbung willkommen.

Welchen Stellenwert hat das Thema Sicherheit beim Aufbau des europäischen Zahlungsverkehrsgeschäfts, und wie werden die Kundengelder der Bybit Payments GmbH abgesichert?

Sicherheit und Vertrauen bilden das Fundament des Finanzgeschäfts. Beim Aufbau der Bybit Payments GmbH wurden deshalb regulatorische Anforderungen an Governance, Risikomanagement, IT-Sicherheit und den Umgang mit Kundengeldern von Beginn an berücksichtigt. Die Kundengelder des E-Geld-Instituts werden entsprechend den regulatorischen Vorgaben geschützt und bei einer Bank zu 100 Prozent treuhänderisch verwahrt. Für die Bybit.eu-Plattform gelten zudem dieselben strengen regulatorischen Anforderungen an IT-Sicherheit wie für Banken.

Bybit hat kürzlich seinen Risiko- und Sicherheitsbericht für das erste Halbjahr 2026 veröffentlicht. Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz inzwischen in der Sicherheitsarbeit, und was bedeutet das für Nutzerinnen und Nutzer in Europa?

Wir setzen modernste Technologien ein, um Muster schneller zu erkennen, Auffälligkeiten frühzeitig zu identifizieren und potenzielle Risiken effizient zu analysieren. Unser Anspruch ist es, im Bereich Sicherheit immer einen Schritt voraus zu sein, ganz nach dem Credo: Prävention statt Nachsorge. Künstliche Intelligenz ist in der präventiven Sicherheitsarbeit im Zahlungsverkehr ein fixer Bestandteil. Für Nutzerinnen und Nutzer in Europa bedeutet das im Alltag vor allem, dass der Zahlungsverkehr reibungslos und sicher abläuft. Der große europäische Vorteil ist dabei der rechtliche Rahmen. Dank strenger Gesetze wie der DSGVO und dem neuen KI-Gesetz gibt es in Europa klare Leitplanken, die die Privatsphäre aller am Zahlungsverkehr beteiligten Personen schützen.

Wo steht Bybit.eu in drei Jahren?

Unser Anspruch ist klar: Wir wollen in drei Jahren eine der führenden regulierten Plattformen für digitale Finanzdienstleistungen in Europa sein. Krypto und Blockchain wollen wir dabei immer weniger als eigenständige oder alternative Systeme betrachten, sondern die Brücke zwischen der Welt digitaler Assets und traditionellen Finanzdienstleistungen weiter stärken und direkt verbinden. Entscheidend ist Vertrauen: Ein verlässlicher institutioneller Rahmen und klare Regulierungen bilden die Basis, damit immer mehr Unternehmen sowie Kundinnen und Kunden auf diese Technologien setzen. Im Idealfall ist Bybit EU in drei Jahren eine vertrauenswürdige, regulierte All-in-one-Finanzplattform, auf der digitale und traditionelle Finanzdienstleistungen zusammenkommen und nahtlos in den Alltag unserer Kundinnen und Kunden integriert sind.

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