27.12.2023

Rück- und Ausblick 2023/2024: „Da wird es noch einiges an bösem Erwachen geben“

Wir haben von einigen der bekanntesten Gesichter der heimischen Startup-Szene einen kurzen Rück- und Ausblick am Ende dieses fordernden Jahrs bekommen.
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Einige der bekanntesten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene gaben uns einen Jahres-Rück- und Ausblick
Einige der bekanntesten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene gaben uns einen Jahres-Rück- und Ausblick

2023 war ohne Zweifel ein schwieriges Jahr für die heimische Startup-Szene. Die Rezession lässt Kund:innen wegbrechen und damit Einnahmen sinken. Gleichzeitig steigen die Ausgaben durch die Teuerung. Und als ob dass nicht genug wäre, sind Investments weiterhin schwer zu bekommen – vor allem zu guten Konditionen. Die Folge: Viele heimische Startups kämpfen, Insolvenzen stehen an der Tagesordnung. Und momentan sieht es gesamtwirtschaftlich für 2024 ganz und gar nicht nach einer Entspannung der Situation aus.

Doch natürlich ist nicht alles grau und düster. Auch 2023 wurden wieder viele Erfolgsgeschichten geschrieben und einige Startups und Scaleups trotzten dem Trend auf beachtliche Art und Weise. Und wie schon in früheren Krisen gilt: Was mit dem einen Geschäftsmodell zur unüberwindbaren Hürde wird, kann mit dem anderen eine große Chance sein.

Wir haben, wie jedes Jahr, bei bekannten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene um einen kurzen Rück- und Ausblick gebeten:


Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

2023 war ein herausforderndes Jahr, aber das wissen wir ja inzwischen alle. Mit ein wenig Übersicht und Cash-Reserven konnte man da gut durchkommen. Zu hohe Bewertungen aus 2021 sind den Startups teilweise auf den Kopf gefallen – man musste in die alte Bewertung „erst hineinwachsen“.

2024 wird meiner Erwartung nach nicht viel besser, jedenfalls nicht im ersten Halbjahr. Ich glaube, da wird es noch einige erwischen, die es mit Mühe und Not bis jetzt geschafft haben. Funding bekommen aktuell nur die Allerbesten (KPIs). Sonst bleiben nur die Bestandsinvestoren und denen geht schön langsam das Geld aus.

2024 wird aber auch ein Jahr der Opportunities: Ich glaube, dass viele Startups bzw. Assets günstig zu haben sein werden. Im Prinzip bedeutet das nichts anderes, als Konsolidierung und besseres Vorbereiten auf das, was danach kommt – weil irgendwann geht’s wieder richtig bergauf.

Hannah Wundsam, Co-Managing Director Austrian Startups

AustrianStartups Managing Director Hannah Wundsam | (c) brutkasten
AustrianStartups Managing Director Hannah Wundsam | (c) brutkasten

2023 war ein turbulentes Jahr für die österreichische Startup-Szene. Angetrieben von hohen Leitzinsen erlebten wir eine ungewöhnlich hohe Welle an Konkursen und Insolvenzen. Das Aufstellen von Investments blieb eine große Herausforderung, und Startups sahen sich weiterhin mit dem Dilemma konfrontiert, schnell wachsen zu wollen, während sie gleichzeitig rasch Profitabilität anstreben mussten.

Trotz des schwierigen Umfelds konnte die Szene auch Erfolge feiern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Refurbed zeigte mit seiner Series-C-Finanzierungsrunde, wie man auch in wirtschaftlich schwierige Phasen wachsen kann. Künstliche Intelligenz war oftmals der starke Treiber für eine Vielzahl an frischen Investmentrunden.

Auch im internationalen Wettlauf um die besten KI-Lösungen haben österreichische Gründer:innen eine spannende Rolle übernommen. Startups wie Magic.dev zeigen jedoch, dass mehr Kapital und Anreize erforderlich sind, um die besten Talente für Gründungen in Österreich zu gewinnen.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war das kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Startup-Paket, das die neue Rechtsform „FlexCo“ und verbesserte Regelungen für Mitarbeiterbeteiligungen umfasst. Dieses Paket erfüllte einen langjährigen Wunsch vieler Gründer:innen, gerade rechtzeitig vor Weihnachten. 2023 war auch ein Jahr des Feierns für AustrianStartups: Wir blickten auf die letzten zehn Jahre unseres Vereins zurück und können feststellen, dass die Szene langsam aber sicher erwachsen wird.

Der Blick auf das Jahr 2024 zeigt, dass die Dynamik nicht nachlassen wird. Der Wettbewerb um die besten Talente im KI-Bereich geht weiter. Damit Österreich international mithalten kann, darf sich die Politik nicht auf ihren ersten Schritten ausruhen. Das Startup-Paket muss nun effektiv umgesetzt werden, und es müssen weitere Anreize für Gründungen in Österreich geschaffen werden. Das Wahljahr 2024 ist eine Chance, relevante Ansätze im Regierungsprogramm zu festigen. Ich sehe hierfür zwei besonders wichtige Themen: Langfristig neues Talent durch Bildung zu fördern (Entrepreneurship Education) und kurzfristig Anreize für mehr Investitionen zu schaffen (Investitionsfreibetrag).

Oliver Holle, Gründer und CEO Speedinvest

Speedinvest CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek
Speedinvest-CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek

2023 war ein ambivalentes Jahr. Für Speedinvest als Company hätte es kaum besser laufen können. Wir sind mit mehr als 600 Millionen Euro mit vollgepackten Geldkoffern in einem Umfeld am Start, wo Kapital zunehmend Mangelware wird. Zuletzt wurden wir noch als „Seed Fund des Jahres 2023“ ausgezeichnet, was für unser Team auch sehr schön war. Im Gegensatz dazu sind wir letztlich nur so erfolgreich, wie unsere Gründer und Gründerinnen, und die hatten eine wirklich harte Zeit. Downrounds, Pay-to-Play-Runden und zum Teil auch Geschäftsschliessungen waren eher die Regel als glitzernde neue Rekordrunden. 

Ich befürchte, dass 2024 zumindest über weiter Strecken noch nicht viel Positives zu bieten haben wird. Viele Firmen leben noch von dem Cash, den sie Ende 2021 oder Anfang 2022 zu sehr guten Konditionen eingesammelt haben. Da wird es noch einiges an bösem Erwachen geben. Die Welt hat sich grundlegend verändert, nur wenige Top-Startups, die sowohl starkes Wachstum als auch hochprofitable Geschäftsmodelle vorweisen können, können anständige Wachstumsrunden abschließen, der Rest wird sich sehr schwer tun.

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures, Mitglied im Startup-Rat

Laura Raggl | (c) brutkasten / martin pacher

Das Jahr 2023 war sehr durchwachsen und trotzdem vom Aufschwung geprägt. Insbesondere im Bereich Energie- und KlimaTech. Zahlreiche Companies in dieser Branche konnten beträchtliche Finanzierungsrunden abschließen, während andere Startups im Fundraising einen intensiven Wettbewerb erlebten. Speziell im zweiten Halbjahr haben wir allerdings wieder sehr viele Pre-Seed- und Seed-Runden gesehen und speziell Angels waren sehr aktiv.

Spannend für die österreichische Startup-Szene wird 2024 die politische Entwicklung im Zusammenhang mit der anstehenden Nationalratswahl sein. Speziell Maßnahmen für die Mobilisierung von privatem und institutionellem Kapital wären große weitere Meilensteine, jetzt wo die neue Rechtsform umgesetzt wurde.

Kilian Kaminski und Peter Windischhofer, Co-Founder und Co-CEOs refurbed

refurbed
(c) refurbed: v.l.n.r. Peter Windischhofer und Kilian Kaminski

Kaminski: Wir schätzen uns glücklich, in diesem Jahr auf ganz viele echte Highlights zurückblicken zu dürfen: Wir haben mit refurbed den Außenumsatz von einer Milliarde geknackt, unsere bisher größte Finanzierungsrunde mit 54 Millionen Euro abgeschlossen und namhafte Kooperationspartner wie Woom, Dyson, AEG und viele mehr gewonnen, die uns helfen, unser Sortiment an refurbished Produkten weiter auszubauen. Zusätzliche wurde ich zum Vorstandsmitglied von EUREFAS gewählt, was unsere Lobby-Arbeit weiter nach vorne bringt. Insgesamt also ein Jahr, das uns in jedem Fall in Erinnerung bleiben wird und wir können jetzt schon sagen: Es werden auch 2024 interessante und namhafte Kooperationspartner dazukommen. Insgesamt war es ein Jahr, das das Adjektiv „rasant“ durchaus verdient, ich glaube aber nicht, dass 2024 sehr viel ruhiger werden wird.

Windischhofer: Zusätzlich zu den unternehmerischen Highlights 2023 gab es auch ökologische Highlights, die uns in diesem Jahr wichtig waren. So konnten wir z.B. durch die Veröffentlichung der Fraunhofer-Studie zeigen, dass transparente und objektive Impact-Studien zwar nicht einfach, aber möglich sind. Da freuen wir uns schon auf das 2024er-Jahr, denn diesbezüglich werden wir – so viel sei schon verraten – im ersten Halbjahr weitere Schritte präsentieren. Außerdem haben wir die 500-Tonnen-Marke bei der Einsparung von E-Waste geknackt, auch das war uns persönlich als Meilenstein sehr wichtig.

Kaminski: Zwei weitere persönliche und berufliche Highlights waren für mich in diesem Jahr, als uns die Nasdaq von sich aus über den Times Square zu unserer abgeschlossenen Finanzierungsrunde gratuliert hat. Das war ein echter Gänsehautmoment – und als Peter und ich als Entrepreneur of the Year von EY ausgezeichnet wurden. Es war ein großartiges Jahr!

Christiane Holzinger, Business Angel of the Year 2023

Holzinger
Christiane Holzinger | (c) Christiane Holzinger

Das Jahr 2023 stellte fast die gesamte österreichische Startup-Szene vor herausfordernde Prüfungen inmitten einer anhaltenden Krise. Trotz dieser Widrigkeiten haben unsere innovativen Unternehmer:innen und auch Investoren:innen bewundernswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt. Teamspirit, Zusammenhalt und das teilen von Informationen hat viele auch gemeinsam wachsen lassen. So hart viele Wochen und Monate gewesen sind, umso dankbarer bin ich für die vielen neuen Gesichter, die ich kennengelernt habe.

Diese Erfahrungen werden die Grundlage für einen nachhaltigen Aufschwung im Jahr 2024 bilden. Die Risikokapitalszene wird voraussichtlich ihre Strategien anpassen, um gezielt in resilientere und zukunftsfähige Technologien zu investieren. In dieser Phase der Neuausrichtung sehe ich die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen und nachhaltige Innovationen voranzutreiben, die das Fundament für eine robustere Wirtschaft legen werden. Persönlich gehe ich nach einer Phase der Reflektion und des Aussortierens sehr positiv in das neue Jahr 2024 – denn nur wenn wir Unternehmer:innen mit gutem Vorbild und ohne Jammern vorangehen, können wir auch gute Beispiele für unsere Mitarbeiter:innen, Startups, Investments und Mentees sein.

Berthold Baurek-Karlic, Business Angel of the Year 2023

Berthold Baurek-Karlic, Venionaire Capital | (c) Rene Wallentin

2023 war ein extrem spannendes, aufregendes, und bewegendes Jahr für mich. Auf der positiven Seite war sicherlich der Business Angel of the Year Award, den ich nie vergessen werde, sowie die sensationellen Ergebnisse, die der Tigris Web3 Fonds – Österreichs erster Krypto-Fonds, managed by Venionaire. Besonders negativ haben sich die Nachwehen der Krisenjahre herausgestellt, viele Firmen haben es nicht geschafft – wir wurden selbst gezwungen, mit viel Energie als Krisenmanager einzugreifen, dadurch blieb weniger Kraft und Kapital für unsere Arbeit als Wachstumsbeschleuniger.

Insgesamt sind wir aber noch deutlich besser und durchaus profitabel durch die Krise gekommen, aus unserer Zusammenarbeit mit dem Linde Verlag bzw. der Linde Digital GmbH entstanden wunderbare neue Produkte wie die App “Mei Marie”, es konnte mit dem Gewinn einer internationalen Ausschreibung ein guter Erfolg der Beteiligung “IURIO” eingefahren werden, und die bestehende Bildungslösung „Lawstar“ Dank einer Zusammenarbeit mit courseticket.com gestärkt werden.

Für 2024 erwarte ich weiterhin schwierige Zeiten, insbesondere wenn der Staat nicht langsam beginnt, den Standort in Sachen Wettbewerbsfähigkeit zu reformieren. Hierzu muss der Faktor Arbeit viel geringer besteuert werden, endlich eine drastische Entbürokratisierung her, sowie Anreize für Institutionelles Kapital im Feld Private Equity (ein Tsunami an Unternehmensübergaben aus der Baby Boomer Generation rollt an) und Venture Capital (es geht weiterhin massiv an Anschlussfinanzierungen). Passiert das nicht, verlieren wir vermutlich auf Jahrzehnte an Boden.

Petra Dobrocka, Gründerin und CCO Byrd

Petra Dobrocka | (c) byrd
Petra Dobrocka | (c) byrd

2023 war für byrd ein intensives Jahr, geprägt von einem Umdenken von Wachstum auf Effizienz. Einige unserer Highlights waren diverse neue Shop-, ERP- und Marktplatz-Integrationen sowie die Anbindung neuer Versanddienstleister (auf aktuell mehr als 25 Carrier), die Anbindung von drei neuen Lagerstandorten, neue Partnerschaften mit Radial (bPost Gruppe), MIRAKL, Leroy Merlin, ParcelPerform, Procuros uvm. Und natürlich für das Team unser Company-Offsite mit dem kompletten Team in Prag am Ende des Sommers, sowie zwei Hackathons, bei denen unsere Teams an neuen, innovativen Lösungen arbeiten konnten.

Im Jahr 2024 werden wir weiter daran arbeiten, die Nr.-1-Lösung für europäisches E-Commerce-Fulfillment zu sein, indem wir in unseren sieben Kernmärkten weiter wachsen. Wir werden uns weiter auf die Effizienz und Lagerautomatisierung fokussieren, sodass die Lager noch größere Paketmengen verarbeiten und so noch bessere Skaleneffekte erzielen können.

Natürlich verbessern wir auch 2024 weiter unsere Software und Dienstleistungen. Der Fokus ist dabei vor allem darauf, bestehende Prozesse auf der Grundlage von Kundenfeedback weiter zu verbessern, z. B. durch eine umfangreichere B2B-Versandfunktionalität oder eine verbesserte Auswahl von Verpackungsmaterial, um die effizienteste Verpackungs- und Versand-Option für jedes Paket sicherzustellen.

Johannes Braith, Gründer und CEO Storebox

Storebox-CEO und Cofounder Johannes Braith
Storebox-CEO und Cofounder Johannes Braith | Foto: brutkasten

2023 war für viele in der Tech-Industrie ein sehr schwieriges Jahr. Auch bei Storebox mussten wir mit einer komplexen makroökonomischen Lage umgehen. Hohe Zinsen und Zurückhaltung im VC- bzw. PE-Bereich machten eine rasche Skalierung zur Herausforderung. Wir sind stolz, dass wir trotz der hohen Kapitalkosten sowie der multiplen Krisen in diesem Jahr starke Wachstumszahlen aufweisen konnten. Wir sind von 200 auf über 320 Filialen angewachsen, haben zwei neue Märkte sowie einige tolle Kunden im Lastmile-Logistik Bereich gewonnen.

Ich bin grundsätzlich ein überzeugter Optimist und versuche stets, die positiven Dinge zu sehen, welche die genannten Herausforderungen mit sich bringen. Mein Ausblick für das Jahr 2024 ist dennoch differenziert. Ich gehe davon aus, dass wir vor allem in der ersten Jahreshälfte eine Verschärfung der aktuellen Situation erleben werden. Die Kapitalkosten werden vermutlich gleich hoch bleiben oder sogar etwas steigen, bevor wir eine positive Dynamik sehen. Auch ansteigende Rohstoffpreise und Ressourcenknappheit bei Hardware-Komponenten werden sich vermutlich weiter aufschaukeln, bevor wir eine Beruhigung wahrnehmen können – Stichwort: „Bullwhip-Effekt“. Wenn wir jedoch weiter hart arbeiten, klare Ziele definieren und mit Leidenschaft echte Probleme lösen, werden wir auch 2024 gesellschaftlich wieder einen Schritt nach vorne machen.

Lisa Ittner, Gründerin und CEO vibe

vibe-Gründerin Lisa Ittner im Talk
vibe-Gründerin Lisa Ittner im Talk | (c) brutkasten

Volatilität, Wachstum und good vibes. Obwohl oder gerade weil es in der Automobilbranche so turbulent ist, sind wir mit dem E-Auto Abo auf Wachstumskurs und der Überholspur. Die Rahmenbedingungen sind und waren herausfordernd – das wird auch so bleiben. Wir nutzen das für uns. Immer mit klarem Fokus auf die beste Dienstleistung für unsere Community spielen wir unsere Stärken da aus, wo es darauf ankommt. Rasch reagieren, eine klare Vision verfolgen und dabei flexibel bleiben. Unsere Grundwerte helfen uns dabei seit Anbeginn: fair, easy, changing, caring. Und mit unserem flexiblen Abo-Modell ermöglichen wir unseren Kunden, sich in diesen Zeiten auf das wichtigste zu fokussieren: ihre Ziele.

Markus Linder, Gründer und CEO inoqo & Triple Impact Ventures

Markus Linder: Gründer des Wiener Scaleups Zoovu plan mit Nachhaltigkeitsapp den nächsten Coup
(c) Haris Dervisevic / der brutkasten: Markus Linder

Als Gründer eines ClimateTech-Startups und als Early-Stage-Investor im Bereich Klima freue ich mich darüber, dass im Jahr 2023 fast ein Drittel aller VC-Investitionen in den ClimateTech-Bereich geflossen sind.

Im Hinblick auf das kommende Jahr bin ich überzeugt, dass wir 2024 erleben werden, wie Unternehmen wie inoqo und viele andere herausragende Startups starkes Wachstum und einen positiven Impact auf die größte Herausforderung und Chance unserer Zeit im großen Maßstab liefern werden.

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Viele der spannendsten jungen Tech-Talente Österreichs kommen von derselben Schule: der HTL Spengergasse in Wien. Zufall ist das nicht.
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Alexandra Polic sitzt mit Harald Zumpf in einer Klasse der HTL Spenegrgasse
Lehrer Harald Zumpf betreut die Hochbegabten an der HTL Spengergasse. (c) brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Hinter einer Glasfassade in der Spengergasse befindet sich eine Schule, die mehr kann als Unterricht. Hier bauen Schüler:innen Software, die mit Produkten von Technologie-Giganten konkurriert. Wer das Gebäude betritt, sieht Klassenzimmer wie überall: Tische, Bildschirme, Schüler:innen vor ihren Laptops. Und doch entsteht hier etwas, das an vielen Schulen fehlt.

Die Liste der Absolvent:innen liest sich wie das Who’s who der österreichischen Tech-Szene: Eric Steinberger und Sebastian De Ro, deren KI-Coding-Startup Magic international für Aufsehen sorgt; Ben Koska, der mit seinen Brüdern in San Francisco an Infrastruktur für KI-Modelle arbeitet; Mojmír Horváth, der mit seinem Startup PothAI im Sommer ins Y-Combinator-Programm einzieht. Sie haben eines gemeinsam: Sie sind durch dieselbe Förderung gegangen.

Im Computerraum wartet Harald Zumpf. Er unterrichtet im Bereich Informatik – und betreut nebenbei jene, die mehr wollen als den Lehrplan. Zumpf ist seit fast 13 Jahren an der HTL Spengergasse. Als er damals an die Schule kam, fiel ihm auf, dass es zwar zahlreiche Unterstützungsangebote für schwächere Schüler:innen gab, aber kein spezielles Angebot für die leistungsstärksten. „Wir haben uns also gefragt: Wie bereiten wir die Besten möglichst gut auf die Welt nach der Schule vor?“, erzählt Zumpf. Der Lehrer suchte die Antwort direkt bei jenen, die im Unterricht herausstechen. Er fragte sie, was er für sie tun könne. So entstand nach und nach die Hochbegabtenförderung.

Heute hat sich daraus ein Programm mit 18 Schüler:innen entwickelt, die in Teams an innovativen Projekten für reale Kunden aus der Wirtschaft arbeiten. Auf dem Papier ist die Förderung ein Freifach; in der Praxis eine 24/7-Betreuung. „Alle Schüler:innen haben meine Handynummer und können sich jederzeit melden – auch am Sonntag oder in den Ferien“, sagt Zumpf. Auf LinkedIn fasst er es so zusammen: Serving Austria’s brightest minds. „Ich arbeite nicht für mich – ich arbeite für die Schüler:innen“, sagt er.

Die HTL Spengergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk. (c) brutkasten

Erst Silicon Valley, dann Matura

Viele der Schüler:innen, die in Zumpfs Programm waren oder sind, zählen zu den vielversprechendsten Talenten in der Startup- und Innovationsszene. Der besagte Mojmír Horváth etwa, 19 Jahre alt, besucht im Rahmen eines Auslandsjahrs die renommierte Phillips Academy in den USA. Mit seinem Startup PothAI hat er es außerdem ins Early-Programm des Y-Combinator-Ökosystems geschafft. Im Sommer, gleich nach seiner Matura an der HTL Spengergasse, wird Horváth am Summer 2026 Batch teilnehmen.

Mit PothAI entwickelt er eine agentenbasierte KI, die Unternehmensdaten eigenständig analysiert, Hypothesen bildet und daraus kontinuierlich neue Erkenntnisse ableitet, um manuelle Analyseprozesse zu ersetzen. Mit drei Unternehmen sind bereits Pilotprojekte vereinbart. Wenn der YC-Batch startet, will Horváth eine funktionierende Version seines Produkts haben.

Dass er es jetzt schon so weit gebracht hat, hat er auch seiner Schule und der Hochbegabtenförderung zu verdanken. Dabei hat er aber nichts dem Zufall überlassen: „Ich habe Professor Zumpf schon vor dem Schulstart geschrieben, um herauszufinden, wie ich in das Programm komme“, erzählt Horváth. Die Förderung war einer der Gründe, warum er sich für die HTL Spengergasse entschieden hat. In die Förderung aufgenommen hat ihn Harald Zumpf in der zweiten Klasse. Ausschlaggebend war unter anderem ein Medizin-Hackathon: „Wir sind dort gegen PhD-Teams angetreten und haben den zweiten Platz erreicht, beim Publikumsvoting sogar den ersten.

In diesem Rahmen habe ich in 24 Stunden einen Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der Patientendaten verarbeitet und die Kostenentwicklung prognostiziert“, sagt Horváth.

Talente fallen auf

Dies ist einer von vielen Schlüsselmomenten, die Harald Zumpf mit seinen Schüler:innen erlebt. „Das Identifizieren der Hochbegabten ist das Einfachste überhaupt. Man muss sich eher Mühe geben, sie nicht zu erkennen“, sagt er. Dabei komme es auch gar nicht nur auf ihn an: „Wenn man eine Klasse fragt, wer von ihnen der Beste im Programmieren ist, zeigen alle auf dieselbe Person“, erzählt Zumpf. Auch Empfehlungen aus dem Lehrerkollegium bekommt er immer wieder.

Manchmal geht Zumpf auf die Schüler:innen zu, manchmal kommen sie zu ihm. Wer aufgenommen werden will, braucht einen bestimmten Notenschnitt, weil die schulischen Leistungen nicht leiden sollen. Kandidat:innen führen ein Gespräch mit Zumpf und zwei oder drei Schüler:innen, die bereits in der Förderung sind. „Uneinig über eine Aufnahme waren wir uns noch nie“, sagt Zumpf. Ein Assessment-Center oder andere formale Metriken gibt es nicht.

Harald Zumpf hat die Hochbegabtenförderung an der HTL Spengergasse ins Leben gerufen. (c) brutkasten

Echte Projekte statt Theorie

Was nach der Aufnahme passiert, bestimmen die Schüler:innen. In Teams von zwei bis vier Personen arbeiten sie an Themen, die sie interessieren. Dabei geht es immer um reale Projekte von Wirtschaftspartnern. „Wenn sie etwas brauchen – Mentoring, Kontakte, Rechenleistung oder Projekte –, dann organisiere ich das“, sagt Zumpf. Am Anfang des Schuljahrs stellte er Kontakt zu einer österreichischen Bank her, weil sich eines seiner Teams für Cybersecurity begeistert. Drei Tage später saßen deren Vertreter bereits in der Schule – und noch am selben Tag fiel der Startschuss für das Projekt. Mittlerweile haben die Schüler:innen eine KI für das Compliance-Management entwickelt.

„Je offener die Aufgabenstellung, desto besser. Wir arbeiten strikt agil – von Sprint zu Sprint“, sagt Zumpf. Einmal im Monat trifft er sich bei einem Jour fixe mit seinen Schüler:innen, aber wenn es Herausforderungen gibt, sieht er sie zum nächstmöglichen Termin. Den Wirtschaftspartnern verspricht Zumpf keine bestimmten Ergebnisse – die Schüler:innen sollen Fehler machen dürfen –, aber „meistens kommt etwas sehr Gutes heraus“.

Die Projekte laufen normalerweise über ein Schuljahr. Manchmal aber sind die Teams schon nach drei Wochen fertig. „Wir schauen nicht auf die Zeit – wir schauen auf das Ergebnis“, sagt Zumpf.

Von der HTL zu Y ­Combinator

Einer, der auch nicht auf die Zeit schaut, ist Ben Koska – zum Video-Interview erscheint er pünktlich um Mitternacht, nordamerikanische Westküstenzeit. Koska sitzt gemeinsam mit seinen Brüdern in San Francisco, um Infrastruktur für Firmen zu bauen, die KI-Modelle trainieren.

Auch er ist Absolvent der HTL Spengergasse, Maturajahrgang 2025, und war Teil des Y-Combinator-Programms, Batch 2025. Wer dort aufgenommen werden will, muss einiges vorweisen. Das konnte Koska – dank der Hochbegabtenförderung in der HTL.

„Die größte Stärke der Förderung ist die Freiheit, Dinge auszuprobieren und eigene Projekte zu verfolgen. Wir konnten an vielen Hackathons und Events teilnehmen – das wäre ohne die Unterstützung der Schule nicht möglich gewesen“, sagt Koska. Ein Highlight? „Wir haben ein akademisches Paper geschrieben und auf einer Konferenz in Dubai präsentiert – das hat mich extrem geprägt.“

In das Programm aufgenommen hat ihn Harald Zumpf, nachdem er sich bei der österreichischen Informatikolympiade für internationale Wettbewerbe qualifiziert hatte. Dass die Schule ihre jungen Talente dorthin schickt, ist Teil des Konzepts der HTL Spengergasse. „Was die HTL besonders macht, ist, dass Lehrer sagen: Wenn ihr etwas Sinnvolles macht, dann dürft ihr euch dafür Zeit nehmen“, sagt Koska.

Seine Zeit steckt Koska heute in sein Startup SF Tensor. Oft programmiert er bis spät in die Nacht – gemeinsam mit seinen Brüdern. Damit haben die drei schon früh begonnen: Noch während der Schulzeit machten sie parallel ihren Bachelor, ermöglicht durch das Programm „Schülerinnen und Schüler an die Hochschulen“ der OeAD. Der Abschluss kam damit noch vor der Matura. Ben Koska studiert heute bereits im Master Computer Science an der University of Colorado Boulder.

Seine Brüder haben inzwischen ebenfalls abgeschlossen: Ihren letzten Schultag am BG & BRG Keimgasse in Mödling hatten sie erst vor wenigen Wochen – ihre Bachelor-Abschlüsse aber schon längst in der Tasche.

Dass solche Wege kein Zufall sind, zeigt sich auch in den Rankings: In den Bestenlisten der österreichischen Informatikolympiade tauchen immer wieder Namen von Schüler:innen des BG & BRG Keimgasse und der HTL Spengergasse auf.

Ben Koska hat mit seinen Brüdern das Startup SF Tensor gegründet, an dem sie derzeit in San Francisco arbeiten. (c) San Francisco Tensor Company

Das Erfolgsrezept: Praxis und Freiraum

Was machen diese Schulen besser als alle anderen? „Das Programm selbst ist gar nicht so komplex – es ist eher die Einstellung der Lehrer:innen und der Schulleitung, die den Unterschied macht“, sagt Ben Koska. Man brauche keine komplizierten Regeln – man brauche Personen, die wirklich wollen, dass so etwas funktioniert.

PothAI-Co-Founder Mojmír Horváth sieht den Vorteil vor allem in der Praxis. „Was andere Schulen übernehmen sollten? Echte Projekte mit Unternehmen statt nur Übungsaufgaben“, sagt er. Auch dass in der Förderung nur Englisch gesprochen wird, habe ihn sehr gut auf internationale Programme wie Y Combinator vorbereitet. „Talente gibt es viele – aber erst durch die richtige Förderung kann wirklich etwas aus ihnen werden“, fasst Horváth zusammen.

Für Harald Zumpf sind mehrere Faktoren ausschlaggebend: Lehrkräfte wie er, die sich engagieren wollen, brauchen Freiraum und ein Umfeld, das unbürokratisches Vorgehen erlaubt. Starre Strukturen, feste Stundenpläne oder enge Lehrplanvorgaben stehen der Agilität, die für innovative Projekte nötig ist, oft im Weg. Wenn Lehrkräfte selbst Erfahrungen in der Wirtschaft gesammelt haben, können sie die Praxis meist besser vermitteln. Auch Zumpf ist seit 25 Jahren selbstständig tätig – nun eben neben seinem Job an der HTL. Viele der Schüler:innen im Hochbegabten-programm verdienen schon während der Schulzeit Geld als Software Engineers oder Consultants. Außerdem vernetzt Zumpf die Jugendlichen schon früh mit führenden Köpfen aus der Tech- und Startup-Szene.

Mindestens genauso wichtig ist für ihn aber das Mindset – und dazu gehört die Fehlerkultur. Zumpf spricht deshalb nie von Problemen: „Wir nennen es Herausforderungen“, sagt er. Scheitern ist trotzdem erlaubt: „Man muss wertschätzen, was gemacht wurde, und gutes Feedback geben“, sagt Zumpf.

Strukturelle Herausforderungen

So hält er es auch mit dem Programm selbst: Er schätzt, dass es die Hochbegabtenförderung gibt – aber weiß auch um deren Herausforderungen. Zum einen fehlen finanzielle Ressourcen; die Arbeit mit künstlicher Intelligenz ist kostspielig, und seitens der Schule gibt es kein Budget für die Anschaffung von Hardware. Aber Vereine und Wirtschaft unterstützen hier „schnell und unbürokratisch“, sagt Zumpf.

Offiziell ist die Hochbegabtenförderung als Freifach mit einer Wochenstunde angesetzt – entsprechend wird auch nur diese eine Stunde vergütet. Seine Schüler:innen schätzen das: „Ohne ihn geht gar nichts“, sagt SF-Tensor-Founder Ben Koska, der noch immer regelmäßig mit seinem ehemaligen HTL-Lehrer telefoniert.

Aus Talenten werden Leader

Ben Koska und Mojmír Horváth kamen als Schüler an die HTL Spengergasse – und gehen als Gründer. Eric Steinberger und Sebastian De Ro haben mit Magic ein Startup gebaut, das international Aufmerksamkeit bekommt. Wieder andere entwickeln schon vor der Matura KI-Systeme auf Produktionsniveau oder werden für Programme wie die Rise Initiative ausgewählt.

Was sie verbindet, ist weniger ein bestimmter Karriereweg als ein gemeinsamer Ausgangspunkt: eine Schule, die ihnen zutraut, mehr zu können – und ihnen den Raum gibt, es zu beweisen. Vielleicht ist das das eigentliche Erfolgsrezept der HTL Spengergasse: Nicht ein besonderes Curriculum, sondern die einfache Entscheidung, hinzuschauen – und Talente ernst zu nehmen.

Mojmír Horváth wird im Sommer im Y-Combinator-Programm sein Startup PothAI
weiterentwickeln. (c) privat

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