27.12.2023

Rück- und Ausblick 2023/2024: „Da wird es noch einiges an bösem Erwachen geben“

Wir haben von einigen der bekanntesten Gesichter der heimischen Startup-Szene einen kurzen Rück- und Ausblick am Ende dieses fordernden Jahrs bekommen.
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Einige der bekanntesten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene gaben uns einen Jahres-Rück- und Ausblick
Einige der bekanntesten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene gaben uns einen Jahres-Rück- und Ausblick

2023 war ohne Zweifel ein schwieriges Jahr für die heimische Startup-Szene. Die Rezession lässt Kund:innen wegbrechen und damit Einnahmen sinken. Gleichzeitig steigen die Ausgaben durch die Teuerung. Und als ob dass nicht genug wäre, sind Investments weiterhin schwer zu bekommen – vor allem zu guten Konditionen. Die Folge: Viele heimische Startups kämpfen, Insolvenzen stehen an der Tagesordnung. Und momentan sieht es gesamtwirtschaftlich für 2024 ganz und gar nicht nach einer Entspannung der Situation aus.

Doch natürlich ist nicht alles grau und düster. Auch 2023 wurden wieder viele Erfolgsgeschichten geschrieben und einige Startups und Scaleups trotzten dem Trend auf beachtliche Art und Weise. Und wie schon in früheren Krisen gilt: Was mit dem einen Geschäftsmodell zur unüberwindbaren Hürde wird, kann mit dem anderen eine große Chance sein.

Wir haben, wie jedes Jahr, bei bekannten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene um einen kurzen Rück- und Ausblick gebeten:


Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

2023 war ein herausforderndes Jahr, aber das wissen wir ja inzwischen alle. Mit ein wenig Übersicht und Cash-Reserven konnte man da gut durchkommen. Zu hohe Bewertungen aus 2021 sind den Startups teilweise auf den Kopf gefallen – man musste in die alte Bewertung „erst hineinwachsen“.

2024 wird meiner Erwartung nach nicht viel besser, jedenfalls nicht im ersten Halbjahr. Ich glaube, da wird es noch einige erwischen, die es mit Mühe und Not bis jetzt geschafft haben. Funding bekommen aktuell nur die Allerbesten (KPIs). Sonst bleiben nur die Bestandsinvestoren und denen geht schön langsam das Geld aus.

2024 wird aber auch ein Jahr der Opportunities: Ich glaube, dass viele Startups bzw. Assets günstig zu haben sein werden. Im Prinzip bedeutet das nichts anderes, als Konsolidierung und besseres Vorbereiten auf das, was danach kommt – weil irgendwann geht’s wieder richtig bergauf.

Hannah Wundsam, Co-Managing Director Austrian Startups

AustrianStartups Managing Director Hannah Wundsam | (c) brutkasten
AustrianStartups Managing Director Hannah Wundsam | (c) brutkasten

2023 war ein turbulentes Jahr für die österreichische Startup-Szene. Angetrieben von hohen Leitzinsen erlebten wir eine ungewöhnlich hohe Welle an Konkursen und Insolvenzen. Das Aufstellen von Investments blieb eine große Herausforderung, und Startups sahen sich weiterhin mit dem Dilemma konfrontiert, schnell wachsen zu wollen, während sie gleichzeitig rasch Profitabilität anstreben mussten.

Trotz des schwierigen Umfelds konnte die Szene auch Erfolge feiern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Refurbed zeigte mit seiner Series-C-Finanzierungsrunde, wie man auch in wirtschaftlich schwierige Phasen wachsen kann. Künstliche Intelligenz war oftmals der starke Treiber für eine Vielzahl an frischen Investmentrunden.

Auch im internationalen Wettlauf um die besten KI-Lösungen haben österreichische Gründer:innen eine spannende Rolle übernommen. Startups wie Magic.dev zeigen jedoch, dass mehr Kapital und Anreize erforderlich sind, um die besten Talente für Gründungen in Österreich zu gewinnen.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war das kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Startup-Paket, das die neue Rechtsform „FlexCo“ und verbesserte Regelungen für Mitarbeiterbeteiligungen umfasst. Dieses Paket erfüllte einen langjährigen Wunsch vieler Gründer:innen, gerade rechtzeitig vor Weihnachten. 2023 war auch ein Jahr des Feierns für AustrianStartups: Wir blickten auf die letzten zehn Jahre unseres Vereins zurück und können feststellen, dass die Szene langsam aber sicher erwachsen wird.

Der Blick auf das Jahr 2024 zeigt, dass die Dynamik nicht nachlassen wird. Der Wettbewerb um die besten Talente im KI-Bereich geht weiter. Damit Österreich international mithalten kann, darf sich die Politik nicht auf ihren ersten Schritten ausruhen. Das Startup-Paket muss nun effektiv umgesetzt werden, und es müssen weitere Anreize für Gründungen in Österreich geschaffen werden. Das Wahljahr 2024 ist eine Chance, relevante Ansätze im Regierungsprogramm zu festigen. Ich sehe hierfür zwei besonders wichtige Themen: Langfristig neues Talent durch Bildung zu fördern (Entrepreneurship Education) und kurzfristig Anreize für mehr Investitionen zu schaffen (Investitionsfreibetrag).

Oliver Holle, Gründer und CEO Speedinvest

Speedinvest CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek
Speedinvest-CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek

2023 war ein ambivalentes Jahr. Für Speedinvest als Company hätte es kaum besser laufen können. Wir sind mit mehr als 600 Millionen Euro mit vollgepackten Geldkoffern in einem Umfeld am Start, wo Kapital zunehmend Mangelware wird. Zuletzt wurden wir noch als „Seed Fund des Jahres 2023“ ausgezeichnet, was für unser Team auch sehr schön war. Im Gegensatz dazu sind wir letztlich nur so erfolgreich, wie unsere Gründer und Gründerinnen, und die hatten eine wirklich harte Zeit. Downrounds, Pay-to-Play-Runden und zum Teil auch Geschäftsschliessungen waren eher die Regel als glitzernde neue Rekordrunden. 

Ich befürchte, dass 2024 zumindest über weiter Strecken noch nicht viel Positives zu bieten haben wird. Viele Firmen leben noch von dem Cash, den sie Ende 2021 oder Anfang 2022 zu sehr guten Konditionen eingesammelt haben. Da wird es noch einiges an bösem Erwachen geben. Die Welt hat sich grundlegend verändert, nur wenige Top-Startups, die sowohl starkes Wachstum als auch hochprofitable Geschäftsmodelle vorweisen können, können anständige Wachstumsrunden abschließen, der Rest wird sich sehr schwer tun.

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures, Mitglied im Startup-Rat

Laura Raggl | (c) brutkasten / martin pacher

Das Jahr 2023 war sehr durchwachsen und trotzdem vom Aufschwung geprägt. Insbesondere im Bereich Energie- und KlimaTech. Zahlreiche Companies in dieser Branche konnten beträchtliche Finanzierungsrunden abschließen, während andere Startups im Fundraising einen intensiven Wettbewerb erlebten. Speziell im zweiten Halbjahr haben wir allerdings wieder sehr viele Pre-Seed- und Seed-Runden gesehen und speziell Angels waren sehr aktiv.

Spannend für die österreichische Startup-Szene wird 2024 die politische Entwicklung im Zusammenhang mit der anstehenden Nationalratswahl sein. Speziell Maßnahmen für die Mobilisierung von privatem und institutionellem Kapital wären große weitere Meilensteine, jetzt wo die neue Rechtsform umgesetzt wurde.

Kilian Kaminski und Peter Windischhofer, Co-Founder und Co-CEOs refurbed

refurbed
(c) refurbed: v.l.n.r. Peter Windischhofer und Kilian Kaminski

Kaminski: Wir schätzen uns glücklich, in diesem Jahr auf ganz viele echte Highlights zurückblicken zu dürfen: Wir haben mit refurbed den Außenumsatz von einer Milliarde geknackt, unsere bisher größte Finanzierungsrunde mit 54 Millionen Euro abgeschlossen und namhafte Kooperationspartner wie Woom, Dyson, AEG und viele mehr gewonnen, die uns helfen, unser Sortiment an refurbished Produkten weiter auszubauen. Zusätzliche wurde ich zum Vorstandsmitglied von EUREFAS gewählt, was unsere Lobby-Arbeit weiter nach vorne bringt. Insgesamt also ein Jahr, das uns in jedem Fall in Erinnerung bleiben wird und wir können jetzt schon sagen: Es werden auch 2024 interessante und namhafte Kooperationspartner dazukommen. Insgesamt war es ein Jahr, das das Adjektiv „rasant“ durchaus verdient, ich glaube aber nicht, dass 2024 sehr viel ruhiger werden wird.

Windischhofer: Zusätzlich zu den unternehmerischen Highlights 2023 gab es auch ökologische Highlights, die uns in diesem Jahr wichtig waren. So konnten wir z.B. durch die Veröffentlichung der Fraunhofer-Studie zeigen, dass transparente und objektive Impact-Studien zwar nicht einfach, aber möglich sind. Da freuen wir uns schon auf das 2024er-Jahr, denn diesbezüglich werden wir – so viel sei schon verraten – im ersten Halbjahr weitere Schritte präsentieren. Außerdem haben wir die 500-Tonnen-Marke bei der Einsparung von E-Waste geknackt, auch das war uns persönlich als Meilenstein sehr wichtig.

Kaminski: Zwei weitere persönliche und berufliche Highlights waren für mich in diesem Jahr, als uns die Nasdaq von sich aus über den Times Square zu unserer abgeschlossenen Finanzierungsrunde gratuliert hat. Das war ein echter Gänsehautmoment – und als Peter und ich als Entrepreneur of the Year von EY ausgezeichnet wurden. Es war ein großartiges Jahr!

Christiane Holzinger, Business Angel of the Year 2023

Holzinger
Christiane Holzinger | (c) Christiane Holzinger

Das Jahr 2023 stellte fast die gesamte österreichische Startup-Szene vor herausfordernde Prüfungen inmitten einer anhaltenden Krise. Trotz dieser Widrigkeiten haben unsere innovativen Unternehmer:innen und auch Investoren:innen bewundernswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt. Teamspirit, Zusammenhalt und das teilen von Informationen hat viele auch gemeinsam wachsen lassen. So hart viele Wochen und Monate gewesen sind, umso dankbarer bin ich für die vielen neuen Gesichter, die ich kennengelernt habe.

Diese Erfahrungen werden die Grundlage für einen nachhaltigen Aufschwung im Jahr 2024 bilden. Die Risikokapitalszene wird voraussichtlich ihre Strategien anpassen, um gezielt in resilientere und zukunftsfähige Technologien zu investieren. In dieser Phase der Neuausrichtung sehe ich die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen und nachhaltige Innovationen voranzutreiben, die das Fundament für eine robustere Wirtschaft legen werden. Persönlich gehe ich nach einer Phase der Reflektion und des Aussortierens sehr positiv in das neue Jahr 2024 – denn nur wenn wir Unternehmer:innen mit gutem Vorbild und ohne Jammern vorangehen, können wir auch gute Beispiele für unsere Mitarbeiter:innen, Startups, Investments und Mentees sein.

Berthold Baurek-Karlic, Business Angel of the Year 2023

Berthold Baurek-Karlic, Venionaire Capital | (c) Rene Wallentin

2023 war ein extrem spannendes, aufregendes, und bewegendes Jahr für mich. Auf der positiven Seite war sicherlich der Business Angel of the Year Award, den ich nie vergessen werde, sowie die sensationellen Ergebnisse, die der Tigris Web3 Fonds – Österreichs erster Krypto-Fonds, managed by Venionaire. Besonders negativ haben sich die Nachwehen der Krisenjahre herausgestellt, viele Firmen haben es nicht geschafft – wir wurden selbst gezwungen, mit viel Energie als Krisenmanager einzugreifen, dadurch blieb weniger Kraft und Kapital für unsere Arbeit als Wachstumsbeschleuniger.

Insgesamt sind wir aber noch deutlich besser und durchaus profitabel durch die Krise gekommen, aus unserer Zusammenarbeit mit dem Linde Verlag bzw. der Linde Digital GmbH entstanden wunderbare neue Produkte wie die App “Mei Marie”, es konnte mit dem Gewinn einer internationalen Ausschreibung ein guter Erfolg der Beteiligung “IURIO” eingefahren werden, und die bestehende Bildungslösung „Lawstar“ Dank einer Zusammenarbeit mit courseticket.com gestärkt werden.

Für 2024 erwarte ich weiterhin schwierige Zeiten, insbesondere wenn der Staat nicht langsam beginnt, den Standort in Sachen Wettbewerbsfähigkeit zu reformieren. Hierzu muss der Faktor Arbeit viel geringer besteuert werden, endlich eine drastische Entbürokratisierung her, sowie Anreize für Institutionelles Kapital im Feld Private Equity (ein Tsunami an Unternehmensübergaben aus der Baby Boomer Generation rollt an) und Venture Capital (es geht weiterhin massiv an Anschlussfinanzierungen). Passiert das nicht, verlieren wir vermutlich auf Jahrzehnte an Boden.

Petra Dobrocka, Gründerin und CCO Byrd

Petra Dobrocka | (c) byrd
Petra Dobrocka | (c) byrd

2023 war für byrd ein intensives Jahr, geprägt von einem Umdenken von Wachstum auf Effizienz. Einige unserer Highlights waren diverse neue Shop-, ERP- und Marktplatz-Integrationen sowie die Anbindung neuer Versanddienstleister (auf aktuell mehr als 25 Carrier), die Anbindung von drei neuen Lagerstandorten, neue Partnerschaften mit Radial (bPost Gruppe), MIRAKL, Leroy Merlin, ParcelPerform, Procuros uvm. Und natürlich für das Team unser Company-Offsite mit dem kompletten Team in Prag am Ende des Sommers, sowie zwei Hackathons, bei denen unsere Teams an neuen, innovativen Lösungen arbeiten konnten.

Im Jahr 2024 werden wir weiter daran arbeiten, die Nr.-1-Lösung für europäisches E-Commerce-Fulfillment zu sein, indem wir in unseren sieben Kernmärkten weiter wachsen. Wir werden uns weiter auf die Effizienz und Lagerautomatisierung fokussieren, sodass die Lager noch größere Paketmengen verarbeiten und so noch bessere Skaleneffekte erzielen können.

Natürlich verbessern wir auch 2024 weiter unsere Software und Dienstleistungen. Der Fokus ist dabei vor allem darauf, bestehende Prozesse auf der Grundlage von Kundenfeedback weiter zu verbessern, z. B. durch eine umfangreichere B2B-Versandfunktionalität oder eine verbesserte Auswahl von Verpackungsmaterial, um die effizienteste Verpackungs- und Versand-Option für jedes Paket sicherzustellen.

Johannes Braith, Gründer und CEO Storebox

Storebox-CEO und Cofounder Johannes Braith
Storebox-CEO und Cofounder Johannes Braith | Foto: brutkasten

2023 war für viele in der Tech-Industrie ein sehr schwieriges Jahr. Auch bei Storebox mussten wir mit einer komplexen makroökonomischen Lage umgehen. Hohe Zinsen und Zurückhaltung im VC- bzw. PE-Bereich machten eine rasche Skalierung zur Herausforderung. Wir sind stolz, dass wir trotz der hohen Kapitalkosten sowie der multiplen Krisen in diesem Jahr starke Wachstumszahlen aufweisen konnten. Wir sind von 200 auf über 320 Filialen angewachsen, haben zwei neue Märkte sowie einige tolle Kunden im Lastmile-Logistik Bereich gewonnen.

Ich bin grundsätzlich ein überzeugter Optimist und versuche stets, die positiven Dinge zu sehen, welche die genannten Herausforderungen mit sich bringen. Mein Ausblick für das Jahr 2024 ist dennoch differenziert. Ich gehe davon aus, dass wir vor allem in der ersten Jahreshälfte eine Verschärfung der aktuellen Situation erleben werden. Die Kapitalkosten werden vermutlich gleich hoch bleiben oder sogar etwas steigen, bevor wir eine positive Dynamik sehen. Auch ansteigende Rohstoffpreise und Ressourcenknappheit bei Hardware-Komponenten werden sich vermutlich weiter aufschaukeln, bevor wir eine Beruhigung wahrnehmen können – Stichwort: „Bullwhip-Effekt“. Wenn wir jedoch weiter hart arbeiten, klare Ziele definieren und mit Leidenschaft echte Probleme lösen, werden wir auch 2024 gesellschaftlich wieder einen Schritt nach vorne machen.

Lisa Ittner, Gründerin und CEO vibe

vibe-Gründerin Lisa Ittner im Talk
vibe-Gründerin Lisa Ittner im Talk | (c) brutkasten

Volatilität, Wachstum und good vibes. Obwohl oder gerade weil es in der Automobilbranche so turbulent ist, sind wir mit dem E-Auto Abo auf Wachstumskurs und der Überholspur. Die Rahmenbedingungen sind und waren herausfordernd – das wird auch so bleiben. Wir nutzen das für uns. Immer mit klarem Fokus auf die beste Dienstleistung für unsere Community spielen wir unsere Stärken da aus, wo es darauf ankommt. Rasch reagieren, eine klare Vision verfolgen und dabei flexibel bleiben. Unsere Grundwerte helfen uns dabei seit Anbeginn: fair, easy, changing, caring. Und mit unserem flexiblen Abo-Modell ermöglichen wir unseren Kunden, sich in diesen Zeiten auf das wichtigste zu fokussieren: ihre Ziele.

Markus Linder, Gründer und CEO inoqo & Triple Impact Ventures

Markus Linder: Gründer des Wiener Scaleups Zoovu plan mit Nachhaltigkeitsapp den nächsten Coup
(c) Haris Dervisevic / der brutkasten: Markus Linder

Als Gründer eines ClimateTech-Startups und als Early-Stage-Investor im Bereich Klima freue ich mich darüber, dass im Jahr 2023 fast ein Drittel aller VC-Investitionen in den ClimateTech-Bereich geflossen sind.

Im Hinblick auf das kommende Jahr bin ich überzeugt, dass wir 2024 erleben werden, wie Unternehmen wie inoqo und viele andere herausragende Startups starkes Wachstum und einen positiven Impact auf die größte Herausforderung und Chance unserer Zeit im großen Maßstab liefern werden.

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KI-Risiko, KI Risiko, Risiko, Summt, Wasner,
(v.l.) Carina Zehetmaier, Raoul Maier, Alexander Brix, Clemens Wasner | © AustrianStartups

Eine Künstliche Intelligenz würde vielleicht schreiben: „Als Carina das Wort ergriff, wurde der Saal plötzlich still. Ein Windhauch durchbrach das betretene Schweigen und das, was Carina sagen sollte, würde den gesamten Abend prägen und alles verändern. Damit hatte niemand gerechnet und Schockwellen gingen durchs ganze Land.“

KI: Wie stehts denn mit dem Vertrauen?

Derart extrem war es nicht, als Carina Zehetmaier, Co-Founderin und CEO von paiper.one, Raoul Maier, Founding Partner bei Eudemian Ventures und Alexander Brix, CCO bei fonio im Rahmen des AustrianStartups Summit zusammentrafen, um mit Moderator Clemens Wasner (Founder und CEO EnliteAI) die Risiken von KI zu diskutieren. Doch die Aussage der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Künstliche Intelligenz bei Austrian Standards hinterließ Eindruck. Und zeigte am Ende vielleicht genau das, worum es beim KI-Risiko wirklich geht: um den Vertrauens- und Skalierungsgedanken. Doch dazu später.

KI kann halluzinieren, KI kann sich, vor dem menschlichen Gehör versteckt, mit anderer KI austauschen. KI kann Server hacken, Daten lesen und Datenschutz ignorieren. Sie umgeht Grenzen, um Aufgaben zu erledigen und bleibt dabei intransparent. Vor allem aber kann sie automatisieren, Effizienz steigern und dort beschleunigen, wo es gewünscht wird. All das mit Gefahren verbunden, wenn man sich dieser nicht bewusst ist.

Risiko für Investor:innen verändert

Die Risiken Künstlicher Intelligenz werden hierzulande und weltweit auf mehreren Ebenen diskutiert. Etwa aus Fondsperspektive, wie Maier erklärte: Laut dem Experten habe KI das Risikoprofil für Investor:innen grundlegend verändert. Für das einzelne Unternehmen sei das Risiko gestiegen, für das gesamte Portfolio dagegen gleich hoch geblieben oder sogar niedriger geworden. Der Grund liege im sogenannten Power Law: In der Startup-Finanzierung entscheiden meist wenige Volltreffer über den Erfolg eines Portfolios, und weil KI die Entwicklung günstiger und schneller macht, könnte es künftig mehr solcher Treffer geben, so seine Prognose.

Zudem sinke Maier zufolge das Produkt- und Technologierisiko, das Teamrisiko bleibe in etwa gleich. Höher seien dagegen das Wettbewerbsrisiko, da Konkurrenten sehr schnell auftauchen könnten, das Umsetzungsrisiko, weil Startups bei schwacher Exekution rasch überholt würden, und auch das regulatorische Risiko.

Hinzu komme das Bewertungsrisiko, besonders in den USA. Bei den hohen Bewertungen werde es zum Problem, wenn der erwartete Exit-Wert ausbleibt: „Wir als Investoren müssen darauf vorbereitet sein, diese Risiken zu verstehen und sie auf sinnvolle Weise zu mindern“, sagte Maier. „Ich denke, es wird große Unterschiede geben, weil, wenn man sieht, dass ein Konkurrent sehr schnell auftaucht und sehr schnell an Fahrt gewinnt, wird es weniger darum gehen, zu versuchen ‚Zombies‘ zu pflegen, sondern sich wirklich auf seine Gewinner zu konzentrieren und auch die Diversifizierung des Portfolios tief bei den Gewinnern auszuspielen.“

Er sieht beim VC-Portfolio einen künftigen Trend hin zu einer „Gewinner-nimmt-das-Meiste“-Mentalität: „Was wir gesehen haben, ist, dass derzeit die Top 1 Prozent der Startups in den USA etwa 50 Prozent des Exit-Wertes einfangen. Das kann man mit der Ära von 2010 bis 2020 vergleichen, wo sie etwa 30 bis 35 Prozent des Exit-Wertes einfingen, davor — in der Ära von 2000 bis 2010 — waren es weniger als 20 Prozent. Wir haben also eine viel höhere Konzentration der Gewinner. Es geht nun viel mehr darum, diese Gewinner zu finden“, sagte Maier.

„Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an“

Zehetmaier rückte danach die Risiken beim Bauen von KI-Produkten selbst in den Fokus. Wer ein Produkt in einer Hochrisiko-Sphäre entwickle, solle sich früh fragen, ob und wie man es in der Gesellschaft haben wolle, und es resilient, cybersicher und sicher aufsetzen. Austrian Standards arbeite derzeit an den risikobezogenen Standards zum EU AI Act, die klären sollen, womit Unternehmen konform sein müssen und welche Schritte nötig sind. Langfristig könne das für Gründerinnen und Gründer ein Vorteil sein, auch wenn die frühe Auseinandersetzung Zeit koste. „Wenn wir nicht Vertrauen, Fairness und Compliance von Anfang an einbauen, ist es hinterher viel schwerer“, sagte sie.

Zentral sei die Frage nach „Human in the Loop“, „Human in Command“ und „Human in Control“. Lösungen, wie Menschen tatsächlich im Entscheidungsprozess eingebunden bleiben, sind für Zehetmaier noch weitgehend offen: „Es kann nicht sein, dass man einfach einen Menschen hinsetzt und sagt: ‚Hak die Kästchen 1.000-mal am Tag ab‘. So bindet man keine menschliche Aufsicht ein.“

Die Frage nach dem: „Worum geht es eigentlich?“

Aus europäischer Perspektive frage sie sich manchmal, wofür das alles geschehe, so Zehetmaier. Gehe es am Ende darum, Beschäftigte loszuwerden, das Unternehmen hochzuskalieren und an ein weiteres US-Unternehmen zu verkaufen?

„Wir sollten die Idee des nachhaltigen Skalierens wirklich überdenken“, riet sie. Die erste Frage, die sich ein Startup stellen müsse, sei: „Was will ich bauen und wo will ich in der Zukunft sein? Was ist die Zukunft, in der meine Kinder leben werden, und wie sieht sie aus?” Das Ziel sei letztlich „nicht, es einfach hochzuskalieren und einfach an irgendwen zu verkaufen“, sondern eine bewusstere Reise zu gestalten. „Ich denke wirklich, dass es Chancen gibt, die Zukunft aktiv zu verändern und dazu beizutragen, das anzugleichen, was wir wollen“, sagte sie. „Um sicherzustellen, dass die Technologie für uns so frei von Voreingenommenheit und für so viele Menschen wie möglich funktioniert.“

Daran knüpfte Maier zustimmend an und griff Zehetmaiers Überlegungen zur Frage auf, welche Zukunft Technologieunternehmen eigentlich gestalten wollen. Die Frage unserer Zeit sei jedoch nicht nur, wie diese Zukunft aussehen solle, sondern auch, wer sie definiere und wer tatsächlich in der Lage sei, sie umzusetzen.

Denn selbst wenn es eine gesellschaftliche Einigung darüber gäbe, welche Richtung eingeschlagen werden sollte, sei keineswegs klar, wer die Macht habe, diese Vorstellungen durchzusetzen. Theoretisch seien es vor allem große Regierungen, die die Entwicklung der Technologie regulieren könnten. Doch gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz zeige sich, wie begrenzt dieser Handlungsspielraum sei.

„Europa nicht mehr auf Agenda“

Maier berichtete von einem Gespräch mit David Sacks (Mitglied des Podcasts All-In), der unter Donald Trump als KI-Beauftragter tätig war. Sacks habe ihm erklärt, dass die USA Künstliche Intelligenz nicht regulieren könnten, weil sie andernfalls Gefahr liefen, das Rennen gegen China zu verlieren.

„Das ist die Aussage des obersten US-Beraters für KI. Was uns das zeigt, ist, dass wir uns derzeit in einem chaotischen Zustand befinden, in dem wir im Wesentlichen ein Rennen zwischen zwei Supermächten haben“, sagte Maier. „Europa steht gar nicht mehr auf der Agenda. Es tut mir leid, euch das so beibringen zu müssen. Aber das ist der beängstigende Teil. Ich habe nicht die perfekte Antwort, aber ich stimme Zehetmaiers grundlegenden Fragen völlig zu.“

Aufsetzen ist nicht genug

Auch ohne Schockwellen führte die Diskussion der drei Expert:innen weiters zur Frage, wie sich KI-Startups in einem Markt behaupten können, in dem neue Wettbewerber schnell entstehen. Für Maier liegt die Antwort in der Verteidigungsfähigkeit des Geschäftsmodells. Ein bloßer „Wrapper“, also eine Anwendung, die lediglich auf ein bestehendes Sprachmodell aufsetzt, reiche kaum aus. Attraktiv seien Unternehmen, die sich durch proprietäre Daten, Branchen-Wissen, Kundenzugang oder komplexe Workflows abheben. Alexander Brix von fonio ergänzte, dass Startups ihren Wettbewerbsvorteil auch erst mit der Zeit entwickeln könnten – etwa durch eine starke Marke, Vertrauen und effiziente Vertriebsstrukturen. Gerade im B2B-Bereich sei Vertrauen entscheidend.

Carina Zehetmaier bestätigte diese Einschätzung aus der Perspektive eines Unternehmens, das sich auf KI-Compliance spezialisiert hat. Für paiper.one sei die Komplexität der Regulierung einerseits ein Hindernis, andererseits aber auch eine Chance, sich durch Fachwissen und Vertrauen zu differenzieren. Da sich gesetzliche Anforderungen von Land zu Land unterscheiden und laufend verändern können, lasse sich das Produkt nicht ohne Weiteres über verschiedene Märkte hinweg skalieren.

Wettbewerbsvorteil

„Was wir bisher beobachtet haben, ist, dass unser Wettbewerbsvorteil Vertrauen ist“, präzisierte Zehetmaier. Große Konzerne vertrauten dem Team aufgrund seiner Expertise und sähen paiper.one als Ansprechpartner, der sie bei der Einführung und Umsetzung neuer Anforderungen begleiten könne. Zugleich warnte sie davor, dass Europa seine Innovationskraft nicht allein aus der Regulierung schöpfen dürfe. Die Komplexität könne zwar einen Wettbewerbsvorteil schaffen, erschwere aber auch schnelles Wachstum.

Für sie liege eine zentrale Herausforderung jedoch nicht allein in der Technologie oder der Einhaltung von Vorschriften, sondern darin, KI tatsächlich in Unternehmen zu verankern.

Viele Unternehmen würden ihren Beschäftigten zwar entsprechende Lizenzen zur Verfügung stellen, doch diese würden nicht immer genutzt. Deshalb wolle sich paiper.one verstärkt darauf konzentrieren, Organisationen und ihre Mitarbeiter bei der Einführung von KI mitzunehmen und den Wandel aktiv zu begleiten. Denn, so Zehetmaier: „Wenn wir die beste Technologie haben, aber niemand sie nutzt, werden wir am Ende nicht glücklich sein.“

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