27.12.2023

Rück- und Ausblick 2023/2024: „Da wird es noch einiges an bösem Erwachen geben“

Wir haben von einigen der bekanntesten Gesichter der heimischen Startup-Szene einen kurzen Rück- und Ausblick am Ende dieses fordernden Jahrs bekommen.
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Einige der bekanntesten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene gaben uns einen Jahres-Rück- und Ausblick
Einige der bekanntesten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene gaben uns einen Jahres-Rück- und Ausblick

2023 war ohne Zweifel ein schwieriges Jahr für die heimische Startup-Szene. Die Rezession lässt Kund:innen wegbrechen und damit Einnahmen sinken. Gleichzeitig steigen die Ausgaben durch die Teuerung. Und als ob dass nicht genug wäre, sind Investments weiterhin schwer zu bekommen – vor allem zu guten Konditionen. Die Folge: Viele heimische Startups kämpfen, Insolvenzen stehen an der Tagesordnung. Und momentan sieht es gesamtwirtschaftlich für 2024 ganz und gar nicht nach einer Entspannung der Situation aus.

Doch natürlich ist nicht alles grau und düster. Auch 2023 wurden wieder viele Erfolgsgeschichten geschrieben und einige Startups und Scaleups trotzten dem Trend auf beachtliche Art und Weise. Und wie schon in früheren Krisen gilt: Was mit dem einen Geschäftsmodell zur unüberwindbaren Hürde wird, kann mit dem anderen eine große Chance sein.

Wir haben, wie jedes Jahr, bei bekannten Vertreter:innen der heimischen Startup-Szene um einen kurzen Rück- und Ausblick gebeten:


Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann © Maximilian Rosenberger
Hansi Hansmann | © Maximilian Rosenberger

2023 war ein herausforderndes Jahr, aber das wissen wir ja inzwischen alle. Mit ein wenig Übersicht und Cash-Reserven konnte man da gut durchkommen. Zu hohe Bewertungen aus 2021 sind den Startups teilweise auf den Kopf gefallen – man musste in die alte Bewertung „erst hineinwachsen“.

2024 wird meiner Erwartung nach nicht viel besser, jedenfalls nicht im ersten Halbjahr. Ich glaube, da wird es noch einige erwischen, die es mit Mühe und Not bis jetzt geschafft haben. Funding bekommen aktuell nur die Allerbesten (KPIs). Sonst bleiben nur die Bestandsinvestoren und denen geht schön langsam das Geld aus.

2024 wird aber auch ein Jahr der Opportunities: Ich glaube, dass viele Startups bzw. Assets günstig zu haben sein werden. Im Prinzip bedeutet das nichts anderes, als Konsolidierung und besseres Vorbereiten auf das, was danach kommt – weil irgendwann geht’s wieder richtig bergauf.

Hannah Wundsam, Co-Managing Director Austrian Startups

AustrianStartups Managing Director Hannah Wundsam | (c) brutkasten
AustrianStartups Managing Director Hannah Wundsam | (c) brutkasten

2023 war ein turbulentes Jahr für die österreichische Startup-Szene. Angetrieben von hohen Leitzinsen erlebten wir eine ungewöhnlich hohe Welle an Konkursen und Insolvenzen. Das Aufstellen von Investments blieb eine große Herausforderung, und Startups sahen sich weiterhin mit dem Dilemma konfrontiert, schnell wachsen zu wollen, während sie gleichzeitig rasch Profitabilität anstreben mussten.

Trotz des schwierigen Umfelds konnte die Szene auch Erfolge feiern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Refurbed zeigte mit seiner Series-C-Finanzierungsrunde, wie man auch in wirtschaftlich schwierige Phasen wachsen kann. Künstliche Intelligenz war oftmals der starke Treiber für eine Vielzahl an frischen Investmentrunden.

Auch im internationalen Wettlauf um die besten KI-Lösungen haben österreichische Gründer:innen eine spannende Rolle übernommen. Startups wie Magic.dev zeigen jedoch, dass mehr Kapital und Anreize erforderlich sind, um die besten Talente für Gründungen in Österreich zu gewinnen.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war das kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Startup-Paket, das die neue Rechtsform „FlexCo“ und verbesserte Regelungen für Mitarbeiterbeteiligungen umfasst. Dieses Paket erfüllte einen langjährigen Wunsch vieler Gründer:innen, gerade rechtzeitig vor Weihnachten. 2023 war auch ein Jahr des Feierns für AustrianStartups: Wir blickten auf die letzten zehn Jahre unseres Vereins zurück und können feststellen, dass die Szene langsam aber sicher erwachsen wird.

Der Blick auf das Jahr 2024 zeigt, dass die Dynamik nicht nachlassen wird. Der Wettbewerb um die besten Talente im KI-Bereich geht weiter. Damit Österreich international mithalten kann, darf sich die Politik nicht auf ihren ersten Schritten ausruhen. Das Startup-Paket muss nun effektiv umgesetzt werden, und es müssen weitere Anreize für Gründungen in Österreich geschaffen werden. Das Wahljahr 2024 ist eine Chance, relevante Ansätze im Regierungsprogramm zu festigen. Ich sehe hierfür zwei besonders wichtige Themen: Langfristig neues Talent durch Bildung zu fördern (Entrepreneurship Education) und kurzfristig Anreize für mehr Investitionen zu schaffen (Investitionsfreibetrag).

Oliver Holle, Gründer und CEO Speedinvest

Speedinvest CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek
Speedinvest-CEO Oliver Holle | (c) Klaus Vyhnalek

2023 war ein ambivalentes Jahr. Für Speedinvest als Company hätte es kaum besser laufen können. Wir sind mit mehr als 600 Millionen Euro mit vollgepackten Geldkoffern in einem Umfeld am Start, wo Kapital zunehmend Mangelware wird. Zuletzt wurden wir noch als „Seed Fund des Jahres 2023“ ausgezeichnet, was für unser Team auch sehr schön war. Im Gegensatz dazu sind wir letztlich nur so erfolgreich, wie unsere Gründer und Gründerinnen, und die hatten eine wirklich harte Zeit. Downrounds, Pay-to-Play-Runden und zum Teil auch Geschäftsschliessungen waren eher die Regel als glitzernde neue Rekordrunden. 

Ich befürchte, dass 2024 zumindest über weiter Strecken noch nicht viel Positives zu bieten haben wird. Viele Firmen leben noch von dem Cash, den sie Ende 2021 oder Anfang 2022 zu sehr guten Konditionen eingesammelt haben. Da wird es noch einiges an bösem Erwachen geben. Die Welt hat sich grundlegend verändert, nur wenige Top-Startups, die sowohl starkes Wachstum als auch hochprofitable Geschäftsmodelle vorweisen können, können anständige Wachstumsrunden abschließen, der Rest wird sich sehr schwer tun.

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures, Mitglied im Startup-Rat

Laura Raggl | (c) brutkasten / martin pacher

Das Jahr 2023 war sehr durchwachsen und trotzdem vom Aufschwung geprägt. Insbesondere im Bereich Energie- und KlimaTech. Zahlreiche Companies in dieser Branche konnten beträchtliche Finanzierungsrunden abschließen, während andere Startups im Fundraising einen intensiven Wettbewerb erlebten. Speziell im zweiten Halbjahr haben wir allerdings wieder sehr viele Pre-Seed- und Seed-Runden gesehen und speziell Angels waren sehr aktiv.

Spannend für die österreichische Startup-Szene wird 2024 die politische Entwicklung im Zusammenhang mit der anstehenden Nationalratswahl sein. Speziell Maßnahmen für die Mobilisierung von privatem und institutionellem Kapital wären große weitere Meilensteine, jetzt wo die neue Rechtsform umgesetzt wurde.

Kilian Kaminski und Peter Windischhofer, Co-Founder und Co-CEOs refurbed

refurbed
(c) refurbed: v.l.n.r. Peter Windischhofer und Kilian Kaminski

Kaminski: Wir schätzen uns glücklich, in diesem Jahr auf ganz viele echte Highlights zurückblicken zu dürfen: Wir haben mit refurbed den Außenumsatz von einer Milliarde geknackt, unsere bisher größte Finanzierungsrunde mit 54 Millionen Euro abgeschlossen und namhafte Kooperationspartner wie Woom, Dyson, AEG und viele mehr gewonnen, die uns helfen, unser Sortiment an refurbished Produkten weiter auszubauen. Zusätzliche wurde ich zum Vorstandsmitglied von EUREFAS gewählt, was unsere Lobby-Arbeit weiter nach vorne bringt. Insgesamt also ein Jahr, das uns in jedem Fall in Erinnerung bleiben wird und wir können jetzt schon sagen: Es werden auch 2024 interessante und namhafte Kooperationspartner dazukommen. Insgesamt war es ein Jahr, das das Adjektiv „rasant“ durchaus verdient, ich glaube aber nicht, dass 2024 sehr viel ruhiger werden wird.

Windischhofer: Zusätzlich zu den unternehmerischen Highlights 2023 gab es auch ökologische Highlights, die uns in diesem Jahr wichtig waren. So konnten wir z.B. durch die Veröffentlichung der Fraunhofer-Studie zeigen, dass transparente und objektive Impact-Studien zwar nicht einfach, aber möglich sind. Da freuen wir uns schon auf das 2024er-Jahr, denn diesbezüglich werden wir – so viel sei schon verraten – im ersten Halbjahr weitere Schritte präsentieren. Außerdem haben wir die 500-Tonnen-Marke bei der Einsparung von E-Waste geknackt, auch das war uns persönlich als Meilenstein sehr wichtig.

Kaminski: Zwei weitere persönliche und berufliche Highlights waren für mich in diesem Jahr, als uns die Nasdaq von sich aus über den Times Square zu unserer abgeschlossenen Finanzierungsrunde gratuliert hat. Das war ein echter Gänsehautmoment – und als Peter und ich als Entrepreneur of the Year von EY ausgezeichnet wurden. Es war ein großartiges Jahr!

Christiane Holzinger, Business Angel of the Year 2023

Holzinger
Christiane Holzinger | (c) Christiane Holzinger

Das Jahr 2023 stellte fast die gesamte österreichische Startup-Szene vor herausfordernde Prüfungen inmitten einer anhaltenden Krise. Trotz dieser Widrigkeiten haben unsere innovativen Unternehmer:innen und auch Investoren:innen bewundernswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt. Teamspirit, Zusammenhalt und das teilen von Informationen hat viele auch gemeinsam wachsen lassen. So hart viele Wochen und Monate gewesen sind, umso dankbarer bin ich für die vielen neuen Gesichter, die ich kennengelernt habe.

Diese Erfahrungen werden die Grundlage für einen nachhaltigen Aufschwung im Jahr 2024 bilden. Die Risikokapitalszene wird voraussichtlich ihre Strategien anpassen, um gezielt in resilientere und zukunftsfähige Technologien zu investieren. In dieser Phase der Neuausrichtung sehe ich die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen und nachhaltige Innovationen voranzutreiben, die das Fundament für eine robustere Wirtschaft legen werden. Persönlich gehe ich nach einer Phase der Reflektion und des Aussortierens sehr positiv in das neue Jahr 2024 – denn nur wenn wir Unternehmer:innen mit gutem Vorbild und ohne Jammern vorangehen, können wir auch gute Beispiele für unsere Mitarbeiter:innen, Startups, Investments und Mentees sein.

Berthold Baurek-Karlic, Business Angel of the Year 2023

Berthold Baurek-Karlic, Venionaire Capital | (c) Rene Wallentin

2023 war ein extrem spannendes, aufregendes, und bewegendes Jahr für mich. Auf der positiven Seite war sicherlich der Business Angel of the Year Award, den ich nie vergessen werde, sowie die sensationellen Ergebnisse, die der Tigris Web3 Fonds – Österreichs erster Krypto-Fonds, managed by Venionaire. Besonders negativ haben sich die Nachwehen der Krisenjahre herausgestellt, viele Firmen haben es nicht geschafft – wir wurden selbst gezwungen, mit viel Energie als Krisenmanager einzugreifen, dadurch blieb weniger Kraft und Kapital für unsere Arbeit als Wachstumsbeschleuniger.

Insgesamt sind wir aber noch deutlich besser und durchaus profitabel durch die Krise gekommen, aus unserer Zusammenarbeit mit dem Linde Verlag bzw. der Linde Digital GmbH entstanden wunderbare neue Produkte wie die App “Mei Marie”, es konnte mit dem Gewinn einer internationalen Ausschreibung ein guter Erfolg der Beteiligung “IURIO” eingefahren werden, und die bestehende Bildungslösung „Lawstar“ Dank einer Zusammenarbeit mit courseticket.com gestärkt werden.

Für 2024 erwarte ich weiterhin schwierige Zeiten, insbesondere wenn der Staat nicht langsam beginnt, den Standort in Sachen Wettbewerbsfähigkeit zu reformieren. Hierzu muss der Faktor Arbeit viel geringer besteuert werden, endlich eine drastische Entbürokratisierung her, sowie Anreize für Institutionelles Kapital im Feld Private Equity (ein Tsunami an Unternehmensübergaben aus der Baby Boomer Generation rollt an) und Venture Capital (es geht weiterhin massiv an Anschlussfinanzierungen). Passiert das nicht, verlieren wir vermutlich auf Jahrzehnte an Boden.

Petra Dobrocka, Gründerin und CCO Byrd

Petra Dobrocka | (c) byrd
Petra Dobrocka | (c) byrd

2023 war für byrd ein intensives Jahr, geprägt von einem Umdenken von Wachstum auf Effizienz. Einige unserer Highlights waren diverse neue Shop-, ERP- und Marktplatz-Integrationen sowie die Anbindung neuer Versanddienstleister (auf aktuell mehr als 25 Carrier), die Anbindung von drei neuen Lagerstandorten, neue Partnerschaften mit Radial (bPost Gruppe), MIRAKL, Leroy Merlin, ParcelPerform, Procuros uvm. Und natürlich für das Team unser Company-Offsite mit dem kompletten Team in Prag am Ende des Sommers, sowie zwei Hackathons, bei denen unsere Teams an neuen, innovativen Lösungen arbeiten konnten.

Im Jahr 2024 werden wir weiter daran arbeiten, die Nr.-1-Lösung für europäisches E-Commerce-Fulfillment zu sein, indem wir in unseren sieben Kernmärkten weiter wachsen. Wir werden uns weiter auf die Effizienz und Lagerautomatisierung fokussieren, sodass die Lager noch größere Paketmengen verarbeiten und so noch bessere Skaleneffekte erzielen können.

Natürlich verbessern wir auch 2024 weiter unsere Software und Dienstleistungen. Der Fokus ist dabei vor allem darauf, bestehende Prozesse auf der Grundlage von Kundenfeedback weiter zu verbessern, z. B. durch eine umfangreichere B2B-Versandfunktionalität oder eine verbesserte Auswahl von Verpackungsmaterial, um die effizienteste Verpackungs- und Versand-Option für jedes Paket sicherzustellen.

Johannes Braith, Gründer und CEO Storebox

Storebox-CEO und Cofounder Johannes Braith
Storebox-CEO und Cofounder Johannes Braith | Foto: brutkasten

2023 war für viele in der Tech-Industrie ein sehr schwieriges Jahr. Auch bei Storebox mussten wir mit einer komplexen makroökonomischen Lage umgehen. Hohe Zinsen und Zurückhaltung im VC- bzw. PE-Bereich machten eine rasche Skalierung zur Herausforderung. Wir sind stolz, dass wir trotz der hohen Kapitalkosten sowie der multiplen Krisen in diesem Jahr starke Wachstumszahlen aufweisen konnten. Wir sind von 200 auf über 320 Filialen angewachsen, haben zwei neue Märkte sowie einige tolle Kunden im Lastmile-Logistik Bereich gewonnen.

Ich bin grundsätzlich ein überzeugter Optimist und versuche stets, die positiven Dinge zu sehen, welche die genannten Herausforderungen mit sich bringen. Mein Ausblick für das Jahr 2024 ist dennoch differenziert. Ich gehe davon aus, dass wir vor allem in der ersten Jahreshälfte eine Verschärfung der aktuellen Situation erleben werden. Die Kapitalkosten werden vermutlich gleich hoch bleiben oder sogar etwas steigen, bevor wir eine positive Dynamik sehen. Auch ansteigende Rohstoffpreise und Ressourcenknappheit bei Hardware-Komponenten werden sich vermutlich weiter aufschaukeln, bevor wir eine Beruhigung wahrnehmen können – Stichwort: „Bullwhip-Effekt“. Wenn wir jedoch weiter hart arbeiten, klare Ziele definieren und mit Leidenschaft echte Probleme lösen, werden wir auch 2024 gesellschaftlich wieder einen Schritt nach vorne machen.

Lisa Ittner, Gründerin und CEO vibe

vibe-Gründerin Lisa Ittner im Talk
vibe-Gründerin Lisa Ittner im Talk | (c) brutkasten

Volatilität, Wachstum und good vibes. Obwohl oder gerade weil es in der Automobilbranche so turbulent ist, sind wir mit dem E-Auto Abo auf Wachstumskurs und der Überholspur. Die Rahmenbedingungen sind und waren herausfordernd – das wird auch so bleiben. Wir nutzen das für uns. Immer mit klarem Fokus auf die beste Dienstleistung für unsere Community spielen wir unsere Stärken da aus, wo es darauf ankommt. Rasch reagieren, eine klare Vision verfolgen und dabei flexibel bleiben. Unsere Grundwerte helfen uns dabei seit Anbeginn: fair, easy, changing, caring. Und mit unserem flexiblen Abo-Modell ermöglichen wir unseren Kunden, sich in diesen Zeiten auf das wichtigste zu fokussieren: ihre Ziele.

Markus Linder, Gründer und CEO inoqo & Triple Impact Ventures

Markus Linder: Gründer des Wiener Scaleups Zoovu plan mit Nachhaltigkeitsapp den nächsten Coup
(c) Haris Dervisevic / der brutkasten: Markus Linder

Als Gründer eines ClimateTech-Startups und als Early-Stage-Investor im Bereich Klima freue ich mich darüber, dass im Jahr 2023 fast ein Drittel aller VC-Investitionen in den ClimateTech-Bereich geflossen sind.

Im Hinblick auf das kommende Jahr bin ich überzeugt, dass wir 2024 erleben werden, wie Unternehmen wie inoqo und viele andere herausragende Startups starkes Wachstum und einen positiven Impact auf die größte Herausforderung und Chance unserer Zeit im großen Maßstab liefern werden.

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Scalable-Capital-Co-CEO Erik Podzuweit beim Interview in Wien | Foto: brutkasten
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Die Münchner Banking- und Investmentplattform Scalable Capital verwaltet mittlerweile über 60 Milliarden Euro an Kundenvermögen. Seit Anfang Oktober hat das Unternehmen eine offizielle Bankniederlassung in Wien, damit können österreichische Kund:innen erstmals steuereinfach investieren. Das bedeutet: Scalable führt die Kapitalertragsteuer (KESt) auf Gewinne, Dividenden und Zinsen automatisch an das Finanzamt ab, Anleger:innen müssen ihre Kapitalerträge also nicht mehr selbst in der Steuererklärung angeben. Co-Founder und Co-CEO Erik Podzuweit war zum Start in Wien. brutkasten traf ihn zum Gespräch über die Expansionspläne, den Mitbewerb und seine Vision vom „Finanzcoach in der Tasche“.


brutkasten: Scalable Capital war in Österreich schon länger aktiv, seit Anfang Oktober gibt es eine Bankniederlassung in Wien. Warum gerade jetzt?

Erik Podzuweit: Wir sind als App auf den Systemen einer anderen Bank gestartet und haben in den letzten Jahren unsere gesamte technische Infrastruktur selbst entwickelt und vertikalisiert: mit eigenem Kernbankensystem, eigenem Market Making über einen Handelsplatz, den wir gemeinsam mit der Börse Hannover betreiben, sowie eigener Konto- und Depotführung. Diese Plattform können wir jetzt nutzen, um viel schneller und flexibler in andere Länder wie Österreich zu gehen.

Man konnte schon vor Jahren als Österreicher Kunde werden, aber nicht steuereinfach. Dafür mussten wir zwei Dinge tun: eine offizielle Bankniederlassung gründen, wie wir es auch vor kurzem in Italien getan haben, und die Steuersoftware entweder einkaufen oder selbst bauen. Für Österreich haben wir sie selbst gebaut. Dank moderner KI-Anwendungen geht das heute extrem effizient im eigenen Haus. Das waren die letzten Schritte zu einem massentauglichen Produkt in Österreich. Jetzt bauen wir das lokale Team weiter aus und fahren das Marketing hoch. Ab Mitte Oktober werden wir in ganz Österreich mit Werbung deutlich präsenter sein. Und es kommen weitere Produkte: im November Festgeld und später ein Kreditangebot.

Wie wollt ihr in die breite Masse gehen? Anbieter wie Bitpanda setzen stark auf Sportsponsoring.

Wir setzen sehr stark auf Außenwerbung, parallel spielen wir die ganze Klaviatur des Online-Marketings. Sportsponsoring machen wir nur in kleinem Umfang, da gibt es viele Streuverluste. Und wir sind in einem zyklischen Markt: Bei volatilen Börsen muss man das Marketing zurückfahren können. Bei Krypto hat man das gesehen, da ist das Handelsvolumen eingebrochen, und es war schwer, aus mehrjährigen Verträgen wieder rauszukommen.

Welche Zielgruppe sprecht ihr in Österreich an?

Vor ein paar Jahren waren wir viel nischiger. Unsere klassische Kundschaft waren die sogenannten Smart Busy Professionals: Menschen, die noch nicht zwangsläufig reich sind, aber gut ausgebildet, mit gutem Einkommen, oft städtisch, die in der Wirtschaft oder als Programmierer arbeiten. Bei einer klassischen Bank fallen diese Kundinnen und Kunden oft durchs Raster: Sie passen noch nicht ins Private Banking, sind aber auch keine Retailkunden, denen man irgendeinen Fonds verkauft. Mit der Zeit werden sie immer attraktiver. Heute gehen wir eine viel breitere Masse an. Neben dem Investieren haben wir mit Tagesgeld und Festgeld auch den Bereich Sparen. 2,6 Prozent Zinsen versteht jeder. Damit gewinnt man auch Kunden, die wenig Risiko wollen oder in Rente sind, und zwar von klassischen Banken. Die Smart Busy Professionals kommen eher von anderen Online-Banken zu uns.

Wer ist euer direkter Mitbewerber?

Mit Bitpanda sehen wir wenig Überschneidung. Wir haben ein Kryptoangebot, Bitpanda hat ein Aktienangebot, aber das sind zwei getrennte Welten. Dann schon eher alle Banken. Wenn man aber auf Preis, Zins, Gebühren und das Nutzererlebnis schaut, sind die klassischen Banken keine direkte Konkurrenz für uns. Der direkteste Mitbewerber ist Trade Republic. Aber es gibt Unterschiede im Preismodell und bei den Zinsen. Unser Zins ist etwas besser. Wir liegen bei 2,6 Prozent versus 2,5 Prozent.

Warum braucht es ein lokales Team in Wien, wenn Geldanlage ein globales Geschäft ist?

Wenn ein österreichischer Kunde eine Tesla-Aktie kauft, ist das dieselbe Aktie wie für einen italienischen Kunden. Aber im Kundengeschäft braucht man lokale Präsenz. Auch BlackRock hat ein Büro in Wien und eins in Mailand, man kann Europa nicht allein aus New York steuern, und wir nicht allein aus München. Die regionalen Unterschiede liegen vor allem auf der Steuerseite. Jetzt fangen auch einzelne Staaten der EU an, gezielte steuerliche Anreize und Zuschüsse zum Investieren zu geben. In Deutschland kommt das Altersvorsorgedepot, in Österreich wird das Zukunftsdepot diskutiert. Da muss man die Entscheidungen nah verfolgen und ein lokales Produkt bauen. Sobald das Zukunftsdepot kommt, werden wir es maßgeschneidert in Österreich anbieten.

Welche Ziele habt ihr euch für Österreich gesetzt?

Der österreichische Markt ist zwar kleiner als der deutsche, aber die durchschnittlichen Depotgrößen sind hier sogar etwas höher. Ziel ist es, in den nächsten Jahren ein Kundenvolumen von zehn bis zwanzig Milliarden Euro in Österreich aufzubauen. Aktuell liegen wir bei über 60 Milliarden auf der gesamten Plattform. In vier bis sechs Jahren soll die Hälfte des Kundenstamms von außerhalb Deutschlands kommen. Dabei sind wir klar auf Europa fokussiert, eine Expansion darüber hinaus planen wir nicht.

Ihr habt Agentic Investing eingeführt. Was ist die Idee, und wer nutzt das?

Wir haben zwei Schnittstellen geöffnet – technisch nennt sich die eine CLI (Command Line Interface) und die andere MCP (Model Context Protocol). Über die erste kann ein Kunde seine eigene KI-Anwendung anschließen. Über die MCP-Schnittstelle können auch Leute ohne Programmierkenntnisse in wenigen Minuten beispielsweise ChatGPT oder Claude mit ihrem Scalable-Konto verknüpfen. Man stellt die Freiheitsgrade ein: Im Read-Only-Modus sieht und analysiert der Agent das Portfolio, erstellt Charts oder aggregiert Newsfeeds. Wer möchte, kann ihn aber auch bis zum Ausführen von Trades und Trading-Strategien freischalten. Geblockt ist aus Sicherheitsgründen jede Zahlung, es kann nie Geld abfließen. Das Feature ist vor ein paar Wochen gestartet, die ersten 20.000 Agenten sind täglich aktiv. Noch nutzt es eher die technologieaffine Kundschaft, vor allem für Portfolioanalysen, manche fahren aber bereits aktive Strategien.

Und die Zukunft?

Ich erwarte nicht, dass jeder Kunde komplexe Trading-Strategien umsetzt, das macht für die meisten auch gar keinen Sinn. Die Vision ist eine Welt, in der jeder einen persönlichen Agenten hat. Der sagt nicht nur, dein Konto bei Bank XY hat zu wenig Zinsen, sondern eröffnet direkt ein Konto und Depot bei Scalable. Man sagt: “Ich habe zehn Euro im Monat übrig und möchte mit mittlerem Risiko anlegen” und der Agent sucht die passenden ETFs heraus und setzt einen Sparplan auf. Der Anspruch ist dabei nicht die zusätzliche Rendite, sondern dass der Zugang zum Kapitalmarkt einfacher wird. 80 Prozent der Menschen haben noch nie investiert. Ein Finanzcoach in der Tasche, der auch aktiv werden kann, das ist die Zukunft der Geldanlage. Das kommt nicht von heute auf morgen, aber in den nächsten Jahren. Private Geldanlage ist im Aufwind, Anbieter wie wir senken Hürden und Gebühren, und jetzt kommt KI dazu. Das ist ein ideales Zusammenspiel.


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