08.09.2022

Star Trek Day: Was man als Leader von Kirk und Co. lernen kann

Anlässlich des internationalen Star Trek Day am heutigen achten September hat sich Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, angesehen, was Captain Kirk und Co. als Führungskräfte auszeichnet und was heutige Leader von der Crew lernen können - auch von den Borg, wie sie dem brutkasten erklärt.
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Star Trek Day, work-life-balance, Kirk, Spock, Pille, Scotty, Arbeitswelt, Raumschiff Enterprise, Uhura, Home-Office, Remote Work
(c) zVg. - Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, streicht die Leadership-Eigenschaften der Enterprise-Crew heraus.

56 Jahre nach dem Start der ersten Staffel von Raumschiff Enterprise und bis zum heutigen Star Trek Day hat die diverse Crew der US-Kult-Serie nichts von ihrer Faszination verloren. Erfinder Gene Roddenberry konnte wohl damals tatsächlich schwerlich erahnen, welche Folgen seine Schöpfung auf kommende Generationen haben würde. Und wie weit er seiner Zeit voraus war.

Nicht nur fand man auf der Brücke der Enterprise einen Amerikaner, einen Asiate, einen Russe, einen Schotte und einen Vulkanier – Nachrichtenoffizierin Uhura war die erste Afroamerikanerin in einer Führungsposition. Der Kuss zwischen ihr und Captain Kirk sollte zum Kult werden, war er doch der erste seiner Art zwischen einer weißen und dunkelhäutigen Person, der jemals im Fernsehen zu sehen war.

Vom Kalten Krieg bis zum Star Trek Day 2022

Man darf dabei nicht vergessen, dass sich die Welt damals nicht nur mitten im Kalten Krieg befand, sondern auch die so bezeichnete „Rassentrennung“ Alltag war. Unternehmen pflegten noch einen paternalistisch-hierarchischen Führungsstil.

Als Gegensatz dazu verkörperte Captain Kirk bereits damals ein Leadership, von dem sich heutige Führungskräfte etwas abschauen können. Dies und oben genanntes empfindet zumindest Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, die sich passend zum Star Trek Day genauer angesehen hat, welche besonderen Eigenschaften Kirk, Spock und Co. auszeichnen.

James Tiberius Kirk: Ein Role-Model für Führungskräfte

„Raumschiff Enterprise ist etwas, das bei vielen Menschen wunderbare Kindheits- oder Jugenderinnerungen wach werden lässt – so auch bei mir. Aber abgesehen davon ist es schon eindrucksvoll, wie fortschrittlich, innovativ und seiner Zeit voraus Gene Roddenbery war, als er ‚Star Trek‘ geschaffen hat“, erklärt sie. „Das ist es, was ich aus heutiger Sicht so faszinierend finde. Bei Raumschiff Enterprise ging es um Diversität, die Erforschung neuer Welten, den Glauben daran, dass man als einzelner etwas verändern kann. Das sind alles Themen, die aktueller gar nicht sein könnten. So ist diese Idee entstanden.“

Captain James Tiberius Kirk konkret verkörpert ihrer Meinung nach schlicht die geborene Führungskraft, die mit gutem Beispiel vorangeht.

„Kirk versteht es exzellent, sein Team zu motivieren, die gemeinsamen Ziele zu verfolgen und bei Bedarf in eine andere Richtung zu lenken. In heiklen Momenten ist er stets 100-prozentig fokussiert und scheut nicht davor zurück, auch mitunter schwierige und unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Dabei vergisst er allerdings nie, dass er bei allem Risiko die Verantwortung für seine 400 Mann und Frau starke Besatzung und das Schiff hat“, präzisiert Stöttinger.

Als Kapitän der Enterprise könne er außerdem fast alles selbst, vertraue aber stets auf die Expertise seines Führungsteams: So fließen die Meinungen und Empfehlungen von Spock, Pille, Scotty, Sulu, Chekov und Uhura in der Regel in seine Entscheidungen mit ein.

Was heutige Führungskräfte von Kirk lernen können

Stöttingers Ansicht nach gibt es tatsächlich einiges, was sich gerade Startup-Gründer und Unternehmen, aber auch CEOs von Heute vom Sternenflotten-Kapitän abschauen können.

„Kirk setzt in seinem Team auf Diversität, nicht nur, was die kulturelle Herkunft anbelangt, sondern, auch wenn es um die Persönlichkeit, das Knowhow und die Arbeitsweisen geht“, sagt sie. „Spock, Pille und Co. sind völlig unterschiedlich. So ist es möglich, dass jeder seine Stärken ausspielen kann und unterschiedliche Sichtweisen eingebracht werden, die es Kirk erleichtern, die richtigen Entscheidungen für sich und sein Team zu treffen.“

Auch die Tatsache, dass er – wenn er auf Schwierigkeiten oder unerwartete Situationen trifft – stets lösungsorientiert ist, nie aufgibt und in der Regel die Chancen als auch die Gefahren im Blick hat, zeichne den Captain ganz besonders aus. Gerade in turbulenten Zeiten sei ein „pioneering spirit“ eine enorm wichtige Charaktereigenschaft von Führungskräften.

„Erfolg ist ein Team-Effort“

„Heute ist Erfolg einzig und allein ein Team-Effort. Sich dabei auf die Expertise seiner Leute zu verlassen, ihnen dabei zu vertrauen und sie zu befähigen, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen, bedeutet, modernes Leadership zu leben“, so die Dekanin weiter. „Wenn Kirk mit seinem Team Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs war, dann ging es darum, Neues zu entdecken und fremden Zivilisationen als Freunde gegenüberzutreten, und nicht als Feinde. Die Frage war stets, wie können wir gemeinsame Sache machen, von der alle profitieren, nicht nur einige wenige.“

Kirk, wenn man so will, war in Stöttingers Augen sehr früh ein Verfechter des ‚responsible leaderships‘. Oder anders gesagt: Er agierte wie eine Führungskraft, die sich der Auswirkungen ihrer Entscheidungen bewusst ist und nicht nur sich selbst, das eigene Unternehmen und den eigenen Profit im Auge hat, sondern auch die anderen Stakeholder in einer Gesellschaft, Kunden, Zulieferer oder die Umwelt mit einbezieht.

Neben all den Leadership-Eigenschaften, die James Kirk in sich vereint, sei es sein besonderer Fokus, der ihn hervorhebe. Heutzutage würden sich Viele in Gefangenschaft des Micro-Managements befinden und das übersehen, was eigentlich wichtig ist. Nämlich mutig, die richtigen Dinge zu tun und damit effektiv zu sein. Bei all der Komplexität des Geschäfts dürften, Stöttinger nach, Führungskräfte niemals ihr Team vergessen. Kirk wisse ganz genau, dass Wertschätzung, Anerkennung und das Vertrauen in die Fähigkeiten des anderen die Basis für Erfolg sind.

„Faszinierend“

Diese Basis besteht, schlicht gesagt, einfach aus anderen Mitgliedern, sowohl im Unternehmen, als auch auf der Enterprise. Commander Spocks charakteristischer Ausspruch „Faszinierend!“ unterstreiche etwa seine wissenschaftliche und zugleich neutrale Sicht der Dinge, die dazu beitrage, knifflige und komplexe Situationen eher als Herausforderungen, denn als Gefahren zu interpretieren.

Zudem seien Spocks weit überdurchschnittliche Fähigkeiten im Umgang mit Computern und modernen Technologien oftmals ein Retter in der Not.

Spock als Datenanalyst

„Sein Führungsstil ist sehr sachlich und praxisorientiert. Er erklärt seinem Team nicht, was Sache ist, sondern geht mit gutem Beispiel voran. Obwohl Spock Situationen stets datenbasiert analysiert, verkörpert er als Halb-Vulkanier – seine Mutter stammt von der Erde – eine wunderbare Mischung aus Rationalität, Logik, aber auch menschlicher Intuition“, arbeitet Stöttinger seine Merkmale heraus.

Dies zeige sich vor allem in manchen (Extrem-) Situationen, in denen die menschliche Seite des sonstigen Logikers herausbricht, er emotional reagiert und so Herausforderungen meistert, bei denen er mit seiner vulkanischen, reservierten Art auf Grenzen stoßen würde.

„Umgelegt auf den Führungsalltag bedeutet das: Es ist gut, wie Spock einen kühlen Kopf zu bewahren und seine Entscheidungen daten- und faktenbasiert zu treffen. Dennoch empfiehlt es sich, bisweilen das sprichwörtliche Bauchgefühl in die Überlegungen mit einzubeziehen. Denn, das eine schließt das andere keinesfalls aus, sondern führt vielmehr dazu, dass man für eine Entscheidung auf vielfältige Ressourcen zurückgreifen kann als ’nur‘ auf Zahlen, Daten und Fakten“, sagt Stöttinger.

Pille als Mentor

Für die Wissenschaftlerin ist auch Dr. Leonard „Pille“ McCoy ein wichtiger Charakter, der in heutigen Unternehmen nicht fehlen dürfe. Er scheue sich nicht, seinem Captain die Meinung zu sagen, wenn er glaubt, dass Kirk falsch liegt. Ihn könne man auch getrost als Coach oder Mentor in der Organisation bezeichnen.

Was den „Doc“ besonders auszeichnet, seien seine Empathie und seine Fähigkeit sich in Menschen hineinzufühlen. Zu wissen, in welchen Situationen es klare Vorgaben und in welchen es ein einfühlsames Einzelgespräch braucht, gilt besonders heute als Schlüsselkompetenz. Empathische Führungskräfte genießen ein höheres Vertrauen bei ihrem Team, ihre Mitarbeiter reagieren offener, sind motivierter und weniger oft von Burnout betroffen.

„Führungskräfte, die dies als Kompetenz erkennen, aktiv fördern und selbst leben, wirken authentischer und werden im Job erfolgreicher sein, weil sie immer ein Team haben, das hinter ihnen steht“, meint Stöttinger dazu.

Scotty als Fädenzieher

Zu guter Letzt und am Star Trek Day den Kreis schließend benennt sie auch die Rolle des Lt. Commander Montgomery Scott als eine enorm wichtige – die ebenfalls in heutigen Unternehmen nicht fehlen dürfe.

Konkret gesagt: Führungskräfte mit ausgeprägtem Fachwissen zeichnen sich als ein integraler Bestandteil jedes Teams, sie bilden das Rückgrat der Organisation. Scotty steht dabei als Paradebeispiel für jemanden, der nicht gerne im Rampenlicht steht, aber im Hintergrund gekonnt die Fäden zieht.

Nicht nur sei er selbst in der Lage, in stressigen Situationen und unter extremen Druck Höchstleitungen zu erbringen, er lege mit seiner professionellen Arbeit auch die Basis dafür, dass Kirk, Spock und Co. ihre Arbeit reibungslos erledigen können und zu den eigentlichen Helden (der Geschichte) werden.

Charakter mit Lösungsimpulsen

„Versagt unerwartet und aus unklarem Grund der Antrieb, tastet sich Scotty mit seinem Team an die Problemlösung heran, dabei reagiert er schnell und verzahnt sein Handeln und gut überlegte Entscheidungen. Er setzt auf seine Intuition, die ihn mit neuen Lösungsimpulsen versorgt. Jeder Lösungsversuch wird zu einer neuen Lernerfahrung, die seinen erfahrungsbasierten Wissensschatz vergrößert“, gibt Stöttinger ein Beispiel seiner Arbeit. „Er macht das solange, bis sich Erfolg einstellt.“

Aus Sicht der sozialen Rollen betrachtet sei Scotty eigentlich der Helfer, der die Dinge anpackt, sich für nichts zu schade und immer dann zur Stelle ist, wenn Not herrscht. Führungskräfte sollten, der Dekanin nach, um diese Fähigkeiten Bescheid wissen und sie auch im eigenen Team entsprechend personell besetzen.

„Scottys sind wertvolle Schlüsselfiguren, die auch keine Angst haben zu scheitern, sondern mutig Neues ausprobieren, schnell lernen und sehr anpassungsfähig sind“, sagt sie. „Sie sind die Troubleshooter, die, wenn es notwendig wird – komplexe Zusammenhänge verständlich auflösen und Probleme aller Art lösen können. Dabei wissen diese Personen sehr gut um die eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten Bescheid, sollten aber regelmäßig herausgefordert werden, um ihren klaren Verstand und ihre Lösungskompetenz zu fördern.“

Das Fehlen der Frauen

Einen – aus heutiger Sicht elementaren – Aspekt hätte Gene Roddenberry bei all der Fortschrittlichkeit und visionären Denkweise Mitte der 1960er Jahre noch mit bedenken
können, betont Stöttinger.

Sie sagt: „Im oberen Top-Management des schweren Kreuzers der ‚Constitution‘-Klasse, der USS Enterprise NCC-1701, sind keine weiblichen Führungskräfte zu finden. Ein Problem, das viele Unternehmen heutzutage auch haben.“

Die Arbeitswelt und ihr Diskurs

Mit diesem Hinweis und der Dekonstruktion der Eigenschaften von Kirk und Co. haben Stöttinger und ihr Team zu Ehren des „Star Trek Day“ ein Leadership-Verständnis mit Bezug zu damals herausgearbeitet, das heutige Entwicklungen widerspiegelt.

Aufmerksame Personen haben in den letzten Monaten und seit Pandemie-Beginn einen bemerkenswerten und richtungsweisenden Diskurs erlebt, zwischen Vertretern der alten Schule des Broterwerbs und neuen Anforderungen der heutigen Arbeit, die nicht nur punktuell gelebt, sondern großflächig auch gefordert werden.

Von „Quiet Quitting“ bis zu Work-Life Balance

Begriffe wie „Work-Life-Balance“, „Home-Office“, „Vier-Tage-Woche“, „Quiet Quitting“ oder Arbeitskräftemangel werden nicht nur hierzulande stark diskutiert, sondern sie befinden sich gefühlt in einem Tauziehen – mit Anhängern klassischer Arbeit (Hierarchie, Anti-Teilzeit, Arbeit vor Ort) auf der einen und Verfechtern einer neuen Arbeitsweise auf der anderen – beide zerrend. Dazwischen Unternehmen, die Probleme haben Mitarbeiter zu finden und Arbeiter, die die Veränderung der Wirtschaft durch höhere Ansprüche (auch privater Natur) vorantreiben. Oder wie Viele sagen: Eine Trendumkehr im Verhältnis: Anstellender – Anzustellender.

Auf einer Metaebene ließe sich diese Diskussion, wenn nicht philosophisch, dann zumindest als ideologisch einordnen, da hier ein lange herrschendes System gegen das neue antritt. Während manche Personen die neuartigen Charakteristika der Arbeit als leistungsfeindlich ansehen, andere wiederum kein Verständnis für „Remote Work“ zeigen oder eine Richtungsänderung aktueller Entwicklungen erwarten, so gibt es auch Gegenbeispiele.

Work-Life-Integration: Widerstand ist zwecklos

Laut Stöttinger hätte die Star Trek Crew eine klare Meinung zu den Entwicklungen der modernen Arbeitswelt. Kirk und Co. würden Gegnern dazu raten, es positiv zu sehen.

„Oder wie es die Borg in Star Trek formulieren: Widerstand ist zwecklos! Die einzige Konstante im Leben ist die Veränderung. Legen sie ihren Fokus darauf, welche Möglichkeiten sich durch die neuen Arbeitswelten und Hybrid-Work ergeben, wie viel mehr Flexibilität sie und ihre Mitarbeiter dadurch gewinnen, wenn Menschen selbst entscheiden können, wann und von wo aus sie arbeiten möchten“, sagt sie an Führungskräfte gewandt.

Und ergänzt abschließend: „Ihre Mitarbeiter werden motivierter, loyaler und letztendlich produktiver sein – Work-Life-Integration heißt das Zauberwort. Es geht nicht mehr darum, zwei scheinbar gegensätzliche Welten in Balance zu halten. Stattdessen wächst das Verständnis, dass Leben und Arbeit zusammengehören, ineinander übergehen und sich verbinden. Außerdem machen sie sich dadurch als Arbeitgeber viel interessanter und das ist ein echter Mehrwert in einer Welt, in der nicht mehr die Bewerber um die besten Jobs rittern, sondern sich Unternehmen um die größten Talente bemühen müssen.“

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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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