29.12.2025
JAHRESWECHSEL

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

Einige der bekanntesten Gesichter der heimischen Startup- und Innovations-Szene gaben uns ein Statement zum Jahreswechsel.
/artikel/rueck-und-ausblick-2025-2026
vlonru: Petra Dobrocka, Hansi Hansmann, Christiane Holzinger, Sander van de Rijdt, Hannah Wundsam, Michael Hurnaus | (c) byrd / Studio KoeKart / 360 Business Planner / brutkasten, Martin Pacher / Hannah Wundsam / tractive
vlonru: Petra Dobrocka, Hansi Hansmann, Christiane Holzinger, Sander van de Rijdt, Hannah Wundsam, Michael Hurnaus | (c) byrd / Studio KoeKart / 360 Business Planner / brutkasten, Martin Pacher / Hannah Wundsam / tractive

Die heimische Startup-Szene steht am Ende eines weiteren Krisenjahrs. Das zeigt nicht nur unser jährlicher Rundruf bei bekannten Köpfen der Community deutlich. Die Finanzierungssituation bleibt – mit Ausnahme von KI und DefenseTech – schwierig: Die Investment-Statistik konnte nach einem verheerenden ersten Halbjahr auch in der zweiten Jahreshälfte nur wenig aufgebessert werden. Refurbed hat hier mit seiner 50-Millionen-Euro-Runde aus dem Oktober den Schnitt ein wenig angehoben.

Mehrere bekannte Startups mit durchaus umfangreichem Track-Record und Millioneninvestments in der Vergangenheit, mussten dieses Jahr Insolvenz anmelden. Bei einigen mitunter großen Scaleups, sogar bei refurbed, das später, wie oben erwähnt, für die größte Finanzierungsrunde des Jahres sorgte, gab es einen Stellenabbau bzw. Umstrukturierungsmaßnahmen. Richtig große Erfolgsmeldungen gab es dieses Jahr dagegen selten. Und in der Politik gab es zwar einige Ansagen – Stichwort: Dachfonds – aber kaum tatsächliche Maßnahmen.

Was ist in so einem Jahr vom Rück- und Ausblick von bekannten Gesichtern aus der Community zu erwarten? Nun, es wäre nicht die Startup-Szene, wenn sich berechtigte Unzufriedenheit und Kritik an der Politik nicht da und dort mit einer gehörigen Portion Optimismus vermengen würden. Es ist also durchaus ein Wechselbad der Gefühle, dass sich dieses Jahr zeigt.


Die Statements werden im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben:

Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann
Hansi Hansmann | (c) Studio KoeKart

Man kann meinen Text vom Vorjahr ident wiederverwenden, bloß 2024 durch 2025 und 2025 durch 2026 ersetzen (siehe hier). Die Gesamtlage in Europa ist mindestens so schlecht, wie sie in vielen Medien dargestellt wird – Stichwort: Abwärtsspirale. Und Österreich ist halt noch schlechter, als der europäische Durchschnitt. Das liegt in beiden Fällen an einer enormen Entscheidungsschwäche und einem Nichterkennen bzw. Nichtwahrhabenwollen von riesigen strukturellen Problemen.

Dazu kommt für Startups, dass VCs nur einen Bruchteil des Kapitals aufgenommen haben, wie in den Vorjahren. Das bedeutet: no money in den nächsten Jahren! Und die VCs stürzen sich alle auf AI und DefenseTech, weil nur dort durch die hohen Bewertungen, die durch FOMO entstanden sind, eine mathematische Chance besteht, dass sich die Fonds rechnen. Zumindest, was KI betrifft, würde ich ein böses Erwachen nicht ausschließen.

Um etwas Positives zu erwähnen: Gründen ist momentan leiwand, aber mit viel Bootstrappen und ganz schnell den Break-even anpeilen – jedenfalls die Möglichkeit dazu.

Hannah Wundsam, Managing Director Austrian Startups

Hannah Wundsam | (c) Hannah Wundsam

2025 war ein Jahr der Gegensätze. Auf der einen Seite eine enorm schnelle Entwicklung im KI-Bereich, die laufend neue Use Cases für Gründer:innen schafft. Europaweit sehen wir eine Rekordzahl an neuen Startup-Gründungen und immer mehr Belege dafür, dass aus Europa globale Tech-Champions entstehen können.

Gleichzeitig war 2025 für viele etablierte Startups in Österreich ein hartes Jahr. Insolvenzen namhafter Startups und eine insgesamt schwache Investmentlandschaft haben das deutlich gemacht. Umso wichtiger war es, dass der Dachfonds ins Regierungsprogramm aufgenommen wurde – LPs und VCs warten nun sehnsüchtig auf die Umsetzung. Daher auch mein klarer Appell an die Regierung: Schnelle Hilfe ist gute Hilfe. Jetzt heißt es liefern.

Auf europäischer Ebene war sich das Startup-Ökosystem selten so einig wie heute, wenn es darum geht, was es braucht, damit Europas Startups und Scaleups wachsen können: Harmonisierung durch eine einheitliche, digitale Rechtsform – die EU Inc. Das ist eine enorme Chance für Europa. Gelingt ihre Umsetzung, kann das den Glauben der Szene an Europa nachhaltig stärken. Wenn nicht, drohen ein massiver Backlash und ein Vertrauensverlust genau jener Menschen, die unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit in der Hand haben: der Gründer:innen.

2026 wird daher ein Schicksalsjahr für den europäischen Startup-Standort.

Sander van de Rijdt, Co-Founder & Co-CEO PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
Sander van de Rijdt | (c) brutkasten / Martin Pacher

Anfang des Jahres hatten wir viel Hoffnung, dass sich mit Mitte 2025 die Vorzeichen am Wirtschaftsstandort Österreich und insbesondere in der Bau- und Immobilienbranche als Hauptzielmarkt für PlanRadar wieder verbessern.

In der Bau- und Immobilienindustrie sehen wir seit September/Oktober einen leichten Aufwind, es kommen wieder mehr Projektfinanzierungen (aufgrund der veränderten Zinslage) zustande und es herrscht wieder positivere Stimmung und mehr Aktivität in der Branche, auch wenn die Markterholung deutlich langsamer verläuft, als wir es uns gewünscht hätten. Trotz der schwierigen Großwetterlage konnten wir unseren Umsatz wieder steigern und gleichzeitig positiv wirtschaften, was einen tollen Erfolg darstellt, auch wenn wir uns natürlich noch mehr erwartet hätten.

Für den Wirtschaftsstandort Österreich sieht es allerdings nicht so rosig aus. Von den groß angekündigten Effizienzmaßnahmen und Bürokratieabbau habe zumindest ich noch nichts wahrgenommen. Der heimische Produktionsstandort wird immer teurer und wettbewerbsfähig sind wir auch schon lange nicht mehr – siehe laufende Hiobsbotschaften zu frei gesetztem Personal, ins Ausland verlagerter Wertschöpfung und zahlreichen Standortschließungen.

Für 2026 wünsche ich mir, dass losgelöst von politischem Kalkül die auf dem Tisch liegenden Konzepte endlich umgesetzt werden. Ich befürchte allerdings, dass da der Wunsch Vater des Gedankens bleibt. Zumindest bei PlanRadar wollen wir unseren Beitrag auch 2026 leisten und den längst überfälligen Aufschwung in der Branche nutzen. Wir planen mit einem deutlichen Umsatz- und Gewinnwachstum, nicht nur an unseren internationalen Standorten sondern insbesondere auch wieder in Europa.

Christiane Holzinger, Business Angel und Gründerin

Christiane Holzinger | (c) 360 Business Planner

Schon 2024 war ein Jahr der Konsolidierung, der strategischen Weichenstellungen und klarer Botschaften. In einem zunehmend herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld habe ich mich bewusst auf Qualität statt Quantität konzentriert. Die anhaltende Unsicherheit am Markt hat meine Entscheidungen noch datengetriebener, strukturierter und – ja – auch selektiver gemacht. Themen wie Teamqualität, Leadership und finanzielle Resilienz haben dabei klar an Bedeutung gewonnen.

2025 hat sich diese Entwicklung nicht nur fortgesetzt, sondern deutlich verschärft. Gefühlt hat das Jahr für mich folgende Headline gehabt: „Krisen sind kein Charaktertest, sie sind ein Charakteroffenbarungseid.“ Es war ein Jahr, das mehr verlangt hat als jedes zuvor. Trouble-Shooting war nicht die Ausnahme, sondern der Alltag. Bridge-Runden, stockende Finanzierungen und strategische Neuausrichtungen im Portfolio haben gezeigt, wie dünn die Kapitaldecke vieler Startups tatsächlich ist und wie wenig Resilienz teilweise vorhanden ist. In dieser Phase wurden Unterschiede gnadenlos sichtbar: zwischen Gründer:innen, die Verantwortung übernehmen, und jenen, die sie delegieren wollen; zwischen Teams, die liefern, und solchen, die erklären.

Trotz – oder gerade wegen – dieser Achterbahnfahrt gab es auch Lichtblicke. Einige Gründer:innen haben mich positiv überrascht: durch Konsequenz, Lernfähigkeit und echte Führungsstärke. Andere wiederum haben klar gezeigt, warum frühes Kapital allein kein Geschäftsmodell ersetzt. In Summe war 2025 das bisher forderndste und persönlich anstrengendste Jahr meiner Tätigkeit als Business Angel und rückblickend auch jenes, das mir am wenigsten Freude bereitet hat.

Für 2026 bedeutet das nicht Rückzug, sondern Fokussierung. Frühphasen-Investments bleiben relevant, aber nur dort, wo Teams Substanz, Tempo und Realitätssinn mitbringen. Co-Investments mit erfahrenen Angels und institutionellen Partnern werden weiter an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt als Mittel zur Risikoteilung in einem weiterhin instabilen wirtschaftlichen Umfeld. Diversität in Gründerteams bleibt für mich kein „Nice-to-have“, sondern ein klarer Performancefaktor.

Gleichzeitig wird immer deutlicher: Ohne bessere politische und steuerliche Rahmenbedingungen verspielen wir als Standort enormes Potenzial. Startups und Investor:innen brauchen keine Sonntagsreden, sondern funktionierende Anreizsysteme, einfachere Kapitalzugänge und mehr unternehmerische Bildung. Investieren ist kein Elitenthema: Es ist ein zentraler Hebel für wirtschaftliche Entwicklung in Österreich und Europa.

Mein Fazit: 2024 war strategisch, 2025 war brutal ehrlich. 2026 wird selektiv, klar und konsequent. Nicht jedes Investment muss gemacht werden, aber jedes Investment muss Sinn machen.

Michael Hurnaus, Gründer und CEO Tractive

Tractive, Hauster Versicherung, Insurance, Pet Cover
Michael Hurnaus | (c) Tractive

2025 war für Tractive ein prägendes Jahr – mit unserer ersten Akquisition (Whistle) und erneut starkem Wachstum von über 30 Prozent. Auch wenn uns Trump mit seinen neuen Zöllen keinen Gefallen getan hat, konnten wir unsere Marktführerschaft weiter deutlich ausbauen – in den USA ebenso wie in Europa.

Die wirtschaftliche Lage bleibt herausfordernd, und auch wir würden wohl noch stärker wachsen, wenn sie besser wäre. Trotzdem sind wir dank eines gesunden Geschäftsmodells und klarer Fokussierung auf unsere Kernmärkte Europa und USA sowie dem expliziten Fokus auf Hunde und Katzen hervorragend aufgestellt. 2025 haben wir auch unser eigenes Versicherungsbusiness verkauft, um noch mehr Fokus auf unser wachsendes Kerngeschäft zu bekommen. Viele Startups mussten 2025 kämpfen, und es wird wohl noch etwas dauern, bis die Wirtschaft wieder richtig Schwung aufnimmt.

Unser Fokus liegt klar auf dem Thema Gesundheitstracking und frühzeitiger Krankheitserkennung, das ist unsere große Wette für die Zukunft. Ich freue mich auf 2026, auf eine Reihe neuer Produkte und spannende Chancen für organisches und anorganisches Wachstum. Persönlich war ich selten so optimistisch wie jetzt. Wer auf ein Jahr ohne Herausforderungen wartet, wird vermutlich enttäuscht werden – aber wir bei Tractive haben die Ärmel längst hochgekrempelt und sind bereit für 2026.

Petra Dobrocka, Gründerin und CCO byrd

Petra Dobrocka | (c) byrd

Diese Jahr lag bei byrd der Fokus voll auf Kundenzufriedenheit. Der Logistik- und E-Commerce Markt war 2025 sehr stark von Kostendruck betroffen, viele Händler haben Wege gesucht, ihre Logistik weiter zu optimieren. Deshalb war es unser Ziel, unseren Kunden mit bester operativer Qualität und maximaler Flexibilität zur Seite zu stehen.

Wir haben diverse neue Features gelaunched und neue Versandoptionen eingeführt, um die Optionalität für unsere Kunden zu erhöhen. Außerdem haben wir unseren Kundenservice auf ein neues Tooling-Setup umgestellt, und unsere internen Strukturen angepasst. Jeder Kunde hat nun eine/n Account Manager:in, was es uns ermöglicht, auch komplexe Anfragen sehr schnell zu lösen. Wir beenden das Jahr 2025 und unsere „Peak Season“ mit sehr guter operativer Performance und positivem Kundenfeedback, was uns sehr stolz macht.

Für 2026 erwarten wir ein sehr intensives Jahr mit sehr positiven Zeichen in Richtung Neukundengeschäft, jedoch mit weiter anhaltendem Kostenerhöhungen, die unsere Margen unter Druck setzen. Der Fokus auf Effizienz und volle Unterstützung unserer Kunden bleiben also auch weiterhin die Top-Prioritäten.

Werner Wutscher, Gründer und CEO New Venture Scouting

Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu

Das Jahr 2025 war so zäh wie erwartet. Die Inflation blieb hoch und die makroökonomischen Daten spiegeln die unsichere Sicherheitslager wider. Österreich ist seit drei Jahren in der Rezession und der Produktivitäts- und Wohlfahrtsverlust wird für viele spürbar – das ist auch in unserem Sektor merkbar.

Dennoch sind Dinge weitergegangen: In meinem Bereich habe viele Hochschulen, wie die Medizinuniversität Innsbruck, die Montanuniversität Leoben sowie die TU und WU Wien begonnen, ihre Innovationsökosysteme neu aufzustellen. Es macht viel Freude da mitzuarbeiten. Da entstehen gerade in neuen Strukturen spannenden Projekten – die Spinoffs und Hidden Champions von morgen. Politisch ist trotz vieler Prognosen die Welt nicht untergegangen und die Regierung hat sich bewegt.

Im neuen Jahr wird sich die makroökonomische Situation nicht ändern. Für Europa kommt die Trendwende sicher erst mit einer Lösung für den Konflikt in der Ukraine und diese Lösung wird nicht schnell erreicht. Dennoch schaue ich optimistisch auf das neue Jahr: Viele Unternehmen und Startups haben sich auf die neue Situation eingestellt: Kosten runter, Liquidität ist key. Auch die Investoren haben viele Bridge-Rounds hinter sich und es bleibt zu hoffen, dass ihnen nicht der finanzielle Atem ausgeht.

Ich denke, dass die Hochschulen weiter am universitären Innovationsökosystem bauen und wir langsam auch die Früchte sehen werden. 2026 werden sicher die ersten erfolgreichen Projekte auftauchen.

Aber Jahreswechsel sind ja immer Zeiten, wo man sich etwas wünschen darf:

  • Von den VCs wünsche ich mir, dass sie wieder mutiger werden und nicht jede Runde hinausschieben und immer später investieren und damit die Startups im Kreis schicken mit neuen Auflagen: Es gibt jetzt wirkliche viele spannende Projekte, die es wert sind, finanziert zu werden.
  • Den österreichischen VCs im Fundraising-Mode wünsche ich viel Glück und gute Argumente und Closings – vor allem bei internationalen Investoren.
  • Dem Dachfonds, dass er endlich Realität wird und seine Wirkung entfaltet.
  • Der österreichischen Bundesregierung wünsche ich mehr Mut!
  • Ich wünsche mir, dass die Debatte um die Budgetkonsolidierung dazu führt, dass wir die Fragmentierungen in unserem Ökosystem überwinden und stärker und intensiver zusammenarbeiten; dass Programme aufeinander aufbauen und gute qualitätsvolle Costumer Journeys für Gründer:innen da sind, die sich derzeit oft im Förder/Support-Dschungel verlaufen.

Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Startups und Spinnoffs die Basis für den Wohlstand von morgen liefern und damit liefern wir auch die positiven Stories, die wir in diesen Tagen dringend alle brauchen: 2026 wird ein gutes Jahr!

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures

Laura Raggl (c) Fabianklima.at

2025 war insgesamt ein durchwachsenes Jahr. Insbesondere im Softwarebereich wurde das Investieren schwieriger, da sich die Technologie – vor allem durch AI – extrem dynamisch entwickelt und viele Segmente stark kompetitiv geworden sind. Gleichzeitig sehen wir im AI-Bereich sehr hohe Bewertungen für herausragende Teams, was die Selektivität weiter erhöht hat. Grundsätzlich blieb die Deal-Aktivität im Pre-Seed- und Seed-Bereich jedoch auf hohem Niveau.

Ein neues und strategisch relevantes Feld hat sich 2025 im Defense-Bereich entwickelt. Defense hat sich als richtiges Venture-Capital-Segment etabliert, und wir haben mit ROI Ventures in diesem Jahr in drei Startups aus diesem Segment investiert. Wir sehen hier eine große Chance für Europa, technologisch unabhängiger von den USA zu werden und eigene Innovations- und Technologietreiber aufzubauen.

Mit Blick auf 2026 wird entscheidend sein, wie sich die Aktienmärkte – insbesondere die Performance der führenden Tech-Aktien – entwickeln. Diese werden maßgeblichen Einfluss auf Exit- und IPO-Möglichkeiten sowie auf die Verfügbarkeit von Wachstumskapital speziell in den späteren Phasen haben. Politisch steht 2026 vor allem die Umsetzung des angekündigten Dachfonds im Vordergrund, der für die weitere Entwicklung des österreichischen Startup-Ökosystems zentral ist.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKÖ

Kambis Kohansal Vajargah | (c) WKÖ

Das Jahr 2025 hat deutlich gemacht: Der Markt belohnt Substanz. Startups mit klarem Kundennutzen, belastbaren Geschäftsmodellen und konsequenter Umsetzung konnten sich durchsetzen. Kapital ist anspruchsvoller geworden – und damit auch die Qualität der Projekte. Parallel dazu wurden wichtige Weichen für den Standort gestellt. Die Bilanzierung eigens entwickelter Software stärkt innovationsgetriebene Unternehmen nachhaltig. Der neue Dachfonds schafft zusätzliches Kapital für Wachstum und signalisiert, dass Innovationspolitik auch finanzielle Schlagkraft braucht.

2026 muss dieses Momentum genutzt werden. KI wird zum Produktivitätsfaktor, nicht zum Marketingbegriff. Entscheidend wird sein, wie schnell wir Innovation in marktfähige Lösungen übersetzen. Dafür braucht es weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und den Mut, vom Reden ins Umsetzen zu kommen.

Deine ungelesenen Artikel:
22.06.2026

Wenn der Verbündete den Stecker zieht: Europas digitale Souveränität

Die VivaTech in Paris ist Europas größte Startup- und Technologiekonferenz. Bei der zehnten Ausgabe war digitale Souveränität das bestimmende Thema. brutkasten war vier Tage vor Ort. Eine Einordnung.
/artikel/wenn-der-verbuendete-den-stecker-zieht-europas-digitale-souveraenitaet
22.06.2026

Wenn der Verbündete den Stecker zieht: Europas digitale Souveränität

Die VivaTech in Paris ist Europas größte Startup- und Technologiekonferenz. Bei der zehnten Ausgabe war digitale Souveränität das bestimmende Thema. brutkasten war vier Tage vor Ort. Eine Einordnung.
/artikel/wenn-der-verbuendete-den-stecker-zieht-europas-digitale-souveraenitaet
Schulterschluss in Paris: Macron und Modi warben auf der VivaTech 2026 gemeinsam für eine „verantwortungsvolle KI" als Wertegemeinschaft. | (c) VivaTech

Am 12. Juni erreicht Anthropic ein Brief des US-Handelsministeriums. Drei Tage zuvor war Claude Fable 5 erschienen, das leistungsfähigste allgemein verfügbare Modell des Hauses. Nun ist es für jede Person ohne US-Staatsbürgerschaft zu sperren, im In- wie im Ausland. Weil sich Staatsangehörigkeit nicht in Echtzeit prüfen lässt, schaltet Anthropic beide Modelle weltweit ab, auch für die eigenen US-Kund:innen. Betroffen sind nicht nur einzelne Nutzer:innen: Anwendungen, die das Modell direkt einbinden, stehen über Nacht still, und der Fall führt vor Augen, wie viele Produkte und ganze Geschäftsmodelle auf einem einzigen, von außen abschaltbaren Modell ruhen. Der „kill switch“, über den Europa seit Jahren theoretisch debattiert, ist plötzlich real, und er trifft die fortgeschrittenste KI ihrer Generation. Anthropic kündigte an, den Zugang so rasch wie möglich wiederherzustellen, zum Redaktionsschluss war die Sperre weiter in Kraft.

Fünf Tage später öffnet in Paris die VivaTech, Europas größte Tech-Messe, zum zehnten Mal. 15.000 Startups, Jeff Bezos als Stargast, und doch reibt sich die KI-Euphorie an der Angst vor der eigenen technologischen Abhängigkeit. Schon auf der Eröffnungsbühne nimmt Frankreichs Wirtschaftsminister Roland Lescure direkt Bezug auf die Anthropic-Sperre: Es gehe nicht länger um eine Zugangsdebatte, Regeln könnten sich über Nacht ändern, und Souveränität heiße, dann noch handlungsfähig zu sein. Tags zuvor hatte Premier Lecornu verkündet, der französische Inlandsgeheimdienst trenne sich vom US-Konzern Palantir zugunsten des heimischen Anbieters ChapsVision. Die Kulisse ist gesetzt.

Souveränität, messbar gemacht

Ausnahmsweise lässt sich Souveränität hier auch messen. Nvidia hatte auf der VivaTech 2025 mehr als 20 KI-Fabriken für Europa versprochen und Mistral zum souveränen Compute-Champion erklärt. Und anders als im Vorjahr liefert die Messe Konkretes: Mistral Compute geht als europäische GPU-Cloud teilweise in Betrieb, Foxconn und Bull kündigen eine Serverfertigung im französischen Angers an. Aus Ankündigung wird Auslieferung. Nur ist selbst das Souveräne es nur halb: Mistral Compute läuft auf 18.000 Nvidia-Chips. Die ganze europäische KI ruht auf einem nicht-europäischen Silizium-Sockel. Doch genau hier liegt Europas einziger echter Trumpf: Ohne die EUV-Lithografie des niederländischen Konzerns ASML, dessen Chef Christophe Fouquet ebenfalls in Paris war und der inzwischen Europas wertvollstes Unternehmen ist, kann weltweit niemand Spitzenchips fertigen. Abhängig auf der einen Ebene, unverzichtbar auf der anderen. Souveränität als Baustelle, nicht als Zustand.

„Tech for humanity“: Narendra Modi positionierte Indien auf der VivaTech 2026 als KI-Länderpartner Frankreichs. (c) VivaTech

Und Österreich?

Und Österreich? Steht in dieser Debatte überraschend weit vorn. Die „Declaration on European Digital Sovereignty“, die inzwischen alle 27 EU-Staaten mittragen, geht auf eine österreichische Initiative rund um Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll zurück. Wien als Anstoßgeber dessen, worüber Paris nun diskutiert. Und das Bundesheer hat seine 2020 begonnene Migration von rund 16.000 Arbeitsplätzen auf LibreOffice 2025 abgeschlossen, bewusst ohne Cloud, also ohne fremden Schalter. Die unbequeme Frage für die heimische Szene lautet, ob aus solchen Verwaltungsentscheidungen auch ein Markt für österreichische Anbieter wird, oder ob Souveränität Behördensache bleibt.

Verhandeln aus der Schwäche

Den wahren Lackmustest liefert nicht die Bühne, sondern eine Frage am Rande. Auf die Fable-5-Sperre angesprochen, fordert Emmanuel Macron keine Unabhängigkeit. Er appelliert an die USA, ihre Spitzentechnologie zu teilen, und kündigt zugleich mehr Geld für die französische KI-Industrie an. Zuerst die Bitte um Zugang, dann, hilfsweise, die eigene Souveränität. Das kann man als Schwäche lesen. Man kann es auch als nüchterne Arbeitsteilung verstehen: das Beste nutzen, das es gibt, und parallel absichern, falls es wegbricht. Dass Macron sich die politische Bühne mit Indiens Premier Narendra Modi teilte, der für eine menschenzentrierte KI jenseits von Washington und Peking wirbt, unterstreicht denselben Reflex: Souveränität wird als Wertegemeinschaft inszeniert, die offene Frage nach Compute, Kapital und Chips bleibt.

Joe Tsai Chairman at Alibaba Group bei der VivaTech | (c) brutkasten / Martin Pacher

„Souveränität ist keine Isolation, sie ist Offenheit aus einer Position der Stärke“, sagt Deutschlands Digitalminister Karsten Wildberger. Schön gesagt, nur verhandelte Europa diese Woche aus Abhängigkeit, nicht aus Stärke. Alibabas Joe Tsai formulierte es zynisch ehrlicher: Europa solle seine Eier in zwei Körbe legen. Ein zweiter Lieferant ist keine Unabhängigkeit. Und doch, hier wird es unbequem, ist Diversifizierung für eine Region, die den ganzen Stack realistisch nie allein bauen wird, womöglich nicht die feige, sondern die rationale Antwort. Die ehrliche Variante von Souveränität wäre dann nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, den Lieferanten zu wechseln, wenn einer den Schalter umlegt, ohne dass das eigene Geschäft mit ihm stillsteht.

Der Preis der Autonomie

Bleibt die Frage, die diese Ausgabe aufwirft. Dass Europa Souveränität will, bestreitet niemand. Die eigentliche Frage ist der Preis: höhere Kosten, langsamere Verfügbarkeit, weniger Zugriff auf das jeweils beste Modell. Und ob das Geld dafür da ist. Auf die USA entfallen rund 50 Prozent des globalen Risikokapitals, auf China 40, auf Europa fünf. Solange sich daran nichts ändert, bleibt Souveränität das würdevollere Wort für eine gut gemanagte Abhängigkeit. Die Fable-5-Woche hat Europa beides gegeben, den Schreck und die Ausrede. Welche Lehre hängen bleibt, entscheidet sich nicht in den Hallen von Porte de Versailles, sondern in den Beschaffungsabteilungen, die nächsten Monat wieder eine Lizenz verlängern müssen.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“