29.12.2025
JAHRESWECHSEL

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

Einige der bekanntesten Gesichter der heimischen Startup- und Innovations-Szene gaben uns ein Statement zum Jahreswechsel.
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vlonru: Petra Dobrocka, Hansi Hansmann, Christiane Holzinger, Sander van de Rijdt, Hannah Wundsam, Michael Hurnaus | (c) byrd / Studio KoeKart / 360 Business Planner / brutkasten, Martin Pacher / Hannah Wundsam / tractive
vlonru: Petra Dobrocka, Hansi Hansmann, Christiane Holzinger, Sander van de Rijdt, Hannah Wundsam, Michael Hurnaus | (c) byrd / Studio KoeKart / 360 Business Planner / brutkasten, Martin Pacher / Hannah Wundsam / tractive

Die heimische Startup-Szene steht am Ende eines weiteren Krisenjahrs. Das zeigt nicht nur unser jährlicher Rundruf bei bekannten Köpfen der Community deutlich. Die Finanzierungssituation bleibt – mit Ausnahme von KI und DefenseTech – schwierig: Die Investment-Statistik konnte nach einem verheerenden ersten Halbjahr auch in der zweiten Jahreshälfte nur wenig aufgebessert werden. Refurbed hat hier mit seiner 50-Millionen-Euro-Runde aus dem Oktober den Schnitt ein wenig angehoben.

Mehrere bekannte Startups mit durchaus umfangreichem Track-Record und Millioneninvestments in der Vergangenheit, mussten dieses Jahr Insolvenz anmelden. Bei einigen mitunter großen Scaleups, sogar bei refurbed, das später, wie oben erwähnt, für die größte Finanzierungsrunde des Jahres sorgte, gab es einen Stellenabbau bzw. Umstrukturierungsmaßnahmen. Richtig große Erfolgsmeldungen gab es dieses Jahr dagegen selten. Und in der Politik gab es zwar einige Ansagen – Stichwort: Dachfonds – aber kaum tatsächliche Maßnahmen.

Was ist in so einem Jahr vom Rück- und Ausblick von bekannten Gesichtern aus der Community zu erwarten? Nun, es wäre nicht die Startup-Szene, wenn sich berechtigte Unzufriedenheit und Kritik an der Politik nicht da und dort mit einer gehörigen Portion Optimismus vermengen würden. Es ist also durchaus ein Wechselbad der Gefühle, dass sich dieses Jahr zeigt.


Die Statements werden im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben:

Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann
Hansi Hansmann | (c) Studio KoeKart

Man kann meinen Text vom Vorjahr ident wiederverwenden, bloß 2024 durch 2025 und 2025 durch 2026 ersetzen (siehe hier). Die Gesamtlage in Europa ist mindestens so schlecht, wie sie in vielen Medien dargestellt wird – Stichwort: Abwärtsspirale. Und Österreich ist halt noch schlechter, als der europäische Durchschnitt. Das liegt in beiden Fällen an einer enormen Entscheidungsschwäche und einem Nichterkennen bzw. Nichtwahrhabenwollen von riesigen strukturellen Problemen.

Dazu kommt für Startups, dass VCs nur einen Bruchteil des Kapitals aufgenommen haben, wie in den Vorjahren. Das bedeutet: no money in den nächsten Jahren! Und die VCs stürzen sich alle auf AI und DefenseTech, weil nur dort durch die hohen Bewertungen, die durch FOMO entstanden sind, eine mathematische Chance besteht, dass sich die Fonds rechnen. Zumindest, was KI betrifft, würde ich ein böses Erwachen nicht ausschließen.

Um etwas Positives zu erwähnen: Gründen ist momentan leiwand, aber mit viel Bootstrappen und ganz schnell den Break-even anpeilen – jedenfalls die Möglichkeit dazu.

Hannah Wundsam, Managing Director Austrian Startups

Hannah Wundsam | (c) Hannah Wundsam

2025 war ein Jahr der Gegensätze. Auf der einen Seite eine enorm schnelle Entwicklung im KI-Bereich, die laufend neue Use Cases für Gründer:innen schafft. Europaweit sehen wir eine Rekordzahl an neuen Startup-Gründungen und immer mehr Belege dafür, dass aus Europa globale Tech-Champions entstehen können.

Gleichzeitig war 2025 für viele etablierte Startups in Österreich ein hartes Jahr. Insolvenzen namhafter Startups und eine insgesamt schwache Investmentlandschaft haben das deutlich gemacht. Umso wichtiger war es, dass der Dachfonds ins Regierungsprogramm aufgenommen wurde – LPs und VCs warten nun sehnsüchtig auf die Umsetzung. Daher auch mein klarer Appell an die Regierung: Schnelle Hilfe ist gute Hilfe. Jetzt heißt es liefern.

Auf europäischer Ebene war sich das Startup-Ökosystem selten so einig wie heute, wenn es darum geht, was es braucht, damit Europas Startups und Scaleups wachsen können: Harmonisierung durch eine einheitliche, digitale Rechtsform – die EU Inc. Das ist eine enorme Chance für Europa. Gelingt ihre Umsetzung, kann das den Glauben der Szene an Europa nachhaltig stärken. Wenn nicht, drohen ein massiver Backlash und ein Vertrauensverlust genau jener Menschen, die unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit in der Hand haben: der Gründer:innen.

2026 wird daher ein Schicksalsjahr für den europäischen Startup-Standort.

Sander van de Rijdt, Co-Founder & Co-CEO PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
Sander van de Rijdt | (c) brutkasten / Martin Pacher

Anfang des Jahres hatten wir viel Hoffnung, dass sich mit Mitte 2025 die Vorzeichen am Wirtschaftsstandort Österreich und insbesondere in der Bau- und Immobilienbranche als Hauptzielmarkt für PlanRadar wieder verbessern.

In der Bau- und Immobilienindustrie sehen wir seit September/Oktober einen leichten Aufwind, es kommen wieder mehr Projektfinanzierungen (aufgrund der veränderten Zinslage) zustande und es herrscht wieder positivere Stimmung und mehr Aktivität in der Branche, auch wenn die Markterholung deutlich langsamer verläuft, als wir es uns gewünscht hätten. Trotz der schwierigen Großwetterlage konnten wir unseren Umsatz wieder steigern und gleichzeitig positiv wirtschaften, was einen tollen Erfolg darstellt, auch wenn wir uns natürlich noch mehr erwartet hätten.

Für den Wirtschaftsstandort Österreich sieht es allerdings nicht so rosig aus. Von den groß angekündigten Effizienzmaßnahmen und Bürokratieabbau habe zumindest ich noch nichts wahrgenommen. Der heimische Produktionsstandort wird immer teurer und wettbewerbsfähig sind wir auch schon lange nicht mehr – siehe laufende Hiobsbotschaften zu frei gesetztem Personal, ins Ausland verlagerter Wertschöpfung und zahlreichen Standortschließungen.

Für 2026 wünsche ich mir, dass losgelöst von politischem Kalkül die auf dem Tisch liegenden Konzepte endlich umgesetzt werden. Ich befürchte allerdings, dass da der Wunsch Vater des Gedankens bleibt. Zumindest bei PlanRadar wollen wir unseren Beitrag auch 2026 leisten und den längst überfälligen Aufschwung in der Branche nutzen. Wir planen mit einem deutlichen Umsatz- und Gewinnwachstum, nicht nur an unseren internationalen Standorten sondern insbesondere auch wieder in Europa.

Christiane Holzinger, Business Angel und Gründerin

Christiane Holzinger | (c) 360 Business Planner

Schon 2024 war ein Jahr der Konsolidierung, der strategischen Weichenstellungen und klarer Botschaften. In einem zunehmend herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld habe ich mich bewusst auf Qualität statt Quantität konzentriert. Die anhaltende Unsicherheit am Markt hat meine Entscheidungen noch datengetriebener, strukturierter und – ja – auch selektiver gemacht. Themen wie Teamqualität, Leadership und finanzielle Resilienz haben dabei klar an Bedeutung gewonnen.

2025 hat sich diese Entwicklung nicht nur fortgesetzt, sondern deutlich verschärft. Gefühlt hat das Jahr für mich folgende Headline gehabt: „Krisen sind kein Charaktertest, sie sind ein Charakteroffenbarungseid.“ Es war ein Jahr, das mehr verlangt hat als jedes zuvor. Trouble-Shooting war nicht die Ausnahme, sondern der Alltag. Bridge-Runden, stockende Finanzierungen und strategische Neuausrichtungen im Portfolio haben gezeigt, wie dünn die Kapitaldecke vieler Startups tatsächlich ist und wie wenig Resilienz teilweise vorhanden ist. In dieser Phase wurden Unterschiede gnadenlos sichtbar: zwischen Gründer:innen, die Verantwortung übernehmen, und jenen, die sie delegieren wollen; zwischen Teams, die liefern, und solchen, die erklären.

Trotz – oder gerade wegen – dieser Achterbahnfahrt gab es auch Lichtblicke. Einige Gründer:innen haben mich positiv überrascht: durch Konsequenz, Lernfähigkeit und echte Führungsstärke. Andere wiederum haben klar gezeigt, warum frühes Kapital allein kein Geschäftsmodell ersetzt. In Summe war 2025 das bisher forderndste und persönlich anstrengendste Jahr meiner Tätigkeit als Business Angel und rückblickend auch jenes, das mir am wenigsten Freude bereitet hat.

Für 2026 bedeutet das nicht Rückzug, sondern Fokussierung. Frühphasen-Investments bleiben relevant, aber nur dort, wo Teams Substanz, Tempo und Realitätssinn mitbringen. Co-Investments mit erfahrenen Angels und institutionellen Partnern werden weiter an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt als Mittel zur Risikoteilung in einem weiterhin instabilen wirtschaftlichen Umfeld. Diversität in Gründerteams bleibt für mich kein „Nice-to-have“, sondern ein klarer Performancefaktor.

Gleichzeitig wird immer deutlicher: Ohne bessere politische und steuerliche Rahmenbedingungen verspielen wir als Standort enormes Potenzial. Startups und Investor:innen brauchen keine Sonntagsreden, sondern funktionierende Anreizsysteme, einfachere Kapitalzugänge und mehr unternehmerische Bildung. Investieren ist kein Elitenthema: Es ist ein zentraler Hebel für wirtschaftliche Entwicklung in Österreich und Europa.

Mein Fazit: 2024 war strategisch, 2025 war brutal ehrlich. 2026 wird selektiv, klar und konsequent. Nicht jedes Investment muss gemacht werden, aber jedes Investment muss Sinn machen.

Michael Hurnaus, Gründer und CEO Tractive

Tractive, Hauster Versicherung, Insurance, Pet Cover
Michael Hurnaus | (c) Tractive

2025 war für Tractive ein prägendes Jahr – mit unserer ersten Akquisition (Whistle) und erneut starkem Wachstum von über 30 Prozent. Auch wenn uns Trump mit seinen neuen Zöllen keinen Gefallen getan hat, konnten wir unsere Marktführerschaft weiter deutlich ausbauen – in den USA ebenso wie in Europa.

Die wirtschaftliche Lage bleibt herausfordernd, und auch wir würden wohl noch stärker wachsen, wenn sie besser wäre. Trotzdem sind wir dank eines gesunden Geschäftsmodells und klarer Fokussierung auf unsere Kernmärkte Europa und USA sowie dem expliziten Fokus auf Hunde und Katzen hervorragend aufgestellt. 2025 haben wir auch unser eigenes Versicherungsbusiness verkauft, um noch mehr Fokus auf unser wachsendes Kerngeschäft zu bekommen. Viele Startups mussten 2025 kämpfen, und es wird wohl noch etwas dauern, bis die Wirtschaft wieder richtig Schwung aufnimmt.

Unser Fokus liegt klar auf dem Thema Gesundheitstracking und frühzeitiger Krankheitserkennung, das ist unsere große Wette für die Zukunft. Ich freue mich auf 2026, auf eine Reihe neuer Produkte und spannende Chancen für organisches und anorganisches Wachstum. Persönlich war ich selten so optimistisch wie jetzt. Wer auf ein Jahr ohne Herausforderungen wartet, wird vermutlich enttäuscht werden – aber wir bei Tractive haben die Ärmel längst hochgekrempelt und sind bereit für 2026.

Petra Dobrocka, Gründerin und CCO byrd

Petra Dobrocka | (c) byrd

Diese Jahr lag bei byrd der Fokus voll auf Kundenzufriedenheit. Der Logistik- und E-Commerce Markt war 2025 sehr stark von Kostendruck betroffen, viele Händler haben Wege gesucht, ihre Logistik weiter zu optimieren. Deshalb war es unser Ziel, unseren Kunden mit bester operativer Qualität und maximaler Flexibilität zur Seite zu stehen.

Wir haben diverse neue Features gelaunched und neue Versandoptionen eingeführt, um die Optionalität für unsere Kunden zu erhöhen. Außerdem haben wir unseren Kundenservice auf ein neues Tooling-Setup umgestellt, und unsere internen Strukturen angepasst. Jeder Kunde hat nun eine/n Account Manager:in, was es uns ermöglicht, auch komplexe Anfragen sehr schnell zu lösen. Wir beenden das Jahr 2025 und unsere „Peak Season“ mit sehr guter operativer Performance und positivem Kundenfeedback, was uns sehr stolz macht.

Für 2026 erwarten wir ein sehr intensives Jahr mit sehr positiven Zeichen in Richtung Neukundengeschäft, jedoch mit weiter anhaltendem Kostenerhöhungen, die unsere Margen unter Druck setzen. Der Fokus auf Effizienz und volle Unterstützung unserer Kunden bleiben also auch weiterhin die Top-Prioritäten.

Werner Wutscher, Gründer und CEO New Venture Scouting

Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu

Das Jahr 2025 war so zäh wie erwartet. Die Inflation blieb hoch und die makroökonomischen Daten spiegeln die unsichere Sicherheitslager wider. Österreich ist seit drei Jahren in der Rezession und der Produktivitäts- und Wohlfahrtsverlust wird für viele spürbar – das ist auch in unserem Sektor merkbar.

Dennoch sind Dinge weitergegangen: In meinem Bereich habe viele Hochschulen, wie die Medizinuniversität Innsbruck, die Montanuniversität Leoben sowie die TU und WU Wien begonnen, ihre Innovationsökosysteme neu aufzustellen. Es macht viel Freude da mitzuarbeiten. Da entstehen gerade in neuen Strukturen spannenden Projekten – die Spinoffs und Hidden Champions von morgen. Politisch ist trotz vieler Prognosen die Welt nicht untergegangen und die Regierung hat sich bewegt.

Im neuen Jahr wird sich die makroökonomische Situation nicht ändern. Für Europa kommt die Trendwende sicher erst mit einer Lösung für den Konflikt in der Ukraine und diese Lösung wird nicht schnell erreicht. Dennoch schaue ich optimistisch auf das neue Jahr: Viele Unternehmen und Startups haben sich auf die neue Situation eingestellt: Kosten runter, Liquidität ist key. Auch die Investoren haben viele Bridge-Rounds hinter sich und es bleibt zu hoffen, dass ihnen nicht der finanzielle Atem ausgeht.

Ich denke, dass die Hochschulen weiter am universitären Innovationsökosystem bauen und wir langsam auch die Früchte sehen werden. 2026 werden sicher die ersten erfolgreichen Projekte auftauchen.

Aber Jahreswechsel sind ja immer Zeiten, wo man sich etwas wünschen darf:

  • Von den VCs wünsche ich mir, dass sie wieder mutiger werden und nicht jede Runde hinausschieben und immer später investieren und damit die Startups im Kreis schicken mit neuen Auflagen: Es gibt jetzt wirkliche viele spannende Projekte, die es wert sind, finanziert zu werden.
  • Den österreichischen VCs im Fundraising-Mode wünsche ich viel Glück und gute Argumente und Closings – vor allem bei internationalen Investoren.
  • Dem Dachfonds, dass er endlich Realität wird und seine Wirkung entfaltet.
  • Der österreichischen Bundesregierung wünsche ich mehr Mut!
  • Ich wünsche mir, dass die Debatte um die Budgetkonsolidierung dazu führt, dass wir die Fragmentierungen in unserem Ökosystem überwinden und stärker und intensiver zusammenarbeiten; dass Programme aufeinander aufbauen und gute qualitätsvolle Costumer Journeys für Gründer:innen da sind, die sich derzeit oft im Förder/Support-Dschungel verlaufen.

Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Startups und Spinnoffs die Basis für den Wohlstand von morgen liefern und damit liefern wir auch die positiven Stories, die wir in diesen Tagen dringend alle brauchen: 2026 wird ein gutes Jahr!

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures

Laura Raggl (c) Fabianklima.at

2025 war insgesamt ein durchwachsenes Jahr. Insbesondere im Softwarebereich wurde das Investieren schwieriger, da sich die Technologie – vor allem durch AI – extrem dynamisch entwickelt und viele Segmente stark kompetitiv geworden sind. Gleichzeitig sehen wir im AI-Bereich sehr hohe Bewertungen für herausragende Teams, was die Selektivität weiter erhöht hat. Grundsätzlich blieb die Deal-Aktivität im Pre-Seed- und Seed-Bereich jedoch auf hohem Niveau.

Ein neues und strategisch relevantes Feld hat sich 2025 im Defense-Bereich entwickelt. Defense hat sich als richtiges Venture-Capital-Segment etabliert, und wir haben mit ROI Ventures in diesem Jahr in drei Startups aus diesem Segment investiert. Wir sehen hier eine große Chance für Europa, technologisch unabhängiger von den USA zu werden und eigene Innovations- und Technologietreiber aufzubauen.

Mit Blick auf 2026 wird entscheidend sein, wie sich die Aktienmärkte – insbesondere die Performance der führenden Tech-Aktien – entwickeln. Diese werden maßgeblichen Einfluss auf Exit- und IPO-Möglichkeiten sowie auf die Verfügbarkeit von Wachstumskapital speziell in den späteren Phasen haben. Politisch steht 2026 vor allem die Umsetzung des angekündigten Dachfonds im Vordergrund, der für die weitere Entwicklung des österreichischen Startup-Ökosystems zentral ist.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKÖ

Kambis Kohansal Vajargah | (c) WKÖ

Das Jahr 2025 hat deutlich gemacht: Der Markt belohnt Substanz. Startups mit klarem Kundennutzen, belastbaren Geschäftsmodellen und konsequenter Umsetzung konnten sich durchsetzen. Kapital ist anspruchsvoller geworden – und damit auch die Qualität der Projekte. Parallel dazu wurden wichtige Weichen für den Standort gestellt. Die Bilanzierung eigens entwickelter Software stärkt innovationsgetriebene Unternehmen nachhaltig. Der neue Dachfonds schafft zusätzliches Kapital für Wachstum und signalisiert, dass Innovationspolitik auch finanzielle Schlagkraft braucht.

2026 muss dieses Momentum genutzt werden. KI wird zum Produktivitätsfaktor, nicht zum Marketingbegriff. Entscheidend wird sein, wie schnell wir Innovation in marktfähige Lösungen übersetzen. Dafür braucht es weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und den Mut, vom Reden ins Umsetzen zu kommen.

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Europa-Chef von Philip Morris Marco Hannappel bei der Präsentation zum EU Economic Footprint 2026. © Philip Morris / Footprint study 2026

Die Solvay Library in Brüssel hat etwas festlich Anmutendes. Der Raum wird von indirektem Tageslicht durchflutet, dezentes künstliches Licht sorgt für eine heimelige Stimmung. Vorne stehen drei Talkshow-Sessel, der mittlere ist stark ausgeleuchtet. Auf ihm wird später der Europa-Chef von Philip Morris International, Marco Hannappel, Platz nehmen. Der weltweit führende private Tabakproduzent veranstaltet ein Event, bei dem er neben seiner EU-Wertschöpfung auch seine Transformation weg von herkömmlichen Zigaretten hin zu einer selbsternannten „rauchfreien Zukunft“ bewirbt. Wobei „rauchfrei“ hier E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel inkludiert.

Gleich vorweg: Philip Morris präsentiert in knapp 60 Minuten und auf 52 Seiten seinen EU Economic Footprint 2026, wobei die Daten von EY-Parthenon verarbeitet wurden. Die Marke, die zum Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsnetzwerk EY gehört, schreibt im Disclaimer: „Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Daten von uns nicht unabhängig geprüft oder verifiziert wurden. Daher übernimmt EYP keine Gewähr oder Garantie für die Richtigkeit, Zuverlässigkeit oder Vollständigkeit der von PMI bereitgestellten Daten.“ Wenig überraschend fällt der Bericht sehr gut für den Tabakriesen aus. Philip Morris International liefere über 300 Milliarden Euro Gesamtbeitrag zur EU und sei für rund 0,4 Prozent des EU-BIP verantwortlich.

Alternative Produkte wie E-Zigaretten als „die bessere Wahl“

„Die Nachfrage nach den Nikotinprodukten ist da. Natürlich ist es immer am besten, gänzlich auf Tabak- und Nikotinprodukte zu verzichten. Für erwachsene Raucherinnen und Raucher, die andernfalls weiter rauchen würden, sind rauchfreie Alternativen die bessere Wahl als das Fortsetzen des Zigarettenkonsums“, erklärt Philip Morris Austria. Seine Antworten erhält brutkasten von der Presseabteilung.

Philip Morris versucht daher, eine Branche neu zu denken, und das nicht seit gestern, wie brutkasten berichtete. IQOS, Philip Morris’ eigene Marke für Tabakerhitzer, wurde vor über zehn Jahren in den Markt eingeführt. „Wenn es um innovative Produkte geht, dann ist IQOS unsere wichtigste Plattform. Wir entwickeln sie ständig weiter in Richtung höherer Leistung und geringerer Emissionen“, sagt Hannappel gegenüber brutkasten. Neu sind jedoch die Dimensionen, die Philip Morris erreicht. Im vierten Quartal dieses Jahres werden laut eigenen Angaben bereits 50 Prozent der Nettoumsätze in Europa mit alternativen Produkten erwirtschaftet.

Technologieunternehmen Philip Morris

Philip Morris möchte sich weg vom klassischen Tabakunternehmen und Zigarettenhersteller hin zu einem Technologieunternehmen entwickeln (brutkasten berichtete). So betreibt Philip Morris in Portugal ein Zentrum für generative KI, um globale Geschäftsabläufe zu unterstützen, wobei KI-Technologien eingesetzt würden, um die Entscheidungsfindung zu verbessern, Prozesse zu automatisieren und die Unternehmensleistung zu steigern. Für Philip Morris ein wichtiger Schritt, um die Transformation umsetzen zu können.

Im April dieses Jahres gab Philip Morris die Umgestaltung eines Werkes in Berlin-Neukölln bekannt. Anstatt Zigaretten zu produzieren, wird hier an Zukunftstechnologien wie KI oder Robotik gearbeitet.

Europa beschreibt Philip Morris International in seinem Bericht als globalen Hub für „Innovation, Produktion und Export“. Sein Zentrum für Innovationen betreibt Philip Morris International im schweizerischen Neuchâtel, wo Wissenschaftler und Ingenieure an den alternativen Produkten arbeiten. 2,2 Milliarden sollen hier zwischen 2021 und 2025 in die Forschung und Entwicklung investiert worden sein.

Philip Morris und Startups

Der Tabakriese setzt auch auf innovative Ideen von Startups. In dem Projekt „Be Leaf – Be The Future“ entwickeln sie Lösungen in den Bereichen der Agrartechnologie, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Ein Beispiel ist das bayerische Startup Bioplasmar, das eine biologisch abbaubare Alternative zu herkömmlichem Kunststoff herstellt.

Auch in der österreichischen Startup-Szene ist Philip Morris aktiv. Im Mai diesen Jahres erwarb das Unternehmen mit seiner Tochter Aspeya 5,7 Prozent von Waterdrop im Zuge einer Finanzierungsrunde von insgesamt über 100 Millionen Euro.

Zielgruppe: Keine neuen Raucher:innen

„Wenn du bei uns in Wien in die Boutique gehst und sagst ‚Ich hätte gern das Produkt‘, dann ist die erste Frage, die dir gestellt wird: ‚Bist du volljährig'“, erklärt Philip Morris Austria. Auch online will man entsprechende Altersüberprüfungen durchführen. In Österreich arbeitete Philip Morris daher an einem Pilotprojekt zur Altersschätzung per Gesichtserkennung. Auch hier soll KI unterstützen.

„Wenn du volljährig bist, wirst du beraten. Aber nur, wenn du die zweite Frage auch mit ‚Ja‘ beantwortest, und zwar: ‚Sind Sie Konsument von Nikotin- oder Tabakprodukten?'“, heißt es von Philip Morris Austria. Man wolle nicht die Firma sein, über die Menschen mit dem Rauchen beginnen.

Kurzum: Philip Morris präsentiert sich als Unternehmen, das verantwortungsvoll mit sensiblen Themen wie Nikotin umgeht.

Der offene Brief von Frankreich und Co.

Ein Grund dafür kann der wachsende politische Druck sein. Am 6. Oktober schrieben sieben EU-Staaten rund um Frankreich und Spanien einen offenen Brief an den EU-Kommissar für Gesundheit und Tierschutz, Olivér Várhelyi. Sie sehen Regulierungslücken in der Produkt- und Werberichtlinie der Tabakindustrie. Daher fordern sie einen Stopp, neue Produkte „mit Hilfe von aggressivem Marketing und unbegründeten Behauptungen über ein geringeres Risiko auf den europäischen Markt zu bringen, mit dem Ziel, (junge) EU-Bürger zum finanziellen Vorteil der Industrie abhängig zu machen.“ Außerdem fordern die EU-Staaten für alle Produkte ein Aromenverbot sowie ein vollständiges Verbot von Nikotinbeuteln.

Hannappel hat mittlerweile auf dem Podium Platz genommen, seine Präsentation ist vorbei und er beantwortet Fragen von Journalist:innen aus ganz Europa. Angesprochen auf ein Nikotinbeutel-Verbot in Ländern wie z. B. Frankreich antwortet er: „Meiner Ansicht nach sind Verbote nie eine gute Option, weil dann in einigen Fällen illegale Märkte entstehen und man die Möglichkeit verliert, die Konsumenten zu erreichen.“

Das Event stand zwar im Zeichen des Economic Footprint, zeigt aber auch eine Firma, die versucht, sich an eine veränderte Welt anzupassen. Die Marschrichtung hin zu alternativen Produkten will man weiter verfolgen. Hannappel meint, ein solches Event jedes Jahr machen zu wollen, um ein besseres Verständnis in Europa zu erzeugen. Jedenfalls wird Philip Morris gespannt nach Brüssel blicken. Denn die nächste richtungsweisende Entscheidung der EU-Kommission bezüglich der geplanten Überarbeitung des Rechtsrahmens soll noch bis Ende 2026 fallen.


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten wurden von Philip Morris Austria übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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