29.12.2025
JAHRESWECHSEL

Rück- und Ausblick 2025/2026: „Ein Jahr, das mehr verlangt hat, als jedes zuvor“

Einige der bekanntesten Gesichter der heimischen Startup- und Innovations-Szene gaben uns ein Statement zum Jahreswechsel.
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vlonru: Petra Dobrocka, Hansi Hansmann, Christiane Holzinger, Sander van de Rijdt, Hannah Wundsam, Michael Hurnaus | (c) byrd / Studio KoeKart / 360 Business Planner / brutkasten, Martin Pacher / Hannah Wundsam / tractive
vlonru: Petra Dobrocka, Hansi Hansmann, Christiane Holzinger, Sander van de Rijdt, Hannah Wundsam, Michael Hurnaus | (c) byrd / Studio KoeKart / 360 Business Planner / brutkasten, Martin Pacher / Hannah Wundsam / tractive

Die heimische Startup-Szene steht am Ende eines weiteren Krisenjahrs. Das zeigt nicht nur unser jährlicher Rundruf bei bekannten Köpfen der Community deutlich. Die Finanzierungssituation bleibt – mit Ausnahme von KI und DefenseTech – schwierig: Die Investment-Statistik konnte nach einem verheerenden ersten Halbjahr auch in der zweiten Jahreshälfte nur wenig aufgebessert werden. Refurbed hat hier mit seiner 50-Millionen-Euro-Runde aus dem Oktober den Schnitt ein wenig angehoben.

Mehrere bekannte Startups mit durchaus umfangreichem Track-Record und Millioneninvestments in der Vergangenheit, mussten dieses Jahr Insolvenz anmelden. Bei einigen mitunter großen Scaleups, sogar bei refurbed, das später, wie oben erwähnt, für die größte Finanzierungsrunde des Jahres sorgte, gab es einen Stellenabbau bzw. Umstrukturierungsmaßnahmen. Richtig große Erfolgsmeldungen gab es dieses Jahr dagegen selten. Und in der Politik gab es zwar einige Ansagen – Stichwort: Dachfonds – aber kaum tatsächliche Maßnahmen.

Was ist in so einem Jahr vom Rück- und Ausblick von bekannten Gesichtern aus der Community zu erwarten? Nun, es wäre nicht die Startup-Szene, wenn sich berechtigte Unzufriedenheit und Kritik an der Politik nicht da und dort mit einer gehörigen Portion Optimismus vermengen würden. Es ist also durchaus ein Wechselbad der Gefühle, dass sich dieses Jahr zeigt.


Die Statements werden im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben:

Hansi Hansmann, Business Angel

Hansi Hansmann
Hansi Hansmann | (c) Studio KoeKart

Man kann meinen Text vom Vorjahr ident wiederverwenden, bloß 2024 durch 2025 und 2025 durch 2026 ersetzen (siehe hier). Die Gesamtlage in Europa ist mindestens so schlecht, wie sie in vielen Medien dargestellt wird – Stichwort: Abwärtsspirale. Und Österreich ist halt noch schlechter, als der europäische Durchschnitt. Das liegt in beiden Fällen an einer enormen Entscheidungsschwäche und einem Nichterkennen bzw. Nichtwahrhabenwollen von riesigen strukturellen Problemen.

Dazu kommt für Startups, dass VCs nur einen Bruchteil des Kapitals aufgenommen haben, wie in den Vorjahren. Das bedeutet: no money in den nächsten Jahren! Und die VCs stürzen sich alle auf AI und DefenseTech, weil nur dort durch die hohen Bewertungen, die durch FOMO entstanden sind, eine mathematische Chance besteht, dass sich die Fonds rechnen. Zumindest, was KI betrifft, würde ich ein böses Erwachen nicht ausschließen.

Um etwas Positives zu erwähnen: Gründen ist momentan leiwand, aber mit viel Bootstrappen und ganz schnell den Break-even anpeilen – jedenfalls die Möglichkeit dazu.

Hannah Wundsam, Managing Director Austrian Startups

Hannah Wundsam | (c) Hannah Wundsam

2025 war ein Jahr der Gegensätze. Auf der einen Seite eine enorm schnelle Entwicklung im KI-Bereich, die laufend neue Use Cases für Gründer:innen schafft. Europaweit sehen wir eine Rekordzahl an neuen Startup-Gründungen und immer mehr Belege dafür, dass aus Europa globale Tech-Champions entstehen können.

Gleichzeitig war 2025 für viele etablierte Startups in Österreich ein hartes Jahr. Insolvenzen namhafter Startups und eine insgesamt schwache Investmentlandschaft haben das deutlich gemacht. Umso wichtiger war es, dass der Dachfonds ins Regierungsprogramm aufgenommen wurde – LPs und VCs warten nun sehnsüchtig auf die Umsetzung. Daher auch mein klarer Appell an die Regierung: Schnelle Hilfe ist gute Hilfe. Jetzt heißt es liefern.

Auf europäischer Ebene war sich das Startup-Ökosystem selten so einig wie heute, wenn es darum geht, was es braucht, damit Europas Startups und Scaleups wachsen können: Harmonisierung durch eine einheitliche, digitale Rechtsform – die EU Inc. Das ist eine enorme Chance für Europa. Gelingt ihre Umsetzung, kann das den Glauben der Szene an Europa nachhaltig stärken. Wenn nicht, drohen ein massiver Backlash und ein Vertrauensverlust genau jener Menschen, die unsere zukünftige Wettbewerbsfähigkeit in der Hand haben: der Gründer:innen.

2026 wird daher ein Schicksalsjahr für den europäischen Startup-Standort.

Sander van de Rijdt, Co-Founder & Co-CEO PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
Sander van de Rijdt | (c) brutkasten / Martin Pacher

Anfang des Jahres hatten wir viel Hoffnung, dass sich mit Mitte 2025 die Vorzeichen am Wirtschaftsstandort Österreich und insbesondere in der Bau- und Immobilienbranche als Hauptzielmarkt für PlanRadar wieder verbessern.

In der Bau- und Immobilienindustrie sehen wir seit September/Oktober einen leichten Aufwind, es kommen wieder mehr Projektfinanzierungen (aufgrund der veränderten Zinslage) zustande und es herrscht wieder positivere Stimmung und mehr Aktivität in der Branche, auch wenn die Markterholung deutlich langsamer verläuft, als wir es uns gewünscht hätten. Trotz der schwierigen Großwetterlage konnten wir unseren Umsatz wieder steigern und gleichzeitig positiv wirtschaften, was einen tollen Erfolg darstellt, auch wenn wir uns natürlich noch mehr erwartet hätten.

Für den Wirtschaftsstandort Österreich sieht es allerdings nicht so rosig aus. Von den groß angekündigten Effizienzmaßnahmen und Bürokratieabbau habe zumindest ich noch nichts wahrgenommen. Der heimische Produktionsstandort wird immer teurer und wettbewerbsfähig sind wir auch schon lange nicht mehr – siehe laufende Hiobsbotschaften zu frei gesetztem Personal, ins Ausland verlagerter Wertschöpfung und zahlreichen Standortschließungen.

Für 2026 wünsche ich mir, dass losgelöst von politischem Kalkül die auf dem Tisch liegenden Konzepte endlich umgesetzt werden. Ich befürchte allerdings, dass da der Wunsch Vater des Gedankens bleibt. Zumindest bei PlanRadar wollen wir unseren Beitrag auch 2026 leisten und den längst überfälligen Aufschwung in der Branche nutzen. Wir planen mit einem deutlichen Umsatz- und Gewinnwachstum, nicht nur an unseren internationalen Standorten sondern insbesondere auch wieder in Europa.

Christiane Holzinger, Business Angel und Gründerin

Christiane Holzinger | (c) 360 Business Planner

Schon 2024 war ein Jahr der Konsolidierung, der strategischen Weichenstellungen und klarer Botschaften. In einem zunehmend herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld habe ich mich bewusst auf Qualität statt Quantität konzentriert. Die anhaltende Unsicherheit am Markt hat meine Entscheidungen noch datengetriebener, strukturierter und – ja – auch selektiver gemacht. Themen wie Teamqualität, Leadership und finanzielle Resilienz haben dabei klar an Bedeutung gewonnen.

2025 hat sich diese Entwicklung nicht nur fortgesetzt, sondern deutlich verschärft. Gefühlt hat das Jahr für mich folgende Headline gehabt: „Krisen sind kein Charaktertest, sie sind ein Charakteroffenbarungseid.“ Es war ein Jahr, das mehr verlangt hat als jedes zuvor. Trouble-Shooting war nicht die Ausnahme, sondern der Alltag. Bridge-Runden, stockende Finanzierungen und strategische Neuausrichtungen im Portfolio haben gezeigt, wie dünn die Kapitaldecke vieler Startups tatsächlich ist und wie wenig Resilienz teilweise vorhanden ist. In dieser Phase wurden Unterschiede gnadenlos sichtbar: zwischen Gründer:innen, die Verantwortung übernehmen, und jenen, die sie delegieren wollen; zwischen Teams, die liefern, und solchen, die erklären.

Trotz – oder gerade wegen – dieser Achterbahnfahrt gab es auch Lichtblicke. Einige Gründer:innen haben mich positiv überrascht: durch Konsequenz, Lernfähigkeit und echte Führungsstärke. Andere wiederum haben klar gezeigt, warum frühes Kapital allein kein Geschäftsmodell ersetzt. In Summe war 2025 das bisher forderndste und persönlich anstrengendste Jahr meiner Tätigkeit als Business Angel und rückblickend auch jenes, das mir am wenigsten Freude bereitet hat.

Für 2026 bedeutet das nicht Rückzug, sondern Fokussierung. Frühphasen-Investments bleiben relevant, aber nur dort, wo Teams Substanz, Tempo und Realitätssinn mitbringen. Co-Investments mit erfahrenen Angels und institutionellen Partnern werden weiter an Bedeutung gewinnen, nicht zuletzt als Mittel zur Risikoteilung in einem weiterhin instabilen wirtschaftlichen Umfeld. Diversität in Gründerteams bleibt für mich kein „Nice-to-have“, sondern ein klarer Performancefaktor.

Gleichzeitig wird immer deutlicher: Ohne bessere politische und steuerliche Rahmenbedingungen verspielen wir als Standort enormes Potenzial. Startups und Investor:innen brauchen keine Sonntagsreden, sondern funktionierende Anreizsysteme, einfachere Kapitalzugänge und mehr unternehmerische Bildung. Investieren ist kein Elitenthema: Es ist ein zentraler Hebel für wirtschaftliche Entwicklung in Österreich und Europa.

Mein Fazit: 2024 war strategisch, 2025 war brutal ehrlich. 2026 wird selektiv, klar und konsequent. Nicht jedes Investment muss gemacht werden, aber jedes Investment muss Sinn machen.

Michael Hurnaus, Gründer und CEO Tractive

Tractive, Hauster Versicherung, Insurance, Pet Cover
Michael Hurnaus | (c) Tractive

2025 war für Tractive ein prägendes Jahr – mit unserer ersten Akquisition (Whistle) und erneut starkem Wachstum von über 30 Prozent. Auch wenn uns Trump mit seinen neuen Zöllen keinen Gefallen getan hat, konnten wir unsere Marktführerschaft weiter deutlich ausbauen – in den USA ebenso wie in Europa.

Die wirtschaftliche Lage bleibt herausfordernd, und auch wir würden wohl noch stärker wachsen, wenn sie besser wäre. Trotzdem sind wir dank eines gesunden Geschäftsmodells und klarer Fokussierung auf unsere Kernmärkte Europa und USA sowie dem expliziten Fokus auf Hunde und Katzen hervorragend aufgestellt. 2025 haben wir auch unser eigenes Versicherungsbusiness verkauft, um noch mehr Fokus auf unser wachsendes Kerngeschäft zu bekommen. Viele Startups mussten 2025 kämpfen, und es wird wohl noch etwas dauern, bis die Wirtschaft wieder richtig Schwung aufnimmt.

Unser Fokus liegt klar auf dem Thema Gesundheitstracking und frühzeitiger Krankheitserkennung, das ist unsere große Wette für die Zukunft. Ich freue mich auf 2026, auf eine Reihe neuer Produkte und spannende Chancen für organisches und anorganisches Wachstum. Persönlich war ich selten so optimistisch wie jetzt. Wer auf ein Jahr ohne Herausforderungen wartet, wird vermutlich enttäuscht werden – aber wir bei Tractive haben die Ärmel längst hochgekrempelt und sind bereit für 2026.

Petra Dobrocka, Gründerin und CCO byrd

Petra Dobrocka | (c) byrd

Diese Jahr lag bei byrd der Fokus voll auf Kundenzufriedenheit. Der Logistik- und E-Commerce Markt war 2025 sehr stark von Kostendruck betroffen, viele Händler haben Wege gesucht, ihre Logistik weiter zu optimieren. Deshalb war es unser Ziel, unseren Kunden mit bester operativer Qualität und maximaler Flexibilität zur Seite zu stehen.

Wir haben diverse neue Features gelaunched und neue Versandoptionen eingeführt, um die Optionalität für unsere Kunden zu erhöhen. Außerdem haben wir unseren Kundenservice auf ein neues Tooling-Setup umgestellt, und unsere internen Strukturen angepasst. Jeder Kunde hat nun eine/n Account Manager:in, was es uns ermöglicht, auch komplexe Anfragen sehr schnell zu lösen. Wir beenden das Jahr 2025 und unsere „Peak Season“ mit sehr guter operativer Performance und positivem Kundenfeedback, was uns sehr stolz macht.

Für 2026 erwarten wir ein sehr intensives Jahr mit sehr positiven Zeichen in Richtung Neukundengeschäft, jedoch mit weiter anhaltendem Kostenerhöhungen, die unsere Margen unter Druck setzen. Der Fokus auf Effizienz und volle Unterstützung unserer Kunden bleiben also auch weiterhin die Top-Prioritäten.

Werner Wutscher, Gründer und CEO New Venture Scouting

Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu

Das Jahr 2025 war so zäh wie erwartet. Die Inflation blieb hoch und die makroökonomischen Daten spiegeln die unsichere Sicherheitslager wider. Österreich ist seit drei Jahren in der Rezession und der Produktivitäts- und Wohlfahrtsverlust wird für viele spürbar – das ist auch in unserem Sektor merkbar.

Dennoch sind Dinge weitergegangen: In meinem Bereich habe viele Hochschulen, wie die Medizinuniversität Innsbruck, die Montanuniversität Leoben sowie die TU und WU Wien begonnen, ihre Innovationsökosysteme neu aufzustellen. Es macht viel Freude da mitzuarbeiten. Da entstehen gerade in neuen Strukturen spannenden Projekten – die Spinoffs und Hidden Champions von morgen. Politisch ist trotz vieler Prognosen die Welt nicht untergegangen und die Regierung hat sich bewegt.

Im neuen Jahr wird sich die makroökonomische Situation nicht ändern. Für Europa kommt die Trendwende sicher erst mit einer Lösung für den Konflikt in der Ukraine und diese Lösung wird nicht schnell erreicht. Dennoch schaue ich optimistisch auf das neue Jahr: Viele Unternehmen und Startups haben sich auf die neue Situation eingestellt: Kosten runter, Liquidität ist key. Auch die Investoren haben viele Bridge-Rounds hinter sich und es bleibt zu hoffen, dass ihnen nicht der finanzielle Atem ausgeht.

Ich denke, dass die Hochschulen weiter am universitären Innovationsökosystem bauen und wir langsam auch die Früchte sehen werden. 2026 werden sicher die ersten erfolgreichen Projekte auftauchen.

Aber Jahreswechsel sind ja immer Zeiten, wo man sich etwas wünschen darf:

  • Von den VCs wünsche ich mir, dass sie wieder mutiger werden und nicht jede Runde hinausschieben und immer später investieren und damit die Startups im Kreis schicken mit neuen Auflagen: Es gibt jetzt wirkliche viele spannende Projekte, die es wert sind, finanziert zu werden.
  • Den österreichischen VCs im Fundraising-Mode wünsche ich viel Glück und gute Argumente und Closings – vor allem bei internationalen Investoren.
  • Dem Dachfonds, dass er endlich Realität wird und seine Wirkung entfaltet.
  • Der österreichischen Bundesregierung wünsche ich mehr Mut!
  • Ich wünsche mir, dass die Debatte um die Budgetkonsolidierung dazu führt, dass wir die Fragmentierungen in unserem Ökosystem überwinden und stärker und intensiver zusammenarbeiten; dass Programme aufeinander aufbauen und gute qualitätsvolle Costumer Journeys für Gründer:innen da sind, die sich derzeit oft im Förder/Support-Dschungel verlaufen.

Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Startups und Spinnoffs die Basis für den Wohlstand von morgen liefern und damit liefern wir auch die positiven Stories, die wir in diesen Tagen dringend alle brauchen: 2026 wird ein gutes Jahr!

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures

Laura Raggl (c) Fabianklima.at

2025 war insgesamt ein durchwachsenes Jahr. Insbesondere im Softwarebereich wurde das Investieren schwieriger, da sich die Technologie – vor allem durch AI – extrem dynamisch entwickelt und viele Segmente stark kompetitiv geworden sind. Gleichzeitig sehen wir im AI-Bereich sehr hohe Bewertungen für herausragende Teams, was die Selektivität weiter erhöht hat. Grundsätzlich blieb die Deal-Aktivität im Pre-Seed- und Seed-Bereich jedoch auf hohem Niveau.

Ein neues und strategisch relevantes Feld hat sich 2025 im Defense-Bereich entwickelt. Defense hat sich als richtiges Venture-Capital-Segment etabliert, und wir haben mit ROI Ventures in diesem Jahr in drei Startups aus diesem Segment investiert. Wir sehen hier eine große Chance für Europa, technologisch unabhängiger von den USA zu werden und eigene Innovations- und Technologietreiber aufzubauen.

Mit Blick auf 2026 wird entscheidend sein, wie sich die Aktienmärkte – insbesondere die Performance der führenden Tech-Aktien – entwickeln. Diese werden maßgeblichen Einfluss auf Exit- und IPO-Möglichkeiten sowie auf die Verfügbarkeit von Wachstumskapital speziell in den späteren Phasen haben. Politisch steht 2026 vor allem die Umsetzung des angekündigten Dachfonds im Vordergrund, der für die weitere Entwicklung des österreichischen Startup-Ökosystems zentral ist.

Kambis Kohansal Vajargah, Head of Startup-Services WKÖ

Kambis Kohansal Vajargah | (c) WKÖ

Das Jahr 2025 hat deutlich gemacht: Der Markt belohnt Substanz. Startups mit klarem Kundennutzen, belastbaren Geschäftsmodellen und konsequenter Umsetzung konnten sich durchsetzen. Kapital ist anspruchsvoller geworden – und damit auch die Qualität der Projekte. Parallel dazu wurden wichtige Weichen für den Standort gestellt. Die Bilanzierung eigens entwickelter Software stärkt innovationsgetriebene Unternehmen nachhaltig. Der neue Dachfonds schafft zusätzliches Kapital für Wachstum und signalisiert, dass Innovationspolitik auch finanzielle Schlagkraft braucht.

2026 muss dieses Momentum genutzt werden. KI wird zum Produktivitätsfaktor, nicht zum Marketingbegriff. Entscheidend wird sein, wie schnell wir Innovation in marktfähige Lösungen übersetzen. Dafür braucht es weniger Bürokratie, schnellere Verfahren und den Mut, vom Reden ins Umsetzen zu kommen.

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Hannah Wundsam, Geschäftsführerin von AustrianStartups © Philipp Huber / EFA

Seit 1945 treffen sich im Tiroler Bergdorf Alpbach, auf rund 1.000 Metern, Sommer für Sommer Vordenker:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um über Europas Zukunft zu diskutieren. Heuer steht das European Forum Alpbach unter dem Motto „How Europe Wins“. Es geht um Wettbewerbsfähigkeit, Souveränität und die Frage, wie Europa im globalen Wettlauf bestehen kann.

Welche Rolle Startups in dieser Debatte einnehmen und inwiefern sie als Hebel für Europas Siegeszug dienen können, hat brutkasten mit Hannah Wundsam auf der Terrasse des Congress Centrums besprochen.


brutkasten: „How Europe Wins“ lautet das Leitmotiv des diesjährigen European Forum Alpbach. Welche Bedeutung kommt Startups in diesem Diskurs zu, und woran liegt es, dass bei einer so zentralen Zukunftsfrage die Gründer:innenszene vergleichsweise wenig vertreten ist?

Hannah Wundsam: Das ist eine gute Frage. Denn wenn der Titel „How Europe Wins“ lautet, können wir nicht nur darüber sprechen, wie wir das verteidigen, was wir bisher haben, und wie wir die bestehende Industrie und Wirtschaft schützen – sondern auch darüber, wie wir Neues schaffen und über die nächsten Jahre hinweg wettbewerbsfähig bleiben. Dafür braucht es das Zusammenspiel von bestehender Industrie, Politik beziehungsweise der öffentlichen Hand und vor allem dem Startup-Sektor. Dort liegen die Wurzeln des zukünftigen Wachstums.

Ich glaube aber, dass wir in Österreich immer noch sehr in Schubladen denken: Es gibt die Events für Startups und die neue Generation – und dann das European Forum Alpbach hier in den österreichischen Bergen, wo man das Gefühl hat, hier gehe es vor allem darum, die bestehende Industrie zu stärken und zu vernetzen. Dementsprechend sehen auch viele Gründer:innen das Event nicht als relevant für sich, weil sie sich nicht angesprochen fühlen.

Ich versuche aber immer, Gründer:innen zu motivieren, herzukommen, weil ich es für eine gute Möglichkeit halte, sich mit CEOs und Politiker:innen zu vernetzen: einerseits, um sich bei politischen Entscheidungsträger:innen Gehör zu verschaffen, deshalb sind auch wir immer hier, und andererseits, um Entscheidungspersonen aus großen und öffentlichen Unternehmen kennenzulernen, mit denen man dann zusammenarbeiten kann.

Welchen Platz kann ein vergleichsweise kleines Land wie Österreich in der europäischen Startup-Frage einnehmen?

Unsere Rolle ist gar nicht so klein, wenn man, das habe ich jetzt auch in der EU-Inc-Debatte gemerkt, die Vorbildwirkung Österreichs gegenüber den osteuropäischen Ländern nicht vergisst. Da ist oft die Haltung: Schauen wir mal, was Österreich macht, so wie wir uns anschauen, was die Deutschen machen. Ich glaube also tatsächlich, dass wir mit unseren Entscheidungen nicht ganz allein dastehen, sondern auch eine Auswirkung haben.

Österreich als eine Art Gateway vom Osten in den Westen ist etwas, das durch die EU Inc. theoretisch noch gestärkt werden könnte, aber ohnehin schon besteht. Insofern hat Österreich da eine Rolle. Und wir werden nach wie vor ein bisschen als neutraler Boden gesehen, der durchaus mit allen reden kann.

Welche Bedingungen bräuchte es, damit Startups in der „How Europe Wins“-Debatte mehr Gewichtung bekommen?

Ein Thema ist nach wie vor, dass österreichische Unternehmen im Vergleich zu anderen Ländern relativ wenig mit Startups zusammenarbeiten, das gilt auch für die österreichische Industrie. Selbst auf Ebene der Interessenvertretungen merke ich die Sorge, dass kein Geld mehr für die bestehende Industrie da ist, wenn die EU zu stark auf Startups fokussiert. Anstatt daran zu arbeiten, welche Möglichkeiten es gibt, damit Unternehmen und die öffentliche Hand tatsächlich zu Erstkund:innen von Startups werden. Viele Startups sagen mir, dass sie in Österreich gar nicht erst nach Kund:innen suchen.

Unternehmen müssten generell offener sein, ebenso die öffentliche Hand, und verstehen, dass sie mit Startups zusammenarbeiten müssen, wenn sie nachhaltig innovieren und wettbewerbsfähig sein wollen. Tatsächlich sagen viele Startups, dass sie eher im amerikanischen Markt nach Kund:innen suchen, weil man dort offener ist, mit ihnen zusammenzuarbeiten, während man in Europa gleich fragt, ob man mit sämtlichen Richtlinien konform ist.

Auf europäischer politischer Ebene gibt es inzwischen ein viel größeres Verständnis dafür, dass Startups einer der Schlüsselfaktoren für unseren Standort und unsere Wettbewerbsfähigkeit sind, spätestens seit dem Draghi-Report. Das ist aber noch nicht in allen Mitgliedsländern angekommen. Am European Forum Alpbach etwa sind ganz viele Events, vor allem die Side-Events, auf Deutsch. Dabei sind gerade die für viele der eigentliche Grund, warum sie kommen. Das ist schwierig, wenn man die europäische Startup-Szene auch tatsächlich vor Ort haben möchte.

Wie sieht für dich als Geschäftsführerin von AustrianStartups ein Europa aus, das gewonnen hat?

Ich glaube, wir müssen es schaffen, eine starke Basis an Gründer:innen zu haben, und dafür braucht es mehrere Dinge. Es braucht eine Kultur quer durch Europa, in der Unternehmertum ein besseres Bild hat, in der Unternehmer:innen nicht als böse Kapitalist:innen gesehen werden, sondern als Zukunftsgestalter:innen, als Personen, die Wohlstand und Arbeitsplätze schaffen, die spannend sind und Vorbilder für Schulkinder.

Damit sind wir beim zweiten Thema: Ein Kulturwandel braucht einen Wandel in der Bildung, Unternehmertum muss Teil der Bildung werden und zwar nicht nur an Schulen in Österreich, sondern quer durch Europa. Es gibt Konzepte dafür, aber eben nicht in der Breite.

Und im Endeffekt braucht es die Rahmenbedingungen, die es für Gründer:innen attraktiv machen, hier nicht nur zu starten, sondern auch zu skalieren und zu bleiben. Dafür braucht es Kapital und dafür wiederum unterschiedliche Vehikel, um mehr Kapital nach Europa zu holen beziehungsweise das Kapital, das hier bereits vorhanden ist, zu aktivieren.

Der Dachfonds ist eine super Initiative, die jetzt schnell auf die Beine gestellt werden muss. Aber dabei kann es nicht bleiben, wir müssen größer denken: Es braucht einen Dachfonds 2, 3, 4, die noch einmal um einiges größer sind als die 500 Millionen Euro, und es braucht Wachstumskapital. Dafür wird es die bestehende Industrie, die öffentliche Hand und Investor:innen aus dem Ausland brauchen.

Wir müssen vorsichtig sein, nicht zu sehr ins Abschottungsdenken zu verfallen, denn darauf sind weder Österreich noch Europa ausgerichtet. Wir sind auf Basis einer florierenden und freien Marktwirtschaft gebaut worden. Wir brauchen Souveränität und Leverage aber das muss auch im Rahmen globaler Zusammenarbeit passieren.

Du sprichst von den Bedingungen: Wie beeinflussen die aktuellen Entwicklungen rund um die EU Inc. deiner Meinung nach die Zukunft europäischer Startups?

Die EU Inc. hat wirklich einen basisdemokratischen Impact gehabt: Extrem viele Personen aus der Startup-Szene haben sich in einen politischen, europäischen Prozess eingebracht, sich damit beschäftigt und ihre Stimme genutzt – und es geschafft, dass das Thema nicht nur auf europäischer Ebene besprochen wird, sondern tatsächlich in die Umsetzung kommt. Es gibt inzwischen einen Kommissionsvorschlag, der zwar nicht genau dem entspricht, was wir wollten, der aber zumindest die Möglichkeit geschaffen hat, hier einen europäischen Standard zu setzen.

Was ich im Prozess durchaus als gefährlich sehe: Die Mitgliedstaaten sagen zwar, dass sie eine starke Europäische Union wollen, setzen aber, sobald es konkrete Vorschläge gibt, alles daran, diese wieder zu entkräften. Österreich hat bislang zwar vom Wirtschaftsministerium und vom Kanzler die Zusage, dass die EU Inc. gewollt ist, das Justizministerium ist aber sehr kritisch. Und es gibt sehr viele Einzelpersonen und Interessenvertretungen, die stark dagegen arbeiten, etwa die Notariatskammer, die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer, die kein Interesse an einer starken EU Inc. haben. Das ist nicht nur in Österreich ein Thema, aber Österreich hat, wie schon gesagt, eine Vorbildfunktion: Wenn Österreich sich in den Verhandlungen hinstellt und die Vorschläge grundsätzlich infrage stellt, sehen das viele Länder, die historisch zu Österreich aufschauen, und werden ebenfalls kritischer. Das haben wir in den Verhandlungen auf Ratsebene durchaus schon erlebt.

Ich hoffe, den Politiker:innen ist wirklich bewusst, was es bedeuten würde, wenn die EU Inc. scheitert, also wenn am Ende nur ein sehr schwacher Kompromiss herauskommt. Die europäische Startup-Szene würde das als Backlash empfinden und sich denken: Wenn nicht einmal das möglich ist, sehen wir in Europa keine Zukunft. Das halte ich für wirklich gefährlich.

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