17.10.2025
INTERVIEW

Maschmeyer zur SF Tech Week: „Klarer Tenor: AI or bye bye“

Interview. In Kalifornien läuft aktuell die von a16z präsentierte Tech Week. Mit dabei ist mit Carsten Maschmeyer einer der bekanntesten Investoren Deutschlands. Im brutkasten-Gespräch schildert er seine Eindrücke direkt aus San Francisco.
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Carsten Maschmeyer in San Francisco, im Hintergrund ist die Golden Gate Bridge zu sehen
Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

Die von der Venture-Capital-Gesellschaft a16z präsentierte San Francisco Tech Week gilt als wichtiger Austauschplatz für neue Trend im Tech-Bereich. Am vergangenen Sonntag ist die Ausgabe in der Bay Area zu Ende gegangen – nahtlos gefolgt von der diese Woche laufenden LA Tech Week. Vor Ort mit dabei ist mit Carsten Maschmeyer auch einer der bekanntesten Investoren Deutschlands. Einer breiten Öffentlichkeit ist er als Investor vor allem aufgrund seiner Rolle in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt.

Maschmeyer investiert über drei Investment-Vehikel in Startups: Mit seinem in Berlin angesiedelten Venture-Capital-Fonds seed + speed hat er frühphasige Startups im Blick. In Later-Stage-Startups investiert er über seine Münchner Firma Alstin Capital. Dazu kommt noch die auf den US-Markt spezialisierte Investmentfirma Maschmeyer Group Ventures (MGV).

In Österreich ist Maschmeyer unter anderem bei Prewave, TeamEcho oder Optimuse beteiligt. brutkasten stand der Investor direkt aus San Francisco für ein Interview zu seinen Eindrücken von der Tech Week zur Verfügung.

Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

brutkasten: Du bist aktuell bei der Tech Week San Francisco vor Ort. Was sind deine ersten Eindrücke?

Carsten Maschmeyer: Ich erlebe hier einen sehr klaren Tenor: AI or Bye‑bye. Künstliche Intelligenz ist nicht mehr Zusatz, sondern Fundament. Was heißt das konkret? Ich könnte Dutzende Beispiele nennen. In der Rechtsbranche etwa erledigten früher drei Anwälte über Tage Vertragsarbeit; heute erstellen Modelle in Sekunden auf Basis juristischer Standardwerke einen nahezu fertigen Entwurf.

Auch Konsumplattformen werden neu gedacht. Spotify analysiert nicht mehr nur „Kunden, die X hörten, mögen Y“, sondern versteht mein tatsächliches Hörverhalten über die Zeit. Zillow, die größte Immobilienplattform in den USA, ist mit GPT verknüpft: Ich kann in natürlicher Sprache sagen, ich will nicht weiter als zwei Meilen von der Schule weg sein, Bäckerei in der Nähe, Nachbarschaft mit vielen Kindern oder ausdrücklich ohne – und bekomme maßgeschneiderte Vorschläge. Gleiches bei Reisen: „Breiter Strand, wenig Verkehr, Palmen“ und ganze Regionen fallen automatisch heraus.

Dazu kommt ein strategischer Shift: aus SEO wird GEO – Generative Engine Optimization. Früher optimierten Firmen für die Google‑Suche; heute optimieren sie dafür, in großen Sprachmodellen überhaupt aufzutauchen. Überraschend ist, dass selbst hier in der zukunftsverliebten Bay Area eine Sorge mitschwingt: KI könnte Jobs kosten. Natürlich hoffen viele, dass neue entstehen. Einig ist man sich aber: Wer nicht sehr schnell gut mit KI umgehen lernt, riskiert seinen Arbeitsplatz.

Rund um KI herrscht ein enormer Hype. Viele fürchten aktuell auch eine Spekulationsblase – gerade in Hinblick auf die Börsenbewertungen von Unternehmen wie Nvidia. Wie beurteilst du das?

Es gibt ein Paradox. In den Leitmedien liest man gleichzeitig „Riesen‑KI‑Blase“ und „Hunderte Millionen Jobs fallen weg“. Wenn Letzteres passiert, war KI offensichtlich nicht erfolglos – dann ist es keine Blase im Gesamten. Meine Beobachtung: KI‑Firmen tragen aktuell extrem hohe Umsatzmultiples. Wo wir früher bei sehr guten Unternehmen von 8 bis 12 sprachen, sind heute 50 bis 100 keine Seltenheit. Und sie wachsen in einem Tempo, das ich so noch nicht gesehen habe: Um auf 100 Millionen Dollar Umsatz zu kommen, brauchte ein Internetunternehmen früher rund sieben Jahre, SaaS‑Firmen vier – KI‑Firmen im Schnitt eineinhalb. Der Steigerungswinkel ist quasi 90 Grad.

Parallel investieren die Tech‑Giganten hunderte Milliarden in Rechenzentren, Infrastruktur und zum Teil sogar in Mini‑AKWs. Auffällig: Selbst Meta leiht sich dafür Geld. Mark Zuckerberg sagt sinngemäß, er habe lieber zu viel Kapazität gebaut als zu wenig. Heute investieren hochprofitable Monsterfirmen wie Nvidia, Google, Apple oder Microsoft. Das alles spricht gegen ein Dotcom‑Szenario, in dem Luftnummern dominierten.

Was ich allerdings sehe, sind Bewertungsblasen auf Einzelunternehmensebene. Manche Startups müssen „vom Umsatz erst in die Bewertung hineinwachsen“. Da wird es Down‑Rounds geben, Pleiten, und Investoren werden Geld verlieren. Also: keine Blase als Ganzes, aber sehr wohl Übertreibungen im Einzelnen.

Meta hat spektakuläre Angebote an Spitzenforscher gemacht und spricht offen von einem Rennen um Superintelligence. Hältst du solche Maßnahmen für nachvollziehbar – oder ist das bereits Übertreibung?

Zwei Gedanken. Erstens: Top‑AI‑Talente werden aktuell mit Gehältern und Paketen umworben, mit denen Europa nicht mithalten kann. Ob Wien, Berlin, Paris oder London – ein sehr guter AI‑Engineer bekommt in den USA leicht das Dreifache. Und bei Remote‑Arbeit ist es völlig egal, ob man acht Meter oder 8.000 Kilometer entfernt sitzt. Hinzu kommen in den USA deutlich attraktivere ESOP‑Regelungen, in Deutschland müssen Mitarbeiterbeteiligungen häufig ungünstig versteuert werden. Das alles zieht die besten Leute ab.

Zweitens zu diesen Mega‑Angeboten: Der Fall, in dem jemand über mehrere Jahre anderthalb Milliarden geboten bekam und trotzdem Nein sagte, ist kein normales Hiring. Das ist Signalpolitik. Man holt einen KI‑Guru, dem Talente folgen. Allein die Meldung „Wir haben das Genie X geholt“ kann den Börsenkurs bewegen. Klar ist: Wenn KI alles dominiert, will man die klügsten Köpfe – auch, weil sie weitere Talente anziehen.

Spätestens seit vergangenem Herbst mit dem Erscheinen unterschiedlicher Reasoning-Modelle wird im Silicon Valley, aber auch darüber hinaus, zunehmend über das Thema Artificial General Intelligence (AGI) diskutiert – also vereinfacht gesagt, eine KI, die intellektuelle Aufgaben auf einem ähnlichen oder höheren Niveau als der Mensch erledigen kann. Nach Erscheinen des jüngsten OpenAI-Flagship-Modells GPT-5 waren viele allerdings auch enttäuscht. Welche Entwicklungen erwartest du in nächster Zeit im KI-Bereich?

Die Hauptstadt der KI ist aktuell die Bay Area – San Francisco und Palo Alto. Es gibt einen leider wahren Witz: Ein Team aus Palo Alto sagt „Noch drei Monate, dann machen wir zehn Millionen Umsatz“, ein Team aus Berlin sagt „Noch drei Genehmigungen, dann dürfen wir anfangen“. Hier entstehen Dinge schneller, auch weil man nicht durch europäische Hürden wie den AI Act und unsere Datenschutz‑Regimes gebremst ist. Die Innovation kommt oft von hier, die Regulierung dann von Europa.

Inhaltlich bin ich überzeugt, dass da noch sehr viel kommt. Wir werden robotische Assistenz in der Neurochirurgie sehen, mit Vorab‑Markierung krebsbefallener Zellen und Präzision im Hundertstelmillimeter‑Bereich. Humanoide Roboter – Elon Musk hat einen gezeigt – bewegen sich bereits erstaunlich geschmeidig; in wenigen Jahren kochen sie Kaffee, räumen auf und mähen den Rasen – weit jenseits heutiger Mähroboter, die nur innerhalb von Begrenzungen herumfahren. Wir werden uns an all das gewöhnen und können uns heute noch gar nicht vorstellen, was zusätzlich kommt.

Und: KI macht die Arbeit spürbar effizienter. In der Filmproduktion – meine Frau produziert – hat man an einer Drehbuchstelle eine KI laufen lassen, die für eine bestimmte Szene mit einem Bankraub vier Alternativen ausgearbeitet hat. Früher hätte der Autor zwei Monate gebraucht; jetzt hat man in Minuten Varianten. Werbeagenturen sprechen hinter vorgehaltener Hand davon, dass sie in ein paar Jahren bis zu 80 Prozent weniger Leute brauchen könnten. Schauspiel‑Nachwuchs wird es schwerer haben, weil Avatare vieles ersetzen; echte Stars bleiben, der Rest wird virtuell. Es gibt schon komplett KI‑generierte Filme und digitale Fashion‑Shows. Sensationell – solange wir verhindern, dass KI „Krieg spielt“ oder sich gegen ihre Entwickler richtet. Diese Sorge muss man ernst nehmen.

Du hast den AI Act angesprochen. Hemmt die europäische Regulierung Innovation im Vergleich zu den USA? Wie konkret?

Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

Ja. In Europa ist beispielsweise das Interpretieren und Einbinden von Emotionen im Wesentlichen untersagt oder stark beschränkt. Hier drüben kümmert das kaum jemanden. Wir sind an Firmen beteiligt, die genau das produktiv machen – zum Nutzen der Kunden. Observe AI wurde beispielsweise jüngst von einem US-Magazin als eine der vielversprechendsten AI‑Companies ausgezeichnet. Das Startup analysiert mit KI unter anderem Sales-Calls.

In den USA ist Sales nichts Anrüchiges, und jeder Call beginnt mit „Your call will be monitored for quality and training purposes“. Dann liefert die Software in Echtzeit Hinweise: „Rede noch etwas weiter, sie ist noch nicht bereit für Preise“, „Mach kein Rabattangebot“ oder „Komm jetzt zur Entscheidung – Paket A oder B“. 

Ich bin sicher, dass wir in ein paar Jahren in 90 Prozent der Fälle nicht mehr unterscheiden können, ob eine Maschine oder ein Mensch am Telefon ist. Nur Spezialfälle gehen an echte Expertinnen und Experten. Am Ende wollen die meisten ohnehin vor allem gute Antworten. Wer persönlichen Kontakt will, kann weiterhin zur Bankfiliale oder zum Versicherungsberater gehen. Aber Europa schränkt genau jene Features ein, die Gespräche für beide Seiten effizienter und angenehmer machen.

Wie nimmst du die Tech-Regulierung in den USA wahr – hat sich mit dem Regierungswechsel etwas geändert?

Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

Die großen Investoren – Marc Andreessen, Ben Horowitz, Ray Dalio, Peter Thiel und andere – wollen Wertschöpfung und politische Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten. Drei Dinge sind ihnen wichtig: erstens niedrige oder keine Steuern auf Veräußerungsgewinne, solange reinvestiert wird; das ist hier möglich, während man in Europa sofort zahlt. Zweitens schlanke Regulierung. Drittens Planbarkeit. 

Sie haben dem neuen Machtzentrum sehr deutlich die Aufwartung gemacht – und im Gegenzug haben Tech‑Companies eine Art Vorfahrt bekommen, verbunden mit Zusagen über Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe. Wann die wirklich fließen, wird man sehen; vermutlich eher nach der Amtszeit von Donald Trump. 

Auch die Wahl des Vizepräsidenten war aus Tech‑Sicht geschickt: jemand, der Zukunft, Innovation und die Szene kennt. Kurz: Diese Player denken an ihre Firmen und arbeiten mit der Politik, die ihnen den besten Rahmen bietet.

Wie ist die Stimmung in der US‑Venture‑Capital‑Szene derzeit, im Vergleich zu den letzten Jahren?

Wir hatten den Peak der Bewertungen im Herbst 2021. In manchen Statistiken taucht das noch in Q1/Q2 2022 auf – das sind Nachläufer, Deals waren ausgehandelt, aber juristisch noch nicht durch. Dann kam der russische Angriff auf die Ukraine: Raising wurde zäh, Bewertungen sanken, Down‑Rounds häuften sich. Viele Investoren reagierten psychologisch statt rational: „Bewertungen fallen, also halten wir Geld zusammen.“ Die Profis sagten: „Wenn ich jetzt zur halben Bewertung einsteigen kann, tue ich es.“

2023 war ein mageres Jahr: weniger Gründungen, weniger Runden – und viele sogenannte AI‑Wrapper, also Lösungen ohne eigene Intellectual Property (IP), die ein bisschen Open Source zusammenlöteten. Die meisten davon sind schon weg. Mein US‑Team macht normalerweise acht Deals im Jahr, 2023 waren es zwei. Ich habe jeden Monat gefragt: „Seid ihr faul oder zu ängstlich?“ Antwort: „Nein, wir schützen das Geld.“ 2025 stehen wir bereits bei neun Deals und steuern auf zwölf zu – ein Rekordjahr. Wir müssen uns auf hohe Bewertungen einstellen, aber die Qualität der Startups ist wieder deutlich besser.

Amerikanische Startups sind begünstigt: weniger Regulierung, kein AI‑Act, und es sitzt hier schlicht mehr Geld. Viele Investorinnen und Investoren haben selbst gegründet, sie sehen sich nicht als Risikokapital-, sondern als Chancenkapitalgeber: Wo kann ich verzehn‑, verfünfzigfachen? 

Dazu kommt: Wer mit Startups reich geworden ist, hat eine höhere Risikotoleranz und investiert wieder. Entsprechend investieren wir als Familie derzeit etwas stärker in den USA. Über ein Drittel unserer Beteiligungen sitzt dort. In Europa streuen wir – viel Schweden, Niederlande, Schweiz, Österreich – Deutschland macht vielleicht noch ein Drittel unserer Fondsaktivitäten aus.

Was rätst du jungen KI‑Gründerinnen und ‑Gründern aus Europa: Hier bleiben oder in die USA gehen?

Beides ist möglich. Man kann in Europa bleiben, aber es ist hier leichter, Top‑Talente zu bekommen und Geschwindigkeit aufzunehmen. Ich mache einen Vergleich aus meiner Familie: Wer in der Filmbranche die großen Rollen will, muss nach Hollywood. Für Tech ist die Bay Area das Hollywood. 

Spannend ist, wie viele europäische Gründer ich hier treffe. Gestern hatten wir vier Teams im Büro – aus Schweden, Amsterdam, Zürich und München. Sie sprechen mit OpenAI und Nvidia über Kooperationen, lassen sich Feedback zum Modell geben, fragen nach Co‑Investments. 

Zwei Gründer haben mir offen gesagt: Wir teilen uns auf – einer bleibt in Europa, einer geht nach New York oder Kalifornien. US‑Investoren machen es oft zur Bedingung, dass es hier eine US‑Entity gibt, zur Not erst einmal einen Briefkasten in Delaware. So nimmst du den Schwung des Marktes mit und behältst gleichzeitig deine europäischen Wurzeln.

Was nimmst du dir persönlich für die Tech Week vor – was möchtest du unbedingt mitnehmen?

Kontakte und Gespräche, ganz klar. Die Tech Week ist die zukunftsorientierte Gerüchteküche: Man spürt Trends, bekommt Inspiration, versteht, wo die Reise hingeht. Konkreter will ich nicht werden – sonst müsste ich meinem Wettbewerb gleich Tipps geben, wo er investieren soll. 

Aber ein Beispiel: Ich habe mit einem Startup gesprochen, das mit dem C‑Level von OpenAI und Nvidia im Austausch ist. Wenn ich sehe, wie solche Teams denken und welche Kooperationen realistisch sind, bekomme ich ein Gefühl dafür, was als Nächstes kommt.

Eine Beobachtung zum Schluss: Früher dachten Unternehmen aus Österreich, der Schweiz oder Deutschland in der Reihenfolge DACH, dann Europa, dann USA. Heute sehe ich oft DACH – und direkt USA. Das ist nicht schön für die „Vereinigten Staaten von Europa“, die wir leider nicht leben, erklärt aber die Dynamik. Kapital ist mobil: Global Hiring, Global Working, Global Investing. Folgerichtig investiere ich in der Unternehmensgruppe derzeit mehr in den USA.

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Viktoria Ilger
Viktoria Ilger | Foto: Viktoria Ilger/Adobe Stock (Hintergrund)

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Österreich beschafft jährlich Güter, IT-Leistungen und Dienstleistungen im Wert von rund 67 ­Milliarden Euro – etwa 18 Prozent des BIP. Gleichzeitig erwirtschaften laut Austrian Startup Monitor 2023 gerade einmal fünf Prozent der heimischen Startups Umsätze mit öffentlichen Organisationen.

Dieses Missverhältnis ist kein Zufall und kein Versagen einzelner Akteure. Es ist das Ergebnis zweier Welten, die aneinander vorbeireden – und eine Chance, die Österreich systematisch liegen lässt.

Warum Innovation heute Partnerschaften braucht

Unsere Welt wird zunehmend komplexer: Neue Technologien entstehen schneller, als Organisationen sie intern entwickeln können. Lieferketten werden vernetzter, Kundenanforderungen anspruchsvoller, regulatorische Rahmenbedingungen vielschichtiger. In diesem Umfeld ist es weder möglich noch sinnvoll, alles selbst zu entwickeln. Was es braucht, sind smarte Partnerschaften – mit Unternehmen, die genau das lösen, wofür intern Zeit, Team, Ressourcen oder Kernkompetenzen fehlen.

Startups sind dafür prädestiniert: Sie arbeiten mit starkem Problemfokus, entwickeln schlanke Lösungen und bringen eine Geschwindigkeit mit, die etablierte Organisationen strukturell nur schwer erreichen. Viele große Unternehmen im DACH-Raum haben das längst erkannt.

Doch einfach bei Startups einzukaufen funktioniert nicht – klassische Einkaufsprozesse, Rechtsabteilungen und Risikomanagement-Strukturen sind auf Stabilität ausgelegt: bewährte Lieferanten, lange Referenzlisten, geprüfte Bilanzen. Ein Startup mit 18 Monaten Geschichte fällt durch dieses Raster; nicht, weil die Lösung schlecht ist, sondern weil die Prozesse keine Ausnahme kennen. Das Ergebnis: Startups scheitern nicht am Produkt, sondern an der Bürokratie.

Ein Modell, das in der Praxis bereits funktioniert

Venture Clienting wurde als strukturierte Antwort auf genau dieses Problem entwickelt. Kein Fördermodell, keine Beteiligung, kein Accelerator-Programm – sondern ein klarer Prozess: Problemstellungen aus den Fachabteilungen werden identifiziert, passende Startups gescoutet und strukturiert evaluiert. Dann folgt ein Pilotprojekt unter realen Bedingungen, mit definierten Hypothesen und messbaren KPIs. Das Ziel ist nicht das Pilotprojekt selbst, sondern die fundierte Entscheidung danach: skalieren, stoppen oder weiter iterieren?

BMW hat den Ansatz mit der Startup Garage salonfähig gemacht; mittlerweile setzen viele Unternehmen im DACH-Raum und darüber hinaus darauf. Gerade in einer Zeit knapper Budgets gewinnen Effizienzgewinne aus der Zusammenarbeit mit Startups strategisch an Bedeutung.

Public Venture Clienting überträgt diesen Prozess auf die öffentliche Hand: Öffentliche Organisationen und staatsnahe Unternehmen treten als frühe zahlende Kund:innen auf. Die öffentliche Organisation bekommt eine funktionierende Lösung für ein konkretes Problem, das Startup bekommt das Wertvollste, was es in einer frühen Phase bekommen kann: einen zahlenden Kunden, einen Markttest, eine Referenz; und damit offene Türen zu weiteren Märkten und Investoren.

Warum Public Venture Clienting gerade jetzt an Bedeutung gewinnt

Die öffentliche Hand steht unter Druck: Digitalisierung, Klimawende, Versorgungssicherheit und Effizienzsteigerung müssen gleichzeitig vorangetrieben werden – bei begrenzten Ressourcen und steigenden Erwartungen von Bürger:innen und Politik. Startups liefern hier schnelle, digitale und nutzerzentrierte Lösungen für Verwaltung, Mobilität, Klima, Energie und Bürgerdienste; Lösungen, die der öffentliche Sektor in dieser Geschwindigkeit oft nicht selbst entwickeln kann.

Startups stehen unter einem anderen, aber gleichwertigen Druck – Risikokapital-Finanzierungen sind zurückgegangen, der Druck von Investor:innen wegen früher Umsätze ist gestiegen. Hier liegt ein fundamentales Paradox: Österreich hat einen der größten potenziellen Märkte direkt vor der Haustür (67 Milliarden Euro Beschaffungsvolumen), und doch ist dieser Markt für die meisten Startups praktisch nicht zugänglich. Ein öffentlicher Pilotkunde ändert das schlagartig: Cashflow, Stabilität – und eine Referenz, die kein Investor kaufen kann.

Hinzu kommt die dritte Dimension: der Standort. Ein Ökosystem, in dem öffentliche Organisationen systematisch als frühe Kunden auftreten, stärkt heimische Startups auf dem Weg zur Skalierung – und macht Österreich als Innovationsstandort attraktiver. Nicht als Schlagwort, sondern als messbarer Wettbewerbsvorteil im europäischen Vergleich.

Österreich hat eine sehr gute öffentliche Frühphasenfinanzierung für Startups geschaffen und mit dem Dachfonds entsteht Wachstumskapital für Skalierung und Internationalisierung. Das ist richtig und wichtig – und reicht trotzdem nicht. Denn Kapital allein macht aus einer guten Idee noch keine Innovation. Was eine Idee zur Innovation macht, ist die Marktannahme: der Moment, in dem ein echter Kunde echtes Geld bezahlt. Erst dieser Beweis macht aus einem Produkt ein skalierbares Unternehmen. Public Venture Clienting ist damit eine notwendige Ergänzung. Die Kombination aus Kapital und Marktzugang ist der entscheidende Hebel.

Wo die Zusammenarbeit heute an ihre Grenzen stößt

Für das Whitepaper „Public Venture Clienting“ wurden ausführliche Gespräche mit Führungskräften und Mitarbeitenden aus Verwaltung, staatsnahen Unternehmen und der Startup-Szene geführt. Die Herausforderungen sind strukturell tiefer verwurzelt als oft angenommen – und lassen sich in vier Bereiche unterteilen.

Kulturelle Unterschiede

Startups agieren schnell, iterativ und mit hoher Fehlertoleranz. Öffentliche Organisationen sind durch strenge Regulierungen, formale Prozesse und Verantwortlichkeit geprägt – jede Entscheidung muss öffentlich verantwortet werden können. Diese unterschiedlichen Betriebssysteme erzeugen täglich Reibung und Missverständnisse. Ohne bewusste Brückenbauer:innen auf beiden Seiten führt das zu Stillstand.

Fehlende Schnittstellen und Silostrukturen

Für Startups ist oft unklar, wer innerhalb der Organisation zuständig ist, wer entscheidet, wer Budget hat. Bedarfsträger:innen, Einkauf und Rechtsabteilung agieren in Silos mit unterschiedlichen Zielsystemen und ohne gemeinsame Verantwortung für Innovationsprojekte. Diese Fragmentierung erzeugt Reibungsverluste und macht es schwer, eine Tür zu finden, die wirklich aufgeht.

Unterschiedliche Budgethorizonte

Startups operieren mit begrenzter Liquidität und brauchen rasche Entscheidungen sowie zeitnahe Zahlungen. Öffentliche Organisationen planen in Jahreshaushalten. Selbst kleine Beträge für erste Pilotierungen unterliegen langen internen Freigabeprozessen – ein strukturelles Missverhältnis, das Kooperationen abbremst, noch bevor sie begonnen haben.

Rechtliche Unsicherheit und Vergaberecht

Das Vergaberecht ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint – in beide Richtungen. Für Startups ist es eine strukturelle Hürde: Vergabeverfahren verlangen Eignungsnachweise wie Mindestumsätze, Bonitätsnachweise oder Referenzprojekte, die junge Unternehmen kaum erfüllen können. Ein überzeugendes MVP reicht formal nicht aus. Auf der anderen Seite existieren Spielräume: funktionale Leistungsbeschreibungen, Innovationspartnerschaften, Direktvergaben bis 143.000 Euro. Das Problem ist oft nicht das formale Erlaubtsein, sondern die Prüfrealität dahinter: Vergabeentscheidungen müssen ex post gegenüber Kontroll- und Prüfstellen – insbesondere dem Rechnungshof – tragfähig begründet werden können. Diese Anforderung prägt das tatsächliche Entscheidungshandeln oft stärker als der gesetzliche Spielraum selbst. Das Ergebnis: Innovative Beschaffungsansätze werden vor allem dort genutzt, wo sie in standardisierte, intern abgestimmte Prozesse eingebettet sind. Wo das fehlt, entscheiden Einkauf, Recht und Fachabteilungen mit unterschiedlichen Zielen und ohne gemeinsame Verantwortung für das Innovationsprojekt als Ganzes.

Vom Einzelfall zur Struktur

Public Venture Clienting ist ein Lernprozess für alle Beteiligten. Öffentliche Organisationen entwickeln ein besseres Verständnis für iterative Innovationsprozesse; Startups lernen, wie Vergabe- und Entscheidungslogiken im öffentlichen Bereich funktionieren. Beide Seiten gewinnen Sicherheit in der Zusammenarbeit.

Was es dafür braucht, zeigen die Interviews deutlich: klare Zuständigkeiten. Wer ist verantwortlich für die Zusammenarbeit mit Startups? Wer begleitet den Übergang vom Pilotprojekt in die Skalierung? Öffentliche Organisationen, die das intern klar regeln – mit einer zentralen Anlaufstelle, interdisziplinären Teams aus Bedarfsträger:innen, Einkauf und Recht sowie definierten Prozessen –, schaffen die Grundlage, auf der alles andere aufbaut.

Das Vergaberecht muss dabei kein Feind sein. Statt Einzelentscheidungen fallweise abzusichern – oft mit externen Gutachten, die Zeit und Geld kosten –, braucht es standardisierte Schablonen: Begründungstexte für Direktvergaben, Checklisten für funktionale Ausschreibungen, klare Pilotklauseln.

Wenn öffentliche Beschaffung konsequent als Innovationsinstrument verstanden wird, verwandelt sie sich vom bürokratischen Pflichtprogramm in einen Motor für Fortschritt, Digitalisierung und Standortentwicklung. Nicht vom Einzelfall zur Ausnahme – sondern vom Einzelfall zur Struktur.

Wie das konkret gelingen kann – mit Handlungsempfehlungen, Best Practices und einem detaillierten Blick auf das Vergaberecht –, zeigt das vollständige Whitepaper, das im Juni erschienen ist.


Dieser Text ist ein Sneakpeek aus dem Whitepaper „Public Venture Clienting“, veröffentlicht in Kooperation mit Viktoria Ilger und Venture Clienting Austria (VCA).

Viktoria Ilger unterstützt mit ihrem Unternehmen Sustainable Transformers Organisationen dabei, Innovation strukturiert in die Anwendung zu bringen – mit besonderem Fokus auf Corporate Venturing und der Zusammenarbeit mit Startups. Zuvor hat sie über mehrere Jahre die Open-Innovation-Aktivitäten eines internationalen Technologieunternehmens aufgebaut. Sie ist Mitgründerin und Vorstandsmitglied von Venture Clienting Austria (VCA), einem Verein, der den Austausch rund um Venture Clienting in Österreich fördert und Best Practices zwischen Unternehmen, öffentlicher Hand und Startups sichtbar macht.

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