17.10.2025
INTERVIEW

Maschmeyer zur SF Tech Week: „Klarer Tenor: AI or bye bye“

Interview. In Kalifornien läuft aktuell die von a16z präsentierte Tech Week. Mit dabei ist mit Carsten Maschmeyer einer der bekanntesten Investoren Deutschlands. Im brutkasten-Gespräch schildert er seine Eindrücke direkt aus San Francisco.
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Carsten Maschmeyer in San Francisco, im Hintergrund ist die Golden Gate Bridge zu sehen
Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

Die von der Venture-Capital-Gesellschaft a16z präsentierte San Francisco Tech Week gilt als wichtiger Austauschplatz für neue Trend im Tech-Bereich. Am vergangenen Sonntag ist die Ausgabe in der Bay Area zu Ende gegangen – nahtlos gefolgt von der diese Woche laufenden LA Tech Week. Vor Ort mit dabei ist mit Carsten Maschmeyer auch einer der bekanntesten Investoren Deutschlands. Einer breiten Öffentlichkeit ist er als Investor vor allem aufgrund seiner Rolle in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt.

Maschmeyer investiert über drei Investment-Vehikel in Startups: Mit seinem in Berlin angesiedelten Venture-Capital-Fonds seed + speed hat er frühphasige Startups im Blick. In Later-Stage-Startups investiert er über seine Münchner Firma Alstin Capital. Dazu kommt noch die auf den US-Markt spezialisierte Investmentfirma Maschmeyer Group Ventures (MGV).

In Österreich ist Maschmeyer unter anderem bei Prewave, TeamEcho oder Optimuse beteiligt. brutkasten stand der Investor direkt aus San Francisco für ein Interview zu seinen Eindrücken von der Tech Week zur Verfügung.

Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

brutkasten: Du bist aktuell bei der Tech Week San Francisco vor Ort. Was sind deine ersten Eindrücke?

Carsten Maschmeyer: Ich erlebe hier einen sehr klaren Tenor: AI or Bye‑bye. Künstliche Intelligenz ist nicht mehr Zusatz, sondern Fundament. Was heißt das konkret? Ich könnte Dutzende Beispiele nennen. In der Rechtsbranche etwa erledigten früher drei Anwälte über Tage Vertragsarbeit; heute erstellen Modelle in Sekunden auf Basis juristischer Standardwerke einen nahezu fertigen Entwurf.

Auch Konsumplattformen werden neu gedacht. Spotify analysiert nicht mehr nur „Kunden, die X hörten, mögen Y“, sondern versteht mein tatsächliches Hörverhalten über die Zeit. Zillow, die größte Immobilienplattform in den USA, ist mit GPT verknüpft: Ich kann in natürlicher Sprache sagen, ich will nicht weiter als zwei Meilen von der Schule weg sein, Bäckerei in der Nähe, Nachbarschaft mit vielen Kindern oder ausdrücklich ohne – und bekomme maßgeschneiderte Vorschläge. Gleiches bei Reisen: „Breiter Strand, wenig Verkehr, Palmen“ und ganze Regionen fallen automatisch heraus.

Dazu kommt ein strategischer Shift: aus SEO wird GEO – Generative Engine Optimization. Früher optimierten Firmen für die Google‑Suche; heute optimieren sie dafür, in großen Sprachmodellen überhaupt aufzutauchen. Überraschend ist, dass selbst hier in der zukunftsverliebten Bay Area eine Sorge mitschwingt: KI könnte Jobs kosten. Natürlich hoffen viele, dass neue entstehen. Einig ist man sich aber: Wer nicht sehr schnell gut mit KI umgehen lernt, riskiert seinen Arbeitsplatz.

Rund um KI herrscht ein enormer Hype. Viele fürchten aktuell auch eine Spekulationsblase – gerade in Hinblick auf die Börsenbewertungen von Unternehmen wie Nvidia. Wie beurteilst du das?

Es gibt ein Paradox. In den Leitmedien liest man gleichzeitig „Riesen‑KI‑Blase“ und „Hunderte Millionen Jobs fallen weg“. Wenn Letzteres passiert, war KI offensichtlich nicht erfolglos – dann ist es keine Blase im Gesamten. Meine Beobachtung: KI‑Firmen tragen aktuell extrem hohe Umsatzmultiples. Wo wir früher bei sehr guten Unternehmen von 8 bis 12 sprachen, sind heute 50 bis 100 keine Seltenheit. Und sie wachsen in einem Tempo, das ich so noch nicht gesehen habe: Um auf 100 Millionen Dollar Umsatz zu kommen, brauchte ein Internetunternehmen früher rund sieben Jahre, SaaS‑Firmen vier – KI‑Firmen im Schnitt eineinhalb. Der Steigerungswinkel ist quasi 90 Grad.

Parallel investieren die Tech‑Giganten hunderte Milliarden in Rechenzentren, Infrastruktur und zum Teil sogar in Mini‑AKWs. Auffällig: Selbst Meta leiht sich dafür Geld. Mark Zuckerberg sagt sinngemäß, er habe lieber zu viel Kapazität gebaut als zu wenig. Heute investieren hochprofitable Monsterfirmen wie Nvidia, Google, Apple oder Microsoft. Das alles spricht gegen ein Dotcom‑Szenario, in dem Luftnummern dominierten.

Was ich allerdings sehe, sind Bewertungsblasen auf Einzelunternehmensebene. Manche Startups müssen „vom Umsatz erst in die Bewertung hineinwachsen“. Da wird es Down‑Rounds geben, Pleiten, und Investoren werden Geld verlieren. Also: keine Blase als Ganzes, aber sehr wohl Übertreibungen im Einzelnen.

Meta hat spektakuläre Angebote an Spitzenforscher gemacht und spricht offen von einem Rennen um Superintelligence. Hältst du solche Maßnahmen für nachvollziehbar – oder ist das bereits Übertreibung?

Zwei Gedanken. Erstens: Top‑AI‑Talente werden aktuell mit Gehältern und Paketen umworben, mit denen Europa nicht mithalten kann. Ob Wien, Berlin, Paris oder London – ein sehr guter AI‑Engineer bekommt in den USA leicht das Dreifache. Und bei Remote‑Arbeit ist es völlig egal, ob man acht Meter oder 8.000 Kilometer entfernt sitzt. Hinzu kommen in den USA deutlich attraktivere ESOP‑Regelungen, in Deutschland müssen Mitarbeiterbeteiligungen häufig ungünstig versteuert werden. Das alles zieht die besten Leute ab.

Zweitens zu diesen Mega‑Angeboten: Der Fall, in dem jemand über mehrere Jahre anderthalb Milliarden geboten bekam und trotzdem Nein sagte, ist kein normales Hiring. Das ist Signalpolitik. Man holt einen KI‑Guru, dem Talente folgen. Allein die Meldung „Wir haben das Genie X geholt“ kann den Börsenkurs bewegen. Klar ist: Wenn KI alles dominiert, will man die klügsten Köpfe – auch, weil sie weitere Talente anziehen.

Spätestens seit vergangenem Herbst mit dem Erscheinen unterschiedlicher Reasoning-Modelle wird im Silicon Valley, aber auch darüber hinaus, zunehmend über das Thema Artificial General Intelligence (AGI) diskutiert – also vereinfacht gesagt, eine KI, die intellektuelle Aufgaben auf einem ähnlichen oder höheren Niveau als der Mensch erledigen kann. Nach Erscheinen des jüngsten OpenAI-Flagship-Modells GPT-5 waren viele allerdings auch enttäuscht. Welche Entwicklungen erwartest du in nächster Zeit im KI-Bereich?

Die Hauptstadt der KI ist aktuell die Bay Area – San Francisco und Palo Alto. Es gibt einen leider wahren Witz: Ein Team aus Palo Alto sagt „Noch drei Monate, dann machen wir zehn Millionen Umsatz“, ein Team aus Berlin sagt „Noch drei Genehmigungen, dann dürfen wir anfangen“. Hier entstehen Dinge schneller, auch weil man nicht durch europäische Hürden wie den AI Act und unsere Datenschutz‑Regimes gebremst ist. Die Innovation kommt oft von hier, die Regulierung dann von Europa.

Inhaltlich bin ich überzeugt, dass da noch sehr viel kommt. Wir werden robotische Assistenz in der Neurochirurgie sehen, mit Vorab‑Markierung krebsbefallener Zellen und Präzision im Hundertstelmillimeter‑Bereich. Humanoide Roboter – Elon Musk hat einen gezeigt – bewegen sich bereits erstaunlich geschmeidig; in wenigen Jahren kochen sie Kaffee, räumen auf und mähen den Rasen – weit jenseits heutiger Mähroboter, die nur innerhalb von Begrenzungen herumfahren. Wir werden uns an all das gewöhnen und können uns heute noch gar nicht vorstellen, was zusätzlich kommt.

Und: KI macht die Arbeit spürbar effizienter. In der Filmproduktion – meine Frau produziert – hat man an einer Drehbuchstelle eine KI laufen lassen, die für eine bestimmte Szene mit einem Bankraub vier Alternativen ausgearbeitet hat. Früher hätte der Autor zwei Monate gebraucht; jetzt hat man in Minuten Varianten. Werbeagenturen sprechen hinter vorgehaltener Hand davon, dass sie in ein paar Jahren bis zu 80 Prozent weniger Leute brauchen könnten. Schauspiel‑Nachwuchs wird es schwerer haben, weil Avatare vieles ersetzen; echte Stars bleiben, der Rest wird virtuell. Es gibt schon komplett KI‑generierte Filme und digitale Fashion‑Shows. Sensationell – solange wir verhindern, dass KI „Krieg spielt“ oder sich gegen ihre Entwickler richtet. Diese Sorge muss man ernst nehmen.

Du hast den AI Act angesprochen. Hemmt die europäische Regulierung Innovation im Vergleich zu den USA? Wie konkret?

Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

Ja. In Europa ist beispielsweise das Interpretieren und Einbinden von Emotionen im Wesentlichen untersagt oder stark beschränkt. Hier drüben kümmert das kaum jemanden. Wir sind an Firmen beteiligt, die genau das produktiv machen – zum Nutzen der Kunden. Observe AI wurde beispielsweise jüngst von einem US-Magazin als eine der vielversprechendsten AI‑Companies ausgezeichnet. Das Startup analysiert mit KI unter anderem Sales-Calls.

In den USA ist Sales nichts Anrüchiges, und jeder Call beginnt mit „Your call will be monitored for quality and training purposes“. Dann liefert die Software in Echtzeit Hinweise: „Rede noch etwas weiter, sie ist noch nicht bereit für Preise“, „Mach kein Rabattangebot“ oder „Komm jetzt zur Entscheidung – Paket A oder B“. 

Ich bin sicher, dass wir in ein paar Jahren in 90 Prozent der Fälle nicht mehr unterscheiden können, ob eine Maschine oder ein Mensch am Telefon ist. Nur Spezialfälle gehen an echte Expertinnen und Experten. Am Ende wollen die meisten ohnehin vor allem gute Antworten. Wer persönlichen Kontakt will, kann weiterhin zur Bankfiliale oder zum Versicherungsberater gehen. Aber Europa schränkt genau jene Features ein, die Gespräche für beide Seiten effizienter und angenehmer machen.

Wie nimmst du die Tech-Regulierung in den USA wahr – hat sich mit dem Regierungswechsel etwas geändert?

Carsten Maschmeyer in San Francisco | Foto: Maschmeyer Group

Die großen Investoren – Marc Andreessen, Ben Horowitz, Ray Dalio, Peter Thiel und andere – wollen Wertschöpfung und politische Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten. Drei Dinge sind ihnen wichtig: erstens niedrige oder keine Steuern auf Veräußerungsgewinne, solange reinvestiert wird; das ist hier möglich, während man in Europa sofort zahlt. Zweitens schlanke Regulierung. Drittens Planbarkeit. 

Sie haben dem neuen Machtzentrum sehr deutlich die Aufwartung gemacht – und im Gegenzug haben Tech‑Companies eine Art Vorfahrt bekommen, verbunden mit Zusagen über Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe. Wann die wirklich fließen, wird man sehen; vermutlich eher nach der Amtszeit von Donald Trump. 

Auch die Wahl des Vizepräsidenten war aus Tech‑Sicht geschickt: jemand, der Zukunft, Innovation und die Szene kennt. Kurz: Diese Player denken an ihre Firmen und arbeiten mit der Politik, die ihnen den besten Rahmen bietet.

Wie ist die Stimmung in der US‑Venture‑Capital‑Szene derzeit, im Vergleich zu den letzten Jahren?

Wir hatten den Peak der Bewertungen im Herbst 2021. In manchen Statistiken taucht das noch in Q1/Q2 2022 auf – das sind Nachläufer, Deals waren ausgehandelt, aber juristisch noch nicht durch. Dann kam der russische Angriff auf die Ukraine: Raising wurde zäh, Bewertungen sanken, Down‑Rounds häuften sich. Viele Investoren reagierten psychologisch statt rational: „Bewertungen fallen, also halten wir Geld zusammen.“ Die Profis sagten: „Wenn ich jetzt zur halben Bewertung einsteigen kann, tue ich es.“

2023 war ein mageres Jahr: weniger Gründungen, weniger Runden – und viele sogenannte AI‑Wrapper, also Lösungen ohne eigene Intellectual Property (IP), die ein bisschen Open Source zusammenlöteten. Die meisten davon sind schon weg. Mein US‑Team macht normalerweise acht Deals im Jahr, 2023 waren es zwei. Ich habe jeden Monat gefragt: „Seid ihr faul oder zu ängstlich?“ Antwort: „Nein, wir schützen das Geld.“ 2025 stehen wir bereits bei neun Deals und steuern auf zwölf zu – ein Rekordjahr. Wir müssen uns auf hohe Bewertungen einstellen, aber die Qualität der Startups ist wieder deutlich besser.

Amerikanische Startups sind begünstigt: weniger Regulierung, kein AI‑Act, und es sitzt hier schlicht mehr Geld. Viele Investorinnen und Investoren haben selbst gegründet, sie sehen sich nicht als Risikokapital-, sondern als Chancenkapitalgeber: Wo kann ich verzehn‑, verfünfzigfachen? 

Dazu kommt: Wer mit Startups reich geworden ist, hat eine höhere Risikotoleranz und investiert wieder. Entsprechend investieren wir als Familie derzeit etwas stärker in den USA. Über ein Drittel unserer Beteiligungen sitzt dort. In Europa streuen wir – viel Schweden, Niederlande, Schweiz, Österreich – Deutschland macht vielleicht noch ein Drittel unserer Fondsaktivitäten aus.

Was rätst du jungen KI‑Gründerinnen und ‑Gründern aus Europa: Hier bleiben oder in die USA gehen?

Beides ist möglich. Man kann in Europa bleiben, aber es ist hier leichter, Top‑Talente zu bekommen und Geschwindigkeit aufzunehmen. Ich mache einen Vergleich aus meiner Familie: Wer in der Filmbranche die großen Rollen will, muss nach Hollywood. Für Tech ist die Bay Area das Hollywood. 

Spannend ist, wie viele europäische Gründer ich hier treffe. Gestern hatten wir vier Teams im Büro – aus Schweden, Amsterdam, Zürich und München. Sie sprechen mit OpenAI und Nvidia über Kooperationen, lassen sich Feedback zum Modell geben, fragen nach Co‑Investments. 

Zwei Gründer haben mir offen gesagt: Wir teilen uns auf – einer bleibt in Europa, einer geht nach New York oder Kalifornien. US‑Investoren machen es oft zur Bedingung, dass es hier eine US‑Entity gibt, zur Not erst einmal einen Briefkasten in Delaware. So nimmst du den Schwung des Marktes mit und behältst gleichzeitig deine europäischen Wurzeln.

Was nimmst du dir persönlich für die Tech Week vor – was möchtest du unbedingt mitnehmen?

Kontakte und Gespräche, ganz klar. Die Tech Week ist die zukunftsorientierte Gerüchteküche: Man spürt Trends, bekommt Inspiration, versteht, wo die Reise hingeht. Konkreter will ich nicht werden – sonst müsste ich meinem Wettbewerb gleich Tipps geben, wo er investieren soll. 

Aber ein Beispiel: Ich habe mit einem Startup gesprochen, das mit dem C‑Level von OpenAI und Nvidia im Austausch ist. Wenn ich sehe, wie solche Teams denken und welche Kooperationen realistisch sind, bekomme ich ein Gefühl dafür, was als Nächstes kommt.

Eine Beobachtung zum Schluss: Früher dachten Unternehmen aus Österreich, der Schweiz oder Deutschland in der Reihenfolge DACH, dann Europa, dann USA. Heute sehe ich oft DACH – und direkt USA. Das ist nicht schön für die „Vereinigten Staaten von Europa“, die wir leider nicht leben, erklärt aber die Dynamik. Kapital ist mobil: Global Hiring, Global Working, Global Investing. Folgerichtig investiere ich in der Unternehmensgruppe derzeit mehr in den USA.

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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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