09.09.2019

Startups in Japan: Exit aus dem Schatten von Nintendo und Sony

Die Startupszene in Japan blüht langsam auf. Lange Zeit stand sie im Schatten von Konzernen wie Sony und Nintendo, die für Erfolg und Wohlstand standen. In den letzten Jahren drängen jedoch Erfolgsstories von Internet-Playern und e-Commerce-Startups mehr in die kollektive Wahrnehmung. Es entsteht ein Markt, der Chancen für österreichische Startups bietet. Der brutkasten war daher im Frühjahr 2019 mit einer Wirtschafstdelegation vor Ort und hat den Markt genauer unter die Lupe genommen.
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Die japanische Startup-Szene löst sich langsam vom Stigma des Scheiterns und wagt mehr. (c) Ingomar Lochschmidt

Österreich und Japan verbindet eine große Gemeinsamkeit, die nun neu entdeckt wurde: Die Liebe zu qualitativ-hochwertigen Produkten, die die Republik und das Kaiserreich ökonomisch näher zusammen bringen und heimischen Unternehmen neue Chancen ermöglichen, in Asien Fuß zu fassen.

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Japan gilt als Land, das zwischen Tradition und Hoch-Technologie hin und her pendelt. Ordnung und Penibilität sind die Maxime, die den Inselstaat zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt gemacht haben. Eigentlich keine idealen Voraussetzungen für Ideale wie Disruption und das Aufschütteln des Marktes, die oftmals die Firmen-Seele von Startups darstellen. Es überragt der Wunsch nach der Sicherheit eines Corporate-Postens oder eines Jobs im öffentlichen Sektor. Doch die Zeiten ändern sich –  und somit auch die Wahrnehmung und Einstellung zur Startup-Szene in Japan. Das Land der aufgehenden Sonne scheint trotz demographischer Krisen zu erwachen.

der brutkasten als Teil der österreichischen Wirtschaftsdelegation

Von diesem Umstand konnte sich der brutkasten vor Ort ein Bild machen. Gemeinsam mit einer österreichischen Wirtschaftsdelegation – darunter Mariana Kühnel, Stv. Generalsekretärin bei der WKÖ und Michael Otter, Chef der Aussenwirtschaft Austria und ausgewiesener Japan Experte, die die Reise organisiert haben, begleitet unter anderem von Carina Magreiter, Leitung Global Incubator Network Austria, Georg Kopetz, CEO TTTech, Peter Mittelbauer, CEO Miba, und Michael Zettel, CEO Accenture DACH. Dort stießen Beobachter auf wirtschaftliche Schwierigkeiten, die aber für Startups neue Chancen bieten können.

Alternde Bevölkerung

Der Problemfall: Einer der bedeutsamsten Trends, der Japan über die kommenden Jahrzehnte in allen Bereichen treffen wird, ist die rasante Alterung der Bevölkerung in Kombination mit einem massiven Bevölkerungsrückgang über die nächsten Jahrzehnte. Bemerkenswert dabei sind zwei Zahlen: Der Anteil an Senioren (über 65 Jahre) wird bis 2030 auf 38,8 Prozent ansteigen. Parallel dazu soll der prognostizierte Anteil der Erwerbsbevölkerung bis 2050 auf 51,5 Prozent sinken.

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Ein Effekt dieser demographischen Umwälzung ist der rasante Anstieg der Sozialausgaben, wie Pensionszahlungen, Gesundheits- und Pflegeausgaben. Mehr als ein Drittel des japanischen Budgets wird bereits dafür verwendet. Da dies trotzdem nicht ausreicht, wird Altersarmut zum immer größeren Problem für die dortige Gesellschaft.

Markt passt sich dem Altersproblem an

Damit einhergehend verändert sich auch die Ökonomie in diversen Bereichen. Das rasante Altern führt zu Änderungen in der Nachfrage bei vielen, auch trivialen Gütern. Brillen, Lese- und Hörhilfen sowie medizinische Geräte im Allgemeinen erleben eine Hochkonjunktur.

Die medizinische Forschung geht noch stärker in Richtung Krebsfrüherkennung und -bekämpfung; Forschungsprojekte gegen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen werden vernachlässigt. Hauseinrichtungen, die barrierefreie Zugänge und ein seniorengerechtes Wohnen ermöglichen, werden von Anfang an in Neubauten mitgedacht.

Automation und Frauen

Auch die schleichende Verknappung von Arbeitskräften wird zum Problem. Versuche, mit mehr Automation und verstärktem Einsatz von Frauen am Arbeitsplatz (Japan hat eine der niedrigsten Beschäftigungsraten von Frauen in der OECD) scheinen dem nur zeitlich begrenzt entgegen steuern zu können, wie unter anderem aus einem Bericht von Michael Otter verfassten Bericht der Aussenwirtschaft Austria namens „Japan – Neudefinition einer globalen Wirtschaftsmacht – Chancen für Österreichs Unternehmen“ hervorgeht. Als Beispiel: Im mittleren Management sind nur etwa 11,9 Prozent und in Vorständen 1,1 Prozent der Mitarbeiter weiblich.

Kurz gesagt: Die anhaltenden Probleme der japanischen lokalen Wirtschaft sind auf eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen, darunter der Verfall lokaler Industriezweige, die Landflucht junger Menschen (Urbanisierung), der demografische Wandel, sowie die finanzielle Situation der kommunalen Haushalte.

In knapp 40 Jahren 40 Millionen Japaner weniger

Geht dieser Trend weiter, so befürchten Experten das Verschwinden von rund der Hälfte der 1800 Gemeinden Japans in den nächsten Jahrzehnten. Die gesamte Bevölkerungszahl sinkt zudem seit Jahren: 2018 folgte der achte und stärkste Rückgang in Folge (um 448.000 Personen) seit Zählungsbeginn, wie der „Guardian“ berichtete.

Das „japanische National Institut für Bevölkerung und soziale Sicherheitsforschung“ hatte 2013 bereits gewarnt und eine Rückgang bis 2060 um 40 Millionen Japaner prognostiziert.

JEFTA und seine 600 Millionen

Zusätzlich zu den bereits vorhandenen Gemeinsamkeiten wurden mit dem Freihandelsabkommen JEFTA zwischen der EU und Japan, das am 1. Februar 2019 in Kraft getreten ist, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen diesen beiden wichtigen Handelsräumen gestärkt.

Damit solle die überwiegende Mehrheit der Zölle abgeschafft werden, die jährlich nach Japan exportierenden europäischen Unternehmen Kosten von einer Milliarde Euro verursachten. Mit diesem Abkommen entstand auf der globalen Landkarte die drittgrößte Freihandelszone der Welt mit über 600 Millionen Einwohnern.

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Technologisch federführend

Allen demographischen und ökonomischen Problemen zum Trotz, darf man nicht außer Acht lassen, dass in Japan nicht alles im Argen liegt. Besonders im Segment der Technologie zählt das Land zu den federführenden Nationen der Welt.

Einige geplante Projekte der nahen und fernen Zukunft unterstreichen diese Behauptung. Darunter der Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen Tokio und Nagoya, mit späterer Anbindung Osakas (Realisierungszeitrahmen: 2027). Weiters plant der Inselstaat bis 2030 ein Solarkraftwerk im Orbit der Erde und eine autarke Unterwasserstadt namens „Ocean Spiral“ mit bis zu 5.000 Bewohnern.

Games und Smart City

Zudem gilt Japan als Spiele-Entwickler-Mekka. Dafür sorgen Gaming-Firmen wie Sony, Nintendo und Bandai-Namco. Sie bedienen die rund 68 Millionen Spieler, die den japanischen Gaming-Markt zum drittgrößten weltweit machen.

Auch Smart City-Thematiken und Urban Mobility sind im Aufwind. Südlich von Tokio erprobt etwa Panasonic das smarte Wohnen und hat mit der Fujisawa SST (Sustainable Smart Town) eine 500 Millionen Euro-schwere Superstadt erbaut.

Roboter gegen Pflegenotstand

Eine weitere wirtschaftliche Triebfeder in Japan stellt der Bereich der Robotik dar. Firmen wie Fanuc, Yaskawa Motoman, Denso Robotics, Kawasaki Robotics und Kawada Robotics haben das Land zu einem der führenden in dieser Branche gemacht.

Allein im Dienstleistungssektor solle laut der „New Energy and Industrial Technology Development Organization“, einem staatlich gestützten Think Tank, der Robotics-Markt 2020 auf 44 Milliarden Euro wachsen (Vergleich 2015: 3.1 Milliarden Euro). Eine Notwendigkeit, denn nach jüngsten Schätzungen der Regierung wird Japan bis 2025 einen Pflegenotstand von rund 370.000 fehlenden Arbeitskräften aufweisen.

Startups: Raus aus dem Schatten

Womöglich sind all diese Entwicklungen und Krisen der Grund, warum die dortige Startup-Szene ihre Chance sieht, aus dem Schatten der etablierten Konzerne zu wachsen. Eine Entwicklung, die auch österreichische Startups mit Falkenaugen betrachten sollten.

James Riney, Geschäftsführer von 500 Startups Japan, hat etwa im Vorjahr in einem Interview mit CNBC erzählt, dass Japaner lange Zeit das Gründen eines Unternehmens nur als eine Art „Plan B“ gesehen haben. Startup-Talente zu finden, wäre schwer gewesen, da unter der Arbeiterschaft Japans lange eine Aversion zum Risiko herrschte. Doch die neue Generation bekommt die Erfolge der digitalen Big Player mit und übernimmt sie als Idole.

Die Schaffung von Mentoren und Investoren

Unternehmen wie Mercari, Rakuten, DeNA, GREE und Mixi gelten unter den jungen  Menschen als Vorbilder und haben Mentoren und Investoren kreiert, die in early-stage Startups investieren. „Und jene Erfolgsgeschichten rücken medial immer mehr in den Fokus. Sie ziehen immer mehr junge Leute in die Startup-Welt hinein“, wird Tetsu Nakajima, CIO von Mistletoe, bei CNBC zitiert.

Das Stigma des Scheiterns löse sich langsam auf und viele Top-Absolventen der Universitäten starten Praktika bei Startups. Japanische Arbeiter würden heutzutage in einer Welt aufwachsen, in der Innovation von Unternehmen wie Facebook, Uber oder Airbnb komme, so Riney: „Sie haben – im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern –  niemals eine Welt gesehen, in der Wohlstand und Erneuerung von Sony, Nintendo oder ähnlich traditionellen Firmen getrieben werden“.

Ein Roboter, sie alle zu pflegen…

Bei der wachsenden Entwicklung der Startup-Szene muss man jedoch auch erkennen, dass etablierte Unternehmen den Zahn der Zeit erkannt haben und auf Zukunftstechnologien setzen. Der Autokonzern Honda etwa hat mit Asimo einen kleinen Roboter erschaffen, der der Star bei der Präsentation für die österreichische Delegation war.

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(c) Honda – Japan setzt bei der Altenpflege auf Roboter wie Asimo.

Asimo wurde in zwei Dekaden langer Arbeit erschaffen und kann auf ebenerdigen wie unebenen Flächen gehen und laufen. Auch Treppensteigen gehört zum Repertoire des Roboters. Er hört auf Sprachbefehle und kann Gesichter erkennen. Zudem kartographiert Asimo sein Umfeld und weicht Hindernissen aus. Honda zeigt damit deutlich, dass auch traditionelle Player, die Notwendigkeit digitaler Anpassung erkannt haben.

HealthTech als Fokus-Thema

Eine Entwicklung, die auch bei den Rahmenbedingungen für Startups nicht anhält. Im April 2018 wurde etwa der Shonan Health Innovation Park gegründet, mit dem ein „co-location ecosystem“ erschaffen wird, das Wissenschaftler, Experten der Industrie, Entrepreneure und den öffentlichen Sektor zusammenbringt.

Auf 330.000 Quadratmetern inklusive Accelerator, Inkubator und Venture Capital soll die japanische Health Innovation neuen Schwung erhalten. Aktuell ist der Park Heimat für rund 50 Startups und öffnet sich auch für den internationalen Zustrom.

Klinische Studien für Health-Startups in Japan möglich

Zudem gibt es etwa für heimische Health-Startups große Chancen, an sich sehr kostspielige klinische Studien im Nagoya University Hospital günstig zu ergattern, wie Ingomar Lochschmit, österreichischer Wirtschaftsdelegierter der WKO in Tokio, erklärt: „Unser Abkommen mit einer der führenden Universitätskliniken Japans war ein wichtiger Schritt für die österreichische Pharmaforschung, vor allem außerhalb der in unserem Land vertretenen Großkonzerne. Wir haben im Mai 2018 ein Abkommen ‚For a Strategic Partnership for the Cooperation in Innovative Drug Developement‘ mit dem Nagoya University Hospital unterzeichnet und damit eine schon früher begonnenen Zusammenarbeit formalisiert“, sagt er.

Konkret heißt das, dass das AußenwirtschaftsCenter Tokio der Universitätsklinik österreichische Medikamenten-Neuentwicklungen nennen kann, die dann von den Wissenschaftern der Uniklinik begutachtet werden.

„Dadurch ist es uns bereits geglückt, dort zwei österreichischen Unternehmen klinische Studien zu ermöglichen, und das mit Förderung Japans, das heißt so gut wie gratis für die österreichischen Firmen“, so Lochschmitt. Interessierte können sich bei der WKO nähere Informationen holen.

Memorandum of Understanding

Österreich möchte sich nicht zuletzt deswegen als verlässlicher Partner etablieren. Bereits 2018 wurde ein „Memorandum of Understanding“ in Tokio signiert und somit den Innovationsaustausch zwischen Österreich und Japan gestärkt.

Mit dem Abschluss der Kooperationsvereinbarung mit EDGEof (ein Game Changers Studio, spezialisiert auf Joint Ventures, unter der Leitung von Alex Odajima) möchte GIN Austria (Global Incubator Network) die Zusammenarbeit intensivieren. Ziel der Kooperation ist es, den Zugang zum japanischen Markt für österreichische Jungunternehmen einfacher zu gestalten.

Aus dem Archiv: Mariana Kühnel, Generalsekräterin-Stellvertreterin Wirtschaftskammer Österreich und Michael Otter, Leiter der Außenwirtschaft Austria der WKÖ, über die innovative Unternehmensszene in Japan

GIN für heimische Startups als Partner in Japan

„Japan ist ein unterschätztes Land“, sagt Carina Margreiter von GIN Austria, „und verfügt über einen riesigen Markt. Jedoch ist es besonders für Startups auf sich allein gestellt schwer, den Markteintritt zu schaffen. Die Sprache ist eine große Hemmschwelle. Man braucht jemanden, der hilft und die richtigen Kontakte herstellen kann. Deshalb sind wir froh, für österreichische Startups da zu sein.“

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(c) GIN – Carina Magreiter ,Programmleiterin GIN Austria, beim Unterzeichnen des Memorandum of Understanding

Bisher elf österreichische Startups in Tokio

Bisher waren elf Startups in Tokio im Rahmen des GIN goAsia-Programms. „Neben allgemeinen Workshops – Startup Ecosystem Japan, Cultural Differences, Legal&Tax, How to do business in Japan – liegt der Fokus des Programms auf individuellen B2B-Meetings für die teilnehmenden Startups mit Corporates, Investoren oder Kooperationspartnern. Jedes teilnehmende Startup bekommt sein maßgeschneidertes Programm und wurde auch von den Kollegen des AC Tokio zu den einzelnen B2B-Terminen begleitet“, erklärt Magreiter.

Zu bisherigen österreichischen Success-Stories erzählt Magreiter von einer e-Learning-Plattform für Musikschüler, die einen Markteintritt in Tokio plant und sich aktuell mit GINs Akzeleratorenpartnern im Gespräch befindet.

Zudem konnten drei AI-Startups im Rahmen des goTokyo – Individual zur TechBIZKON II im November 2018 reisen, wie der brutkasten berichtete. Ein weiteres Startup im AR-Bereich konnte bereits einige Projekte mit Museen und Galerien in Tokio umsetzen.

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(c) Ingomar Lochschmidt – Der brutkasten mit der österreichische Delegation beim Besuch des Game Changers Studio EDGEof.

Call for Tokyo

Für den nächsten und vorerst letzten Call for goTokyo 2019 werden bis Mitte September noch „late stage“ Startups gesucht.

Bei diesem 2-wöchigen Accelerator-Programm wird Startups die Möglichkeit geboten, ihre Internationalisierung in Asien voranzutreiben. Anmelden können sich Startups aus den Bereichen HealthTech, MedTech, Life Science, BioTech, Fitness & Lifestyle.

GIN Austria

GIN Austria wird unter der Leitung der Austria Wirtschaftsservice (aws) und der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) von der Österreichischen Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung finanziert.

Ziel der Initiative ist es, die drei Zielgruppen Startups, Inkubatoren und Investoren in den Zielgebieten Israel, Hong Kong, Singapur, Südkorea, China und Japan zu vernetzen, um das Innovationspotential Österreichs zu fördern.

goAustria & goAsia

Startups werden mit Programmen (goAustria für internationale Startups, goAsia für österreichische Startups) in ihrer Internationalisierung unterstützt. Für Investoren bietet das GIN Austria Programm sowohl Co-Investment Möglichkeiten als auch Pitching- und Matchmaking Events in Österreich und Asien an. Zusätzlich vernetzt GIN Austria österreichische Startups individuell mit Kapitalgebern und Unternehmen in den GIN-Zielländern.

+++ Wiener Startup mostly.AI gewinnt Pitching-Wettbewerb in Tokio +++

3,1 Milliarden Handelsvolumen mit Japan

Speziell in Bezug auf Japan hat diese Initiative für Österreich enorme Bedeutung. Mit einem jährlichen Handelsvolumen von knapp unter vier Milliarden Euro ist Japan der zweitwichtigste Wirtschaftspartner Österreichs in Asien. In der Hitparade der österreichischen Exportmärkte außerhalb Europas liegen nur die USA und China vor Japan.

Die Exporte ins Land der aufgehenden Sonne erhöhten sich 2018 laut Aussenwirtschaft Austria um rund elf Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Zugleich stiegen die Einfuhren aus Japan um 8,9 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Knapp 80 österreichische Unternehmen verfügen über eigene Niederlassungen in Japan, hauptsächlich für den Vertrieb und die Wartung ihrer Produkte.

20, 30, 40 bis 2020

„Bis zum Jahr 2020, dem Jahr der olympischen Sommerspiele in Tokio, möchten wir 20 Prozent mehr österreichische Unternehmen zum Japan-Export motivieren, 30 Prozent mehr japanische Investitionen in Österreich anbahnen und 40 Prozent mehr österreichische Unternehmen im Technologiebereich betreuen“, schreibt das AußenwirtschaftsCenter Tokio in einer Aussendung.

Das oben genannte Strategiepapier führt 14 Maßnahmen an, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen. Darunter etwa der Ausbau von Kooperationen im Bereich Open Innovation, Trend- und Technologiescouting, Wirtschaftsmissionen (B2B-Gespräche) und Showcase Events.

Boost für Jungunternehmer

Aws-Geschäftsführer Bernhard Sagmeister hebt die positive Wirkung der neuen Kooperation hervor: „Die Zusammenarbeit zwischen Asien und Österreich trägt maßgeblich zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Österreich bei. Japan ist nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Großkonzerne ein lukrativer Markt für Startups, der insbesondere in der High-Tech Industrie überzeugt“.

Auch FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth sieht die Intensivierung der Zusammenarbeit als Boost für die heimische Szene: „Mit den Programmen des Global Incubator Networks (GIN) werden Jungunternehmer gezielt unterstützt, ihre Ideen sowie Innovationen über die nationalen Grenzen hinaus auszutauschen und ihr Netzwerk zu vergrößern.“

Aus dem Archiv: Michael Otter,  CEO von AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA, und Rafael Rasinger, Head of Startups / New Corporates, im Live Gespräch über die aktuellen Schwerpunkte, den Standort Wettbewerb und österreichische Schlagkraft am globalen Wirtschaftsparkett.


⇒ EdgeOf

⇒ GIN Austria

⇒ Aussenwirtschaft JAP

⇒ Zur Anmeldung für goTokyo 2019

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Martin Ohneberg am World Venture Forum in Kitzbühel | (c) brutkasten

Beim World Venture Forum in Kitzbühel hielt Martin Ohneberg auf Einladung von Initiator Berthold Baurek-Karlic die Rede zum Gala-Dinner: über Europa im globalen Kontext. Seine Botschaft, die er im brutkasten-Gespräch wiederholt: Europa hat kein Ideen-, sondern ein Umsetzungs- und Kapitalproblem. Und: „Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation.“ In der Transformation bringe Warten nichts.

Ohneberg weiß, wovon er spricht. Der Vorarlberger Industrielle übernahm 2011 die HENN Gruppe und baute den Verbindungstechnologie-Spezialisten zum Nischen-Weltmarktführer bei Ladeluft-Schnellkupplungen für die Automobilindustrie aus – eine Position, die das Unternehmen bis heute hält. Während die Branche mitten in einer schmerzhaften Transformation steckt, richtet er seine Gruppe nun auf einen Megatrend aus, der von KI-Rechenzentren bis zu humanoiden Robotern reicht: Kühlung.

Im Gespräch mit brutkasten erklärt Ohneberg, warum Europa beim Thema Souveränität den letzten Moment erreicht hat, weshalb das Self-driving Car der echte Game Changer wird und was passieren muss, damit der Kontinent nicht zum reinen Anwender fremder Technologien wird.


brutkasten: In deiner Rede beim World Venture Forum hast du die Formel „Europe discusses, America decides, Asia acts“ aufgegriffen. Gleichzeitig läuft gerade die Debatte um Europas digitale Souveränität. Ist da ein Momentum?

Martin Ohneberg: Wenn Europa jetzt beim Thema Souveränität nicht aufwacht, wird es ganz schwierig. Ich glaube, es ist der letzte Moment. Das wurde erkannt, der Draghi-Report hat seinen Teil dazu beigetragen. Jetzt muss gehandelt werden. Die Frage ist: Haben wir noch eine Chance, das Ruder herumzureißen? Die Gefahr ist, dass wir vom Land der Innovation und der Produktion zum Land der Anwender werden. Und leicht wird das nicht: Kapital ist der Rohstoff der Zukunft. Wenn man sich den Börsengang von SpaceX anschaut, sind das Dimensionen, da können wir in Europa nicht mit. Wir haben tolle Ideen und viele tolle Startups. Aber wenn man anschaut, wo sie skalieren und wo sie das Geld holen, ist es dann doch Amerika.

Was muss auf europäischer Ebene passieren? Sollte die öffentliche Beschaffung etwa gezielt europäische Lösungen bevorzugen?

Man kann das leicht sagen, aber es ist diffiziler, als oft geglaubt wird. Unsere Abhängigkeiten sind in vielen Technologien und bei seltenen Erden inzwischen so groß, dass es extrem schwierig ist, sich stärker gegen andere Nationen aufzustellen. Dazu fehlt die Geschlossenheit: 27 Länder, jeder agiert selbst, Frankreich anders als Deutschland. Natürlich macht es Sinn, die europäische Wirtschaft stärker zu schützen. Aber die eigentlichen Probleme liegen tiefer: Wir haben keinen einheitlichen Kapitalmarkt, weshalb das Geld, das in Europa durchaus vorhanden ist, hauptsächlich nach Amerika geht. Die Bürokratie ist überbordend. Und wir müssen wegkommen von den Überschriften, ob das jetzt Green Deal heißt oder Industrial Acceleration Act, und in die Umsetzung kommen. Europa ist prädestiniert für tolle Strategien und Visionen. Am Ende mangelt es an der konsequenten Umsetzung.

Woran scheitert die?

Wir haben tolle Universitäten, Innovationen, eine starke Industrie. Aber wir bringen es nicht auf die Straße, weil Europa ein zu komplexes Gebilde ist. Allein die Geschwindigkeit: Bis etwas durch Parlament und Kommission ist, vergehen im Schnitt rund 18 Monate. Bis es in Kraft tritt, reden wir von zwei, drei Jahren. Wir sind aber in einer Zeit angekommen, in der Speed der Key ist. Es passieren ja Dinge, aber sie passieren halt außerhalb Europas. Das ist eigentlich das Thema. Die Konsequenz: Bei uns wird gegründet und entwickelt, skaliert wird in Amerika. Und dann importieren wir die Produkte wieder, die wir selbst erfunden haben.

Du bist mit HENN Zulieferer der Automobilindustrie. Bei VW und anderen ist enormer Druck im System. Wie nimmst du die Lage wahr?

Das, was jetzt in Europa passiert, ist meiner Ansicht nach erst der Beginn. Da wird noch mehr kommen. Vor ein paar Jahren hat man für diese Zeit von 125 Millionen produzierten Autos weltweit gesprochen, wir sind jetzt bei rund 90 bis 92 Millionen. Global wird wenig Wachstum vorhanden sein, dafür kommt ein massiver Verdrängungswettbewerb zwischen den Regionen, der nach aktuellem Stand zugunsten Asiens ausgehen wird. Wichtig ist mir die Unterscheidung: Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation. Eine Krise geht vorbei, ob Corona, Suezkanal oder Energiepreise. Die Transformation bleibt. In der Krise kannst du durchtauchen, in der Transformation bringt Warten nichts. Du musst handeln und gestalten.

Du siehst den nächsten großen Schub bei Self-driving Cars. Warum ausgerechnet dort?

Weil sich die Mobilität damit noch einmal fundamental verändert. Beim E-Auto ist der Customer Benefit de facto der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Das ist ideologisch, ob das ein riesiger Kundenvorteil ist, kann man diskutieren. Das Self-driving Car hat den echten Customer Benefit: Ich muss nicht mehr selbst fahren und kann jederzeit einsteigen. Wenn man sich anschaut, was Waymo, Huawei und andere schon auf der Straße haben und welche Datenmengen dort täglich generiert werden, kann man sich vorstellen, wie schnell das gehen wird. Für die Zulieferindustrie heißt das: extreme Standardisierung und Konsolidierung. Autos werden modular. Man kauft künftig ein „Skateboard“ mit vier Rädern, Batterie und integrierter Software, das Self-driving-Modul wird eingeschoben wie früher das erste Navi ins Auto. Und es wird die Foxconns geben, die das komplette Modul fertigen.

Wie stellt sich HENN darauf ein?

Wir kommen aus einer Nische, in der wir bis heute Weltmarktführer sind, der Ladeluft, und transformieren uns in einen Markt, der groß, aber extrem kompetitiv ist. Wir sind de facto in einem Red Ocean unterwegs. Deshalb richten wir die Gruppe stark auf den Megatrend Kühlung aus. Überall, wo verstärkt Elektrizität eingesetzt wird, braucht es Kühlung, und künftig immer öfter Wasserkühlung, weil die Leistungen so hoch sind. Die Rechenzentren, die jetzt gebaut werden, müssen alle wassergekühlt werden. Das ist unser Heimspiel: Da haben wir erste Anwendungen, Prototypen und intensive Gespräche. Dazu kommen Renewables wie Windkraft. Und humanoide Roboter, die aktuell noch luftgekühlt sind, künftig aber ebenfalls wassergekühlt werden müssen.

Stichwort Humanoide und Physical AI: Hat Europa dort überhaupt eine Chance?

Die Voraussetzungen wären da: Wir haben die Ingenieure, die klassische Industrie, hohe Innovationstätigkeit. Und die Notwendigkeit ist hundertprozentig gegeben: Demografisch müssen wir in Automatisierung und Robotik investieren, Punkt. Aber aktuell passiert wieder fast alles außerhalb Europas. Wenn Europa Souveränität ernst nimmt, muss spätestens bei den Humanoiden sichergestellt sein, dass es ein europäisches Produkt gibt, weil der Vergleich zum Menschen so nahe ist. Wenn China, die USA oder andere unsere Humanoiden in den Produktionshallen steuern, weiß ich nicht, ob das so angenehm ist. Es gibt positive Schritte wie die große Finanzierungsrunde von Neura Robotics mit Partnern wie Bosch und Schaeffler. Aber das Kapital fließt insgesamt wiederum nicht nach Europa. Die große Frage wird sein: Wie hoch ist unser Wertschöpfungsanteil? Dass wir anwenden werden, davon bin ich überzeugt. Ob wir ein eigenes Ökosystem aufbauen können, das entscheidet sich jetzt.

Zum Abschluss: Was gibst du Gründer:innen mit, die jetzt starten?

Es gibt nichts Besseres, als Unternehmer zu sein. Das ist die Champions League der Wirtschaft. Es kann jeder Unternehmer werden. Man braucht den Mut zu sagen: Jetzt mache ich den Sprung. Und dann Konsequenz. Aber es muss klar sein: Eine Unternehmerkarriere hat immer Höhen und Tiefen. Der Unternehmer ist der Einzige, der wirklich Risiko nimmt. Er ist bis zum Schluss auf dem Schiff.

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