28.05.2019

Ideas 4 Brands: Als Oma der Influencerin mit Süßstoff beim Abnehmen half

Review. In der von Diego5-Gründerin Sandra Thier moderierten neuen Puls 4-Pitch-Sendung Ideas 4 Brands haben Influencer die Chance, vor bekannten Marken ihre Idee vorzustellen. Wir haben uns die Pilot-Folge für euch angesehen.
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(c)Puls 4 - Bei der Influencer-Show Ideas 4 Brands konnten Youtube-Stars, Blogger und Instagram-Profis ihre Ideen vor Markenverantwortlichen pitchen und Kooparations-Verträge ergattern.

Das Prinzip der neuen Puls 4-Show Ideas 4 Brands ist einfach: Influencern, die es schaffen ihre Idee den Juroren schmackhaft zu machen, winken Kooperationsverträge (zumindest ein Vieraugen-Gespräch dafür) mit den teilnehmenden Marken. In der gestern ausgestrahlten Pilot-Folge waren das Natusweet, OTTO mit ihrer Interieur-Linie, Coca-Cola und Borotalco. Das Konzept dazu stammt von pilot.media Deutschland. Moderiert wird Ideas 4 Brands von Sandra Thier (der brutkasten berichtete), Co-Produzentin und diego5-Gründerin. Zu den Juroren zählen neben Puls 4-Moderatorin Bianca Schwarzjirg und Cameo Miller-Aichholz von Studio71 auch Buzzbird-Gründer Andreas Türck und Youtube Star Felix Hummel. Sie stehen den jeweiligen Markenverantwortlichen als Experten zur Seite.

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Ein „cooles“ Gaming-Zimmer

Den Anfang machte der 18-jährige Mobile-Gamer Puuki (Lukas Ortner), dessen Gaming-Kanal eine halbe Million Follower hat. Vor den Augen der Jury und der Marken- und Sortimentsmanagerin von OTTO Österreich, Regina Wittine, zeichnete er in seinem Pitch seine Idee des „coolsten Gaming-Zimmers Österreichs“.

Einbindung der Community

Bei der Einrichtung des Raumes wollte Puuki die Community miteinbeziehen, die mitentscheiden könne, welche Art von Möbel oder Ähnliches das Zimmer schmücken sollten. Schlussendlich sollte der Raum auf der OTTO-Hauptseite zum Kauf angeboten werden. Sein Pitch war durchdacht, der Gamer führte zudem noch ein selbstgemachtes Promo-Video vor, in dem er auf die OTTO-Aktion hinwies und seine Fans aufrief, auf Instagram über die Möbelstücke fürs Zimmer abzustimmen. So die Idee.

Nächster österreichischer „PewDiePie“?

Die Kosten für die Idee bezifferten Puuki  – bei sechs Möglichen Videos – auf 20.000 Euro. Juror Felix Hummel schien überzeugt. Er nannte Puuki nach dem Pitch den womöglich nächsten österreichischen „PewDiePie“ (Anm. schwedischer Webvideoproduzent mit über 96 Millionen Abonnenten).

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(c) Puls 4 – Zur Jury, die den Markenverantwortlichen beratend zur Seite standen, gehörten neben Moderatorin Sandra Thier (Mitte): Andreas Türck, Cameo Miller-Aichholz, Bianca Schwarzjirg und Felix Hummel.

„Zero to Hero“

Den zweiten Pitch vor der OTTO-Markenbotschafterin bei Ideas 4 Brands lieferte Lisa-Sophie Stejskal mit ihrer Bastel-Plattform Cute Life Hacks. Die Influencerin verfügt über eine mehr als 230.000 User-starke Community. Sie wartete gleich mit zwei Ideen auf: Bei „Zero to Hero“ handelt es sich um die Möblierungsentwicklung ihrer aktuell leeren Wohnung von Grund auf, bei der die Community Zeuge werden kann, wie Stück für Stück Wohnraum entsteht. Die zweite gepitchte Kampagne hatte die Dekorierung eines Möbelstücks im Fokus, deren Umsetzung zu einem ungewöhnlichen „Wow-Effekt“ führen soll. Kosten: ab 1000 Euro pro Package.

Vierfach-Mama bei Ideas 4 Brands

Diana Diamanta betrat als nächste die Ideas 4 Brands-Bühne. Die „Mama-Vloggerin“ mit 40.000 Abonnenten zeigt auf ihrem Kanal das tägliche Leben mit vier Kindern. Ihre Idee für eine Influencer-Kampagne für OTTO bezeichnete sie als „Kinderzimmer-Room-Tour“. Im Untergeschoss ihres Hauses gebe es zwei renovierfähige Zimmer, die sie gern komplett mit OTTO-Versand einrichten und den ganzen Prozess mit drei Youtube-Videos, von der Bestellung bis zur fertigen Präsentation, begleiten würde. Als Abschluss soll ein Gewinnspiel für die Zuseher zusätzliche Reize schaffen, die die Reichweite steigern sollen. Kosten für die Idee: 5000 Euro.

Entscheidung für zwei Influencerinnen

Nach diesen drei Pitches kam es zur Entscheidung durch die Jury. Wittine meinte, Stejskal hätte das Living- und Interieur-Thema neu interpretiert, während Diamantas Authentizität den Ausschlag gegeben hätte, gleich beide Influencerinnen zu weiteren Gesprächen einzuladen.

Starkoch als Cola-Botschafter

Die nächsten Pitcher bewarben sich für eine Kooperation mit Coca Cola. Dabei nahm Starkoch Alexander Kumptner als Markenbotschafter des Soft-Drink-Herstellers auf der Jury-Bühne neben den Experten Platz. Er suchte jemanden, der sich mit ihm auf eine kulinarische Reise begebe, bei der man Essen und Trinken wieder mehr verbinde.

Themenverfehlung beim Pitch

Den Anfang hier machte Maxamillion mit seinen 260.000 Followern. Der junge Mann dreht Videos als „Freerunner“ und Sportler mit einer Liebe zu Saltos. Seine Idee wäre eine halb- bis einjährige Kooperation mit Coca Cola, in deren Zeitraum er zwölf Videos drehe, die die Überwindung seiner Ängste zum Ziel hätten. Etwa ein Tandem-Sprung aus 6000 Metern, Backflips aus 20 Meter Höhe oder Rallyfahrten. Während die „freche Art“ des Influencers gut ankam, meinte Hummel, es würde sich bei der Idee um eine Themenverfehlung handeln. Er konnte nicht erkennen, wie das Bezwingen von Ängsten mit den Plänen von Kumptner zusammenpasse. Jener attestierte dem Influencer aber „Echtheit“ und wartete auf die nächsten Auftritte.

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Coca Cola und der ökologische Fußabdruck

Mimilicious zählt mit ihren 1000 Followern als Neuling in der Influencer-Branche. Die gelernte Köchin pitchte die Idee, eine Kulinarik-Tour mit Coca Cola mit Fokus auf Nachhaltigkeit zu starten. Die Food-Bloggerin empfahl den Video-Dreh direkt beim Produktions- und Logistikzentrum des Softdrink-Konzerns in Edelstal zu beginnen, um zu zeigen, wie sehr der Konzern auf den ökologischen Fußabdruck achte (z.B. mit der Nutzung von E-Autos).

Diversity-Videos vom Model

Kimberly Budinsky ist Schauspielerin, Model und hat 21.000 Follower auf Instagram. Sie stellte als letzte in dieser Runde die Idee eines Birthday-Dinners mit dem Credo „Diversity“ vor, das unterschiedliche Menschen (Aussehen, Religion) zusammenbringen soll. Budinsky dachte dabei an Videos vom gemeinsamen Kochen mit Kumptner, wo gezeigt werde, wie sie vom Starkoch lerne.

„Allen Ideen fehlt etwas“

Bei der Feeback-Runde meinte Türck, bei allen Idee fehle etwas, um gänzlich zu überzeugen. Kumptner stimmte im Prinzip zu, sagte aber, bei seinem Projekt gehe es um „in die Tiefe gehen“. Deshalb und weil er sich von der Kandidatin und ihrer Art „Dinge anzugreifen“ überzeugt zeigte, entschied sich der Coca-Cola-Verantwortliche für Mimilicous. Allerdings nicht als Begleitung für die Tour, sondern für eine Art „Testphase“ und das Ausloten anderer Projekte.

Instagram-Bakeoff von Tini Neumann

Für Natusweet war Stefanie Volkmann bei Ideas 4 Brands zu Gast. Sie ist fürs Marketing und den Vertrieb des Süssstoff-Herstellers verantwortlich. Die erste Möglichkeit, ihr ihre Idee vorzustellen, hatte TIKTOK-Star Tina Neumann, die fast drei Millionen Follower zählt. Sie und ihr Manager Matteo Brandherz schlugen ein Instgram-Bakeoff vor. Sechs Bäcker, darunter Neumann selbst, sollten als Hauptpreis ein „Kunstwerk“ mit Natusweet backen, das während der Promo-Phase verlost werde. Kosten dafür: 20.000 Euro.

Persönliche Story beim Pitch

Kimberly Budinsky, die vorher noch für eine Kooperation mit Coca Cola gepitcht hatte, versuchte bei Natusweet mit einer weiteren Idee erneut ihr Glück bei Ideas 4 Brands. Ihr persönlicher Zugang zur Marke: Sie hatte nach der Rückkehr aus den USA – und dem Umstieg auf Natusweet auf Anraten ihrer Oma – zwölf Kilogramm abgenommen. Die Schauspielerin erzählte sichtlich bewegt ihre Geschichte und wie ihre Großmutter ihr in dieser schwierigen Zeit geholfen habe, abzunehmen und sich wieder wohl zu fühlen. Der Plan deshalb: Einmal im Monat Videos mit der Oma beim Backen. Kosten für ein halbes Jahr: 15.000 Euro.

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(c) Puls 4 – Co-Produzentin und diego5-Gründerin Sandra Thier fungierte als Modetatorin bei der Influencer-Show von Puls 4.

Fußball-Tricks und Süßstoff

Bei Boss Vienna handelt es sich um einen Fußballkanal, der von Filip, Dilber und Raffael geführt wird. Die drei jungen Männer haben 12.000 Abonnenten hinter sich vereint. Ihr Pitch begann mit ein paar Fußballtricks und der Erklärung, dass ihr Fokus bei Videodrehs auch auf Comedy läge. Sie hätten zudem bereits mit Stars wie Tennis-Ass Dominic Thiem und Stefan Maierhofer sowie mit Rapid Wien zusammengearbeitet. Ihre Idee: Zwei Videos pro Woche auf Youtube, bei denen Natuwseet vorgestellt und die Wichtigkeit gesunder Ernährung erklärt würde. Kosten: 10.000 Euro.

Falsche Vorstellung vom Produkt, aber…

Die Idee Natusweet mit Wasser zu vermischen und in der Pause eines Spiels zu zeigen, wie Fußballer es trinken, stieß allerdings auf wenig positive Resonanz. Da es sich nicht um Zucker handelt, habe das Produkt keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und jene Kalorien, die ein Sportler brauche, meinte Volkmann.

Trotz mancher Problematik bei der Konkretisierung der Idee, entschied sich Volkmann allen drei Pitchern die Chance zu geben, hinter den Kulissen miteinander ins Gespräch zu kommen.

Social-Media Betreuung als Angebot

Für das Deo mit Mikrotalk, Borotalco, war Produktmanagerin Tanja Pfingstl im Studio. Sie wünschte sich unterhaltsamen Content für eine potentielle Influencer-Kampagne. Der erste, der seine Idee dazu vorstellte, war Daniel Fila aus Oberösterreich. Er ist bei seinen 100.000 Youtube-Abonnenten für die Themen Sport, Fashion, Reise und Liebe bekannt. Er bot zwei Youtube-Videos zum Thema Lifestyle & Travel beziehungsweise ein Straßen-Interview an. Zusätzlich stellte er sechs Instagram-Videos und 18 Posts auf der Plattform sowie auf Facebook in Aussicht. Im Zeitraum von Juni bis Dezember übernehme er auch die Social Media-Betreuung der Marke. Kosten: 20.000 Euro.

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Dritter Versuch des Models

Und da aller guten Dinge drei sind, betrat Kimberly Budinsky ein drittes Mal die Pitch-Bühne. Ihre Idee für Borotalco: Das Deo prominent bei Events zu platzieren. Und bereits vorab bei der Vorbereitung für diese Veranstaltungen im Sinne der Hashtags „#whatsinmybag“, oder „#getreadywithme“ der Community zu präsentieren. Kosten für sechs Monate: 15.000 Euro.

Sänger für Deo mit Talg

Die letzen, die eine Kampagne mit Borotalco anstrebten, waren die Sänger Mira & Adam, die mit ihrem Debut-Song 2,5 Millionen Zuhörer erreichen konnten. Sie traten direkt mit einem selbstgeschrieben Pitch auf. Ihre Idee: Zu gewinnende Konzerttickets mit Borotalco als Partner.

Die Jury meinte allgemein, dass Borotalco als Marke von allen Teilnehmern nicht ganz „abgeholt“ werden konnte. Dennoch entschied sich Pfingstl für die beiden Sänger, deren Emotionen gut zur Marke passen würden.

Fortsetzung bei Erfolg möglich

Bei dieser Sendung handelte es sich um die Pilotfolge von ideas 4 Brands, die laut Sendeverantwortlichen – bei guten Einschaltquoten – im Herbst ihre Serienreife finden könnte. Wie Sandra Thier, Co-Produzentin, bereits dem brutkasten erzählte, hofft sie auf eine Fortsetzung: „Influencer-Marketing gehört bei den meisten Marken bereits dazu. In den letzten Jahren wurde viel Geld in derartige Kampagnen gesteckt. Bei der Show handelt es sich um die erste Möglichkeit, direkt vor Markenverantwortlichen pitchen zu dürfen“, sagt sie.


⇒ Zur Homepage der Influencer-Show

⇒ Tina Neumann

⇒ Puuki

⇒ Maxamillion

⇒ Diana Diamanta

⇒ Cute Life Hacks

⇒ Daniel Fila

⇒ Kimberly Budinsky

⇒ Boss Vienna

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Liquid Preference, Mofidian
© Armin Hubner/Canva - Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian.

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Für viele Gründer:innen sind 40-Stunden-Wochen ein Fremdwort und freie Wochenenden ein ferner Wunsch – sie opfern unzählige Arbeitsstunden und verzichten auf Gehalt, um ihr Startup aufzubauen. Doch am Ende dieses jahrelangen harten Einsatzes bleibt selbst bei einem vermeintlich erfolgreichen Millionen-Exit in manchen Fällen kaum etwas übrig. Der Grund kann in einer unscheinbaren Klausel des Beteiligungsvertrags liegen; einer Sonderregel für die Verteilung des Exit-Erlöses. Räumt man etwa späteren Investoren eine „Liquidation Preference“ ein, bedienen sich diese beim Verkauf zuerst. Die Realität sieht dann wie folgt aus: Während die Branche gratuliert, können die Gründer:innen und frühe Kapitalgeber trotz fließender Millionen fast leer ausgehen.

So ein Fall sorgte jüngst für Aufsehen, als Martin Granig, Gründer der Spar-App monkee.rocks, von einem Bekannten berichtete, der einen 15-Millionen-Exit hingelegt hatte. Der Founder meinte nach Glückwünschen bloß, der Exit hätte massiver sein müssen, „damit sich was ausgeht“ – hier hatte die Liquidation Preference gegriffen.

Was ist eine Liquidationspräferenz?

Die historischen Wurzeln der Liquidationspräferenz reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als US-Eisenbahngesellschaften und Banken Vorzugsaktien nutzten. In den 1950er- bis 1970er-Jahren adaptierte die VC-Branche das Modell und machte es im Silicon Valley zum Standard. Doch obwohl die Klausel omnipräsent ist, sorgt sie bis heute für Missverständnisse.

Der Wirtschafts- und Tech-Anwalt Manuel Mofidian bringt es auf den Punkt: „Eine Liquidationspräferenz ist kein gesetzlich definierter Begriff, sondern eine Klausel in einem Beteiligungsvertrag, die man im Einzelfall auslegen muss, aber häufig einem gewissen spezialisierten Marktstandard entspricht.“ Verankert wird sie in der Praxis meist im sogenannten Shareholders Agreement (kurz SHA, deutsch: Gesellschaftervereinbarung). Es geht dabei nicht um die prozentuelle Beteiligung an einem Startup, sondern um die harte Reihenfolge bei der Verteilung von echten Einnahmen (Proceeds) nach einem bestimmten Trigger-Event – im Normalfall dem Exit.

„Vereinfacht gesagt ist die Liquidationspräferenz eine vertraglich vereinbarte Erlösvorzugs-Regelung. Im Normalfall wird ein Verkaufserlös entsprechend den Beteiligungsquoten (pro rata) verteilt; das entspricht auch der gesetzlichen Grundregel. Für den Exit-Fall soll jedoch eine Sonderregel geschaffen werden; mit mitunter überraschendem Ergebnis: Wer etwa 20 Prozent der Anteile hält, aber 70 Millionen Euro investiert hat, kann bei einem Verkaufserlös von 70 Millionen Euro den gesamten Erlös erhalten – und das dank einer Liquidationspräferenz“, so Mofidian.

„Erst wenn die jeweilige Liquidationspräferenz erfüllt wurde, kommt die nächste liquidationspräferierte Gruppe zum Zug; sind alle Liquidationspräferenzen bedient, wird der Rest pro rata verteilt“, erklärt der Wirtschaftsanwalt das sogenannte „Wasserfallprinzip“. Reicht das Geld bei einem mittelgroßen oder kleinen Exit nicht aus, könnten all jene, die ganz unten im Wasserfall stehen, leer ausgehen.

„Ein Startup durchläuft typischerweise gewisse Phasen“, erläutert Mofidian. „So lassen sich die Investorengruppen ganz gut typisieren: Häufig startet man mit ersten Investoren, Business Angels, Family and Friends, teilweise noch Convertibles. Hier herrscht oft noch eine andere Logik als bei späteren Investmentrunden, wo beispielsweise VC-Fonds einsteigen. In diesen späteren Runden, den ‚Series‘, mit professionelleren neuen Investoren verschieben sich regelmäßig die Kräfteverhältnisse, was zu einer Anpassung der Verträge und der damit verbundenen Rechte führt.“

Das Multiple (X-Faktor) als wichtiger Hebel

Bevor man sich jedoch in rechtliche Details und konkrete Definitionen vertieft, muss man bei Liquidation Preference einen wichtigen Hebel verstehen: das Multiple (oder den X-Faktor). Diese Zahl legt fest, wie viel von seinem ursprünglichen Investment der Geldgeber beim Exit vorrangig – also vor der allgemeinen Verteilung nach Beteiligungsquoten – beanspruchen kann.

Das „1×-Multiple“ findet sich so häufig in den Verträgen, dass man dieses fast schon als Branchenstandard bezeichnen könnte. Das bedeutet: Der Investor holt sich zunächst exakt jene Summe zurück, die er in das Startup gesteckt hat. Komplex wird es, wenn Investoren in schwierigen Marktphasen höhere Multiples durchsetzen. Liegt der Faktor bei 1,5×, 2× oder gar 3×, bedeutet das, dass der Investor vorab – also vor der Verteilung nach Prozenten – ein Vielfaches seines eingesetzten Kapitals fordern kann. „Der Faktor hat mit der Beteiligungsquote nichts zu tun: Auch wer nur ein Prozent hält, kann eine fünffache Liquidationspräferenz vereinbart haben“, erklärt Mofidian. Hat ein VC-Fonds also beispielsweise zehn Millionen Euro bei einem 2×-Multiple investiert, zieht er beim Exit sofort 20 Millionen Euro als Liquidationspräferenz ab, bevor der nächste Gesellschafter auch nur einen Cent sieht. Das schmälert den Erlös für Gründer:innen und frühe Investor:innen – mitunter auch für andere, im Rang nachstehende Investorengruppen – dramatisch.

Participating vs. non-participating

Wenn der Faktor (das Multiple) bzw. damit verbunden die Höhe geklärt ist, regeln weitere Zusätze, wie genau ein Investor am restlichen Erlös beteiligt wird.

So gilt „non-participating“ als die üblichste Variante. Der Investor hat hierbei ein Wahlrecht: Er erhält entweder vorab seine Präferenz, also zum Beispiel sein 1×-Investment, zurück, oder er verzichtet auf diesen Vorabzug und nimmt stattdessen seine reguläre prozentuale Quote am gesamten Erlös. Demgegenüber steht „participating“: Diese investorenfreundliche Variante bezeichnet Mofidian als „Eierlegende Wollmilchsau“ – der Geldgeber bekommt zuerst sein Investment als garantierte Risikoprämie vorab ausbezahlt und partizipiert danach zusätzlich noch entsprechend seiner prozentualen Quote am verbleibenden Erlös-Topf; er wird also faktisch doppelt bedient.

Rangordnung – „Senior“ und „Pari passu“

Aus Sicht eines Investors spielt es zudem eine große Rolle, in welchem Rang seine Liquidationspräferenz eingeordnet wird. „Die Ränge drücken das Rangverhältnis der Liquidationspräferenzen zueinander aus. Nach dem Wasserfallprinzip wird grundsätzlich jeder vorrangige Rang vollständig bedient, bevor Erlöse an den nachfolgenden Rang verteilt werden“, erklärt Mofidian. „Reicht der Erlös auf einem Rang nicht, um alle dort angesiedelten Präferenzansprüche voll zu bedienen, wird typischerweise pro rata verteilt – meist im Verhältnis der jeweiligen Präferenzansprüche. Der genaue Schlüssel ist aber Vertragssache.“

Wird der Liquidationspräferenz eines Investors ein „Senior“-Rang eingeräumt, bedeutet das Vorrang gegenüber den zu diesem Zeitpunkt bestehenden bzw. den vertraglich bezeichneten Liquidationspräferenzen. „‚Senior‘ ist eine relative Rangangabe – man ist immer gegenüber jemandem vorrangig. Soll der oberste Rang gemeint sein, spricht man etwa von ‚most senior‘ oder ‚senior to all other liquidation preferences‘. Maßgeblich ist am Ende ohnehin die Verteilungsreihenfolge der Waterfall-Klausel selbst“, so der Anwalt. Vor später geschaffenen „noch vorrangigeren“ Rängen könne man sich durch einen Zustimmungsvorbehalt schützen; das könne allerdings künftige Finanzierungsrunden erschweren und sei auch unüblich.

Mofidian weiter: „Investor:innen vereinbaren häufig, dass ihre Liquidationspräferenz ‚pari passu‘ mit den Liquidationspräferenzen anderer Investor:innen oder Anteilsklassen rangiert – die betreffenden Präferenzen sind dann gleichrangig, keine wird vor der anderen bedient. Innerhalb derselben Anteilsklasse ist eine ausdrückliche Pari-passu-Regelung häufig nur deklaratorisch, sofern für alle Anteile dieselben Präferenzrechte gelten; sie kann jedoch in einigen Konstellationen auch klarstellende Bedeutung haben. Eine wesentliche Bedeutung entfaltet sie zwischen unterschiedlichen Anteilsklassen oder Finanzierungsrunden: Man kann etwa festlegen, dass die Liquidationspräferenzen einer Series A und einer Series B trotz unterschiedlicher Anteilsklassen auf demselben Rang stehen. ‚Pari passu‘ beschreibt also nicht die Anteilsklasse als solche, sondern das Rangverhältnis der jeweiligen Präferenzen“. Gleichrangigkeit bedeutet dabei nicht zwingend, dass auch die Höhe der Präferenzansprüche, die Multiplikatoren oder die sonstigen Investorenrechte identisch sind.

Die Rangordnung führt in der Praxis oft zu sogenannten Stacked Preferences (gestapelten Präferenzen). Faktisch gesehen kommt es dabei meist zum Prinzip „Last in, first out“: Der späteste Geldgeber (z. B. der Lead-Investor der Series C) sichert sich meist den höchsten Rang und holt sich beim Exit (nach Rückführung von Fremdkapital) als Allererster sein Geld aus dem Topf. Ist seine Präferenz bedient, darf sich die vorherige Series B aus dem verbleibenden Rest bedienen; und so weiter bis hinunter zur Series A. Häufig warten am Ende der Nahrungskette die frühen Seed-Investoren sowie Gründer:innen und Mitarbeiter:innen mit ESOP-Anteilen – ist der Exit-Erlös nicht hoch genug, ist der Topf leer, bevor sie erreicht werden.

„Eine der Schwierigkeiten bei Liquidation Preferences ist die Unschärfe der Begrifflichkeiten“, betont Mofidian an dieser Stelle und erklärt, warum es zu Streitereien unter den Beteiligten kommen könnte. Ein typischer Konfliktherd können Triggerdefinitionen sein: Was ist ein Exit? In einem „frühen“ Vertrag kann ein Exit anders definiert sein als im späteren Beteiligungsvertrag. Dazu kommen Side Letters bzw. in Investitionsdokumenten enthaltene Rechte, bei denen Widersprüche auftreten können. Liquidationspräferenzen können ein sinnvolles Instrument der Risikoverteilung sein – aber es kann zu unangenehmen Überraschungen kommen, weil die Beteiligten nicht jedes Szenario durchdenken und durchrechnen.

Die Schicksalsgemeinschaft der Frühphase

Oliver Holle, CEO des Seed-VCs Speedinvest, sieht die Debatte vor allem für die Frühphase pragmatisch: Dank klarer Standards (1×, non-participating) bilden frühe Kapitalgeber und Gründer:innen hier eine Schicksalsgemeinschaft im Sinne von „engsten Verbündeten“. Dramatisch wird es jedoch bei Wertberichtigungen in späten Runden, wenn sich die Ansprüche durch viel frisches Kapital massiv aufsummieren – die bereits erwähnten Stacked Preferences. Wie das in der Praxis aussieht, veranschaulicht Holle am E-Scooter-Anbieter Tier, dessen Preference-Stack nach mehreren Runden und Mergern auf fast eine Milliarde Euro angewachsen ist: „Das sind sie jetzt doch nicht mehr wert. Das heißt, wir haben das wahrscheinlich schon lange auf null abgeschrieben, und die Gründer auch, weil wir da kein Geld rausholen werden, auch wenn diese Firma für fünf-, sechs- oder siebenhundert Millionen Euro verkauft wird. Das ist also eine Realität, die wir absolut durchlebt haben.“ Und damit ist Speedinvest nicht allein.

Konflikte, Statistiken und eine mögliche Zukunft

Was konkrete Statistiken angeht, gibt es im DACH-Raum kaum belastbare öffentliche Marktdaten. Mofidians subjektiver Praxisbeobachtung nach kommen Liquidationspräferenzen jedoch in fast jedem Deal vor, sind ein von Investoren erwarteter Standard und in ihrer Grundform kaum wegzuverhandeln.

Aufgrund globaler Krisen brauchten viele Startups zuletzt jedoch Bridge-Finanzierungen. Um ihre Bewertungen hochzuhalten („Vanity Valuation“), akzeptierten Gründer:innen oft harte Konditionen. Mofidian kann sich vorstellen, dass es in Zukunft aufgrund dieser Dynamik zu Konflikten kommen könnte: „Aufgrund von Brückenfinanzierungen könnten Liquidationspräferenzen wahrscheinlich jetzt relevanter werden, weil wir jetzt einige Senior-Investoren sehen, die zu sehr guten Terms eingestiegen sind, darunter auch Verkaufsrechte. Wenn du in den letzten Jahren investiert hast, und das zu einer vermeintlich guten Bewertung, mit starken Terms, und dir viele Rechte geholt hast, jetzt aber daran zweifelst, dass eine neue Runde zu einer höheren Bewertung realistisch ist, dann pushst du möglicherweise in den Exit. Und das machst du wahrscheinlich nur, weil du eine Liquidationspräferenz, vielleicht sogar mit einem ‚Über-Eins-Faktor‘, hast“, zeichnet Mofidian eine mögliche Zukunft für die heimische Szene. „Ich kann mir vorstellen, dass die Logik, die Liquidationspräferenzen und anderen damit funktionell verbundenen Terms zugrunde liegt, dazu führt, dass der eine oder andere Investor sagt: ‚Ich nutze jetzt meine vertraglichen Möglichkeiten, dränge auf den Exit und hole mir lieber mein Investment 1,5-fach plus ein bisschen extra vom verbleibenden Erlöstopf. Das macht mehr Sinn, als nur darauf zu hoffen, dass es noch eine Runde zu einer viel höheren Bewertung gibt – und selbst wenn sich das so großartig entwickelt, was nicht sicher ist, steht der nächste Investor vermutlich nach dem Last-in-first-out-Prinzip mit seiner Präferenz wieder vor mir.‘“

Der Anwalt ergänzt: „‚Drängen‘ heißt in diesem Kontext: Wenn dieser Investor – etwa in Kombination mit anderen Investoren – starke Drag-Along-Rechte hat, kann er den Verkauf auch gegen den Willen der Founder rechtlich erzwingen.“ Dies gelte selbst dann, wenn die Founder die Bewertung als zu niedrig empfänden und aufgrund der Liquidation Preference leer ausgingen.

Trotz dieser Konsequenzen betont Mofidian nachdrücklich, dass man das Thema auch aus der Investorenperspektive betrachten muss: Die Liquidationspräferenz sei per se nichts Böses und in der Praxis völlig in Ordnung, wenn man sie korrekt verwendet. „Man muss diese Klauseln verstehen, durchrechnen und verschiedene Szenarien durchspielen, damit böse Überraschungen ausbleiben“, sagt der Jurist.

Secondaries als mögliches Instrument

Für Gründer gilt laut dem Experten eine wichtige Regel: Man sollte sich niemals nur auf eine möglichst hohe Firmenbewertung fixieren, wenn die Vorzugsrechte der Investoren im Gegenzug gefährlich stark ausgeprägt sind. Mofidian rät, das Term-Sheet stets als bewegliches Gesamtsystem zu betrachten.

Anstatt Deals aus reiner Angst vor einem Null-Ausstieg kategorisch platzen zu lassen, empfiehlt der Anwalt, allenfalls ungünstigere Liquidationspräferenzen durch andere Mechanismen auszugleichen. Dazu zählen klug verhandelte Drag-Along- und Tag-Along-Rechte. Wenn der Druck allerdings über die Jahre extrem hoch wird, seien Secondaries ein mögliches Tool: Durch den vorzeitigen Verkauf eines kleinen Teils der eigenen Anteile an spätere Investoren könnten Gründer bereits auf dem Weg zum Exit etwas Geld auf dem Privatkonto sichern.

„Das ist jedoch nicht gern gesehen und auch in Österreich oder im DACH-Raum relativ unüblich, aber es passiert“, sagt Mofidian. „Nach ein paar Jahren Arbeit kann man in so einem Fall sagen: ‚Ich habe eine ordentliche Netto-Summe auf meinem Konto. Das erlaubt mir zumindest, mit freiem Kopf weiter an meiner Vision zu bauen.‘“

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