06.09.2021

Höhle der Löwen: Staffel 10 mit türkischen Hausfrauen und Laufmäusen

Einmal mit Alles! Oder doch viel mehr? Die Höhle der Löwen bot moderne Istanbuler Küche, eine Gamification-App für Kinder zum Instrumente lernen und eine Maus, die nicht für den PC gedacht ist.
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Höhle der Löwen, Osmans Töchter,
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer - (v.l.) Yudum Korkut, Arzu Bulut und Constanza Hörrmann präsentierten mit "Osmans Töchter" kulinarische Köstlichkeiten aus Istanbul.
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Eine Dekade von zitternden Foundern, spannenden und kuriosen Startups, hohen Investments und durch Löwengebrüll auch kritischen Worten fand heute ihren Anfang. Mit dabei die üblichen Gesichter, glückliche Gründer, aber auch alte Fehler. Die ersten in der Höhle der Löwen – die immer montags um 20.15 Uhr bei VOX sowie jederzeit auf Abruf über TVNOW.at zu sehen ist – waren die Gebrüder Carlos und Rui Ramalheiro. Sie haben mit Classplash eine Musik-Lern-App für Kinder entwickelt.

Die beiden Gründer betraten bewaffnet mit Ukulele und Flöte musikalisch die Löwenhöhle und stellten ihr Startup vor. Classsplash ist ein Unternehmen für Musik-Lern-Apps für Kinder. Die Kunst der Melodie hat in dem Leben der Brüder schon immer eine große Rolle gespielt. Seit über 20 Jahren ist Carlos begeisterter Musiker, Musikpädagoge und leitet eine eigene Musikschule: „In meiner täglichen Arbeit sehe ich die positiven Effekte des Musizierens. Doch Noten schrecken vor allem Kinder davon ab, ein Instrument zu lernen“, weiß er.

Innovativster Lehrer der Welt in der „Höhle der Löwen“

Mit Classplash soll sich das ändern, so der Plan der Founder. Ihre Musik-Lernwelt ähnelt einem Computerspiel, wo es darum geht, Punkte durch Noten zu sammeln und anstatt eines Joysticks wird ein echtes Instrument benutzt. „Ich entwickelte das Konzept mit meinen Schülern und Schülerinnen und bewarb mich bei einem internationalen Lehrerwettbewerb. Das Resultat: Ich erhielt die Auszeichnung als innovativster Lehrer der Welt. Diese Auszeichnung hat unser Leben verändert, denn von nun an hatten wir ein großes Ziel“, so Carlos weiter.

Gamification-Ansatz zum Notenlernen

Classplash hat daher Lern-Apps für unterschiedliche Musik-Instrumente entwickelt. Dabei lernen Kinder spielerisch Instrumente spielen und Noten lesen. Das Besondere daran sei ist die Kombination aus einem analogen Musik-Instrument und einer digitalen App. Das Mikrofon des Handys, Tablets oder Computers erkennt in Echtzeit die vom Instrument gespielten Töne und erzeugt dadurch eine direkte Reaktion der Spielfigur. Insgesamt haben die Brüder sechs Apps für unterschiedliche Musik-Instrumente und unterschiedliche Altersstufen entwickelt. Ihr Angebot: 350.000 Euro für zehn Prozent der Firmenanteile.

(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Die Brüder Rui Manuel (l.) und Joao Carlos Duarte Ramalheiro haben mit Classplash Musik-Lern-Apps für Kinder entwickelt.

Nachdem Multi-Investor Carsten Maschmeyer das F auf einer Flöte nicht gefunden hat, demonstrierte die Schülerin Nele, wie genau der Gamification-Ansatz des Startups funktionierte. Die App zeigt an, welche Noten man spielen muss, damit die Figur im Spiel erfolgreich Punkte sammelt.

Thema Firmenbewertung

Danach kamen die Löwen an die Reihe, schnappten sich Flöten und die Ukulele und testeten die App selbst aus. Anschließend ging es um Zahlen. Mit 110.000 Euro Umsatz 2020 empfanden Konzernchef Nils Glagau und LEH-Experte Ralf Dümmel die Firmenbewertung als zu hoch angesetzt.

Roland Emmerich interessiert

Aus diesem Grund verabschiedete sich Glagau als erster Löwe der aktuellen Staffel. Die Gründer wollten danach punkten, dass sich Filmemacher Roland Emmerich bei ihnen gemeldet hätte, da aktuell die Zauberflöte verfilmt werde. Classplash dürfe die dazugehörige App und das „Bundle“ entwickeln, das weltweit vertrieben werden soll.

Medien-Investor Georg Kofler und Dümmel blieben dennoch skeptisch und gingen ebenfalls ohne Angebot. Maschmeyer meinte, den beiden Gründern fehle eine Vertriebsperson, das würden die niederen Umsätze zeigen. Ein Löwe weniger. Letzte Hoffnung Judith Williams erwies sich als keine und sandte die Gründer ohne Deal aus dem Studio.

Osmans Töchter

Die Zweiten die sich in die „Höhle der Löwen“ wagten, waren die drei selbsternannten Genussbotschafterinnen der türkischen Küche Arzu Bulut, Yudum Korkut und Constanza Hörrmann. 2012 eröffnete Bulut gegen den Willen ihrer Familie das erste Restaurant namens Osmans Töchter. Mittlerweile gibt es zwei Restaurants in Berlin und bei beiden stehen Meze auf der Karte.

Hausfrauen und junge Istanbuler

„Das sind typische türkische traditionelle Speisen, die man sich in die Mitte des Tisches stellt“, erklärte Korkut. Die Besonderheit bei Osmans Töchter: Türkische Hausfrauen, die in ihren Berliner Restaurantküchen arbeiten, treffen auf die kreativen Ideen von jungen Köch:innen aus Istanbul. Durch diese Zusammenarbeit werden die traditionellen Rezepte gemeinsam neu interpretiert. Neben den Restaurants starteten die drei Gründerinnen einen Onlineshop, für den sie ein Investment suchten.

Restaurants schließen

„Wir wollten auch die Gäste kulinarisch verwöhnen, die keinen Tisch mehr bei uns bekommen haben. Mitten in unserer Planung kam dann die Pandemie und wir mussten die Restaurants schließen. So hatten wir noch mehr Gründe, unsere Speisen auch für daheim anzubieten“, erklärte Constanza. Ihr Sortiment umfasst 25 Meze-Variationen, die täglich frisch produziert und online bestellt werden können. Für 170.000 Euro boten die Genussbotschafterinnen 20 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Die Kostprobe von diversen Speisen brachte die Löwen ins Schwärmen – Formel 1 Weltmeister Nico Rosberg verwendete Begriffe wie phänomenal und gigantisch, Maschmeyer das Wort „unique“.

Beste Kostprobe der „Höhle der Löwen“

Letzterer nannte es auch „das Leckerste“ was er in der Show zu kosten bekommen hätte. Aber er sei eigentlich kein Food-Investor, zudem gebe es das Problem mit der kurzen Haltbarkeit von fünf Tagen im Kühlregal. Er ging. Kofler stimmte seinem Vorredner zu, dass es das beste Essen der Show gewesen sei. Allerdings mangelte es ihm an der Skaliermöglichkeit, sehe er sich die Idee an.

Rosberg sprach kurz von der Stiftung von Prinz Charles, die er in Saudi-Arabien besucht habe, gab zu, eigentlich keinen guten Grund zu haben auszusteigen, tat es aber dennoch, da er „selektiv“ sein müsse. Nach diesem kryptischen Abschied als potentieller Investor durfte Glagau das Wort übernehmen.

Zwei Angebote

Der begann mit großem Lob, versprach das er ihr Essen „groß machen“ könnte und bot 170.000 Euro für 30 Prozent Beteiligung. Familien-Investorin Dagmar Wöhrl hob die Vorbildwirkung der drei Damen hervor, die mitten in der Pandemie ihren Onlineshop geschaffen hätten. Auch sie bot 170.000 Euro, allerdings für „nur“ 25 Prozent. Aus dem Frauentrio wurde ein weibliches Quartett. Deal für Osmans Töchter.

Duft fürs Auto

Die Dritte in der „Höhle der Löwen“ war die Belgierin Kim Lohmar mit ihrem Startup Astalea (Anm.: zur Aufzeichnung noch Asalea). Sie erklärte gleich zu Beginn: „Ich liebe es, mich mit schönen Düften zu umgeben. Mit Düften verbinden wir Menschen, mit Düften verbinden wir Erinnerungen und Orte. Düfte sind etwas sehr Emotionales.“

Gründerin war bei L´Oréal

Bereits als Kind spielte Lohmar mit den Parfüm-Flakons ihrer Mutter und war sich damals schon sicher, dass es sie auch beruflich in die Kosmetik-Branche ziehen würde. Gesagt, getan: „Ich habe einige Jahre bei der Firma L´Oréal gearbeitet und war dort im Außendienst tätig. Das heißt, ich habe sehr viel Zeit in meinem Auto verbracht“, so die Berlinerin.

Atsalea, Höhle der Löwen
(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Kim Lohmar wagte sich mit „Astalea“, einem Duft-Diffuser für das Auto, in die Höhle der Löwen.

Damit es auch in ihrem Auto gut duftet, testete sie sich durch die Autoduftwelt. Fand aber nicht das Richtige. So entwickelte sie mit Astalea einen Aroma-Duftstein für das Armaturenbrett. Der feinporige Stein aus hundertprozentig organischer Kieselgur wird, knapp erklärt, mit dem Lieblings-Parfum oder ätherischen Ölen besprüht und soll so für ein individuelles Dufterlebnis im Auto sorgen.

Magnetclip

Durch einen Magnetclip kann der Diffuser im Auto an der Lüftungslamelle angebracht werden. „Je nach verwendetem Duft hält das Dufterlebnis bis zu 14 Tage an. Das wunderbar Nachhaltige daran ist nicht nur das organische Material, sondern dass man den Duftstein auch immer wieder nachbestäuben kann“, erklärte die Gründerin. Ihr Portfolio umfasst nicht nur den Duftstein, sondern auch korrespondierende Düfte mit etwa Birnen- oder Kaffeearoma. Für 70.000 Euro bot Lohmar 20 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Die Gründerin machte in den darauffolgenden Minuten eine gute Figur, erzählte, dass sie eine „One-Woman“-Show sei und bisher 18.000 Euro Umsatz gemacht habe. Maschmeyer meldete sich danach mit der nettesten Absage, die er je gemacht habe – und versprach, dass er wiederkehren würde, wenn kein anderer Löwe Interesse habe.

Schnell „Brand“ aufbauen

Nach dieser „Versicherung“ wollte Wöhrl wissen, wie man sich vor Nachahmern schützen könnte. Lohmar erklärte, dass es darum ginge, sich schnell eine „Brand“ aufzubauen. Bekannt zu werden.

Für die Familien-Investorin war jedoch der Duft-Markt zu groß und sie stieg aus. Williams gab zu, dass der Bereich der Parfümindustrie zwar umkämpft sei, ihr Team aber auch sehr stark wäre. Sie bot 70.000 Euro für 20 Prozent. Glagau verabschiedete sich daraufhin, als Dümmel zu einer Lobesrede ansetzte.

Er sah den riesigen Vorteil, dass man bei Astalea selbst bestimmen könne, welchen Duft man riechen wolle. Und bot das Gleiche wie Williams. Lohmar nahm Dümmel mit ins Boot. Deal für Astalea.

Eine Maus zum Laufen in der „Höhle der Löwen“

Der letzte, den es in die „Höhle der Löwen“ verschlug, war der 69-jährige Horst Schüler. Der Sportmediziner stellte mit der Unterstützung seines drei-köpfigen Teams – Martin Rutemöller (50, Geschäftsführer, Vertrieb und Marketing), Oliver Baumgärtel (45, Finanzen) und Thomas Pieper (59, Produktion) – seine Laufmaus vor.

(c) TVNOW / Bernd-Michael Maurer – Martin Rutemöller, Oliver Baumgärtel, Horst Schüler und Thomas Pieper erfanden mit der LAUFMAUS eine Laufhilfe für Jogger.

Dabei handelt es sich um ein Griffelement, dessen Handhabung beim Laufen automatisch für eine entspannte und gesündere Körperhaltung sorgen soll. Anlass für diese Erfindung ist ein persönlicher Schicksalsschlag von Horst Schüler. 2007 hatte der Arzt einen schweren Autounfall.

Keine Kontrolle über Arme und Beine

„Ich erlitt Rückenmarksverletzungen im Bereich der Halswirbelsäule und ich verlor die Kontrolle über meine Arme und meine Beine. Es begannen sieben harte Jahre mit einer komplizierten Operation und Reha. Ich hatte starke Verkrampfungen im Bereich der Hände und Arme, aber ich fand eine Entlastungsposition, die meine Verkrampfungen minderten“, erzählte er.

Aus Knetmasse formte er sich ein Tool, das ihm half, diese bestimmte Position seiner Arme und Hände ermüdungsfrei beibehalten zu können – in einer Art Fingerpistol-Haltung: „Dieses kleine Hilfsmittel brachte mich tatsächlich wieder auf die Beine. Ich begann sogar wieder mit dem Lauftraining und bin heute zu hundert Prozent wieder beschwerdefrei.“

Die ergonomisch geformte und leichte Konstruktion (67 Gramm) soll dafür sorgen, dass sich der Handrücken leicht nach außen dreht, der Daumen zeigt nach vorn oben, der Zeigefinger ist durch eine Schleife fixiert und gestreckt. Das Resultat laut Gründer: Im Unterarm tritt eine Entspannung ein, der Oberkörper richte sich auf und sei stabiler. Um durchzustarten, benötige das Team ein Investment von 280.000 Euro und bot dafür 17,5 Prozent ihrer Firmenanteile.

Joggende Löwen

Glagau testete auf einem Laufband die Erfindung, gab zu, dass er eine Haltungsänderung bemerke. Auch Williams ließ es sich nicht nehmen Fuß anzulegen und joggte ebenfalls im Studio. Maschmeyer tat es ihr als dritter Löwe gleich.

Bisher wurden in sechs Monaten rund 80.000 Euro Umsatz vom Laufmaus-Team erwirtschaftet. Vertrieben wird über den Onlineshop. Dümmel war der erste, der ging, weil Schülers Produkt erklärungsbedürftig sei. Die Löwen wollten danach konkrete Daten haben, was die Gründer aber nicht liefern konnten. Dies verschreckte Williams und auch sie schritt ohne Angebot von dannen.

Zwei Deals

Währenddessen berieten sich Maschmeyer und Glagau, die die Laufmaus als sinnvolles Produkt ansahen. Beide würden gerne das Produkt zu „allen Läufern“ und zu anderen Zielgruppen bringen, so die Quintessenz der Löwenberatung. Sie boten zusammen 280.000 Euro für 30 Prozent. Kofler, der die Laufmaus die ganze Zeit nicht aus den Händen gelegt hatte, wollte ebenfalls einsteigen und offerierte ebenfalls 280.000 Euro für 30 Prozent Beteiligung.

Das Quartett kehrte nach kurzer Beratung mit einem Gegenvorschlag zurück, legten 25,1 Prozent auf den Tisch und nahmen Maschmeyer und Glagau ins Team. Deal für die Laufmaus.

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USB-Stick Erfinder Dov Moran im Interview. (c) LinkedIn/Dov Moran

Mit der Gründung von M-Systems und der Erfindung des USB-Flash-Laufwerks sowie revolutionärer Speicherlösungen schrieb der israelische Halbleiter-Pionier Dov Moran Technologiegeschichte, bevor er sein Unternehmen für rund 1,6 Milliarden US-Dollar an SanDisk verkaufte. Heute lenkt er als Managing Partner beim Deep-Tech-Fonds Grove Ventures als einer der angesehensten Tech-Investoren Israels die Zukunft von KI, Halbleitern, Cloud-Infrastruktur und digitaler Gesundheit.

Der Tech-Pionier und Investor erklärt im Interview, dass im aktuellen KI-Boom vor allem die physische Infrastruktur entscheidend ist und sich Europa statt auf Defense-Tech auf Nischen wie Quantentechnologie konzentrieren sollte. Darüber hinaus empfiehlt er staatliche Unternehmensbeteiligungen nach taiwanesischem Vorbild sowie eine Kultur, die echten Gründergeist und Mut zum Risiko fördert.

brutkasten: Sie haben geholfen, mit dem USB-Flash-Laufwerk eine der am weitesten verbreiteten Technologien der Welt zu erfinden. Wenn Sie zurückblicken: Was unterscheidet bahnbrechende Innovationen von Technologien, die niemals skalieren?

Dov Moran: Zunächst einmal ist der USB-Stick heute ein totes Produkt. Nur noch sehr wenige Menschen benutzen ihn, aber genau das ist das Wesen von Technologie: Man baut etwas auf, und das dient dann als Fundament für etwas Fortschrittlicheres. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich einen kleinen Teil zu dieser Infrastruktur beitragen konnte.

Bei M-Systems haben wir damals allerdings noch andere Dinge erfunden, die ich für fast noch wichtiger halte, auch wenn sie für Endkunden weniger sichtbar waren. Damals gab es zwei Arten von Flash-Speicher: NAND-Flash für reine Daten und NOR-Flash – dominiert von Intel und AMD –, um den Code für das Betriebssystem zu speichern. Das gesamte Marktkonzept sah vor, dass jedes System beide Komponenten benötigt. Wir haben damals eine technologische Lösung gefunden, um den NOR-Flash komplett zu eliminieren und den Code direkt in den NAND-Flash zu integrieren. Unser Weg, dieses Problem zu lösen, hat das NOR-Flash-Geschäft für Intel und AMD grundlegend verändert, aber gleichzeitig in jedem einzelnen Telefon auf der Welt den Platzbedarf reduziert und etwa drei Dollar pro Gerät gespart. Bei rund einer Milliarde produzierten Telefonen pro Jahr haben wir der Welt somit jährlich drei Milliarden Dollar eingespart.

Welche Technologie erinnert Sie heute am meisten an die Anfangstage des Flash-Speichers?

Ich denke, wir sehen derzeit eine grundlegende Wende auf dem Markt – weg von einer rein softwaregetriebenen Welt hin zu einer Welt der Infrastruktur. Marc Andreessen sagte einmal: „Software eats the world.“ Heute geht es jedoch vor allem darum, die richtige Hardware- und Infrastrukturbasis zu schaffen: Wir brauchen die richtigen CPUs, wir müssen das enorme Problem des Energieverbrauchs und der Kühlung lösen und wir müssen Rechenzentren bauen, die deutlich effizienter und effektiver sind.

Was heute an Infrastruktur existiert, kann die weltweite Nachfrage schlichtweg nicht bedienen, wenn bald jeder Mensch KI nutzt, forscht und eigene Agenten baut. Wenn auch nur zehn Prozent der Bevölkerung anfangen, intensiv KI-Agenten zu bauen und zu nutzen, würden unsere heutigen Systeme zusammenbrechen. Die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz steht genau vor solchen fundamentalen technologischen Skalierungsaufgaben.

Alle sprechen über KI. Wo sehen Sie die größten Chancen jenseits der aktuellen KI-Welle beziehungsweise wo sollte sich Europa positionieren?

KI ist eine gewaltige Revolution, die das Leben aller Menschen beeinflussen wird – vom Reinigungspersonal bis hin zum Leiter einer Onkologie-Abteilung, dessen Diagnostik und Behandlungsweisen sich grundlegend verändern werden. Eine so große Transformation bringt natürlich für jeden enorme Chancen mit sich – für Einzelpersonen, Krankenhäuser, das Bildungswesen und für ganze Staaten.

Wenn ein Land wie Österreich entscheidet, in diesen Markt zu investieren, sollte der Fokus auf der Infrastrukturebene oder auf sehr gezielten Nischen liegen, nicht auf reinen Anwendungen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Österreich versuchen sollte, im Bereich Defense Tech zu konkurrieren. Dieser Markt erfordert gewaltige Kapazitäten, riesige Budgets und spezifisches Know-how, wie es in den USA oder aufgrund ständiger Konflikte in Israel und der Ukraine existiert.

Man muss Nischen finden, in denen man wirkliche Wettbewerbsvorteile aufbauen kann. Das könnte zum Beispiel die Quantentechnologie sein, die Kombination aus Gesundheitswesen und KI oder hochentwickelte Sensorik für eine bessere medizinische Überwachung von zu Hause aus.

Israel bringt trotz seines relativ kleinen Marktes kontinuierlich globale Technologie-Champions hervor. Was erklärt diesen Erfolg und wie wird Unternehmertum dort gefördert?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Erfindern, Unternehmern und operativen Managern. Viele Erfinder kommen von Universitäten, aber selbst die beste Erfindung oder das beste Patent scheitert, wenn man nicht weiß, wie man ein Unternehmen führt und skaliert. Ich bin der festen Überzeugung, dass Unternehmertum und Innovation viel früher im Bildungssystem verankert werden müssen – spätestens an den weiterführenden Schulen.

Das Bildungssystem muss weg vom reinen Frontalunterricht und Auswendiglernen, hin zu echter Interaktion, Teamwork und praktischer Projektarbeit. Ich bin selbst Verwaltungsratsmitglied einer 150 Jahre alten jüdischen Schulkette namens ORT. Um den Schülern dieses Denken nahezubringen, habe ich ein Buch über Unternehmer geschrieben, das nach jedem Kapitel Diskussionsfragen aufwirft. Ich beginne darin mit Abraham als dem „ersten jüdischen Unternehmer“, der den Monotheismus erfunden hat.

Im Talmud gibt es die Geschichte, dass Abraham die Götzenstatuen im Laden seines Vaters zerstörte, weil er die Logik dahinter hinterfragte, und danach seine Heimat verließ, um ins Ungewisse nach Israel zu ziehen. Genau das passiert vielen Gründerinnen und Gründern: Sie haben eine Vision, jeder sagt ihnen, dass es unmöglich ist, und sie müssen bereit sein, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen, um ihr Ziel zu erreichen. Schüler müssen lernen, solche kritischen Fragen zu diskutieren: Was bedeutet es, ins Ungewisse zu gehen? Ist Unternehmertum immer gut oder birgt es auch Risiken? Diese mentale Vorbereitung ist die Basis für eine Innovationskultur.

Was kann Europa und speziell ein Land wie Österreich von der israelischen Innovationskultur und anderen globalen Vorreitern lernen?

Zunächst einmal können auch wir viel von Europa lernen – zum Beispiel, wie man ein Land so lebenswert und friedlich gestaltet. Was die Förderung von Technologie betrifft, lohnt sich für Europa jedoch ein Blick nach Taiwan, speziell auf das ITRI-Institut (Industrial Technology Research Institute).

Der Staat dort verteilt nicht einfach nur passiv Fördergelder an Unternehmen, was oft nicht der klügste Weg ist. Stattdessen definieren kluge Köpfe alle paar Jahre strategische Zukunftsmärkte. So wurde vor Jahrzehnten entschieden, dass der Bau von Halbleiterwerken entscheidend sein wird, woraufhin man gezielt den Gründer von TSMC aus den USA zurückholte. Heute hängt die gesamte Weltwirtschaft von TSMC ab, was für Taiwan zugleich ein enorm starkes sicherheitspolitisches Instrument ist.

Ein weiterer entscheidender Punkt ist, wie Staaten investieren: Wenn staatliche Innovationsbehörden Unternehmen mit Kapital unterstützen, sollten sie dafür im Gegenzug auch Unternehmensanteile (Equity) erhalten, anstatt nur verlorene Zuschüsse zu verteilen. Der Staat sollte sich als stiller Gesellschafter beteiligen, sich nicht in das operative Tagesgeschäft einmischen, aber bei einem erfolgreichen Exit sein Geld inklusive Rendite zurückerhalten. So kann ein Staat mit Innovation tatsächlich Geld verdienen, das wieder in das Ökosystem zurückfließen kann.

Welchen Rat würden Sie Gründern geben, die heute in Europa Deep-Tech-Unternehmen aufbauen?

Schauen Sie sich genau an, wer in der aktuellen Marktphase wirklich Geld verdient. Im KI-Bereich verlieren viele Software- und Anwendungsunternehmen derzeit Milliarden, während diejenigen, die die Infrastruktur und Hardware bereitstellen – wie Nvidia oder TSMC als deren Auftragsfertiger –, enorm erfolgreich sind.

Wir erleben eine Wende: Es reicht nicht mehr aus, nur auf reine Software-Anwendungen zu setzen. Die wahren Deep-Tech-Chancen liegen heute in der Lösung fundamentaler physischer und technischer Probleme – sei es bei der Energieeffizienz, der Kühlung von Rechenzentren, fortschrittlichen Halbleitern oder auch in der Weltraumtechnologie (Space Tech). Wenn Sie ein Unternehmen aufbauen, fokussieren Sie sich auf diese harten Infrastruktur- und Technologieprobleme, die die Welt zwingend lösen muss.

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