11.11.2019

Höhle der Löwen: Marketing-Expertin über die Startups aus Folge 11

Für Folge 11 von "Die Höhle der Löwen" treten diesmal fairment, HomeShadows, ooshi, Scansation und Elimba an. Marketingexpertin Sabrina Oswald bewertet die Startups vorab.
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Höhle der Löwen DHDL
Investorin Dagmar Wöhrl nimmt das Kakaogetränk von "Elimba" genau unter die Lupe. (c) TVNOW / Bernd Michael

Vergangene Woche bewertete Marketingexpertin Barbara Rauchwarter, CMO der APA und Präsidentin der Österreichischen Marketing-Gesellschaft, für uns die DHDL-Startups aus Folge zehn aus strategischer Perspektive. Die Marketingexpertin Sabrina Oswald (Geschäftsführende Gesellschafterin der Futura GmbH und Vorstandsmitglied der Österreichischen Marketing-Gesellschaft) beleuchtet für Folge 11 von „Die Höhle der Löwen“ die fünf Startups aus strategischer Perspektive und bewertetet das Marketingpotenzial der Produkte schon vorab.

+++Höhle der Löwen: Marketing-Expertin über die Startups aus Folge 10+++

1. fairment aus Berlin

Leon Benedens (33) und Paul Seelhorst (34) aus Berlin möchten die positiven Wirkungen der Fermentation wieder in die Köpfe der Verbraucher bringen. Am Beispiel von Kombucha erklären sie den „Löwen” ihre Geschäftsidee. Der Kombucha ist ein fermentierter Tee, der entsteht, wenn gezuckerter Tee mit einem Kombucha Pilz inkubiert. Durch den Prozess der Fermentation wird aus dem ursprünglichen Zuckertee mit Hilfe von nützlichen Bakterien und Hefen eine wertvolle Vitamin- und Nährstoffquelle: Besonders Vitamin C, eine Bandbreite an B-Vitaminen, Antioxidantien und zahlreiche Probiotika, machen Kombucha so wirkungsvoll. Der Genuss von Kombucha soll z.B. die Darmflora ins Gleichgewicht bringen, die Leber bei der Entgiftung unterstützen und schöne Haut machen.

Das Gründerduo lässt eine alte Gesundheitsweisheit aufleben und bietet mit fairment ein Set an, mit dem jeder seinen eigenen Kombucha zuhause ansetzen kann. Der Lieferumfang umfasst einen Pilz, auch Scoby genannt, sowie Tee, Zucker, das Glas und Zubehör. Mit einer Anleitung ist das Kombuchabrauen leicht durchführbar. Im fairment-Repertoire bieten die Gründer außerdem Sets für Wasserkefir, Milchkefir, Ingwerbier oder auch Produkte für Sauerteig und veganen Joghurt an. Vor vier Jahren haben Leon Benedens und Paul Seelhorst gegründet und vertreiben über ihren Onlineshop.

Website: https://www.fairment.de/

Die Einschätzung der Expertin

Fairment, mit dem Begriff Fermentation spielend, hat uns überrascht. Der Vorgang beschreibt die chemische Umwandlung von Stoffen durch Bakterien und Enzyme. Dieses Verfahren dient zur Entwicklung des Aromas in verschiedensten Lebens- und Genussmitteln. Auch wenn man noch nie davon gehört hat, kennt jeder insgeheim diesen Prozess – angefangen bei Produkten wie Kombucha, Kefir oder Sauerteigbrot. Fairment bringt nun die zeitgemäße DIY-Version auf den Markt.

Die beiden Gründer aus Berlin bieten ein Set an, mit dem jeder seinen eigenen Kombucha zuhause ansetzen kann. Der Lieferumfang umfasst einen Pilz, auch Scoby genannt, sowie Tee, Zucker, das Glas und verschiedenes Zubehör. Mit einer beigelegten Anleitung ist das Kombuchabrauen leicht durchführbar. Im fairment-Repertoire bieten die Gründer außerdem Sets für Wasserkefir, Milchkefir, Ingwerbier oder auch Produkte für Sauerteig und veganen Joghurt an.

Die Webseite lädt extrem schnell, Instagram und Facebook Auftritte sind auch auffindbar. Die Performance ist auf allen Kanälen zufriedenstellend und bietet sinnvolle Inhalte wie Rezepte, FAQs oder einen Onlineshop. Wir fragten uns anfangs, wie viele User sich tatsächlich für das Thema „Fermentieren“ interessieren würden, und ob hier eine DIY-Lösung gut ankommt. Die Antwort: überraschend viele.

Recherchiert man bei Trusted Shops, so findet man rund 2.100 Bewertungen, davon sind 1.919 mit 5 Sternen. Wow, an dieser Stelle lässt sich wirklich nichts bemängeln. Ein nächster Blick auf Amazon überzeugte uns in gleichem Maße: 236 Bewertungen und zu 94 Prozent mit 5 Sternen. Zusammenfassend haben die Gründer sowohl den Zeitgeist getroffen als auch ein tolles Produkt geschaffen.

Marketingtipp: Man merkt, ihr habt eure Hausaufgaben gemacht. Wir drücken die Daumen, dass mindestens einer der Löwen ein Fan des Fermentierens ist.

2. HomeShadows aus Wien (Österreich)

Gerd Wolfinger (50) spricht aus eigener Erfahrung: „Vor vier Jahren wurde bei uns in der Wohnung eingebrochen. Der materielle Schaden war nicht sehr hoch, aber das Gefühl danach ungut.“ Einbrüche sind leider keine Seltenheit: „EU-weit findet alle 23 Sekunden ein Einbruch statt, in Deutschland immerhin alle viereinhalb Minuten. In den meisten Fällen ist der Geschädigte nicht zuhause”, erklärt Roland Huber (50). Damit es den Langfingern nicht mehr so leicht gemacht wird, hat Gerd Wolfinger mit HomeShadows ein Gerät entwickelt, das vor Einbrechern schützen soll. Mittels der speziellen Technologie werden Schatten-Bewegungen im Raum simuliert, die den Eindruck erwecken sollen, dass jemand zu Hause ist. HomeShadows ist leicht bedienbar, Bewegungen werden zufällig berechnet und es erfolgt eine automatische Aktivierung bei Dämmerung. Mithilfe eines „Löwen” möchten die beiden Gründer HomeShadows möglichst vielen Menschen weltweit verfügbar machen.

Website: https://www.homeshadows.com/

Die Einschätzung der Expertin

Einbrüche passieren öfter als man glaubt. In Europa findet alle 23 Sekunden ein Einbruch statt, in Deutschland immerhin alle viereinhalb Minuten. Logisch, dass man sich davor schützen will. Dafür wurde HomeShadows entwickelt. Es werden Schatten-Bewegungen im Raum simuliert, die den Eindruck erwecken sollen, dass jemand zu Hause ist. Die Bewegungen werden zufällig berechnet und es erfolgt eine automatische Aktivierung bei Dämmerung.

Die Webseite entspricht grundlegenden Standards, jedoch gäbe es SEO-technisch einiges zu optimieren. Auch Social Media wird beim Wiener Startup bisher leider kleingeschrieben. Man könnte fast meinen, die Kommunikation auf Facebook und Instagram findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Im eigenen Onlineshop werden zwei Versionen des Produktes angeboten: eines zu 29,99 Euro und eines zu 52,99 Euro. Den Unterschied der zwei Versionen konnten wir in der Beschreibung allerdings leider nicht herausfinden. Dieser Faktor rückt zudem schnell in den Hintergrund, wenn man beachtet, dass keines der beiden Produkte aktuell auf Lager ist. Bei der Suche nach Händleralternativen stößt man schnell auf Amazon, doch hier waren wir von dem im Vergleich zum eigenen Shop unverhältnismäßigen Preis von 99,00 Euro etwas verwirrt. Zudem ließen sich weder bei Trustet Shops, noch auf anderen Plattformen Rezensionen zum Produkt finden.

Marketingtipp: Gut gedacht ist noch nicht gut gemacht. Die Idee erregt zwar Aufmerksamkeit, nicht zuletzt weil man ähnliche Umsetzungen beispielsweise aus dem Spielfilm-Klassiker „Kevin allein in New York“ kennt, jedoch müssen beim Thema Marketing noch einige Stellschrauben gedreht werden. Nutzt aktiv Social Media, interviewt zufriedene User und kümmert euch um eure Bewertungen. Hier könnten auch Expertenmeinungen nicht schaden.

Sabrina Oswald (c) APA/Ludwig Schedl

3. ooshi aus Berlin

Wenn es nach den Gründerinnen von ooshi geht, könnten Tampons und Binden schon bald der Vergangenheit angehören. Kristine Zeller (37) und Dr. Kati Ernst (37) haben Periodenunterwäsche konzipiert, bei der das Menstruationsblut von einem Membransystem aufgesaugt und am Auslaufen gehindert wird. Dank der ausgewählten technischen Materialien fühlt sich ooshi komplett trocken an, und Bakterien und Gerüche werden in Schach gehalten. Die Perioden-Pantys unterscheiden sich weder bezüglich Pflege noch Optik wesentlich von normaler Damenunterwäsche: Sie lassen sich in der Waschmaschine reinigen und die Gründerinnen setzen auf Designs, die in Deutschland Bestseller sind.

Website: https://ooshi-berlin.de/

Die Einschätzung der Expertin

Bei ooshi gibt es eine Periodenunterwäsche, bei der das Menstruationsblut von einem Membransystem aufgesaugt und am Auslaufen gehindert wird. Durch die ausgewählten technischen Materialien soll sich ooshi komplett trocken anfühlen und Bakterien sowie mögliche Gerüche in Schach gehalten werden. Die Perioden-Pantys sehen aus wie normale Damenunterwäsche, sollen sich auch so anfühlen und sich in der Waschmaschine reinigen lassen.

In der Grundgesamtheit wirft das Erscheinungsbild der Website ein gutes Licht auf die Marke. Sie enthält alle notwendigen Informationen und kann auch in Sachen Ästhetik punkten. Aus SEO-Perspektive wäre etwas mehr Liebe zum Detail allerdings wünschenswert. Social Media wird gut genutzt, allerdings ist hier ein deutlicher Fokus auf Instagram erkennbar – was nichts Schlechtes ist! Wenn sich der richtige Kanal gefunden hat, kann eine Konzentration auf diesen eine durchaus sinnhafte Maßnahme sein. Rund 14.000 Abonnenten auf Instagram sind ein guter Beweis dafür. Die Bewertungen auf Trustpilot sind für Deutschland, Schweiz und Österreich extrem positiv. In Bezug auf das Produkt selbst haben die Gründerinnen alles richtig gemacht.

Marketingtipp: Ihr solltet die Story noch klarer herausarbeiten und mehr Emotionen wecken. Außerdem ließen sich allein alle objektiven Vorteile, die das Produkt hat, wunderbar kommunizieren. Zudem ließe sich vielleicht auch der Name überdenken, sodass er mehr auf das Produkt selbst anspielt. Alles in allem schätzen wir eure Chancen aber dennoch als recht gut ein!

4. Scanstation aus München

Mit ihrer App sollen lange Wartezeiten in der Schlange an der Kasse zukünftig passé sein. Die Gründer und Wirtschaftsmathematiker Andreas Klett (35) und Leo von Klenze (35) stellen den „Löwen“ ihren digitalen Shoppingbegleiter vor. Mit Scansation soll das Shopping schneller und smarter möglich sein – und davon profitieren nicht nur die Kunden sondern auch stationären Händler. Nach dem Runterladen der kostenlosen App wählt der User den entsprechenden Markt aus und schon kann es losgehen. Während des Einkaufs werden die Produkte mit dem Handy eingescannt und in einem Online-Warenkorb in der App abgespeichert. Ist der Einkauf beendet, fotografiert der Kunde seine Produkte im Einkaufswagen und die App erstellt einen QR-Code, den das Kassenpersonal einlesen und abrechnen kann. Das zeitlich aufwendige Umpacken vom Einkaufswagen aufs Band und wieder zurück entfällt. Die App wird anonym genutzt, so dass der Supermarkt die Daten nicht persönlich zuordnen kann. Aber der Supermarkt weiß, dass der anonyme Käufer X zum Beispiel immer gerne bestimmte Nudeln kauft. Mit dieser Information kann er passende Angebote auf das entsprechende Handy schicken. Weitere Features für die App sind in Planung.

Website: https://www.scansation.de/de/

Die Einschätzung der Expertin

Mit Scansation sollen mithilfe der gleichnamigen App lange Wartezeiten in der Schlange an der Kasse künftig passé sein. Ja, das wäre nett. Quasi ein anonymes datenschutzfreundliches Amazon Go.

Liest man sich in die Lösung ein, relativiert es sich allerdings etwas, denn der Aufwand wird für den Käufer nicht wirklich weniger. Während des Einkaufs werden die Produkte mit dem Handy eingescannt und in einem Online-Warenkorb in der App gespeichert. Ist der Einkauf beendet, fotografiert der Kunde seine Produkte im Einkaufswagen, und die App erstellt einen QR-Code, der das Kassenpersonal einlesen und abrechnen kann. Man tauscht also den Aufwand des Aus- und Einräumens des Einkaufswagens an der Kassa gegen das Scannen ein. Damit sollen die Warteschlangen an der Kassa deutlich kürzer werden.

Die Anwendung wird im App Store mit 4,2 bzw. 4,4 Sternen sehr positiv bewertet. Wenn man die Website unter die Lupe nimmt, fällt allerdings auf, dass fast in allen Punkten eine bessere Lösung hätte gefunden werden können. In puncto teilnehmender Shops wird nur ein einziger Händler in Bad Feilnbach angezeigt.

Marketingtipp: Was technisch im Bereich des Möglichen ist, muss nicht automatisch sinnvoll sein. Nur ein teilnehmender Händler für eine Lösung, über welche bereits im Jahr 2017 berichtet wurde, ist wenig vertrauenserweckend. Seit Jahren wird an technischen Lösungen für das Einkaufserlebnis gearbeitet, es stellt sich die Frage, was diese wirklich verbessern. Für den Konsumenten geht es eher in Richtung Nullsummenspiel: mehr Aufwand beim Scannen, dafür kürzer bei der Kasse anstellen, während der Händler Kosten für ein weiteres System im Laden hat. Einzig und allein die vage Hoffnung, dass Kunden mehr kaufen, wenn sie weniger lange bei der Kassa warten müssen, könnte Händler zur Einführung von Scansation motivieren. Das wird schwierig bei den Löwen.

5. Elimba aus Bornheim

Als Elias El Gharbaoui (23) während einer mehrmonatigen Südamerika-Reise zum ersten Mal an einer traditionellen Kakao-Zeremonie teilnahm, hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen. Ähnlich wie bei einer Tee-Zeremonie wird das Getränk in geselliger Runde zubereitet und zusammen genossen. Der Kakao soll dabei eine stimmungsaufhellende Wirkung haben. Zurück in Deutschland und inspiriert durch die Inkas hat sich Elias an die Entwicklung seines eigenen Kakaos gemacht. Heraus kam Elimba, eine Kakao-Kugel, die aus der Edelkakaosorte Criollo hergestellt wird. Dabei werden ungeröstete ganze Kakaobohnen verwendet, denn so bleiben sämtliche Inhaltsstoffe erhalten. „Roher Kakao ist super gesund, enthält viele Vitamine, Mineralien, Antioxidantien und gilt sogar als Superfood”, so Elias El Gharbaoui.

Website: https://elimba.de/

Die Einschätzung der Expertin

Wer einmal eine traditionelle Kakao-Zeremonie erlebt hat, den soll das Thema nicht mehr loslassen. Vergleichbar mit einer Tee-Zeremonie wird das Getränk in geselliger Runde zubereitet und zusammen genossen. Denn der Kakao soll eine stimmungsaufhellende Wirkung haben. Um das jederzeit genießen zu können, gibt es Elimba, eine Kakao-Kugel, die aus der Edelkakaosorte Criollo hergestellt wird. Dabei werden ungeröstete, ganze Kakaobohnen verwendet, denn so bleiben sämtliche Inhaltsstoffe erhalten.

Die Webseite ist optisch ansprechend, lässt uns aber leicht verwirrt in der Navigation zurück. Die Mischung aus B2B- und B2C-Ansprache lässt die Seite teilweise etwas unübersichtlich erscheinen. Im eigenen Onlineshop ist leider ist nur das Starterset sofort lieferbar, für alle anderen Produkte gibt es Wartezeiten von bis zu drei bis vier Wochen. Social Media wird im Allgemeinen eher zaghaft eingesetzt. Auf Facebook und Instagram laufen aktuell keine Ads, auf Pinterest finden sich 8 Pins und auf Twitter ist kein einziger Tweet zu finden. Besser wären in diesem Fall weniger Kanäle, aber dafür mehr Content.

Marketingtipp: Eure Story von der Kakaozeremonie ist stimmig und gefällt uns. Davon hätten wir gerne mehr gesehen. Das Video auf eurer Website, in welchem der Kakao angerührt wird, ist zwar gut produziert, erzählt uns jedoch zu wenig über das Produkt. Weiht uns in die Zeremonie ein, erzählt uns mehr über den Hintergrund, und, und, und.

Unser Favorit für Folge 11 von „Die Höhle der Löwen“

Unser persönlicher Favorit dieser Folge ist fairment. So viele tolle Bewertungen von Nutzern geben Hoffnung auf ein Investment der Löwen. Aber Fermentieren muss man wollen. Ooshi hat unserer Ansicht auch Chancen, gerne würden wir hier die Geschäftszahlen für eine bessere Einschätzung einsehen.

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AnchorOps, The Process Doctors
© zVg - Shadan Ajdari (l.) und Nael Elagabani.

Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit KI, Automatisierung und neuen Cloud-Technologien. Für Nael Elagabani, der gemeinsam mit Shadan Ajdari The Process Doctors (TPD) gründete, liegt die eigentliche Herausforderung jedoch an einer anderen Stelle. Der ehemalige Neurowissenschaftler und spätere Microsoft-Cloud-Engineer ist überzeugt, dass viele Unternehmen zunächst ihre operativen Abläufe verstehen und strukturieren müssen, bevor neue Technologien ihr volles Potenzial entfalten können.

AnchorOps als eine Art „Brain“

Ihre Lösung AnchorOps ist ein Ansatz, der die Art und Weise verändern soll, wie Unternehmen ihre internen Abläufe organisieren und digitale Technologien einsetzen. Im Zentrum steht das Konzept eines sogenannten „Company Brain“ – eines operativen Unternehmenssystems, das Prozesse, Mitarbeiteraktivitäten und technische Systeme miteinander verbinden und so Transparenz, Steuerbarkeit und Skalierbarkeit erhöhen soll.

Elagabani und Ajdari verfolgen dabei eine Sichtweise, die bewusst nicht mit Technologie beginnt, sondern mit der Struktur des Unternehmens selbst. Erst wenn diese stabil und nachvollziehbar ist, sollen Automatisierung, Cloud-Systeme und KI-Technologien darauf aufbauen.

Microsoft und UNO

Elagabani selbst verbrachte rund 20 Jahre in der Forschung und beschäftigte sich dabei mit Gedächtnisprozessen – zunächst mit immunologischem Gedächtnis, später mit Lern- und Gedächtnisvorgängen im Gehirn. Nach seinem Wechsel in die Betriebsentwicklung und die Computational Sciences arbeitete er mit Startups, als Unternehmensberater und später bei Microsoft. Dort war er Teil eines Pilotprogramms, das Prozesse in der Kundenbetreuung rund um Cloud-Technologien neu aufsetzen sollte. „Der Betrieb ist das, was das Unternehmen stabilisiert“, sagt er. „Ich habe dort gesehen, dass selbst in großen Organisationen die größten Herausforderungen nicht nur technischer Natur sind, sondern vor allem in der Struktur von Prozessen und Entscheidungen liegen.“

Aus diesen Erfahrungen entstand zunächst die Idee zu The Process Doctors (TPD) und später zu AnchorOps. Nach seiner Rückkehr nach Wien arbeitete Elagabani unter anderem an mehreren Sovereign-Cloud-Projekten für Einrichtungen der Vereinten Nationen. Dort testete er einen Ansatz, bei dem Prozesse und operative Abläufe im Mittelpunkt stehen. Gemeinsam mit Mitgründer Ajdari entwickelte er daraus das aktuelle Konzept.

From Neuroscience to Business

Die theoretische Grundlage stammt dabei aus der Neurowissenschaft. Elagabani betrachtet Unternehmen als komplexe Systeme, die ähnlich funktionieren wie ein Nervensystem. Informationen, Prozesse und Entscheidungen müssten miteinander verbunden sein, damit ein Unternehmen effizient arbeiten könne. Werden Informationen nicht richtig weitergegeben, entstünden Reibungsverluste, die sich unter anderem in langsamen Entscheidungen, doppelter Arbeit, manuellen Übergaben oder voneinander getrennten Datensilos zeigen können. Ziel von AnchorOps sei es, solche Engpässe sichtbar zu machen und in einer operativen Cloud-Architektur abzubilden.

„Unternehmen verhalten sich neurobiologisch erschreckend ähnlich wie überforderte Gehirne. Wachstum verstärkt keine Ordnung, sondern Instabilität“, sagt Elagabani. Aus dieser Perspektive entstehen typische Probleme nicht primär durch fehlende Tools, sondern vor allem durch mangelnde operative Klarheit. „Wenn Informationen nicht richtig fließen, reagiert das System wie ein überlastetes Nervensystem.“

Cloud-Architektur

Ziel der beiden Founder ist es nicht, einzelne Tools zu ersetzen, sondern die operative Realität eines Unternehmens sichtbar und steuerbar zu machen. Dadurch entsteht eine Art „organisatorisches Nervensystem“, das Informationen strukturiert weitergibt und Entscheidungswege nachvollziehbar mache.

Ein zentraler Bestandteil ist dabei die sogenannte operative Cloud-Architektur. Sie bildet die Grundlage, auf der weitere Technologien wie Automatisierung oder KI-Agenten aufsetzen können „Wir gehen bewusst schrittweise vor“, erklärt Elagabani. „Viele Unternehmen versuchen direkt KI einzuführen, ohne dass ihre Prozesse stabil sind. Unser Ansatz ist: zuerst Struktur, dann Technologie.“

AnchorOps: Zielgruppe kleine und mittlere Unternehmen

Aktuell richtet sich AnchorOps gezielt an kleine und mittlere Unternehmen, um operative Strukturen sichtbar zu machen und schrittweise in eine digitale Architektur zu überführen.
„Wir suchen nicht Kunden, sondern Partner“, betont der Neurospezialist. „Wenn das Fundament steht, beginnt die eigentliche Arbeit. Dann entwickeln wir die operative Struktur gemeinsam weiter – Schritt für Schritt.“

Ajdari ergänzt: „Wir sind sehr daran interessiert, zuerst die Grundlagen sauber aufzubauen, bevor KI eingesetzt wird. KI ist für uns dabei ein zusätzlicher Layer, der erst aufgesetzt wird, wenn ein stabiles Fundament und klar definierte, smarte Prozesse vorhanden sind. Was bei Großkonzernen ein mindestens sechsstelliges Vorhaben ist, setzen wir für den Mittelstand kostengünstiger um. Unser Computationsmodell generiert auf Basis der AnchorOps-Daten verschiedene Zukunftsszenarien, probabilistisch statt deterministisch, und leitet daraus konkrete, umsetzbare Handlungsempfehlungen – sogenannte Prescriptions – ab. Diese Szenarien bleiben dabei nicht abstrakt, sondern werden visuell und als Skizzen so aufbereitet, dass sie intuitiv verständlich und direkt nutzbar sind.“

Computational-Modell

Parallel zur Entwicklung des „Company Brain“ arbeiten Elagabani und Ajdari an einem eigenen Computational-Modell. Dieses soll die operative Realität eines Unternehmens mathematisch abbilden und simulieren können. Ziel ist es hier, zusätzliche Ebenen der Analyse zu ermöglichen, die über klassische KI-Systeme hinausgehen. Das Modell soll künftig perspektivisch als Erweiterung in AnchorOps integriert werden und Unternehmen helfen, ihre operativen Strukturen noch besser zu verstehen.

The Process Doctors ist derzeit eigenfinanziert und befindet sich in Gesprächen mit potenziellen Pilotkunden sowie Investoren. Für die Gründer steht dabei vor allem die Skalierung der Methode im Mittelstand im Vordergrund. Langfristig wollen sie Unternehmen dabei unterstützen, ihre digitale Transformation auf einer stabilen operativen Grundlage aufzubauen – und damit den Zugang zu Technologien zu ermöglichen, die bislang vor allem Großkonzernen vorbehalten waren.

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