01.10.2019

Höhle der Löwen: Marketing-Experten über die Startups aus Folge 5

Die Marketingexperten Maimuna Mosser (IKEA Austria) und Manfred Gansterer (Futura GmbH) beleuchteten die fünf Startups der aktuellen "Höhle der Löwen"-Folge aus strategischer Perspektive und bewerten das Marketingpotential der Produkte.
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Die Höhle der Löwen
Sarita Bradley (r.) aus München präsentiert mit "GoBunion" Hallux Strumpfware mit integrierten Zehenspreitzern. Investorin Dagmar Wöhrl nimmt das Produkt genau unter die Lupe.

In der Analyse von vergangener Woche nannten die Experten DeineStudienfinanzierung als ihren Favoriten bei „Die Höhle der Löwen“. Diese holten sich vor laufender Kamera zwar ein Investment, der Deal platzte jedoch daraufhin. Diese Woche beleuchten die Marketingexperten Maimuna Mosser (Chief Business Development Officer bei IKEA Austria und Vorstandsmitglied der Österreichischen Marketing-Gesellschaft) und Manfred Gansterer (Marketingexperte der Futura GmbH und Vorstandsmitglied der Österreichischen Marketing-Gesellschaft) die fünf Startups der aktuellen Höhle-der-Löwen-Folge aus strategischer Perspektive und bewerteten das Marketingpotenzial der Produkte schon vorab.


1. Brad Brat aus Bremen

Marvin Kruse ist bereits das dritte Mal in der „Höhle der Löwen”. Bei seinem ersten Pitch 2015 präsentierte der Bremer seinen Onlineshop Pfotenheld, bei dem es alles für 0 Euro gab. „Da gab es eine richtige Klatsche. Aber es ist ok. Ich habe eingesteckt und es hat mich besser gemacht”, blickt Marvin Kruse zurück. Mit Pitch Nummer zwei wollte er die Bratwurstrevolution einläuten: Brad Brat ist so dick, dass man sie zuerst in Scheiben schneidet und dann auf den Grill legt. „Wollte auch keiner – aber Euch hat es geschmeckt”, erinnert er sich. Doch das hat ihn nur noch mehr motiviert, und 2019 stellt er den „Löwen” sein neues Konzept vor: Raus aus dem Lebensmitteleinzelhandel, rein in das Franchisesystem.

Erste Erfolge kann Marvin Kruse bereits vorweisen. In Bremen und Oldenburg betreibt Marvin Kruse in 1A-Citylage bereits eigene Brad Brat-Geschäfte. Dort werden Burger und Bowls mit seinen Bratwurstscheiben angeboten. Alles wird selbst hergestellt – von der Bratwurst über die Saucen bis hin zum Brot. Der Gründer ist von seinem Konzept überzeugt: „Ich verspreche euch, so sexy wie bei mir im Brad Brat war Bratwurst heutzutage noch nie!” Mit einem Invest von 200.000 Euro möchte er nicht nur einen weiteren Store eröffnen, sondern ganz gezielt ins Franchisesystem einsteigen. Im Gegenzug bietet er zehn Prozent seiner Firmenanteile an.

Die Einschätzung der Experten

Marvin Kruse ist bereits zum dritten Mal in der Sendung. Bei seinem letzten Anlauf versuchte er es mit seiner „Bradwurst“, dieses Mal gleich mit einem Franchisesystem dafür. Beharrlich ist er auf jeden Fall. Das Wortspiel mit dem Markennamen ist gelungen, dem Produkt ein Gesicht zu geben ist eine zielführende Strategie.

Das Grundkonzept besteht aus Bratwurst und Pommes frites. Darüber hinaus wird auf zeitgemäße Rezepte und Zubereitung zurückgegriffen, sowie auf Nachhaltigkeit Rücksicht genommen. Klingt erst einmal recht vielversprechend. Zudem platzt Kruse als Gründer vor Selbstvertrauen und Motivation.

Die Webseite ist an und für sich in Ordnung, aber besonders im Franchisebereich fehlen viele Informationen. So gibt es keinerlei Hinweise zu wichtigen Themen wie den geltenden Voraussetzungen für Franchisenehmer, Standorte oder Investitionsvolumen – gerade diese Informationen wären ein Zeichen von Professionalität. Die Karte auf der Webseite zeigt drei Standorte, im Franchisevideo ist aber von vier die Rede (Hamburg fehlt auf der Karte). Apropos Video: Die Anzahl der Views auf YouTube ist eher deprimierend. Social Media ist vorhanden, die Interaktion auf Facebook und den drei Instagram-Accounts (wo ist Hamburg?) allerdings äußerst überschaubar.

Marketing-Tipp

Marvin kämpft gegen viele Franchisesysteme – auch im Bereich der Bratwurst. Beharrlichkeit und Selbstbewusstsein sind wichtig für Gründer – Professionalität und Disziplin aber ebenso.

2. Protect Pads aus Luxemburg

Adel Adrovic und Jill Audrit sind nicht nur Lebenspartner, sondern auch Businesspartner. Als parlamentarische Mitarbeiter einer Fraktion beschäftigen sie sich oft mit den großen Problemen des Landes. „Aber auch nach Feierabend feilen wir an Lösungen – auch wenn die Probleme dann etwas kleiner aussehen, wie zum Beispiel beim Staubsaugen”, erzählt Jill Audrit. Die Luxemburgerin ärgerte sich immer wieder über die dabei entstehenden Schrammen und Macken an Möbeln, Türrahmen oder Türzargen.

Um dieses Problem zu beheben, entwickelten sie ein Stoßschutzpolster, welches einfach am Staubsaugergehäuse, an der Bodendüse, sowie am Akkusauger oder Saugroboter angebracht werden kann. Der Protect Pad dämpft die Stöße und bewahrt so Möbel und Wände vor den unschönen Kratzern. Er ist individuell anpassbar und leicht anzubringen. Jetzt möchten sie mit ihrer Erfindung zuerst den deutschen Markt erobern und später europaweit expandieren. Dafür benötigen die Gründer 85.000 Euro und bieten 15 Prozent der Firmenanteile an.

Die Einschätzung der Experten

Jeder kennt und versteht das Problem – Schrammen und Beschädigungen an Möbeln, Türrahmen oder Türzargen durch den Staubsauger. Hier wurde ein Stoßschutzpolster entwickelt, welches einfach am Staubsaugergehäuse, an der Bodendüse, sowie am Akkusauger oder Saugroboter angebracht werden kann, um die unbeliebten Schrammen zu verhindern.

Das Erscheinungsbild der Webseite ist in Ordnung, SEO-technisch gäbe es aber etliche Verbesserungen. Vor allem hätten wir uns einige Videos gewünscht, die das Produkt „live in action“ zeigen. Auch die einfache Handhabung kann als Video besser dargestellt werden als mit Bildern. Als wir beim Produkt selbst auf die Videoanleitung geklickt haben, lief dort zu unserer Überraschung ein Tutorial, wie man Brot schnell und einfach entrindet. Bis jetzt ist uns der Zusammenhang hierzu unklar. Im Shop war der Artikel auch nicht verfügbar und Produktbewertungen gibt es auch keine. Social Media gibt es – Facebook und Instagram finden aber praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Schade.

Marketing-Tipp

Eine Bewertung fällt hier ohne Finanzkennzahlen richtig schwer, denn Konkurrenzprodukte gibt es genügend. Eine Erfindung ist die eine, die effektive und zielgerichtete Kommunikation eines Produktes die andere Seite der Medaille. Ohne Kommunikation geht es einfach nicht, hier gibt es noch einen enormen Aufholbedarf.

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3. AER aus Stuttgart

Wer beeindruckende Luftaufnahmen machen will, musste bislang viel Geld für teure Drohnen in die Hand nehmen. AER soll die günstige Alternative für spektakuläre Fotos und Videos aus der Vogelperspektive sein. Einfach die GoPro in den „Wurfpfeil“ legen und schon kann man die Kamera sorglos durch die Luft werfen, da sie durch AER in der Luft stabilisiert und vor dem Aufprall geschützt wird. Das wasserfeste Material soll auch einen Einsatz im Wassersport möglich machen. Außerdem kann es in der Gruppe als Gemeinschaftsspiel genutzt werden.

Auch Profis konnten die drei Gründer Arne Kronmeyer, Levin Trautwein und Hedda Liebs für ihr Produkt begeistern: Diverse Bundesligavereine nutzen AER zur Erstellung ihres Social Media-Contents, er kam bereits bei Werbespots und dem Red Bull Extremsportevent Klippenspringen zum Einsatz und es wurde sogar für eine Actionszene für einen deutschen Kinofilm damit gedreht. Weitere Produkte sind bereits in Planung. Das Angebot an die „Löwen”: 10 Prozent Unternehmensanteile für 150.000 Euro.

Die Einschätzung der Experten

AER soll die günstige Alternative für spektakuläre Fotos und Videos aus der Vogelperspektive sein. Es handelt sich um keine Drohne, sondern eine Hülle für GoPro Kameras in Form einer kleinen, zerlegbaren „Fliegerbombe“.

Die Webseite ist sehr gut gemacht und macht Lust auf das Produkt. Endlich einmal eine Webseite, die auf dem Smartphone mühelos angesehen werden kann.  Am Anfang mag man denken, „echt jetzt?“ aber je länger man eintaucht – auf YouTube und insbesondere Instagram – umso mehr kommt Begeisterung auf.

AER kostet 79 Euro, was auf den ersten Blick nicht überteuert wirkt. Allerdings muss man sagen, dass es auch schon einige billige Drohnen im Preisbereich von 10 bis 20 Euro gibt. Aus unserer Sicht ist AER dennoch interessant – vielleicht weniger als Drohnenalternative – sondern viel mehr als Lifestyleprodukt. Unserer Meinung nach wird auf diesen Bereich auch der Fokus gerichtet. Für ein abschließendes Urteil würden wir jedoch gerne noch die Verkaufszahlen sehen.

Marketing-Tipp

Der Auftritt von AER ist auf alle Fälle tiptop. Man müsste den Community-Aspekt noch stärker herausarbeiten und der digitalen Gemeinschaft Themen-Challenges geben, um die vielseitige Anwendbarkeit des Produktes noch stärker herauszuarbeiten.

4. Camping Butler aus Mönchengladbach

Camping boomt: Allein in Deutschland gibt es über 3000 Campingplätze, im Jahr 2016 gab es über 140 Millionen Übernachtungen in Campingmobilen und der Freizeitmobilmarkt wächst weiterhin. Doch eine Sache macht keinem wirklich Spaß: Das Entleeren und Säubern der Camping-Toilette. Mit dem „Camping Butler“ wollen die Erfinder Simon Freutel (37, Physiker) und Ralf Winkelmann (35, Maschinenbautechniker) jetzt sprichwörtlich „aus Scheiße Gold machen“. Sie haben einen Automaten entwickelt, der die Reinigung von Camping-Toiletten-Kassetten übernimmt. Der Camper vermeidet so beim Austausch der Kassetten den Kontakt zu unangenehmen Gerüchen und Fäkalien. Für die Produktion brauchen die beiden Gründer ein Investment von 200.000 Euro und bieten zehn Prozent ihrer Firmenanteile an. Riecht das nach einem Deal?

Die Einschätzung der Experten

„Aus Scheiße Gold machen“, das klingt doch verlockend. Im Fall von Camping Butler ist es wortwörtlich gemeint. Sie haben einen Vollautomaten entwickelt, der die Reinigung von Camping-Toiletten-Kassetten übernimmt. Klingt eigentlich nach einer guten Idee – denn wer will sich schon gerne die Hände schmutzig machen?

Die Webseite ist ansprechend, dort findet man auch weitere Produkte. SEO-technisch gäbe es dennoch viel zu optimieren. Überrascht hat uns, dass wir keine Präsenz auf sozialen Kanälen finden konnten, dabei wäre ein Targeting speziell auf Campingfreunde so naheliegend. Es ist schade, dass hier kommunikativ nicht mehr getan wird. Der Videocontent ist nicht verfügbar, stattdessen erscheint ein Hinweis, dass der Uploader sein Youtube-Konto geschlossen hat. User möchten keine langen Texte lesen, sondern lieber Videos ansehen. Youtube ist ein weiterer kostengünstiger Marketingkanal, auf dem mit genauem Targeting auf Camping-Interessierte kostengünstig Reichweite aufgebaut werden kann.

Der Blick auf die Referenzen hat uns allerdings etwas ernüchtert, insgesamt sind bislang nur  drei Standorte zu finden. Beim Konkurrenten CamperClean gibt es Standorte in ganz Europa in hoher Zahl.

Aus der Onlinepräsenz konnten wir keinen echten USP herauslesen, warum genau Camping Butler deutlich besser für Betreiber von Campingplätzen sein sollte – abgesehen von ergänzenden Produkten. Das riecht etwas nach Preiskampf und weniger nach wünschenswerter Skalierung für Investoren.

Marketing-Tipp

Hier muss klar an einem differenzierbaren USP gearbeitet werden. Sobald dieser erkenn- und skalierbar ist, sollte er auf verschiedenen Kanälen einfach mittels Storytelling herausgearbeitet werden.

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5. GoBunion aus München

Sarita Bradley (35) trägt gerne hohe Schuhe, doch nach einem langen Tag können die Füße am Abend schon mal schmerzen. Ungesundes Schuhwerk oder eine vererbbare Bindegewebsschwäche sind die häufigsten Ursachen für die Verkrümmung des großen Zehs. Auch unter dem Fachbegriff Hallux Valgus oder Ballenzeh bekannt – auf englisch Bunion. „Das sieht nicht nur unästhetisch aus, sondern kann auch unangenehme Schmerzen verursachen und führt im schlimmsten Fall zu einer Fuß-OP“, weiß die Münchnerin. Auch sie selbst hat eine Tendenz zum Hallux Valgus, ist aber mit den bisherigen Produkten aus den Sanitätshäusern nicht glücklich: „Entweder sind sie zu unpraktisch, ineffektiv oder zu unschön.“

Deswegen hat sie GoBunion entwickelt. Von außen sehen ihre besonderen Strumpfwaren wie ganz normale Strümpfe aus, doch im Inneren befindet sich ein Softgel-Zehentrenner. Durch das Separieren und Dehnen der Großzehe soll er schmerzlindernd sein und die Krümmung entlasten. Der Strumpf ist einfach anzuziehen, der integrierte Zehentrenner kann nicht verrutschen und ist von außen nicht sichtbar. „Ich bin mir sicher, dass ich sehr vielen Frauen ein gutes Stück Lebensqualität zurückgeben kann”, so Sarita Bradley. Um ihr Produkt breitflächig an die Frau zu bringen, benötigt die Gründerin 150.000 Euro und bietet dafür 15 Prozent ihrer Firmenanteile an.

Die Einschätzung der Experten

GoBunion will das Wundermittel gegen schmerzhafte und überbeanspruchte Füße sein. Von außen sehen die besonderen Strumpfwaren wie ganz normale Strümpfe aus, doch im Inneren befindet sich ein Softgel-Zehentrenner, der Hallux vorbeugen soll. Eine tolle Idee, allerdings ergibt sich dennoch für uns daraus nicht der Produktname.

Die Webseite performed durchschnittlich, wirkt aber aufgrund der Ähnlichkeit zu Seiten mit medizinischem Inhalt ein wenig langweilig. Social Media gibt es, aber Interaktion findet dort kaum statt. Das finden wir sehr schade, wo doch die Zielgruppe für dieses Produkt so groß und eindeutig ist. Schade ist auch, dass laut Webshop aktuell kein Produkt in keiner Größe verfügbar ist.

Vergleicht man GoBunion mit Konkurrenzprodukten auf Amazon, so sieht man, dass es viele Mitbewerber gibt, die zudem meist viele gute Bewertungen haben. Allerdings hatte bis jetzt niemand die Idee, Socken zu verwenden. Das ist auch der Grund, warum wir die Socken sehr gerne getestet hätten, um den USP beurteilen zu können.

Marketing-Tipp

Hier gilt das Gleiche wie bei einem der vorherigen Tipps: Eine Erfindung ist die eine, die effektive und zielgerichtete Kommunikation eines Produktes die andere Seite der Medaille. Ohne Kommunikation geht es einfach nicht. Das Thema muss emotionaler transportiert werden, nicht so medizinisch. Und es braucht Videos, um zu zeigen, wo die Vorteile gegenüber der Konkurrenz liegen. Auf Instagram gibt es Videocontent, der ansatzweise auf die Anwendung eingeht – dieser Content gehört direkt auf die Webseite. Man darf nämlich nicht davon ausgehen, dass sich der User auch auf die Social Media-Kanäle bemüht.


Favorit der Experten in Folge 5/2019 von “Die Höhle der Löwen”

Ohne die Finanzzahlen zu kennen fällt es uns sehr schwer, einen persönlichen Favoriten für diese Folge zu nennen. AER macht einen sehr professionellen Job in punkto Produktmarketing. Allerdings hängt dies stark von der Lifestyle-/Community-Idee ab. GoBunion könnte eine deutlich angenehmere Produktvariante gegenüber der Konkurrenz sein, allerdings konnten wir uns leider nicht persönlich von den Vorteilen des Produktes ein Bild machen. Und Marvin mit seiner Bradwurst ist ein Traum. Wenn er es diesmal wieder nicht schaffen sollte – Marvin, gib nicht auf und komm wieder! Am Ende wurde Menderes bei DSDS für sein Durchhaltevermögen auch belohnt.

==> BradBrat

==> Protect Pads

==> AER

==> Camping Butler

==> GoBunion

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Cécile Deterre (Co-Founderin von Blue Planet Ecosystems) und Renaud Viot (CEO und Co-Founder des Startups Lynxia) führen La French Tech Vienna als Co-Präsident:innen | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Im Foyer der französischen Botschaft in Wien läuft an diesem Abend ein Gast auf vier Beinen über den Marmorboden. Auf seinem Rücken sitzt ein Kamerakopf, daneben ragt eine Funkantenne hervor. Im Hintergrund stehen drei Flaggen: die französische, die europäische und die österreichische.

Der Hausherr hält es an diesem Abend betont analog. „Ich muss sagen, meine Rede wurde nicht von ChatGPT geschrieben, sondern von Menschen“, sagt Botschafter Matthieu Peyraud zur Begrüßung. Dann wird er grundsätzlich: Technologische Souveränität lasse sich nur auf europäischer Ebene erreichen, kein Mitgliedstaat schaffe das allein.

Der Anlass für Roboter und Rede am 8. Oktober: der offizielle Start von La French Tech Vienna, laut Peyraud der ersten French-Tech-Community in Österreich. Sie ist Teil von La French Tech, einem Netzwerk mit nach eigenen Angaben mehr als 100 Communities in Frankreich und weltweit, das großteils von Freiwilligen getragen wird.

Zwei Jahre Pilotphase

Neu ist die Initiative nicht. Sie lief zuvor unter dem Namen French Startups Vienna. Peyraud bezeichnet diese Phase in seiner Rede als „eine Art Pilotprojekt“. Seit rund zwei Jahren bringt sie französische und österreichische Gründer:innen, Forschende und Investor:innen zusammen.

Der französische Botschafter Matthieu Peyraud eröffnete am 8. Oktober den offiziellen Start von La French Tech Vienna in der Botschaft in Wien. Seine Botschaft: Technologische Souveränität gelingt nur auf europäischer Ebene. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

„Wir haben sehr klein angefangen, nur mit französischsprachigen Leuten, die mehr über Tech sehen und hören wollten“, sagt Renaud Viot im Gespräch mit brutkasten. Er ist Co-Präsident von La French Tech Vienna und CEO des Startups Lynxia. Er versteht die Initiative als Community: Die Mitgliedschaft ist kostenlos und steht österreichischen wie französischen Startups offen. „Wir verlangen nur, dass die Leute entweder neugierig auf Tech sind oder bereit, ihr Wissen über Tech zu teilen“, sagt er. Das Kernformat sind regelmäßige Events.

Souveränität als Leitthema

Inhaltlich steht der Abend im Zeichen technologischer Souveränität. Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Cybersicherheit, Halbleiter und Dateninfrastrukturen seien zu strategischen Gütern geworden, sagt Peyraud. Frankreich und Österreich hätten starke Forschungseinrichtungen wie das französische CNRS und das AIT Austrian Institute of Technology. Die gemeinsame Herausforderung sei, wissenschaftliche Exzellenz in globale Technologieführerschaft zu übersetzen. Zu oft gelinge es europäischen Innovationen nicht, im Tempo und in der Größe der internationalen Konkurrenz zu skalieren.

Als Beleg dafür, dass es anders geht, nennt der Botschafter Mistral AI. Die Übernahme des Linzer Startups Emmi AI durch Mistral AI zeige, wie Unternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern ihre Expertise bündeln. Sie unterstreiche zudem die technologische Stärke Österreichs.

„Noch nicht so sehr am Radar“

Wo es konkret hakt, schildert Arnaud Béasse. Der Managing Director von 1764 Advisory kümmert sich in der Community um die Investorenbeziehungen. „An erster Stelle möchte ich Investoren mit Startups verbinden“, sagt er im Gespräch mit brutkasten. Das gelte in beide Richtungen. Österreicher:innen nach Frankreich zu bringen, habe bisher sehr gut funktioniert. Die größere Aufgabe sei nun der umgekehrte Weg: französische Investor:innen auf das aufmerksam zu machen, was in Österreich entsteht. Das sei bei ihnen „noch nicht so sehr am Radar“.

Das österreichische Deep-Tech-Startup iono Robotics aus Linz hat mit dem WORKMATE den ersten humanoiden Arbeitsroboter „Made in Austria“ entwickelt. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Béasse nennt dafür mehrere Gründe. Größere Fonds würden oft mit Teams aus Deutschland auf Österreich schauen. „Das genügt nicht“, sagt er. Dazu komme bei manchen Venture-Capital-Fonds die Angst vor der Sprachbarriere. Bei Business Angels sei diese Hürde noch höher.

Seine Rolle sieht Béasse deshalb nicht nur im Vermitteln von Kontakten. Es gehe darum, Investor:innen auch beim Ökosystem und bei der Kultur zu begleiten. Aus französischer Sicht sehe man in Europa zuerst Spanien, Italien, Deutschland und die Benelux-Länder. Österreich müsse man erst aus dem Schatten von Deutschland und der Schweiz holen.

Acht Startups aus Frankreich und Österreich pitchten vor dem Publikum in der französischen Botschaft, abgestimmt wurde per Smartphone. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Chancen sieht er bei Corporate Venture Capital. Französische Konzerne seien in Österreich vertreten. Hier gebe es derzeit viele Innovationen in den Bereichen Defense und Dual Use, die für solche Gruppen interessant seien.

ABA will Brücke zwischen den Ökosystemen schlagen

Auf österreichischer Seite ist die Austrian Business Agency (ABA) eingebunden. Verena Gruber, Director Western Europe, ist außerordentliches Mitglied im Board der Community. Als Standortagentur der Republik sei die ABA dafür da, französische Startups dabei zu unterstützen, die Chancen in Österreich zu entdecken, sagt sie im Gespräch mit brutkasten. Mit La French Tech Vienna habe man nun „ein tolles Tool“, um Verbindungen herzustellen, bei Investments ebenso wie bei Kooperationen mit Corporates. Am Tag nach dem Launch standen laut Programm Besuche bei der ABA, der Wirtschaftsagentur Wien und ecoplus sowie eine Führung durch die AI Factory Austria (AI:AT) auf dem Plan.

Die Initiative ist noch sehr jung. Als Beispiel dafür, was möglich ist, nennt auch Gruber den Emmi-AI-Deal. Er zeige die Kompetenz Österreichs bei Industrial AI. „Das ist eine Nische, worauf wir uns auch sehr stark konzentrieren können“, sagt Gruber. Damit könne Österreich auch einen Beitrag zur europäischen Souveränität bei Technologie leisten.

Acht Startups auf der Bühne

Nach den Reden pitchen acht Startups, das Publikum stimmt per Smartphone ab. Aus Frankreich kommen Proxima, VirtualBrowser, PleIAs und Manabou, aus Österreich Cyberaci, Eustella, Prop Corn und Ablatic. Sechs der acht ordnet die Event-Website dem Thema Souveränität zu, von europäischen Sprachmodellen bis Cybersecurity.

Manche der französischen Startups sehen laut Renaud Viot einen Market Fit mit Österreich, andere suchen einen Partner vor Ort, wieder andere haben hier bereits Kund:innen. Die beiden Ökosysteme seien einander ähnlich, beide seien stark bei Spinoffs und in der Forschung. Gemeinsam könne man einander „zu Partnern statt zu Konkurrenten“ machen, sagt Viot.

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