27.09.2022

Reaktion auf Kritik an Wirtschafts-Lehrplan: „Zehnjährige denken nicht wie Wissenschaftler:innen“

Herbert Pichler hat am neuen Lehrplan des Fachs "Geographie und wirtschaftliche Bildung" mitgearbeitet. Im Interview erklärt er, welche Überlegungen hinter dem Lehrplan stehen und reagiert auf Kritik.
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Lehrplan - Herbert Pichler ist GW-Lehrer, unterrichtet an der Uni Wien und ist Teil der Lehrplangruppe Geographie und wirtschaftliche Bildung
Herbert Pichler ist GW-Lehrer, unterrichtet an der Uni Wien und ist Teil der Lehrplangruppe Geographie und wirtschaftliche Bildung | (c) Joseph Krpelan

„Erstaunlich substanzlos“ und „denkbar ungeeignet“ – Vertreter:innen mehrerer heimischer Unis, darunter Wirtschaftspädagog:innen und Volks-Ökonom:innen der WU Wien, übten heftige Kritik am kürzlich vorgelegten Lehrplanentwurf des Unterrichtsfachs „Geographie und wirtschaftliche Bildung“ (kurz GW; bislang „Geographie und Wirtschaftskunde“). Zudem erneuerten sie den Ruf nach einem eigenen Fach „Wirtschaft“ in der Schule. Auch Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung übten Kritik, wobei sich diese nicht auf den Lehrplan beschränkte. Sie fordern nicht einen eigenen Unterrichtsgegenstand, sondern „ein Aufbrechen des Fächerkanons“. Und dann befürchtete auch noch die Lehrer:innengewerkschaft eine Überforderung der Lehrkräfte durch den neuen Lehrplan.

Ist also alles falsch am neuen „Geographie und wirtschaftliche Bildung“-Lehrplan? Tatsächlich wurde dieser zwei Jahre lang von einer „Lehrplangruppe“ aus zehn Personen erarbeitet. Unter diesen sind mehrere aktive Lehrer:innen, auch solche, die gleichzeitig an der Universität bzw. an der Pädagogischen Hochschule tätig sind, sowie Fachdidaktiker:innen. Einer davon ist Herbert Pichler. Er arbeitet als BHS-Lehrer und Schulbuchautor sowie in der Arbeitsgruppe Fachdidaktik Geographie und wirtschaftliche Bildung an der Universität Wien. Im brutkasten-Interview erklärt er, welche Überlegungen hinter dem neuen Lehrplan stehen und geht auf die öffentlich geäußerten Kritikpunkte ein.

Zehnjährige denken nämlich nicht in abstrakten Wirtschaftsmodellen wie Wirtschaftswissenschaftler:innen, können aber über lebensnahe Fallbeispiele an wirtschaftlich-gesellschaftliches Denken herangeführt werden.


Der neue Lehrplan für das Fach „Geografie und Wirtschaftsbildung“ wurde nun zwei Jahre lang erarbeitet. Was waren die wichtigsten Ziele dieser Überarbeitung?

Der neue Unterstufenlehrplan wurde grundlegend neu ausgerichtet: weg von einem häufig in der Praxis noch recht stofforientierten Unterricht hin zu einem kompetenzorientierten Lehrplan. Damit erfolgt die von vielen zu Recht seit Jahrzehnten geforderte Abkehr von der praxisfernen Wissensmast hin zu lebensweltorientiertem Wissen und Können. Dieser Aspekt wird bei vielen aktuellen Stellungnahmen bisher kaum wahrgenommen.

Zentral wurde der neue Lehrplan auf die zentralen Zukunftsthemen des 21. Jahrhunderts hin ausgerichtet, wie etwa die Auseinandersetzung mit dem Globalen Wandel, der Klimakrise, der Globalisierung, der Digitalisierung, der Energiewende, Flucht und Migration, aber auch das eigene wirtschaftliche und finanzielle Wohlergehen etc. Das Fach „Geographie und Wirtschaftskunde“ wurde dabei zu „Geographie und wirtschaftliche Bildung“ weiterentwickelt, dies bedeutete eine grundlegende Erneuerung sowohl der geographisch als auch der wirtschaftlich bildenden Elemente. Mit der Verstärkung und Neuorientierung der wirtschaftlichen Bildung geht auch eine weitere wesentliche Innovation des Lehrplans einher: Geographische und wirtschaftliche Bildung wird stets unter der Perspektive der Nachhaltigkeit betrachtet. Schülerinnen und Schüler sollen damit in die Lage versetzt werden, ihre alltäglichen Entscheidungen – seien es wirtschaftliche, seien es finanzielle – vor dem Hintergrund des Nachhaltigkeitsgedankens zu reflektieren und zu begründen. Weiters wurden im Sinne der Mündigkeit und Mitgestaltungsmöglichkeit der Lernenden im Lehrplan allgemein und in unserem Fach speziell die kritische Medienbildung sowie die politische Bildung deutlich verankert.

Welche Auswirkungen hat der neue Lehrplan auf die Rolle der Wirtschaft innerhalb des Fachs?

Wie bereits eingangs skizziert, verändern sich die Rolle und das Gewicht der Auseinandersetzung mit Wirtschaft im neuen Lehrplan grundlegend. Mit „Bildungs-, Berufs- und Lebensorientierung“, „Entrepreneurship Education“, „Wirtschafts-, Finanz- und Verbraucher/innenbildung“ sollen drei wirtschaftlich ausgerichtete übergreifende Themen fächer- und jahrgangsübergreifend bearbeitet werden. Wichtige wirtschaftsrelevante Aspekte finden sich weiters in den übergreifenden Themen „Umweltbildung für nachhaltige Entwicklung“, „Reflexive Geschlechterpädagogik und Gleichstellung“, „Medienbildung“ und „Politische Bildung“.

Im Fachlehrplan GW verdeutlicht auch die Umbenennung von der Wirtschaftskunde zur wirtschaftlichen Bildung die Neuausrichtung: Wirtschaft wird für Schülerinnen und Schüler altersadäquat aufbereitet und als mitgestaltbar erlebbar gemacht. Dafür braucht es ein Grundverständnis der Prozesse und Abläufe, der verschiedenen Rollen im Wirtschaftsgeschehen aber auch der konkurrierenden Interessen sowie der politischen Aushandlung. Ganz bewusst haben wir bei der Formulierung der Kompetenzbeschreibungen geographische und wirtschaftliche Perspektiven verschränkt, weil auch in der Welt außerhalb der Schulklasse ökonomische oder finanzielle Problemstellungen nie isoliert von gesellschaftlichen, ökologischen, raumbezogenen oder politischen Bezügen existieren. Alle relevanten Gegenwarts- und Zukunftsfragen sind weder mit geographischem noch mit wirtschaftlichem „Wissen“ oder Denken allein bearbeitbar, erst das Erkennen der Vernetzung dieser Bereiche ermöglicht nachhaltige und innovative Lösungsansätze. Klarerweise stoßen dabei Beispiele aus der Erfahrungswelt von zehn- bis vierzehnjährigen Kindern, die altersgerecht aufbereitet sind, auf großes Interesse.

Welche Institutionen waren in die Erarbeitung des Lehrplans involviert, bzw. wurden während des Prozesses um Feedback gebeten?

Das Bildungsministerium hat von allen Lehrplangruppen mehrere Feedbackschleifen eingefordert, so wurden bereits im Entstehungsprozess Rückmeldungen von zahlreichen Lehrpersonen, Fachwissenschaftler:innen und Fachdidaktiken eingeholt. Speziell wurden breit gefächerte Feedbackrunden mit Stakeholdern der Wirtschaft abgehalten. Zusätzlich dazu haben wir als Lehrplangruppe Geographie und wirtschaftliche Bildung während des zweijährigen Entwicklungsprozesses aktiv das Gespräch mit zahlreichen Stakeholdern gesucht und um Rückmeldungen zu unserem Lehrplan gebeten. So haben wir etwa Feedback von der Oesterreichischen Nationalbank, der Arbeiterkammer, der Industriellenvereinigung, der Wirtschaftskammer, der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, von Vertretern der Entrepreneurship Education in Österreich, von Fridays for Future usw. erhalten, diskutiert und für den Lehrplan verarbeitet. Daneben wurde der jeweilige Entwicklungsstand auf wissenschaftlichen Tagungen und im Rahmen von Lehrer:innenfortbildungen präsentiert und zur Diskussion gestellt. Transparenter, offener und breiter ist wohl noch kaum ein Entstehungsprozess eines Fachlehrplans in Österreich bisher verlaufen.

Es gab nun auch öffentliche Kritik am Entwurf von mehreren Seiten, darunter von der Industriellenvereinigung und Wirtschaftspädagog:innen der WU

Wenn man sich mit der aktuellen medialen Berichterstattung zum neuen Lehrplan etwas genauer beschäftigt, fällt einem dreierlei auf: Bislang kam kein Medium auf die Idee, die verschiedenen Positionen zur Sache zu Wort kommen zu lassen. Wenn wir ein Thema im Lehrplan oder im Schulunterricht derart einseitig darstellen würden, wäre das ein schwerer Verstoß gegen das Kontroversitätsgebot der Politischen Bildung wie der Medienbildung. Zweitens erleben wir in Bezug auf den GW-Lehrplan eine geradezu paradoxe Situation: Einerseits gibt es die Kritik von Seite der Pflichtschullehrergewerkschaft, der neue Lehrplan sei mit Inhalten und Zielen überfrachtet, gleichzeitig werfen uns in erster Linie Wirtschaftspädagog:innen vor, der GW-Lehrplan sei „substanzlos“ und führe zu wenige konkrete Inhalte an. Und drittens sind im Begutachtungszeitraum tatsächlich mehr als zwanzig Stellungnahmen eingegangen, die sich hauptsächlich oder am Rande auch auf den GW-Lehrplan beziehen.

Die fundamentalkritischen Stellungnahmen sind dabei in der absoluten Minderheit. Die meisten Gutachten geben konstruktive Rückmeldungen für Adaptierungen im Detail. Eines dieser Gutachten kommt beispielsweise von der Oesterreichischen Nationalbank, ein anderes von der Stiftung für Wirtschaftsbildung. Dann bleiben noch zwei Stellungnahmen, deren Proponent:innen ein Fach Geographie und wirtschaftliche Bildung generell ablehnen und medial für ein eigenes Fach Ökonomie in der Unterstufe lobbyieren. Aus letztgenannten Gutachten werden wir in den nächsten Monaten noch an geeigneter Stelle genussvoll zitieren, denn sie können als Outings eines Wirtschaftsverständnisses und einer Didaktik gelesen werden, die mit einem lebensweltnahen, kompetenzorientierten und altersgemäßen Unterricht für Zehn- bis Vierzehnjährige nicht kompatibel sind.

Einer der Kritikpunkte ist, die Unternehmer:innenperspektive werde nicht ausreichend beleuchtet. Welche Rolle spielt Entrepreneurship Education im Lehrplan?

Das übergreifende Thema Entrepreneurship Education zählt zu jenen ausgewählten wichtigen Bildungsanliegen, die fächer- und jahrgangsübergreifend bearbeitet werden sollen. Ausdrücklich haben wir zusätzlich die Entrepreneurship Education in den didaktischen Grundsätzen des Fachlehrplans GW verankert, durch die Stärkung der Kreativität, der Eigeninitiative und der Erfahrung der Möglichkeit, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Sinnerfassendes Lesen hilft weiters dabei, diese Anliegen auch in den Kompetenzbeschreibungen wieder zu finden. Etwa in der zweiten Klasse, wenn im Rahmen von Projektunterricht einfache Projektideen zur Erzeugung von Gütern oder zur Bereitstellung von Dienstleistungen – ein Saftstand am Elternabend zum Beispiel – entwickelt und umgesetzt werden sollen.

Es wurde sogar der Vorwurf geäußert, es werde mit dem Lehrplan „Wirtschaftsbashing“ betrieben. Hat der Lehrplan einen weltanschaulichen Einschlag?

Vorausgeschickt sei der Gedanke, dass es keine wertfreie Bildung gibt oder geben kann. Bildung bezieht sich wie Wissenschaft immer auf unterschiedliche theoretische Bezugsrahmen, dies gilt genauso im Bereich der wirtschaftlichen Bildung. Die Lehrplangruppe hat von Beginn an die sozioökonomische Bildung als theoretischen Bezugsrahmen offengelegt. Im Gegensatz zu ökonomistischen Ansätzen wird dabei Wirtschaft nicht isoliert betrachtet und werden deren Modelle und Prozesse nicht als mechanistisch ablaufend, quasi naturgesetzlich dargestellt. Zehnjährige denken nämlich nicht in abstrakten Wirtschaftsmodellen wie Wirtschaftswissenschaftler:innen, können aber über lebensnahe Fallbeispiele an wirtschaftlich-gesellschaftliches Denken herangeführt werden. Im Lehrplan wird Wirtschaft daher als gesellschaftlich und politisch konstituiert und von jedem Menschen mitgestaltbar umgesetzt.

Aus guten Gründen werden wir weiter für eine mehrperspektivische, ausgewogene und daher auch klarerweise kritische Auseinandersetzung mit allen Themen im Lehrplan einsetzen. Alles andere wäre nämlich keine Bildung, sondern PR oder Indoktrination.

Unserem Verständnis eines ausgewogenen und fachlich mehrperspektivischen Zugangs zu wirtschaftlichen Themen entspricht, dass beispielsweise den Chancen der Globalisierung die Herausforderungen und problematischen Nebenwirkungen gegenübergestellt werden müssen. Dieses Ansinnen wurde von einem prominenten Wirtschaftsvertreter im Rahmen der Feedbackgespräche bereits als „Wirtschaftsbashing“ bezeichnet, es solle doch vor allem Positives über Wirtschaft gelernt werden. Aus guten Gründen werden wir weiter für eine mehrperspektivische, ausgewogene und daher auch klarerweise kritische Auseinandersetzung mit allen Themen im Lehrplan einsetzen. Alles andere wäre nämlich keine Bildung, sondern PR oder Indoktrination.

Im Zuge der Kritik ist auch von mehreren Seiten der Ruf nach einem eigenen Schulfach Wirtschaft erneuert worden. Was spricht dafür oder dagegen?

Der Ruf nach dem eigenen Schulfach Ökonomie wird von bestimmten Seiten mantraartig wiederholt und medial hochgekocht. Wer über den österreichischen Tellerrand blickt, kann in innovativen Bildungssystemen die Entwicklung weg von Einzelfächern und hin zu Fächerclustern und Problemfeldern beobachten. Eine weitere zusätzliche Zersplitterung in neue Einstundenfächer ist dahingehend völlig kontraproduktiv, altes Denken: Denn dann bräuchten wir nämlich nach PISA ja noch ein zusätzliches Fach Lesen, Rechnen und Problemlösen, wichtig wären weiters Recht, Verkehrsbildung, Gesundheit und Ernährung und so weiter. Das soll das innovative Bildungssystem der Zukunft sein?

Auch inhaltlich betrachtet erscheint es wenig zukunftsorientiert, in der Unterstufe wirtschaftliches Wissen isoliert zu unterrichten. Finanzielle und wirtschaftliche Fragen sind immer in größere gesellschaftliche, politische und natürliche Rahmungen eingebettet. Wie sonst sollen junge Menschen zukünftig ihren Beitrag zur Bewältigung des Globalen Wandels oder der multiplen Krisen leisten? Also auch aus fachlicher Sicht spricht vieles für einen vernetzenden Zugriff. Aus gutem Grund wird ja auch in der Wissenschaft interdisziplinäres Denken und Forschen immer wichtiger, wohingegen monodisziplinäre Ansätze an Bedeutung verlieren. In der HTL gibt es beispielsweise seit Jahren das Clusterfach GGP, in dem die großen Herausforderungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus Sicht der Kompetenzbereiche Wirtschaft, Geographie, Geschichte und Politische Bildung bearbeitet werden können. Das könnte ein Zukunftsmodell sein.

Schließlich enthüllen jene Fallbeispiele in Nachbarländern, wo in den letzten Jahren eigene Ökonomiefächer in der Unterstufe eingeführt worden sind, dass das Einzelfach kombiniert mit ökonomistischer Didaktik kein Vorzeige- oder Erfolgsmodell ist. So konnten etwa bei wissenschaftlichen Evaluationen in Baden-Württemberg in der Mittelschule nur geringe bis ausbleibende Effekte beim Wissenszuwachs der Zehn- bis Vierzehnjährigen festgestellt werden. Ohne lebensnahen, projektartigen Wirtschaftsunterricht wird man eben kein nachhaltiges Wirtschaftslernen erzielen können.

Viele von uns haben GW-Unterricht als Länder-Auswendiglernen erlebt. Das passiert noch immer. Sind die Lehrkräfte den ambitionierten Anforderungen des neuen Lehrplans überhaupt gewachsen?

Wir alle kennen einzelne Beispiele solch irrlichtender Dinosaurier aller Altersklassen und aller Fächer, die unbeeindruckt von jeglichen Lehrplanvorgaben oder -reformen ihre eigene Mission impossible im Klassenzimmer durchziehen. Der weit überwiegende Teil der Lehrpersonen ist engagiert und gerne bereit, den eigenen Schülerinnen und Schülern einen Unterricht am Puls der Zeit zu ermöglichen. Wir haben unseren Lehrplan bereits im Rahmen von Tagungen und zahlreichen Fortbildungsseminaren Lehrerinnen und Lehrern vorgestellt. Bisher waren die Reaktionen darauf sehr ermutigend und machen mich optimistisch, dass wir mit dem neuen Lehrplan einen Kulturwandel schaffen können.

Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass in der Mittelschule schon in den letzten Jahren ein Drittel der gehaltenen Unterrichtsstunden von fachfremd ausgebildeten Lehrpersonen gehalten wurden. Dies verschlechtert sich aktuell durch den Lehrer:innenmangel.

Freilich braucht es für eine gute Umsetzung noch wichtige begleitende Maßnahmen wie etwa neue qualitätsgesicherte, approbierte Schulbücher. Das Bildungsministerium stellt aktuell die Approbation von Schulbüchern völlig neu auf, bereits seit eineinhalb Jahren werden die Schulbuchverlage laufend über die Lehrpläne informiert, damit rechtzeitig zur Einführung auch passende Schulbücher zur Verfügung stehen. Klarerweise braucht es ausreichend Lehrer:innenfortbildung bereits vor der Einführung des Lehrplans. Zudem denkt das Ministerium an eine zusätzliche ausführliche Erläuterung zum Lehrplan, die von den Lehrplangruppen verfasst wird, sobald die Letztversion feststeht. Dies werden wichtige Unterstützungsmaßnahmen für die Umsetzung im Unterricht sein. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass in der Mittelschule schon in den letzten Jahren ein Drittel der gehaltenen Unterrichtsstunden von fachfremd ausgebildeten Lehrpersonen gehalten wurden. Dies verschlechtert sich aktuell durch den Lehrer:innenmangel. Die Fachdidaktik GW bietet deshalb allen Lehrpersonen den Service der von AK und OeNB kofinanzierten Plattform zur wirtschaftlichen Bildung. Hier stehen bereits 65 erprobte und qualitätsgesicherte Unterrichtssequenzen zu den wichtigen wirtschaftlichen Themen des Lehrplans zur Verfügung und es werden laufend mehr.

Abschließend: Wie wird kontrolliert, ob die Ziele des neuen Lehrplans erreicht werden bzw. ob die Lehrkräfte ihn überhaupt umsetzen? 

Für die Qualitätskontrolle ist in erster Linie die Schulaufsicht zuständig. Ich ermutige aber auch Schüler:innen und Eltern direkt in den Dialog zu treten, sollte der Eindruck entstehen, dass sich einzelne Lehrpersonen den Bildungsanliegen des neuen Lehrplans völlig entziehen. Freilich wird der neue Lehrplan nach wenigen Jahren evaluiert werden müssen, um bei Bedarf etwa über Lehrer:innenfortbildung nachjustieren zu können. Nach zwanzig Jahren ist die Zeit des aktuellen Lehrplans abgelaufen, es ist hoch an der Zeit für den neuen.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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