28.03.2023

Danke, lieber Staat! Was würden ausländische VCs nur ohne euch tun?

Kommentar. Der Staat nimmt 40 Prozent des zwischen 2013 und 2021 in österreichische Startups investierten Kapitals auf seine Kappe. Klar doch!
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Dominik Perlaki Kommentar Geld aws Gründerfonds Hebelwirkung
brutkasten-Redakteur Dominik Perlaki | (c) brutkasten / Hintergrund: (c) Ibrahim Boran via Unsplash
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Heute wurde der Austrian Startup Monitor 2022 präsentiert. Wie auch in den vorangegangenen Jahren gilt: Es gibt sowohl positive als auch negative Entwicklungen. In einigen Bereichen laufen die Dinge gut, in anderen gibt es großen Aufholbedarf. Kurzum: Nüchtern betrachtet sind weder Katastrophenrhetorik noch Jubelstimmung angebracht. Aber es wäre nicht Österreich, wenn sich zu so einer Präsentation nicht ein Spitzenpolitiker hinzugesellen würde, der eine Jubelmeldung und Selbstschulterklopfer mit im Gepäck hat. Diesmal überbrachte Arbeits- und Wirtschaftsminister Martin Kocher die gute Nachricht: Es wird einen neuen aws Gründerfonds – bzw. nun „Gründungsfonds“ – mit „bis zu“ 72 Millionen Euro Budget geben.

aws Gründerfonds: Ein typischer VC-Fonds – und das ist auch gut so

Das ist natürlich ohne Zweifel eine gute Nachricht für das heimische Startup-Ökosystem. Der aws Gründerfonds war und ist ein wichtiges Eigenkapital-Finanzierungsinstrument für Österreichs Startups. Er wird professionell gemanagt und leistet gute Arbeit. Eine etwas größere Neuauflage ist richtig und wichtig. Wie auch jeder andere VC-Fonds, investiert er mit einem klaren Ziel: lukrative Exits. Er ist also – worüber wir als Steuerzahler:innen, die für das Budget aufkommen, froh sein sollten – kein Gießkannen-Förderinstrument. Seine Investments erfolgen nach marktwirtschaftlichen Kriterien. Und das wird erfolgreich umgesetzt. Das ist gut so!

Aus 60 mach 500

Was will man mehr? Nun, als Wirtschaftsminister bei der Startup Monitor-Präsentation fällt einem da schon etwas ein. Zum Beispiel, nicht nur die tatsächlich in den vergangenen zehn Jahren vom Gründerfonds in 46 Startups investierten 60 Millionen Euro als Verdienst der Regierung darzustellen, sondern gleich eine halbe Milliarde Euro von allen möglichen Investor:innen und VCs investiertes Kapital.

Wie das? Die Zauberworte heißen „mobilisieren“ und „hebeln“. Die Argumentation: Der Einstieg der öffentlichen Hand über den aws Gründerfonds brachte die entscheidende Motivation für private Investor:innen, sich an Startups zu beteiligen. In einer Aussendung zum neuen „Gründungsfonds II“ liest sich das so: „Insgesamt konnten mit Investitionen von 60 Millionen Euro in 46 Portfoliounternehmen knapp 500 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln für österreichische Startups mobilisiert werden. Die Hebelwirkung des Kapitals war 1:8 (das ursprüngliche Ziel 2013 war 1:5), d.h. dass auf einen Euro öffentliche Investition acht Euro privates Kapital gefolgt sind.“

Und weiter: „Die Investitionen des Gründerfonds inklusive des mobilisiertem Kapital von Co-Investoren beträgt 40 Prozent des zwischen 2013 und 2021 insgesamt in österreichische Startups investierten Kapitals. Rund die Hälfte der internationalen Co-Investorinnen und Co-Investoren haben durch den Gründerfonds erstmals in Österreich investiert.“

Gründerfonds-„Hebelwirkung“: Ein kürzerer Zeitraum bringt den besseren Prozentsatz

Dass es diese Hebelwirkung immer wieder gibt, soll an dieser Stelle nicht bestritten werden. Sich aber einfach mal die gesamte halbe Milliarde Euro bzw. „40 Prozent des investierten Kapitals“ an die eigenen Fahnen zu heften, ist schon ein starkes Stück. Man beachte auch den gewählten Zeitrahmen bis 2021. Nicht wenige Megainvestments, etwa die 300 Millionen Euro-Rekord-Kapitalrunde von GoStudent im Vorjahr, wurden hier bewusst nicht eingerechnet, um einen (erheblich) höheren Prozentsatz nennen zu können.

Über die eigentlichen Versäumnisse hinwegtäuschen

Was würden die internationalen VCs bloß ohne die sechs- und siebenstelligen Investments durch den staatlichen Gründungsfonds tun? Die Antwort: Sie würden natürlich trotzdem in vielversprechende Startups investieren, wie es bei all den anderen Finanzierungsrunden der Fall war.

Diese Jubel-PR anlässlich der Startup Monitor-Präsentation dient wieder einmal einer Sache: über die eigentlichen Versäumnisse hinwegzutäuschen. Ein großer Katalog an Forderungen der Startup- und Investor:innen-Szene an die Politik liegt bekanntlich seit vielen Jahren am Tisch und wird sehr langsam oder überhaupt nicht bearbeitet. Viele davon beziehen sich darauf, die Mobilisierung von privatem Kapital zu erleichtern. Darüber, ob die Erfüllung all dieser Forderungen auch gesamtgesellschaftlich die Richtige Entscheidung wäre, lässt sich ohne Zweifel diskutieren. Aber diese Diskussion passiert nicht. Stattdessen werden sie angeblich gehört, tatsächlich ignoriert und zu geeigneten Gelegenheiten mit Selbstschulterklopfern gekontert. Na dann: Danke, liebe Regierung!

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Das Founder-Team von Serwas, v.l. Timo Berkmann, Manuel Untergasser und Lucas Bolte | © Johannes Aitzetmüller
Das Founder-Team von Serwas, v.l. Timo Berkmann, Manuel Untergasser und Lucas Bolte | © Johannes Aitzetmüller

Im KI-Boom werden immer mehr Server benötigt und diese produzieren viel Wärme. Die Abwärme zum Heizen zu benutzen, liegt also auf der Hand, ein großer Einwand ebenso: Der Bedarf an Heizwärme unterliegt für gewöhnlich starken saisonalen Schwankungen, jener an Rechenleistung nicht. Das Innsbrucker Startup Serwas Technologies will diese Diskrepanz mit seinem System auflösen – brutkasten berichtete erst im September über ein Pre-Seed-Investment für das Unternehmen.

„Wollen Rechenleistung dort aufbauen, wo die entstehende Wärme direkt gebraucht wird“

„Wir wollen Rechenleistung dort aufbauen, wo die entstehende Wärme direkt gebraucht wird. Gerade Schwimmbäder sind dafür besonders interessant, weil sie das ganze Jahr über einen hohen Wärmebedarf haben“, erklärt Serwas-Mitgründer Timo Berkmann. Das Startup kann so gleichzeitig Abwärme an Projektpartner und Rechenleistung an externe Unternehmen verkaufen.

Das Innenbecken im StuBay im Tiroler Stubaital | (c) StuBay

In einem Hallenbad in Innsbruck läuft das System bereits. Nun wurde mit dem Freizeitcenter StuBay im Tiroler Stubaital ein weiterer Partner präsentiert. Noch vor Jahresende sollen erste Server in der Anlage aufgebaut und in die bestehende Gebäudetechnik eingebunden werden. Die eigens entwickelte Kühltechnologie ermögliche es, die entstehende Abwärme mit Temperaturen von bis zu 70 °C nutzbar zu machen, ohne dass dafür eine zusätzliche Wärmepumpe benötigt werde, heißt es vom Startup.

Schrittweiser Ausbau im StuBay geplant

Nach der ersten Anbindung gemeinsam mit anderen beteiligten Fachunternehmen soll beim System im StuBay dann ein schrittweiser Ausbau erfolgen, „der sich am Wärmebedarf und den technischen Möglichkeiten des Freizeitcenters orientiert“. Mit dem weiteren Ausbau wolle man einen wachsenden Beitrag zur Wärmebereitstellung leisten.

Nach der erwähnten Pre-Seed-Finanzierung über knapp 300.000 Euro durch Gateway Ventures, Business Angels aus dem Pioneers Club und das MCI Innsbruck will Serwas zudem weiteres Kapital aufnehmen: Aktuell läuft eine Crowdinvestingkampagne des Startups.

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