27.08.2025
FEMALE FUNDING INDEX

Gender Investment Gap in Österreich im ersten Halbjahr katastrophal

Im in Sachen Startup-Investments ausgesprochen schwachen ersten Halbjahr 2025 verschlechtert sich auch der Gender Investment Gap noch einmal deutlich - das zeigt der aktuelle "Female Start-up Funding Index" von EY, Female Founders und Fund F.
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Female Start-up Funding Index - vlnr.: Lisa Fassl, Natascha Fürst und Florian Haas | (c) Viktoria Waba/brutkasten / Martina Trepczyk / brutkasten
vlnr.: Lisa Fassl, Natascha Fürst und Florian Haas | (c) Viktoria Waba/brutkasten / Martina Trepczyk / brutkasten

„Die Zahlen sind schlicht und ergreifend schockierend“, sagt Lisa Fassl, Managing Partner bei Fund F und Co-Gründerin von Female Founders. Sie spricht von den Ergebnissen des „Female Start-up Funding Index H1/2025“, den EY Österreich, Female Founders und Fund F gemeinsam erstellt haben. Das erste Halbjahr brachte generell einen drastischen Rückgang beim Investment-Volumen, wie brutkasten berichtete.

Elf von 153 Gründer:innen mit Investment weiblich

Die Hauptergebnisse des aktuellen Female Funding Index: Nur elf von 153 Gründungsmitgliedern, deren Startups im ersten Halbjahr 2025 ein Investment erhielten, sind Frauen – das entspricht 7,2 Prozent und bedeutet einen weiteren Rückgang im Vergleich zum bereits schwachen Vorjahreszeitraum (1. Halbjahr 2024: 11 Prozent). Diese 153 Gründer:innen teilen sich auf 65 erfasste Startups auf, von denen 54 (83 Prozent) ein ausschließlich männlich besetztes Gründungsteam, zehn Teams (23 Prozent) ein gemischtes, und ein einziges (2 Prozent) ein rein weibliches Gründungsteam haben.

98,1 Prozent des Volumens an rein männliche Gründungsteams

Noch deutlich drastischer ist die Verteilung beim Volumen: Nicht weniger als 98,1 Prozent des gesamten Kapitals flossen an rein männliche Teams. Im Vergleichszeitraum war der Anteil gemischter Teams am Investitionsvolumen noch bei 24,2 Prozent gelegen, nun liegt er bei 1,3 Prozent. Die verbleibenden 0,6 Prozent des Volumens gingen an das einzige erfasste rein weibliche Founding-Team: Howie (brutkasten berichtete über das Investment).

Kein einziges Millioneninvestment für Team mit Gründerin

Besonders ausschlaggebend für den vergleichsweise hohen Anteil gemischter Teams am Gesamtvolumen im ersten Halbjahr 2024 war damals das 63-Millionen-Euro-Investment für Prewave mit Co-Gründerin Lisa Smith. Im ersten Halbjahr 2025 erhielt dagegen kein einziges Startup mit Frau im Gründungsteam ein Investment über einer Million Euro. Bei den Investments bis zu einer Million Euro betrug der Gründerinnen-Anteil auch nur 12 Prozent.

Fürst: „Strukturelles Marktversagen“

„Der Gender Investment Gap ist kein temporäres Phänomen – er ist strukturell“, konstatiert Natascha Fürst, CEO von Female Founders. Und sie führt aus: „Wer heute Gründerinnen unterfinanziert, lässt Rendite auf dem Tisch liegen – denn Diversität in Gründungsteams ist kein ‚Nice to have‘, sie ist der stärkste Wachstumshebel.“ Studien würden nämlich zeigen, dass das jährliche EU-BIP um bis zu 6,2 Prozent steigen könnte, wenn der Gender Gap im Entrepreneurship in der Union geschlossen werden würde. „Was wir aktuell erleben – und was auch dieser Bericht zeigt –, ist ein strukturelles Marktversagen“, so Fürst.

Es brauche daher „eine ebenso strukturelle wie strategische Antwort“. „Österreich muss jetzt den Blick heben und eine langfristige Vision entwickeln: In den frühen 2030ern wird weltweit mehr Kapital in Frauenhand sein als in Männerhand. Die Frage ist: Gestalten wir diesen Wandel aktiv mit oder verpassen wir den Anschluss?“, sagt die Female-Founders-CEO.

Fassl: „Es wäre eigentlich relativ simpel“

Lisa Fassl führt konkrete Maßnahmen ins Treffen. Es gebe tagtäglich „irrwitzige Ideen, welche kreativen Maßnahmen gesetzt werden könnten, um den Wirtschaftsmotor wieder anzukurbeln“, sagt sie. „Dabei wäre es eigentlich relativ simpel: Anreize für privates Kapital, die nicht jahrelang für die Umsetzung brauchen, effektive Maßnahmen im Gesellschaftsrecht, um Gründungen und Finanzierungen zu erleichtern und strukturelle Maßnahmen, um Frauen den gleichberechtigten und gleichwertigen Zugang zum Arbeitsmarkt und Unternehmer:innentum zu ermöglichen“, so die Fund-F-Chefin.

Female-Startups als „Katalysatoren für soziale Veränderung“

Letztlich ist der Gender Investment Gap aber natürlich primär auf das Verhalten der Investor:innen zurückzuführen. „Viele Investor:innen setzen derzeit vor allem auf Sicherheit und investieren in bekannte Gründerteams. Das ist nachvollziehbar – aber diese Bekanntheit ist historisch männlich geprägt“, analysiert Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich. Und er setzt nach: „Wer Vielfalt will, muss bewusst anders investieren.“

Natascha Fürst führt aus: „Wer Teil der Lösung des Gender Gap sein will, muss schon heute gezielt in weiblich geführte Startups investieren. Denn diese Unternehmen leisten weit mehr als wirtschaftlichen Erfolg: Sie wirken als Katalysatoren für soziale Veränderung: Sie stellen mehr Frauen ein, unterstützen andere Gründerinnen und treiben nachhaltige Innovationen voran.“

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Junior Developer
(c) True Agency via Unsplash

„Wer glaubt, mit Künstlicher Intelligenz ließen sich Einstiegspositionen einfach streichen, verwechselt das Werkzeug mit der Person, die es sinnvoll einsetzt“, warnt André Holhozinskyj, CEO der europäischen Cloudflight Group. Die Warnung des Branchenexperten stützt sich auf eine aktuelle Befragung, die das Unternehmen durchgeführt hat. Unter den 1.119 Teilnehmenden – mehrheitlich Studierende und Berufseinsteiger:innen aus Deutschland, Österreich und Rumänien – zeigt sich eine weite Verbreitung, aber auch eine spürbare Reglementierung von KI-Tools im Arbeitsalltag.

Während 99 Prozent der befragten Nachwuchskräfte angeben, KI-Werkzeuge regelmäßig zu nutzen, stoßen sie in der Praxis häufig an organisatorische Grenzen. Rund zwei Drittel der Befragten berichten von Einschränkungen bei der Nutzung, die überwiegend organisatorischer Natur sind. Als Haupthindernis nennen 46 Prozent regulatorische Vorgaben wie Richtlinien von Schulen, Universitäten oder Unternehmen. Weit dahinter folgen Kosten und Lizenzgebühren mit 24 Prozent sowie ethische, rechtliche und datenschutzrechtliche Bedenken mit 23 Prozent. Mangelndes Interesse spielt mit nur zwei Prozent praktisch keine Rolle.

Risiko durch Schatten-IT und Compliance-Verstöße

Die restriktive Haltung in vielen Organisationen birgt nach Einschätzung der Studienautor:innen jedoch Risiken: Wird die Nutzung im Unternehmen untersagt oder komplett eingeschränkt, weichen Mitarbeiter:innen häufig auf private Geräte und nicht freigegebene Consumer-Tools aus – ohne Wissen oder Zustimmung der IT-Abteilung.

Gernot Molin, CTO der Cloudflight Group, warnt vor den unmittelbaren Gefahren für die Datensicherheit: „Tools wie ChatGPT, Gemini oder Claude sind nicht für Unternehmenssicherheit oder Compliance konzipiert, sondern für einfachen Zugang, und das schafft unmittelbare Risiken.“ So könnten etwa proprietäre Algorithmen durch das Einfügen von Code-Schnipseln abfließen, oder Entwickler:innen könnten unbeabsichtigt Kundendaten bei der Analyse von Log-Dateien offenlegen. Unternehmen, die an Richtlinien wie DSGVO, HIPAA oder SOC 2 gebunden sind, riskieren laut Molin bei der Verwendung nicht autorisierter Dienste empfindliche Verstöße. Er plädiert daher für eine kontrollierte Freigabe von KI-Werkzeugen, die direkt in bestehende Entwicklungsumgebungen integriert und durch Sicherheitskontrollen sowie Audit-Trails abgesichert sind.

Vielseitige Nutzung abseits von reinem Code

Die Befragung räumt zudem mit dem Vorurteil auf, KI diene primär dem Schreiben von neuem Programmcode. Der Einsatz zur reinen Code-Generierung liegt bei 18 Prozent und ist damit fast gleichauf mit dem Debugging und Code-Reviews (19 Prozent), administrativen und organisatorischen Aufgaben wie Recherche (19 Prozent) sowie der Code-Optimierung (17 Prozent). Dokumentation (12 Prozent) und Testautomatisierung (10 Prozent) folgen mit etwas Abstand.

Den größten Nutzen sehen die Befragten in der Entlastung bei Routinearbeiten. Fast jede:r Zweite (48 Prozent) nutzt KI vor allem zur Bewältigung repetitiver, zeitaufwändiger Aufgaben wie dem Erstellen von Boilerplate-Code oder dem automatisierten Organisieren von Daten. Ziel sei es, so heißt es aus den offenen Antworten der Teilnehmenden, sich dank der KI auf die interessanten Teile der Arbeit konzentrieren zu können. Zudem schätzen 42 Prozent die Tools als eine Art rund um die Uhr verfügbaren Tutor, der komplexe Konzepte erklären kann. Dieser Effekt könnte nach Einschätzung der Studienautoren vor allem in Regionen mit schwächerer Bildungsinfrastruktur den Zugang zu hochwertiger Programmierausbildung demokratisieren.

Zukunftssorgen und die Rolle der Nachwuchskräfte

Trotz der intensiven Nutzung blickt die junge Generation keineswegs sorgenfrei in die Zukunft. Lediglich 12 Prozent der Befragten geben an, keinerlei Sorge hinsichtlich der Auswirkungen von KI auf ihre eigene Karriere zu haben. Die überwiegende Mehrheit von 88 Prozent äußert leichte bis extreme Besorgnis. Neben der allgemeinen Karriereentwicklung sorgt sich ein Teil der Entwickler:innen auch um den eigenen Lernfortschritt: Es besteht die Befürchtung, durch eine zu starke Abhängigkeit von der KI das eigene Weiterkommen zu bremsen und durch die automatisierten Lösungen „dümmer“ zu werden. Viele wünschen sich daher Erklärungen anstelle von fertigen Antworten.

Für Cloudflight-CEO Holhozinskyj zeigt die Untersuchung, dass Unternehmen umdenken müssen. Künstliche Intelligenz müsse wie eine „virtuelle Mitarbeiterin“ verstanden werden, die ein geregeltes Onboarding benötigt. Wer Juniorstellen aus Gründen der kurzfristigen Kostenersparnis streicht, begehe laut Holhozinskyj einen strategischen Fehler: „Urteilsvermögen entsteht nicht am Reißbrett, sondern über Jahre praktischer Erfahrung, auch aus eigenen Fehlern, und genau diese Erfahrung bauen Unternehmen gerade systematisch ab, wenn sie ihre Juniorstellen kürzen.“ Langfristig drohe den Unternehmen dadurch der Verlust der „Senior-Kompetenz von morgen“ an die Konkurrenz, was sich schnell zum mittelfristigen Wettbewerbsnachteil entwickeln könne.

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