02.07.2025
HISTORIE

Exit, FBI und Hilfe von Bitpanda: Das ist die Geschichte von biocrates aus Innsbruck

Die biocrates life sciences AG, ein Tiroler Unternehmen mit Fokus auf Metabolitenanalytik, vollzog Anfang Juni einen Exit und befindet sich nun im Besitz der Bruker Corporation. Dem Verkauf gingen teilweise schwierige Entwicklungsphasen voraus und man musste einen Hacker-Angriff abwehren. CEO Moritz Seuster, der geholt wurde, um das Unternehmen auf die richtigen Bahnen und bis zum Exit zu lenken, erzählt.
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Biocrates
© Biocrates - Moritz Seuster, Biocrates.

Die biocrates life science AG wurde vor kurzem an die Bruker Corporation verkauft (die Parteien haben Stillschweigen über die Konditionen vereinbart). Das Spin-off der Universität Innsbruck hat in den letzten zwei Dekaden seines Bestehens ständigen Wandel durchlebt, Covid und einen Hacker-Angriff überstanden, sich in den letzten Jahren strategisch auf Technologieentwicklung und Digitalisierung konzentriert und dabei Fehlentwicklungen korrigiert. Maßgebend dabei war CEO Moritz Seuster.

biocrates: Exit immer als Ziel

Das Unternehmen, das sich auf die Massenspektrometrie-basierte quantitative Metabolitenanalytik spezialisiert, wurde vor mehr 20 Jahren gegründet und arbeitete an neuen Produkten und Themen rund um Biotechnologie. Ab 2006 wurde es durch Investoren finanziert, unter anderem durch MIG Capital. Im Jahr 2009 kam ARAX Capital Partners dazu.

„Es ging dabei darum, eine Grundlagentechnologie zu entwickeln, die es in dieser Form vorher noch nicht gab. Wie immer, wenn man ein solches Modell aufbaut, durchläuft man Phasen: Mal geht es gut voran, dann gibt es Rückschläge, und das Unternehmen muss sich neu aufstellen“, erklärt Moritz Seuster, der 2019 als COO bzw. CFO dazukam und 2021 als CEO eingesetzt wurde.

Zu dieser Zeit war das Unternehmen in einer schwierigen Situation, die korrigiert werden musste. Es hatte in Vorjahren eine Akquisition getätigt, die nicht optimal verlaufen war, wie Seuster erzählt. Der ausgebildete Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater hatte von Amtsantritt an das Unternehmen mit dem Ziel „Exit“ übernommen:. „Wie das immer ist, wenn Investoren mit an Bord sind: Irgendwann wollen sie verkaufen – das war von Anfang an der Plan. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen“, sagt er.

Nachfolge geregelt

Seuster hat über die Jahre Nachfolger und Nachfolgegenerationen aufgebaut und hat biocrates mit dem erfolgreichen Abschluss der Transaktion inzwischen verlassen, steht aber den neuen Eigentümern noch beraterisch zur Verfügung. „Jetzt werden andere die Verantwortung übernehmen. Sie sind für kommende Aufgaben bestens ausgebildet.“

Dazu gehört v.a. die Analyse des menschlichen Stoffwechsels voranzutreiben – die sogenannte Metabolomik, die jedoch an einem allgemeinen zentralen Problem leidet: Die Messergebnisse sind oft nicht vergleichbar. Laut der Human Metabolome Database (HMDB) sind derzeit über 240.000 Metaboliten (Anm.: kleine Moleküle im Blut, Stuhl oder Urin, die zeigen, wie der Körper gerade funktioniert. Oder anders gesagt: ein direkter Spiegel des Stoffwechsels) gelistet, die im menschlichen Körper vorkommen können. Davon gelten rund 30.000 als experimentell bestätigt, also tatsächlich gemessen und dokumentiert.

„Jedes Labor misst anders, Mal 20, Mal 100 Metaboliten. Unterschiedliche Geräte, Methoden und Standards erschweren zudem die wissenschaftliche Reproduzierbarkeit“, erläutert Seuster. „Das biocrates-Kit, das wir entwickelt haben, ist ein Tool, mit dem sich der menschliche Stoffwechsel – etwa aus Blut-, Stuhl- oder Urinproben – mithilfe von Massenspektrometrieinstrumenten unterschiedlicher Hersteller standardisiert analysieren lässt. Zwar wird Stoffwechsel weltweit bereits in vielen Laboren gemessen, doch das allein genügt nicht: Entscheidend ist, dass diese Daten standardisiert erfasst werden – nur so sind sie reproduzierbar, vergleichbar und wissenschaftlich besser nutzbar. Das ist unser USP.“

In Hunderten Laboren global im Einsatz

Vor diesem Hintergrund hat biocrates in den vergangenen zehn bis 15 Jahren Produkte entwickelt, die mittlerweile über 1.200 Metaboliten erfassen können. Das Unternehmen bietet jedoch mehr als das physische Analyse-Set. Seit 2021 entwickelte das Unternehmen seine Software neu und hat 2023 eine Plattform gelauncht – cloudbasiert, die auch On-Premise einsetzbar ist. Mit eingebauten AI-Elementen, um Prozesse zu beschleunigen. Wissenschaftler:innen würden so die Kontrolle über Daten behalten und können validieren, korrigieren und interpretieren. Die Produkte des Unternehmens kommen mittlerweile in Hunderten von Laboren weltweit zum Einsatz.

biocrates: „Mussten uns Hilfe holen“

Abseits davon gehört noch ein weiterer Aspekt zur biocrates-Historie. Zusätzlich zu den Herausforderungen durch Covid musste sich das Unternehmen im Juni 2021 mit einem Hacker-Angriff herumplagen.

„Wenn eine Hackerattacke passiert, dann treten bestimmte Prozesse in Kraft, um akute Bedrohungen strukturiert zu lösen“, erläutert Seuster. „Wir hatten Strukturen und etablierte Prozesse, doch wir mussten uns, wie viele Unternehmen in Österreich und Europa, Hilfe holen und Kompromisse machen.“ Also nahm man das Telefon in die Hand.

Einige der Helfer, die biocrates damals unterstützt haben, kamen aus dem Netzwerk von Seuster. „Wenn Prozesse nicht ausreichen, dann ruft man sein Netzwerk an“, sagt er. „Es war eine sehr bewegende Erfahrung. Es helfen dir Leute, nicht weil sie Geld bekommen, sondern weil sie sich solidarisieren und unterstützen wollen. Und es gab viele, die uns geholfen haben, diese Herausforderung zu meistern.“ Darunter etwa, wie Seuster bestätigt, Eric Demuth, Co-Founder von Bitpanda und sein Team, die an entscheidender Stelle geholfen haben (Anm.: Details zu diesem Vorfall sind der Redaktion bekannt, dürfen aber aus rechtliche Gründen nicht näher erläutert werden).

Angreifer gefasst – Verfahren läuft noch

Biocrates hatte nach dem Hackerangriff Anwälte in den USA und die Polizei in Österreich eingeschaltet. Aus technischen Gründen hätte man eine formale Bestätigung der Anzeige durch die österreichische Polizei gebraucht, die man jedoch nicht erhalten habe.

„Die Unterstützung hierzulande war daher nicht so glücklich, während die Anwälte in den USA sehr schnell handelten und das FBI einschalteten“, erinnert sich Seuster. „Wir selbst standen nicht in direktem Kontakt mit den Ermittlungsbehörden, haben aber später erfahren, dass ein mutmaßlicher Angreifer gefasst wurde. Der Prozess der US-Behörden gegen diesen läuft derzeit noch. Wir wurden als Geschädigte erfasst und haben unsere Meldung gemacht – das FBI und die US-Gerichte haben nach meiner Wahrnehmung sehr professionell gearbeitet.“

Neuorientierung beim CEO

Seuster ist neben seiner Vorstandstätigkeit bei biocrates nebenher seit vielen Jahren selbstständig im Rahmen kleinerer Beratungsengagements und Beiratstätigkeiten. „Ich probiere immer wieder aus, in welchen Formaten ich mich unternehmerisch einbringen möchte“, sagt er zu seiner Zukunft. „Ob als Geschäftsführer, Berater oder Beirat. Die Bereiche ‚Tech‘ und ‚HealthTech‘ wecken da mein besonderes Interesse.“

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Gerhard Petzl möchte mit seinem Elektrolyt-Cocktail ein unbesetztes Segment erobern. | © Gerhard Petzl

Wenn Gerhard Petzl eine seiner Plash-Dosen aufmacht, fühlt sich das für ihn ein bisschen nach Urlaub an. Genau dieses exklusive Gefühl will der Gründer mit seinem Getränke-Startup in den Alltag seiner Kund:innen bringen. Seine alkoholfreien Mocktails sollen nach Bar schmecken und nebenbei Elektrolyte liefern. Das Konzept würde die Gen Z mit dem Begriff „Spaßgetränk“ auf den Punkt bringen. Etwas, das man sich zu besonderen Anlässen gönnt, wie ein Gläschen Wein, nur gesünder.

Der Geschmack einer Bar, die Mineralien eines Sportgetränks

Der Hybrid-Cocktail in den drei Geschmacksrichtungen Pink Guava, Lemon & Mint und Orange Ginger | © Plash

Am Anfang der Getränke-Reise stand ein Ärgernis: Sportgetränke liefern Elektrolyte, schmecken aber nicht besonders hochwertig, Softdrinks schmecken, sind aber oft voll mit Zucker oder anderen Konservierungsmitteln. Also entwickelte Petzl, laut eigenen Angaben, den ersten trinkfertigen Mocktail mit Elektrolyten in der EU.

Eine 330-Milliliter-Dose enthält laut eigenen Angaben rund 20 Kalorien, drei Gramm Zucker und bis zu zehn Prozent Fruchtsaft. Zudem sind die Getränke vegan und kommen ohne Konservierungsstoffe aus. Auf künstliche Zuckerfreiheit verzichtet das Startup bewusst: „Der Zucker fungiert als Brücke, die das Geschmacksprofil und die Fruchtnoten stabilisiert“, betont Petzl im Gespräch. Ohne die drei Gramm Zucker würde im Mittelbereich des Körpers der Geschmack absacken – selbst bei der Verwendung von Stevia.

Pro Dose enthält der Hybrid-Cocktail zudem 320 Milligramm Kalium, 120 Milligramm Kalzium, 57 Milligramm Magnesium und 14 Milligramm Natrium in einer Menge, die laut Petzl die gesetzlichen Vorgaben für die Auslobung erfüllt. Ein vergleichbares US-Produkt unterschreite sie. Die gelösten Mineralien zählen zu den teuersten Zutaten, wie der Gründer im Gespräch verrät.

Vom Pastry Chef über Nestlé zum Alleingründer

Ursprünglich kommt Petzl aus der Schokoladenwelt: Über 20 Jahre arbeitete er als Pastry Chef, Chocolatier und Berater in Europa, den USA, Asien und Australien, nach eigenen Angaben mit mehr als acht Goldmedaillen. Danach entwickelte er knapp ein Jahrzehnt lang bei Nestlé in der Schweiz Produkte, von Schokolade bis Babynahrung, und stieg im Sommer 2025 aus.

Eigenfinanzierung und schrittweiser Markteintritt

In puncto Kapitalstruktur geht Plash eigenständige Wege. Petzl ist alleiniger Gründer und verzichtete aktiv auf externes Risikokapital, um die volle Kontrolle über Rezepturen und Unternehmensstrategie zu behalten. Die Produktentwicklung erfolgte in der Schweiz, wo der Webshop im August dieses Jahres eröffnete. Ein Karton mit 24 Dosen wird online für 69,95 Schweizer Franken angeboten.

Parallel bereitet das Startup den Markteintritt in Österreich vor. Die Produktion für den EU-Raum soll künftig direkt in Österreich oder der EU erfolgen, um Logistikwege zu optimieren und Zoll- sowie Mehrwertsteuerhürden zu vermeiden. Der Marktstart im österreichischen Handel verzögert sich aktuell jedoch durch bürokratische Prozesse rund um das nationale Einwegpfandsystem, für das gesetzliche Vertretungen und Registrierungen erforderlich sind.

B2B-Personalisierung und Gastronomie

Um sich im hart umkämpften Getränkesektor durchzusetzen, verzichtet Plash vorerst bewusst auf den klassischen Lebensmitteleinzelhandel. „Der Supermarkt ist definitiv der letzte Schritt“, betont Petzl. Stattdessen setzt das Unternehmen auf zwei Säulen: die gehobene Gastronomie, Hotellerie und Event-Szene sowie ein direktes B2B-Modell.

Für Unternehmenskunden bietet Plash personalisierte Drink-Boxen an, die als Mitarbeiter- oder Kundengeschenke positioniert werden. Kleinserien ab 30 Stück können individuell bedruckt und geliefert werden. Nach dem Anlauf im DACH-Raum plant Plash eine schrittweise internationale Skalierung, unter anderem im Mittleren Osten, wo der Lifestyle-Ansatz des alkoholfreien Premiumsortiments greifen soll. Zu Verkaufszahlen äußert er sich noch nicht. Zum Jahreswechsel soll Österreich folgen, mit Vertrieb, Lager und möglichst auch Produktion vor Ort.

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