08.09.2025
INTERVIEW

„Ethereum war in einer Findungsphase“

Toni Wahrstätter, Leiter des Prototyping-Teams der Ethereum Foundation, im Interview zum Status Quo und zur Zukunft von Ethereum.
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Ethereum-Experte Toni Wahrstätter | Foto: privat
Toni Wahrstätter | Foto: privat

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Bitcoin hat Ende des vergangenen Jahres erstmals die 100.000-Dollar-Marke überschritten und in diesem Jahr weitere Rekordstände erreicht. Um Ethereum war es seit dem viel beachteten Abschied vom Mining, dem „Merge“, im September 2022 deutlich ruhiger. Erst in den vergangenen Wochen kam wieder Bewegung hinein. Woran liegt es – und welche Zukunft hat Ethereum wirklich? Das haben wir mit Toni Wahrstätter besprochen. Der gebürtige Tiroler ist seit 2023 bei der Ethereum Foundation tätig und leitet dort das Prototyping-Team.


brutkasten: Wie bist du selbst zu Ethereum gekommen?

Toni Wahrstätter: Meine Reise begann mit Bitcoin. Zuerst hat mich die Möglichkeit fasziniert, Werte ohne Bank direkt von A nach B zu übertragen; später die Technik dahinter: Dezentralisierung, Zensurresistenz und Self-Sovereignty. In der Blocksize-Debatte 2017 (eine bekannte Kontroverse in der Bitcoin-Community über die maximale Blockgröße, die bestimmt, wie viele Transaktionen pro Block möglich sind, und damit sowohl Transaktionsgebühren als auch den Dezentralisierungsgrad des Netzwerks beeinflusst, Anm. d. Red.) stand ich auf der Seite der „Big Blockers“ – und wurde damals sogar aus einem Subreddit gebannt.

Das war der Moment, in dem ich zu Ethereum gewechselt bin – im Rückblick auch ideologisch der bessere Fit. Seit 2017/18 leiste ich Beiträge zu Ethereum; seit 2023 arbeite ich als Researcher bei der Ethereum Foundation und leite dort das Prototyping-Team. Mein Schwerpunkt liegt auf den nächsten ein bis zwei Forks (größere Updates der Ethereum-Blockchain, Anm. d. Red.) und darauf, welche Verbesserungen wir umsetzen können.

Zuvor habe ich in Innsbruck studiert und bin für meinen PhD an die WU Wien gegangen – zum Crypto-Economics-Institut rund um Alfred Taudes und Davor Svetinovic. Dort habe ich unterrichtet und meinen PhD gemacht, thematisch im Bereich Bitcoin-Privacy. Obwohl ich im Ethereum-Ökosystem arbeite, bin ich weiterhin ein großer Bitcoin-Fan.

Während der Bitcoin-Kurs sich im Vergleich zum vorigen Höchststand aus 2021 mittlerweile verdoppelt hat, kommt der Ether-Kurs gerade erst wieder an seine alte Höchstmarke heran. In Anbetracht von technischen Diskussionen und Solana als erfolgreicher Konkurrenz: Wie steht Ethereum im Sommer 2025 da?

Ethereum hatte in den vergangenen ein, zwei Jahren Schwierigkeiten, mit den Kursgewinnen von Bitcoin mitzuhalten. Das war eine Art Findungsphase nach dem „Merge“, also dem Wechsel des Konsensmechanismus vom rechenintensiven, auf Mining basierenden Proof of Work zum effizienteren Proof of Stake. Es gab danach kein großes Projekt mehr, das die Community vereinte.

Das große Thema war dann die Skalierung der Blockchain. Es war klar, dass der Layer 1 (L1), also die Ethereum-Blockchain selbst, allein nicht mehr auf das benötigte Niveau skaliert. Man setzte deshalb auf sogenannte Layer 2s (L2) (also auf Lösungen, die Transaktionen außerhalb von Ethereum verarbeiten, um sie schneller und günstiger abzuwickeln, und deren Ergebnisse anschließend in verdichteter Form auf Ethereum absichern, Anm. d. Red.). Bei Ethereum lag der Schwerpunkt lange darauf, für solche L2s das bestmögliche Umfeld zu schaffen.

Seit dem Vorjahr hat sich das geändert: Die Ethereum-Community, auch mit Unterstützung der Ethereum Foundation, fokussiert nun auf Skalierung sowohl für L2 als auch für L1; und zusätzlich auf eine bessere User Experience (UX) als drittes großes Ziel. Der nächste Fork bringt ein großes L2-Scaling-Update; der übernächste dürfte, dem aktuellen Stand nach, ein substanzielles L1-Scaling-Update liefern.

2020 und 2021 boomte der Krypto-Bereich. Dabei gab es Hypes etwa rund um Decentralized Finance (DeFi) und Non-Fungible Tokens (NFTs), die sich jeweils sehr stark im Ethereum-Ökosystem abgespielt haben. Wie beurteilst du das im Nachhinein?

DeFi und NFTs – zuvor schon die ICO-Welle (Initial Coin Offerings, Anm. d. Red.) 2017 – waren teils große Hypes, aber sie haben auch Substanz hervorgebracht. Das Modell dezentraler Exchanges wie Uniswap oder Cowswap, entstanden zwischen 2018 und 2020, ist bis heute führend und gewinnt weiterhin Nutzer sowie Aktivität. Beim NFT-Hype war die Welle größer als die eigentliche Innovation, dennoch sind interessante Projekte geblieben.

Für 2025/26 sehe ich Stablecoins als nächsten großen Treiber: Die Akzeptanz steigt, viele Banken dürften eigene Stablecoins alleine oder gemeinsam emittieren – wie man es in den USA bereits sieht. Auch jüngste Veröffentlichungen und Initiativen dort werden die Verbreitung voraussichtlich weiter fördern.

Es gab kein großes Projekt mehr, das die Community vereinte.

Wie genau profitiert Ethereum vom Stablecoin-Boom?

Die meisten Stablecoins werden auf Ethereum ausgegeben; sie brauchen keine eigene Blockchain. Die großen wie etwa USDT (Tether), USDC (Circle) oder DAI als dezentraler Stablecoin existieren bereits dort. Wer als Bank oder Organisation einen Stablecoin emittiert, profitiert von starken Netzwerkeffekten: Die Liquidität ist auf Ethereum, die dezentralen Börsen laufen dort, und Tooling/Integrationen in bestehende IT-Systeme sind ausgereift. Das macht Ethereum zur naheliegenden Plattform für neue Emissionen.

Für Ethereum selbst bedeutet das: mehr Nutzung, mehr Transaktionsgebühren – und durch den im Sommer 2021 implementierten Burn-Mechanismus wird ein Teil dieser Gebühren in Ether dauerhaft vernichtet. Steigende Aktivität führt damit tendenziell zu einer deflationären Nettoemission von Ether und stützt so Ether-Preis und ökonomische Sicherheit des Netzwerks.

Solana war in den vergangenen beiden Jahren recht erfolgreich und ist grundsätzlich ähnlich positioniert wie Ethereum. Was bedeutet das für Ethereum?

Es gibt immer wieder sogenannte „Ethereum-Killer“ – ähnlich wie bei Bitcoin die „Bitcoin-Killer“: Blockchains, die behaupten, Bitcoin bzw. Ethereum in bestimmten Dimensionen zu übertreffen. Solana ist ein interessantes Beispiel, weil die Chain – anders als frühere Konkurrenten – konsequent auf einen Use Case optimiert ist: Trading. Solana hat die Bedürfnisse der Trader ernst genommen und das System darauf ausgerichtet, Handel möglichst reibungslos zu machen.

Ethereum verfolgt hingegen andere Ziele: Dezentralisierung, Zensurresistenz, Open Source und verifizierbare Sicherheit. Diese Werte bringen naturgemäß Grenzen mit sich. Man könnte die Zahl der Validatoren theoretisch auf zehn reduzieren und sie in leistungsstarke Rechenzentren mit Direktverbindungen setzen – das wäre performant, aber eben nicht Ethereum. Die Ziele sind schlicht andere.

Es gibt die These, dass sich DeFi und Ethereum ähnlich entwickeln könnten wie Linux: Es hat als Betriebssystem nie Windows abgelöst, wie in den 2000er-Jahren manche gehofft hatten; stattdessen etablierte es sich aber für Server, und sehr viele Dinge laufen heute auf Linux – ohne dass die Endnutzer:innen das unbedingt wissen. Ist aus deiner Sicht ein ähnliches Szenario für Ethereum und die Finanzwelt vorstellbar?

Ja, im Grunde lässt sich die gesamte Finanzwelt auf Ethereum onboarden. Die zentrale Frage ist die Skalierbarkeit; und genau dafür gibt es Layer-2-Lösungen. Banken könnten eigene Layer-2-Lösungen für ihre Kund:innen starten, auf Ethereum. So müssen sie die bereits etablierte Sicherheit nicht neu aufbauen und profitieren zugleich von den bestehenden Netzwerkeffekten. Je mehr Institute eigene L2s auf Ethereum launchen, desto stärker werden diese Netzwerkeffekte.

Gleichzeitig bleibt aber Ethereum auch ein Ort für Endnutzer – als Hub für DeFi. Ich gehe davon aus, dass der Großteil der Liquidität auf L1 verbleibt: Hochwertige, große Transaktionen laufen weiter auf L1, während Alltagszahlungen, etwa der Kaffee beim Bäcker, eher auf L2 stattfinden. Ethereum wird genügend Kapazität für große Transfers auf L1 bieten; kleinere Beträge lassen sich sinnvoll auf L2 auslagern.

Aus der Bitcoin-Community kommt oft der Vorwurf, Ethereum sei nicht ausreichend dezentralisiert. Was entgegnest du darauf?

Das Thema ist deutlich abgeflaut. Blickt man heute auf die Verteilungen – Bitcoin-Mining-Pools versus Ethereum-Staker –, steht Ethereum klar dezentraler da. Als Bitcoiner macht mir die Zentralisierung im Mining dennoch Sorgen: Bitcoin ist nicht immun gegen MEV (Miner Extractable Value), und Skaleneffekte führen dazu, dass sich Miner zusammenschließen und Pools immer größer werden. Diese Tendenz sehe ich seit Jahren bei beiden Netzwerken.

Aktuell spricht jedoch das Proof-of-Stake-Design für Ethereum: Die Stake-Verteilung ist breiter, eine 51-Prozent-Attacke (Angriff, bei dem eine Gruppe über die Mehrheit der Rechenleistung einer Blockchain verfügt und Transaktionen manipulieren kann, Anm. d. Red.) würde mehrere unabhängige Akteure erfordern. Bei Bitcoin reichen teils ein oder zwei große Pools, um in die Nähe dieser Schwelle zu kommen – die Hashrate-Verteilung wirkt entsprechend konzentriert. Vor diesem Hintergrund empfinde ich die Stake-Verteilung bei Ethereum derzeit als deutlich gesünder.

Bitcoiner entgegnen oft, Mining-Pools seien keine einheitlichen Akteure und könnten nicht geschlossen handeln. Ist das für dich ein stichhaltiges Gegenargument?

Ja, das Argument ist valide. In der Praxis baut der einzelne Miner den Block häufig nicht selbst, sondern liefert nur Hashrate. Entscheidet ein Pool etwa, bestimmte Transaktionen auszulassen, müsste der Miner aktiv werden und den Pool verlassen. Bei einer 51-Prozent-Attacke käme das jedoch wahrscheinlich zu spät – dann wäre eine schnelle, koordinierte Reaktion nötig, was in der Realität schwer umzusetzen ist.

Kritiker aus dem Bitcoin-Lager sagen mitunter, die Ethereum Foundation oder Ethereum-Gründer Vitalik Buterin selbst könnten im Zweifel alles entscheiden. Wie siehst du das?

Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Am Governance-Prozess kann jeder teilnehmen – etwa in den wöchentlichen, öffentlich zugänglichen Entwickler-Calls. Diese werden gestreamt, man kann per Zoom teilnehmen. Die Debatten laufen transparent, unter anderem auf Discord. Schaut man auf die EIPs (Ethereum Improvement Proposals), sieht man: Die Entscheidungen sind keineswegs zentralisiert.

Einzelne Personen sind bekannt und einflussreich, haben aber keine „Allmacht“. Entscheidend sind Reputation und langfristige Beiträge zum Protokoll – Gründerstatus allein reicht nicht, um Änderungen durchzudrücken. Vitalik gehört wahrscheinlich zu den Personen mit den meisten nicht umgesetzten EIPs.

Der „Merge“, also der Umstieg von Ethereum vom rechenintensiven „Proof auf Work“-Konsensmechanismus auf den effizienteren „Proof of Stake“-Mechanismus, ist mittlerweile fast drei Jahre her. War er rückblickend eine Erfolgsgeschichte – oder gibt es Aspekte, die du kritisch siehst?

Ja, der „Merge“ war aus meiner Sicht eine große Erfolgsgeschichte; nicht nur, weil Ethereum im laufenden Betrieb von Proof of Work auf Proof of Stake umgestellt wurde – das ist für sich genommen eine außergewöhnliche Leistung. Besonders beeindruckend war die Koordination eines global verteilten Open-Source-Projekts ohne zentrale Firma. Ich kenne den Code gut – zu sehen, wie elegant der neue Konsens am Ende zusammenspielt, war bemerkenswert.

Kritisch anmerken könnte man höchstens die Dauer: Vielleicht hätte man eine weniger perfekte PoS-Variante früher ausrollen und damit schon früher viel CO2 einsparen können, um Details später über weitere Forks nachzuschärfen. Insgesamt war der „Merge“ aber ein großer Erfolg – auch wenn es lange gedauert hat.

Welchen Einfluss wird künstliche Intelligenz auf den Blockchain-Bereich haben?

Kurzfristig werden wir sehen, dass man mit KI-Agenten interagiert, die einfache Anweisungen ausführen – etwa: „Erstelle eine Transaktion auf dem Ethereum-Mainnet und tausche US-Dollar gegen Ether.“ Langfristig erwarte ich vollständig autonome KI-Agenten mit eigenen Wallets, die untereinander wirtschaften und sich dafür mit Kryptowährungen bezahlen. Krypto ist dafür ideal: Eine Transaktion benötigt im Kern nur eine digitale Signatur – sie kann theoretisch sogar offline vorbereitet und später übertragen werden. Eine dritte Partei ist nicht nötig. In einer Welt, in der viele Aufgaben von Agenten übernommen werden, werden diese über eigene Budgets verfügen – und die werden sehr wahrscheinlich in Kryptowährungen geführt.

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Bybit-Payments-Chef Krick: „Eine Banklizenz schließen wir für die Zukunft nicht aus“

Die Bybit Payments GmbH hat von der FMA eine E-Geld-Konzession erhalten und treibt damit den Ausbau des Wiener EU-Standorts voran. Im Interview erklärt Geschäftsführer Bernhard Krick, warum die Wahl auf Österreich fiel, was aus Bybit.eu werden soll und warum er eine Banklizenz nicht ausschließt.
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Bernhard Krick, Geschäftsführer der Bybit Payments GmbH | (c) Bybit

Anfang August erhielt die Bybit Payments GmbH von der Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Konzession als E-Geld-Institut, nach rund neun Monaten Verfahren. Laut Geschäftsführer Bernhard Krick gibt es die Lizenz zwar seit rund 25 Jahren, durchschritten hätten das Verfahren aber erst zwei Marktteilnehmer. Mit der Konzession baut die nach eigenen Angaben gemessen am Handelsvolumen zweitgrößte Kryptobörse der Welt ihre EU-Zentrale in Wien weiter aus. Die Schwestergesellschaft Bybit EU GmbH hält bereits seit Mai 2025 eine MiCAR-Zulassung. Im Interview spricht Krick über das Verfahren, die Standortwahl und die Frage, ob am Ende eine Banklizenz steht.


Die Bybit Payments GmbH hat von der österreichischen Finanzmarktaufsicht (FMA) eine Lizenz als E-Geld-Institut erhalten. Wie lange hat das Verfahren gedauert und was waren rückblickend die größten Hürden?

Der eigentliche Lizenzierungsprozess mit der FMA war naturgemäß intensiv und hat sich über einen Zeitraum von rund neun Monaten erstreckt. Wir haben jedoch bereits deutlich davor mit dem Aufbau der lokalen Gesellschaft, der Infrastruktur sowie aller compliance-relevanten Agenden begonnen. Obwohl es die Lizenz seit rund 25 Jahren gibt, haben erst zwei Marktteilnehmer diesen Prozess durchschritten. Die größte Herausforderung bestand darin, die Fülle an Informationen über die eigene Organisation, Prozesse und geplanten Produkte so aufzubereiten, dass sie den hohen Anforderungen der FMA entsprechen und ein klares, transparentes Bild vermitteln. Dabei steht man grundsätzlich auch immer unter einem gewissen Zeitdruck. Unsere Mitarbeiter:innen haben hier eine sehr gute Arbeit geleistet.

Rückblickend war der Prozess zwar anspruchsvoll, aber immens wertvoll. Er hat dazu beigetragen, unsere europäischen Strukturen weiter zu professionalisieren. Die E-Geld-Konzession ist eine wichtige Grundlage für die nächste Phase der Expansion unseres Geschäfts in Europa.

Warum hat Bybit die EMI-Lizenz ausgerechnet in Österreich beantragt? Länder wie Litauen oder Luxemburg gelten in Europa als die klassischen Standorte für E-Geld-Institute.

Wien ist für uns der Standort unserer EU-Zentrale. Von hier aus decken wir MiCAR, E-Geld und MiFID ab. Uns war wichtig, einen Standort mit einem europaweit respektierten Regulator zu wählen. Die FMA bietet dabei die perfekte Balance: streng in der Aufsicht, was für eine Organisation wie uns, die weltweit auf Compliance ausgerichtet ist, kein Problem, sondern ein Vorteil ist, und gleichzeitig kommunikativ, pragmatisch und effizient im Austausch. Wien ist zudem ein zentraler Standort in Europa mit attraktiver Infrastruktur und hoher regulatorischer Kompetenz. Von hier aus können wir langfristige europäische Strukturen aufbauen, mit einem verlässlichen Partner vor Ort, und unser Geschäft in den Märkten ganz Europas steuern.

Die FMA gilt als strenge Aufsicht. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Vergleich zu anderen Jurisdiktionen, in denen Bybit tätig ist?

Eine strenge Aufsicht ist aus unserer Sicht kein Nachteil. Ganz im Gegenteil: Wenn man langfristig in einem regulierten europäischen Markt tätig sein möchte, ist Klarheit darüber, welche Anforderungen gelten, ein wesentlicher Vorteil. Unsere Erfahrung ist, dass die Zusammenarbeit mit Aufsichtsbehörden naturgemäß intensiv und detailliert ist, und das erwarten wir auch. Wir sehen Regulierung nicht als einmalige Eintrittshürde, sondern als laufenden Prozess, der sehr wichtig für die gesamte Branche ist. Die FMA sehen wir als eine durchaus fordernde, aber vor allem als eine sehr kompetente Behörde, die auch einen sehr guten Ruf in Europa genießt.

In der Aussendung zur Lizenz heißt es, konkrete Termine für die Produkteinführung würden in Kürze bekannt gegeben. Können Sie schon konkreter werden: Welche Dienste starten zuerst, und wann rechnen Sie mit dem Marktstart in Österreich und im restlichen EWR?

Die konkreten Produktneuerungen, Marktstart und Rollout-Phasen werden wir, wie versprochen, zeitnah kommunizieren. Was wir jedoch jetzt bereits sagen können: Unser Ziel ist es, die neue Lizenz schrittweise für den Ausbau eines umfassenderen Payment-Angebots in Europa zu nutzen. Wir haben bereits um das Passporting der Lizenz für den EWR angesucht. Das kann einige Zeit in Anspruch nehmen, da die relevanten nationalen Behörden in Europa dies bestätigen müssen. Wir verfolgen dabei bewusst einen stufenweisen Ansatz, können aber bereits jetzt sagen: Bybit.eu wird bald viel mehr sein als eine reine Krypto-Plattform und wird sich zu einer universellen Finanzlösung entwickeln.

Die Bybit Card ist in Europa bereits verfügbar. Was ändert sich durch die EMI-Lizenz konkret für das Kartenprogramm? Wird die Bybit Payments GmbH die Kartenausgabe künftig selbst übernehmen?

Die Bybit Card wird auch in Zukunft eines unserer zentralen Produkte bleiben. Zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir jedoch keine konkreten Änderungen an bestimmten Produkten vorwegnehmen oder bekanntgeben. Was wir sagen können: Die Lizenz gibt uns generell zusätzliche strategische Flexibilität, um unser europäisches Dienstleistungsangebot im Zahlungsverkehr weiterzuentwickeln sowie attraktiver zu gestalten.

Auf Bybit.eu setzen Sie bei Stablecoins bislang auf regulierte Token von Circle wie EURC. Die EMI-Lizenz würde der Bybit Payments GmbH grundsätzlich auch die Emission eines eigenen E-Geld-Tokens erlauben. Ist ein eigener Euro-Stablecoin ein Thema für Sie?

Stablecoins und andere tokenisierte Zahlungsinstrumente beobachten wir auf dem europäischen Markt sehr genau. Gerade MiCAR schafft hier einen neuen regulatorischen Rahmen, der in den kommenden Jahren erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung digitaler Zahlungsmittel haben wird. Aktuell liegt unser Fokus jedoch darauf, unseren Kundinnen und Kunden Zugang zu bestehenden regulierten und qualitativ hochwertigen Produkten zu ermöglichen. EURC ist dafür ein gutes Beispiel. Wir schließen grundsätzlich keine strategischen Optionen in diesem Bereich aus, haben derzeit aber nichts anzukündigen.

Bybit EU GmbH und Bybit Payments GmbH sind bewusst getrennte Gesellschaften mit unterschiedlichen Lizenzen. Warum diese Struktur, und was bedeutet die Trennung im Alltag konkret für die Kundinnen und Kunden?

Die Trennung folgt einer klaren regulatorischen und auch organisatorischen Logik. Die Bybit EU GmbH und die Bybit Payments GmbH verfolgen unterschiedliche Geschäftsmodelle und verfügen über unterschiedliche regulatorische Berechtigungen. Deshalb ist es sinnvoll, diese Aktivitäten auch gesellschaftsrechtlich, organisatorisch und in Bezug auf die Regulatorik und das Risikomanagement klar voneinander abzugrenzen. Für die Kundinnen und Kunden wird sich das positiv auswirken, da wir in der Zukunft über eine gemeinsame Finanzplattform und App neue innovative Möglichkeiten im Zahlungsverkehr anbieten werden. Die Kunden werden die volle Transparenz haben, welche Dienstleistung sie von welchem Unternehmen beziehen.

Sie betonen, dass die EMI-Lizenz keine Banklizenz ist. Ist eine Banklizenz der nächste logische Schritt für Bybit in Europa, oder schließen Sie das aus?

Für uns ist die EMI-Lizenz der logische Schritt, um unsere Kompetenz im Zahlungsverkehr in Europa aufzubauen. Wir verfolgen das Ziel, ein globales Finanz-Ökosystem aufzubauen, das den Zugang zu einer modernen Bank-, Investitions- und Zahlungsverkehrsinfrastruktur für alle Kundengruppen bietet. Da ist es natürlich selbstverständlich, dass wir kontinuierlich evaluieren, welche regulatorischen Strukturen und Partnerschaften für unsere langfristige Strategie sinnvoll sind. Eine Banklizenz schließen wir für die Zukunft nicht aus. Aktuell liegt unser Fokus aber klar auf dem erfolgreichen Aufbau und der Skalierung unseres regulierten Geschäfts in Europa.

Mit regulierten Zahlungsdiensten tritt Bybit in direkte Konkurrenz zu Neobanken wie Revolut und N26, aber auch zu anderen Kryptobörsen mit Payment-Ambitionen in Europa. Womit wollen Sie sich in diesem Feld differenzieren?

Bybit ist gemessen am Handelsvolumen die zweitgrößte Krypto-Asset-Plattform der Welt und bietet bereits heute weltweit über 80 Millionen Kundinnen und Kunden viel mehr als reines Krypto-Trading an. Eine wesentliche Rolle spielt dabei das enorme Volumen im Krypto-Derivate- und Futures-Handel auf der globalen Bybit-Plattform. Mit unserem „Compliance-First-Ansatz“ wird Bybit einer der relevantesten Player in Europa werden. Der entscheidende Faktor ist, das Vertrauen der Kundinnen und Kunden zu bekommen. Unser Ansatz geht daher über das reine Krypto-Trading weit hinaus. Wir verbinden die Welten der digitalen Assets und Web3-Produkte mit den traditionellen Finanzdienstleistungen.

Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Bybit aktuell in Wien, und wie verändert der Aufbau der Payments-Sparte den Standort? Wird derzeit Personal gesucht?

Aktuell beschäftigen wir in Wien rund 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Ausbau der Payments-Sparte stärkt den Standort zusätzlich, da ein reguliertes Payment-Geschäft weitere spezialisierte Funktionen benötigt, etwa in den Bereichen Produktmanagement, Legal und Compliance, Risk, Finance, Operations und Technology. Hier sind wir derzeit auch auf der Suche und heißen jede Bewerbung willkommen.

Welchen Stellenwert hat das Thema Sicherheit beim Aufbau des europäischen Zahlungsverkehrsgeschäfts, und wie werden die Kundengelder der Bybit Payments GmbH abgesichert?

Sicherheit und Vertrauen bilden das Fundament des Finanzgeschäfts. Beim Aufbau der Bybit Payments GmbH wurden deshalb regulatorische Anforderungen an Governance, Risikomanagement, IT-Sicherheit und den Umgang mit Kundengeldern von Beginn an berücksichtigt. Die Kundengelder des E-Geld-Instituts werden entsprechend den regulatorischen Vorgaben geschützt und bei einer Bank zu 100 Prozent treuhänderisch verwahrt. Für die Bybit.eu-Plattform gelten zudem dieselben strengen regulatorischen Anforderungen an IT-Sicherheit wie für Banken.

Bybit hat kürzlich seinen Risiko- und Sicherheitsbericht für das erste Halbjahr 2026 veröffentlicht. Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz inzwischen in der Sicherheitsarbeit, und was bedeutet das für Nutzerinnen und Nutzer in Europa?

Wir setzen modernste Technologien ein, um Muster schneller zu erkennen, Auffälligkeiten frühzeitig zu identifizieren und potenzielle Risiken effizient zu analysieren. Unser Anspruch ist es, im Bereich Sicherheit immer einen Schritt voraus zu sein, ganz nach dem Credo: Prävention statt Nachsorge. Künstliche Intelligenz ist in der präventiven Sicherheitsarbeit im Zahlungsverkehr ein fixer Bestandteil. Für Nutzerinnen und Nutzer in Europa bedeutet das im Alltag vor allem, dass der Zahlungsverkehr reibungslos und sicher abläuft. Der große europäische Vorteil ist dabei der rechtliche Rahmen. Dank strenger Gesetze wie der DSGVO und dem neuen KI-Gesetz gibt es in Europa klare Leitplanken, die die Privatsphäre aller am Zahlungsverkehr beteiligten Personen schützen.

Wo steht Bybit.eu in drei Jahren?

Unser Anspruch ist klar: Wir wollen in drei Jahren eine der führenden regulierten Plattformen für digitale Finanzdienstleistungen in Europa sein. Krypto und Blockchain wollen wir dabei immer weniger als eigenständige oder alternative Systeme betrachten, sondern die Brücke zwischen der Welt digitaler Assets und traditionellen Finanzdienstleistungen weiter stärken und direkt verbinden. Entscheidend ist Vertrauen: Ein verlässlicher institutioneller Rahmen und klare Regulierungen bilden die Basis, damit immer mehr Unternehmen sowie Kundinnen und Kunden auf diese Technologien setzen. Im Idealfall ist Bybit EU in drei Jahren eine vertrauenswürdige, regulierte All-in-one-Finanzplattform, auf der digitale und traditionelle Finanzdienstleistungen zusammenkommen und nahtlos in den Alltag unserer Kundinnen und Kunden integriert sind.

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