08.09.2025
INTERVIEW

„Ethereum war in einer Findungsphase“

Toni Wahrstätter, Leiter des Prototyping-Teams der Ethereum Foundation, im Interview zum Status Quo und zur Zukunft von Ethereum.
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Ethereum-Experte Toni Wahrstätter | Foto: privat
Toni Wahrstätter | Foto: privat

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Bitcoin hat Ende des vergangenen Jahres erstmals die 100.000-Dollar-Marke überschritten und in diesem Jahr weitere Rekordstände erreicht. Um Ethereum war es seit dem viel beachteten Abschied vom Mining, dem „Merge“, im September 2022 deutlich ruhiger. Erst in den vergangenen Wochen kam wieder Bewegung hinein. Woran liegt es – und welche Zukunft hat Ethereum wirklich? Das haben wir mit Toni Wahrstätter besprochen. Der gebürtige Tiroler ist seit 2023 bei der Ethereum Foundation tätig und leitet dort das Prototyping-Team.


brutkasten: Wie bist du selbst zu Ethereum gekommen?

Toni Wahrstätter: Meine Reise begann mit Bitcoin. Zuerst hat mich die Möglichkeit fasziniert, Werte ohne Bank direkt von A nach B zu übertragen; später die Technik dahinter: Dezentralisierung, Zensurresistenz und Self-Sovereignty. In der Blocksize-Debatte 2017 (eine bekannte Kontroverse in der Bitcoin-Community über die maximale Blockgröße, die bestimmt, wie viele Transaktionen pro Block möglich sind, und damit sowohl Transaktionsgebühren als auch den Dezentralisierungsgrad des Netzwerks beeinflusst, Anm. d. Red.) stand ich auf der Seite der „Big Blockers“ – und wurde damals sogar aus einem Subreddit gebannt.

Das war der Moment, in dem ich zu Ethereum gewechselt bin – im Rückblick auch ideologisch der bessere Fit. Seit 2017/18 leiste ich Beiträge zu Ethereum; seit 2023 arbeite ich als Researcher bei der Ethereum Foundation und leite dort das Prototyping-Team. Mein Schwerpunkt liegt auf den nächsten ein bis zwei Forks (größere Updates der Ethereum-Blockchain, Anm. d. Red.) und darauf, welche Verbesserungen wir umsetzen können.

Zuvor habe ich in Innsbruck studiert und bin für meinen PhD an die WU Wien gegangen – zum Crypto-Economics-Institut rund um Alfred Taudes und Davor Svetinovic. Dort habe ich unterrichtet und meinen PhD gemacht, thematisch im Bereich Bitcoin-Privacy. Obwohl ich im Ethereum-Ökosystem arbeite, bin ich weiterhin ein großer Bitcoin-Fan.

Während der Bitcoin-Kurs sich im Vergleich zum vorigen Höchststand aus 2021 mittlerweile verdoppelt hat, kommt der Ether-Kurs gerade erst wieder an seine alte Höchstmarke heran. In Anbetracht von technischen Diskussionen und Solana als erfolgreicher Konkurrenz: Wie steht Ethereum im Sommer 2025 da?

Ethereum hatte in den vergangenen ein, zwei Jahren Schwierigkeiten, mit den Kursgewinnen von Bitcoin mitzuhalten. Das war eine Art Findungsphase nach dem „Merge“, also dem Wechsel des Konsensmechanismus vom rechenintensiven, auf Mining basierenden Proof of Work zum effizienteren Proof of Stake. Es gab danach kein großes Projekt mehr, das die Community vereinte.

Das große Thema war dann die Skalierung der Blockchain. Es war klar, dass der Layer 1 (L1), also die Ethereum-Blockchain selbst, allein nicht mehr auf das benötigte Niveau skaliert. Man setzte deshalb auf sogenannte Layer 2s (L2) (also auf Lösungen, die Transaktionen außerhalb von Ethereum verarbeiten, um sie schneller und günstiger abzuwickeln, und deren Ergebnisse anschließend in verdichteter Form auf Ethereum absichern, Anm. d. Red.). Bei Ethereum lag der Schwerpunkt lange darauf, für solche L2s das bestmögliche Umfeld zu schaffen.

Seit dem Vorjahr hat sich das geändert: Die Ethereum-Community, auch mit Unterstützung der Ethereum Foundation, fokussiert nun auf Skalierung sowohl für L2 als auch für L1; und zusätzlich auf eine bessere User Experience (UX) als drittes großes Ziel. Der nächste Fork bringt ein großes L2-Scaling-Update; der übernächste dürfte, dem aktuellen Stand nach, ein substanzielles L1-Scaling-Update liefern.

2020 und 2021 boomte der Krypto-Bereich. Dabei gab es Hypes etwa rund um Decentralized Finance (DeFi) und Non-Fungible Tokens (NFTs), die sich jeweils sehr stark im Ethereum-Ökosystem abgespielt haben. Wie beurteilst du das im Nachhinein?

DeFi und NFTs – zuvor schon die ICO-Welle (Initial Coin Offerings, Anm. d. Red.) 2017 – waren teils große Hypes, aber sie haben auch Substanz hervorgebracht. Das Modell dezentraler Exchanges wie Uniswap oder Cowswap, entstanden zwischen 2018 und 2020, ist bis heute führend und gewinnt weiterhin Nutzer sowie Aktivität. Beim NFT-Hype war die Welle größer als die eigentliche Innovation, dennoch sind interessante Projekte geblieben.

Für 2025/26 sehe ich Stablecoins als nächsten großen Treiber: Die Akzeptanz steigt, viele Banken dürften eigene Stablecoins alleine oder gemeinsam emittieren – wie man es in den USA bereits sieht. Auch jüngste Veröffentlichungen und Initiativen dort werden die Verbreitung voraussichtlich weiter fördern.

Es gab kein großes Projekt mehr, das die Community vereinte.

Wie genau profitiert Ethereum vom Stablecoin-Boom?

Die meisten Stablecoins werden auf Ethereum ausgegeben; sie brauchen keine eigene Blockchain. Die großen wie etwa USDT (Tether), USDC (Circle) oder DAI als dezentraler Stablecoin existieren bereits dort. Wer als Bank oder Organisation einen Stablecoin emittiert, profitiert von starken Netzwerkeffekten: Die Liquidität ist auf Ethereum, die dezentralen Börsen laufen dort, und Tooling/Integrationen in bestehende IT-Systeme sind ausgereift. Das macht Ethereum zur naheliegenden Plattform für neue Emissionen.

Für Ethereum selbst bedeutet das: mehr Nutzung, mehr Transaktionsgebühren – und durch den im Sommer 2021 implementierten Burn-Mechanismus wird ein Teil dieser Gebühren in Ether dauerhaft vernichtet. Steigende Aktivität führt damit tendenziell zu einer deflationären Nettoemission von Ether und stützt so Ether-Preis und ökonomische Sicherheit des Netzwerks.

Solana war in den vergangenen beiden Jahren recht erfolgreich und ist grundsätzlich ähnlich positioniert wie Ethereum. Was bedeutet das für Ethereum?

Es gibt immer wieder sogenannte „Ethereum-Killer“ – ähnlich wie bei Bitcoin die „Bitcoin-Killer“: Blockchains, die behaupten, Bitcoin bzw. Ethereum in bestimmten Dimensionen zu übertreffen. Solana ist ein interessantes Beispiel, weil die Chain – anders als frühere Konkurrenten – konsequent auf einen Use Case optimiert ist: Trading. Solana hat die Bedürfnisse der Trader ernst genommen und das System darauf ausgerichtet, Handel möglichst reibungslos zu machen.

Ethereum verfolgt hingegen andere Ziele: Dezentralisierung, Zensurresistenz, Open Source und verifizierbare Sicherheit. Diese Werte bringen naturgemäß Grenzen mit sich. Man könnte die Zahl der Validatoren theoretisch auf zehn reduzieren und sie in leistungsstarke Rechenzentren mit Direktverbindungen setzen – das wäre performant, aber eben nicht Ethereum. Die Ziele sind schlicht andere.

Es gibt die These, dass sich DeFi und Ethereum ähnlich entwickeln könnten wie Linux: Es hat als Betriebssystem nie Windows abgelöst, wie in den 2000er-Jahren manche gehofft hatten; stattdessen etablierte es sich aber für Server, und sehr viele Dinge laufen heute auf Linux – ohne dass die Endnutzer:innen das unbedingt wissen. Ist aus deiner Sicht ein ähnliches Szenario für Ethereum und die Finanzwelt vorstellbar?

Ja, im Grunde lässt sich die gesamte Finanzwelt auf Ethereum onboarden. Die zentrale Frage ist die Skalierbarkeit; und genau dafür gibt es Layer-2-Lösungen. Banken könnten eigene Layer-2-Lösungen für ihre Kund:innen starten, auf Ethereum. So müssen sie die bereits etablierte Sicherheit nicht neu aufbauen und profitieren zugleich von den bestehenden Netzwerkeffekten. Je mehr Institute eigene L2s auf Ethereum launchen, desto stärker werden diese Netzwerkeffekte.

Gleichzeitig bleibt aber Ethereum auch ein Ort für Endnutzer – als Hub für DeFi. Ich gehe davon aus, dass der Großteil der Liquidität auf L1 verbleibt: Hochwertige, große Transaktionen laufen weiter auf L1, während Alltagszahlungen, etwa der Kaffee beim Bäcker, eher auf L2 stattfinden. Ethereum wird genügend Kapazität für große Transfers auf L1 bieten; kleinere Beträge lassen sich sinnvoll auf L2 auslagern.

Aus der Bitcoin-Community kommt oft der Vorwurf, Ethereum sei nicht ausreichend dezentralisiert. Was entgegnest du darauf?

Das Thema ist deutlich abgeflaut. Blickt man heute auf die Verteilungen – Bitcoin-Mining-Pools versus Ethereum-Staker –, steht Ethereum klar dezentraler da. Als Bitcoiner macht mir die Zentralisierung im Mining dennoch Sorgen: Bitcoin ist nicht immun gegen MEV (Miner Extractable Value), und Skaleneffekte führen dazu, dass sich Miner zusammenschließen und Pools immer größer werden. Diese Tendenz sehe ich seit Jahren bei beiden Netzwerken.

Aktuell spricht jedoch das Proof-of-Stake-Design für Ethereum: Die Stake-Verteilung ist breiter, eine 51-Prozent-Attacke (Angriff, bei dem eine Gruppe über die Mehrheit der Rechenleistung einer Blockchain verfügt und Transaktionen manipulieren kann, Anm. d. Red.) würde mehrere unabhängige Akteure erfordern. Bei Bitcoin reichen teils ein oder zwei große Pools, um in die Nähe dieser Schwelle zu kommen – die Hashrate-Verteilung wirkt entsprechend konzentriert. Vor diesem Hintergrund empfinde ich die Stake-Verteilung bei Ethereum derzeit als deutlich gesünder.

Bitcoiner entgegnen oft, Mining-Pools seien keine einheitlichen Akteure und könnten nicht geschlossen handeln. Ist das für dich ein stichhaltiges Gegenargument?

Ja, das Argument ist valide. In der Praxis baut der einzelne Miner den Block häufig nicht selbst, sondern liefert nur Hashrate. Entscheidet ein Pool etwa, bestimmte Transaktionen auszulassen, müsste der Miner aktiv werden und den Pool verlassen. Bei einer 51-Prozent-Attacke käme das jedoch wahrscheinlich zu spät – dann wäre eine schnelle, koordinierte Reaktion nötig, was in der Realität schwer umzusetzen ist.

Kritiker aus dem Bitcoin-Lager sagen mitunter, die Ethereum Foundation oder Ethereum-Gründer Vitalik Buterin selbst könnten im Zweifel alles entscheiden. Wie siehst du das?

Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Am Governance-Prozess kann jeder teilnehmen – etwa in den wöchentlichen, öffentlich zugänglichen Entwickler-Calls. Diese werden gestreamt, man kann per Zoom teilnehmen. Die Debatten laufen transparent, unter anderem auf Discord. Schaut man auf die EIPs (Ethereum Improvement Proposals), sieht man: Die Entscheidungen sind keineswegs zentralisiert.

Einzelne Personen sind bekannt und einflussreich, haben aber keine „Allmacht“. Entscheidend sind Reputation und langfristige Beiträge zum Protokoll – Gründerstatus allein reicht nicht, um Änderungen durchzudrücken. Vitalik gehört wahrscheinlich zu den Personen mit den meisten nicht umgesetzten EIPs.

Der „Merge“, also der Umstieg von Ethereum vom rechenintensiven „Proof auf Work“-Konsensmechanismus auf den effizienteren „Proof of Stake“-Mechanismus, ist mittlerweile fast drei Jahre her. War er rückblickend eine Erfolgsgeschichte – oder gibt es Aspekte, die du kritisch siehst?

Ja, der „Merge“ war aus meiner Sicht eine große Erfolgsgeschichte; nicht nur, weil Ethereum im laufenden Betrieb von Proof of Work auf Proof of Stake umgestellt wurde – das ist für sich genommen eine außergewöhnliche Leistung. Besonders beeindruckend war die Koordination eines global verteilten Open-Source-Projekts ohne zentrale Firma. Ich kenne den Code gut – zu sehen, wie elegant der neue Konsens am Ende zusammenspielt, war bemerkenswert.

Kritisch anmerken könnte man höchstens die Dauer: Vielleicht hätte man eine weniger perfekte PoS-Variante früher ausrollen und damit schon früher viel CO2 einsparen können, um Details später über weitere Forks nachzuschärfen. Insgesamt war der „Merge“ aber ein großer Erfolg – auch wenn es lange gedauert hat.

Welchen Einfluss wird künstliche Intelligenz auf den Blockchain-Bereich haben?

Kurzfristig werden wir sehen, dass man mit KI-Agenten interagiert, die einfache Anweisungen ausführen – etwa: „Erstelle eine Transaktion auf dem Ethereum-Mainnet und tausche US-Dollar gegen Ether.“ Langfristig erwarte ich vollständig autonome KI-Agenten mit eigenen Wallets, die untereinander wirtschaften und sich dafür mit Kryptowährungen bezahlen. Krypto ist dafür ideal: Eine Transaktion benötigt im Kern nur eine digitale Signatur – sie kann theoretisch sogar offline vorbereitet und später übertragen werden. Eine dritte Partei ist nicht nötig. In einer Welt, in der viele Aufgaben von Agenten übernommen werden, werden diese über eigene Budgets verfügen – und die werden sehr wahrscheinlich in Kryptowährungen geführt.

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Wiewohl die Debatte rund um den Klimawandel in den vergangenen Jahren nachweislich leiser geworden ist, bleibt die Energiewende großes Ziel – in Österreich und Europa alleine schon wegen der brandaktuellen Frage der Souveränität. Dabei versteht man unter Energiewende keineswegs weltweit das selbe, meint Angela Wilkinson, Secretary General und CEO des World Energy Council (WEC) im Interview.

Wir trafen die Chefin der in London ansässigen Dach-Organisation, die über 3.000 Partner-Organisationen in mehr als 100 Ländern hat, beim Verbund Venture Day 2026 an der WU Wien, wo sie auch eine Keynote hielt und an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Ihre Kernaussage: Die Menschheit brauche in der Energiewende eine positive gemeinsame Vision.


brutkasten: Was macht das World Energy Council eigentlich genau?

Angela Wilkinson: Das World Energy Council wurde vor 100 Jahren am Ende des Ersten Weltkriegs gegründet. Die ursprüngliche Mission lautete: Wie verhindern wir am Ende der großen Weltreiche eine Situation, in der Nationalstaaten wegen knapper Ressourcen gegeneinander Krieg führen? Das sind die Wurzeln unserer Organisation. Seit 100 Jahren arbeiten und wachsen wir als globale Gemeinschaft – ein verteiltes Netzwerk aus Expertinnen und Experten, Entscheidungsträgern, Unternehmern und Innovatoren, die eine gemeinsame Mission teilen: mehr und bessere Energie für alle Menschen auf der Welt.

Wie kann man sich die konkrete Arbeit des WEC vorstellen?

Wir haben drei Hauptaktivitäten: Erstens erstellen wir Berichte – keine rein technischen Datenstudien wie die IEA (Anm. Internationale Energieagentur), sondern nutzen eigene Frameworks wie den „World Energy Trilemma“-Ansatz. Damit erfassen wir praktische Erfahrungen aus verschiedenen Ländern dazu, wie Regierungen Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit bei der Gestaltung ihrer Energiesysteme in Einklang bringen. Wir analysieren Praxisbeispiele, um Märkte und Politiken zu verbessern.

Zweitens organisieren wir Veranstaltungen: Wir bringen unsere Gemeinschaft aus 120 Ländern zusammen. Unser nächster World Energy Congress findet vom 26. bis 29. April 2027 in Riad statt und führt über 100 Ministerinnen und Minister, mehr als 5.000 CEOs und rund 18.000 Teilnehmende zusammen. Angesichts der globalen Elektrifizierungswelle untersuchen wir, was das System zusammenhält – von Verträgen über Vertrauen, Narrative und Daten bis hin zur Infrastruktur. Wir agieren dabei technologieagnostisch.

Drittens betreiben wir Community Building: Nachhaltige Veränderungen erfordern echte Gemeinschaften. Wie hier beim Ökosystem von Verbund X schafft eine Gemeinschaft das nötige Vertrauen für konstruktive Debatten und arbeitet pragmatisch mit den vorhandenen Stärken, statt in polarisierte Diskussionen zu verfallen.

Sie haben in Ihrer Keynote gesagt, es gebe weltweit recht klare Ziele für die Energiewende, aber es fehle an einer positiven Vision. Können Sie das näher ausführen?

Energiewende ist zu einem der am meisten missverstandenen Begriffe geworden. Europäer verstehen darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, Golfstaaten das Eliminieren von Treibhausgasemissionen, während man in den USA den Begriff derzeit überhaupt meidet und lieber von „Energieüberfluss“ spricht. Die Realität ist jedoch: Energie ist das Betriebssystem und das Fundament des Ökosystems unserer Zivilisation. Wir sprechen meist nur darüber, was die Zukunft nicht sein soll. Wir führen aber keine inspirierende Debatte mit den Menschen auf der Straße darüber, welche neuen Möglichkeiten ihr Leben verbessern können. Die Energiewende wird zu sehr als Geschichte von Verzicht und Leiden dargestellt.

Sie meinten in Ihrer Keynote auch, es brauche die Aktivierung noch nicht vorhandener Nachfrage…

Es geht darum, Nachfrage als aktiven Gestalter der Energiewende einzubinden, statt nur als deren Folge. Ein Beispiel: Meine 26-jährige Tochter arbeitet in der Modeindustrie und hat per se keinen Bezug zur Energie; aber Branchen wie die Bekleidungsindustrie besitzen reale Stellschrauben. Anstatt nur über Erzeugung, Übertragung und Speicherung zu sprechen und den Endverbraucher zu vernachlässigen, müssen wir in der Energiebranche vom konkreten Nutzen für das tägliche Leben der Menschen aus denken. Wenn Menschen verstehen, wie Energie ihr Leben verbessert, begreifen sie auch deren Wert. Wir brauchen eine Geschichte der Möglichkeiten aus dem Alltag heraus und keine reine Technologie-Story von oben.

Sie sagten in Bezug auf die Energiewende auch: „Moleküle werden bleiben.“ Wie lautet dazu Ihre Prognose?

Selbst wenn wir das Ziel von 50 bis 60 Prozent Elektrifizierung bis 2050 erreichen, bleiben 40 Prozent übrig. Meine Wette gilt sauberen Molekülen – sei es durch CO2-Abscheidung, dekarbonisierte Barrels oder wasserstoffbasierte Treibstoffe. Flüssige und gasförmige Brennstoffe bieten eine Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonale Speichermöglichkeit und Flexibilität, die Elektronen und Batterien schlicht nicht haben. Die Zukunft gehört einer Kombination aus Elektronen, Molekülen und Qubits.

Als CEO des World Energy Council haben Sie eine globale Perspektive. Welche Rolle spielen Europa und speziell Österreich in diesem globalen System?

Österreich verfügt mit Initiativen wie dem Verbund X Accelerator über ein starkes Innovations-Ökosystem. Meine Aufgabe besteht darin, solche lokalen Innovatoren auf die globale Bühne zum World Energy Congress zu bringen, damit verschiedene Regionen voneinander lernen können. Verbund X hat Gegenstücke in vielen Ländern. Bottom-up-Initiativen sind hervorragend, aber Bottom-up und Top-down müssen sich treffen, um echte Wirkung zu entfalten.

Zum Abschluss: Wie würden Sie in sehr wenigen Worten die wichtigsten Maßnahmen beschreiben, um die von ihnen skizzierte Vision umzusetzen?

In zwei Begriffen: Energy Literacy und Energy Fluency. Die meisten der neun Milliarden Menschen verstehen das Energiesystem nicht und wissen nicht, woher ihre Energie kommt. Selbst wenn ich in Europa Energieexperten frage, wie viel Energie sie verbrauchen, können es viele nicht beantworten. Wenn wir nicht einmal unseren eigenen Energieverbrauch benennen können – was verwalten wir dann überhaupt?

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