07.02.2025
FINANZIERUNG

EcoNetix: Wiener ClimateTech holt sich erneut Millionen-Investment

EcoNetix ist ein Wiener ClimateTech-Startup, das mithilfe einer datengetriebenen Plattform CO2-Reduktionsprojekte erfasst, zertifiziert und als Carbon-Asset-Manager in globale Märkte integriert. Der brutkasten hat mit den EcoNetix-Gründern Jakob Zenz und Paul Nimmerfall über ihre jüngste Finanzierungsrunde und Wachstumspläne gesprochen.
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v.l. Jakob Zenz und Paul Nimmerfall | Foto: EcoNetix

Mit einer kürzlich finalisierten Seed-Runde in Höhe von 1,1 Millionen Euro stockt das Wiener ClimateTech-Startup rund um die Gründer Jakob Zenz und Paul Nimmerfall sein Kapital auf insgesamt rund 2,5 Millionen Euro auf. Bereits im Frühjahr 2024 kommunizierte das Unternehmen ein Investment in Millionenhöhe (brutkasten berichtete).

Bei der jüngsten Finanzierunsgrunde, die EcoNetix selbst als Seed-II-Finanzierung bezeichnet – haben sich neben dem Bestandsinvestor Voltares (rund um den ehemaligen Zooplus Founder Cornelius Patt) unter anderem vier Business Angels sowie – beraten von der Grimex Consult GmbH – das Schweizer Family Office IGMJ Fin AG beteiligt. Das Ziel: EcoNetix soll sich vom Tech-Startup zum führenden Carbon-Asset-Manager entwickeln und einen globalen Markt aufrollen, der, wie Paul Nimmerfall gegenüber brutkasten erläutert, „wahrscheinlich die wertvollste Asset-Klasse dieses Jahrhunderts“ werden könnte.

Globaler Klimaschutz als Wachstumsmarkt

„Wir blicken auf ein wirklich sehr erfolgreiches Jahr zurück“, sagt Jakob Zenz im Gespräch. In den vergangenen Monaten habe man wichtige Meilensteine erreicht. „Neben den gesteckten Umsatzzielen haben wir EcoNetix mittlerweile auf drei Kontinenten etabliert: Unsere Standorte in Wien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Dubai und Abu Dhabi) sowie unser Project Hub in Uganda ermöglichen uns, mehrere Regionen gleichzeitig zu bedienen.“

Verhandlung eines Carbon Agreements zwischen Uganda und Singapur

Im CO2-Handel, in dem EcoNetix aktiv ist, dreht sich derzeit alles darum, dass Staaten wie Unternehmen händeringend nach hochwertigen Carbon Credits suchen. „Wir verhandeln aktuell mit mehreren Staaten internationale Abkommen im CO2-Bereich“, sagt Zenz. Neben dem Freiwilligenmarkt – wo Firmen oft aus Nachhaltigkeitsgründen kompensieren möchten – gewinnt der Compliance-Markt immer mehr an Gewicht. „Gerade entstehen überall neue Regularien, von Government-to-Government-Deals auf Basis des Pariser Abkommens (Article 6) bis hin zu verpflichtenden Systemen für Fluggesellschaften“, erklärt er. Die hohe Nachfrage spiegelt sich auch in der Entwicklung von EcoNetix selbst: „Das global agierende Team ist in den letzten Monaten auf rund 20 Personen angewachsen.“

Für EcoNetix wird die frische Finanzierungsrunde entscheidend, um das internationale Wachstum voranzutreiben. „Wir sind unseren Investorinnen und Investoren sehr dankbar, weil wir uns so auf das operative Geschäft konzentrieren können“, sagt Zenz. Zwar sei man nicht gezwungen, direkt weiteres Kapital aufzunehmen, doch die Gründer lassen sich strategische Optionen offen: „Wenn es für das Wachstum Sinn macht, schließen wir ein weiteres Seed-Upgrade vor einer größeren Series A im Jahr 2026 nicht aus.“

Die drei Phasen der Entwicklung

Die Roadmap von EcoNetix umfasst einen mehrjährigen Plan, in dem das Unternehmen zunächst eine stabile Tech-Basis im Freiwilligenmarkt für CO2-Kompensation geschaffen hat. Dort werden Klimaschutzprojekte mit satelliten-, drohnen- und sensorgestütztem Real-time Monitoring zertifiziert und verkauft.

Der nächste Schritt ist bereits in vollem Gange: Die Gründer wollen in verpflichtende CO2-Handelsmärkte wie Government-to-Government-Deals, das EU-Emissionshandelssystem oder die Airline-Regulierung CORSIA einsteigen, um als Tech-getriebener Asset-Manager den gesamten Prozess von der Projektakquise über die Zertifizierung bis zum Verkauf abzudecken.

Anschließend soll das Datenpotenzial in den Vordergrund rücken, das die Messsysteme erzeugt. Agrar-, Forst- und Wetterdaten aus oft unerschlossenen Regionen könnten künftig nicht nur für den CO2-Handel von Interesse sein, sondern auch für Konzerne in Chemie und Landwirtschaft oder für Entwicklungsorganisationen – ein Potenzial, das EcoNetix in den kommenden Jahren als drittes Geschäftsfeld erschließen möchte.

Teamaufbau und internationale Expansionsstrategie

Das neu eingeworbene Kapital fließt vor allem in Personal und Wachstum in den Kernmärkten. Aktuell sind rund 15 Personen fix im Einsatz – verteilt über Wien, Dubai, Indien und Afrika. Hinzu kommen zahlreiche Mitarbeiter:innen und Partner in einzelnen Projektländern. „Wir bleiben ein in Wien verankertes Unternehmen, denken aber vom ersten Tag an global“, betont Nimmerfall. Einige Teammitglieder sind direkt in den Regionen vor Ort tätig, wo EcoNetix mit Regierungen zusammenarbeitet. „In Uganda zum Beispiel sind wir das einzige private Unternehmen, das bereits bei Artikel-6-Verhandlungen involviert ist. Es ist eine einmalige Chance, ein junges, dynamisches Projekt in Kooperation mit Government- und NGOs so eng zu verzahnen“, so Zenz.

Am COP29 nach Treffen mit Klimaschutzministerin Leonore Gewessler und Umweltministerin von Uganda | (c) brutk

Die VAE wiederum seien ein weiteres Sprungbrett, da dort große Investor:innen wie auch staatliche Stellen erkannt hätten, welche Rolle der CO2-Handel für die globale Wirtschaft haben könne. Bei allem Speed geht es den Gründern aber stets darum, die Projektarbeit zu professionalisieren und die eigene Technologie zu verfeinern: „Wir lernen regelmäßig dazu, was vor Ort wirklich funktioniert. Oft sind es Kleinigkeiten – etwa welche Sensoren bei hoher Luftfeuchtigkeit oder Temperaturen jenseits der 40 Grad bestehen bleiben. Diese Learnings sind essenziell, um Real-time Monitoring auch wirklich belastbar und kosteneffizient aufzusetzen“, erklärt Nimmerfall.

„Der Markt ist in Bewegung wie selten zuvor“

Für das Jahr 2026 ist eine Series-A-Finanzierungsrunde geplant. „Bis dahin fokussieren wir uns darauf, uns als verlässlicher Partner für alle großen CO2-Regelwerke und für freiwillige Projekte zu etablieren“, sagt Zenz. Er beobachtet, dass immer mehr Staaten eigene Klimaziele rechtlich festschreiben und Unternehmen zusehends auf Green Finance setzen, um ihren CO2-Fußabdruck zu kompensieren.

„Sowas wie diesen Green-Finance-Schub erleben wir vielleicht nur einmal in zehn Jahren“, ergänzt Nimmerfall. Genau jetzt eröffne sich die Gelegenheit, in einem noch jungen Markt Fuß zu fassen, den Staaten und Konzerne gerade erst für sich entdecken würden. Dass EcoNetix hier schon in mehreren Ländern – besonders auf dem afrikanischen Kontinent – in direkten Austausch mit Regierungsstellen getreten ist, sieht das Team als großen Vorteil: „Wenn man einmal die Reputation aufgebaut hat, auf Regierungsebene mitzuwirken, ist das eine starke Eintrittskarte“, sagt Zenz.


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Giacomo Benassi (Kinsect), Matthäus Kircher (Solos) und Manuel Mairinger (Reploid) zeigen, wie Startup-Kollaboration funktionieren kann. © NOI Techpark/Marco Parisi

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Es wurlt in der Larvenkiste des österreichischen Scaleups Reploid: Larven der Schwarzen Soldatenfliege werden hier seit einigen Tagen gemästet. Sie ahnen natürlich nicht, dass sie bald eine wichtige Rolle im Kreislaufkonzept dreier Jungunternehmen spielen werden.

Zuerst aber dorthin, wo alles begonnen hat: an den NOI Techpark in Bozen, Südtirol. Auch hier wurlt es, nur bringen statt Insektenlarven Startups Leben in das 12 Hektar große Innovationsviertel. Aktuell arbeiten 76 Unternehmen, 37 Startups, drei Forschungsinstitute, vier Fakultäten der Freien Universität Bozen und insgesamt 2.400 Menschen hier gemeinsam für nachhaltigen Fortschritt. Man tüftelt in den Laboren an Prototypen, vernetzt sich auf Events, feilt beim Spaziergang über den 2017 eröffneten Campus, der sich inzwischen stark vergrößert und weiterentwickelt hat, an der nächsten Idee. Was Gründer:innen hier aber am meisten schätzen: das weitreichende Netzwerk.

Nicht gesucht – trotzdem gefunden

„Wer am NOI Techpark Fuß fasst, bekommt Zugang zu etablierten Akteuren und Investoren in Südtirol“, erklärt Manuel Mairinger, Managing Director und CEO von Reploid Italia. Das ursprünglich aus Österreich stammende Insekten-Scaleup hat sich bei der Expansion nach Italien wegen der hervorragenden Lage zwischen Österreich und Mailand für das Acceleration & Scale-up Programme des NOI Techpark als Launchpad entschieden. „Das NOI baut als renommierter Partner die Brücke zu potenziellen Kund:innen und Partner:innen, ganz ohne die Hilfe von Plattformen wie LinkedIn“, fügt der Reploid-Italia-CEO hinzu.

Mairinger weiß genau, wovon er spricht. Reploid Italia ist eines von drei am NOI inkubierten Jungunternehmen, die zeigen, wie Startup-Kollaboration funktionieren kann. Initiiert hat die Zusammenarbeit Sonja Tetter vom Team des Start-up Incubator. „Wir arbeiten sehr eng mit unseren Startups zusammen, kennen ihre Geschäftsmodelle, Technologien und Herausforderungen. Deshalb sehen wir relativ früh, wo eine Kooperation wirklich Mehrwert schaffen könnte“, erläutert Tetter. Gemeinsam wollen die drei Unternehmen zur regionalen Kreislaufwirtschaft in Bozen beitragen. Und hier kommt die Larve der Schwarzen Soldatenfliege wieder ins Spiel.

Die Schwarze Soldatenfliege als Gamechanger

Die Larve der Schwarzen Soldatenfliege wird rund 25 Millimeter groß. © Reploid/Fabian Fallend

Nach nur einer Woche sind die Larven laut Reploid mit rund 25 Millimetern ausgewachsen und überzeugen mit innerer Größe: Sie sind sehr reich an tierischem Protein. Das aus ihnen gewonnene Mehl kann einen Proteingehalt von über 62 Prozent aufweisen.

Das macht die Larven zum potenziellen Proteinersatz, vor allem im Futtermittelbereich, etwa für Fische. „Wir züchten Welse, das sind Fleischfresser“, erklärt Matthäus Kircher, Gründer von Solos. Das Südtiroler Startup betreibt Aquaponik und verbindet Fischzucht mit dem Anbau von Kräutern und Salat.

Das Prinzip dahinter: Die Fische reichern das Wasser durch ihre Ausscheidungen mit natürlichen Nährstoffen an, ein Biofilter leitet es ins Pflanzenbecken, wo Salat und Kräuter die Nährstoffe aufnehmen und das Wasser reinigen, bevor es zurück zu den Fischen fließt. So entsteht ein geschlossener Kreislauf im Zeichen der Nachhaltigkeit.

Ein Punkt war Kircher dabei allerdings von Anfang an ein Dorn im Auge: das mit Fischmehl angereicherte Futter. „Bereits vor vier Jahren haben wir uns gefragt, wie wir tierische Proteine ohne Fischmehl verfüttern können“, erzählt er. Insekten bildeten schließlich die Lösung. Eine Studie ergab: Futtermischungen auf Insektenmehlbasis, angereichert mit Spirulina-Algen, lassen den Omega-3-Gehalt im Fischfilet höher ausfallen als bei herkömmlich gefütterten Tieren.

Aus Reststoffen wird Futtermittel

Insektenlarven werden durch die Kooperation zu nachhaltigem Fischfutter © NOI Techpark/Marco Parisi

Hier kommt Reploid ins Spiel: Das Unternehmen implementiert modulare Anlagen, die sogenannten „ReFarm-Units“. Dort verarbeiten Larven der Schwarzen Soldatenfliege regionale Reststoffe zu Insektenprotein und -fett für Futtermittel- sowie Industrieanwendungen. Ein weiteres Nebenprodukt ist der Insektenfraß, also die Ausscheidungen, aus denen organischer Dünger entsteht. Den dritten Baustein liefert Kinsect: Das italienische Startup entwickelt Technologien für die industrielle Zucht der Fliege und liefert Eier sowie Junglarven.

Am Standort von Solos in Tramin greifen so die unterschiedlichen Kompetenzen ineinander: Die von Kinsect bereitgestellten Larven werden in einer Insektenmastanlage von Reploid mit Lebensmittelnebenprodukten wie Apfeltrester, Kartoffelschalen oder Altbrot gefüttert. Solos nutzt sie anschließend als nachhaltiges Futtermittel in der Fischzucht. So soll Fischmehl ersetzt, sollen organische Reststoffe sinnvoll verwertet werden. Neben den ökologischen Vorteilen ergeben sich durch das Vorzeigeprojekt und den realen Usecase natürlich auch wirtschaftliche Vorteile, von denen die drei Startups profitieren.

Drei Ansätze, ein gemeinsamer Nenner

Es ist eine Kooperation im Namen der Kreislaufwirtschaft, die ohne den NOI Techpark nie zustande gekommen wäre. „Am NOI Techpark konnte diese Synergie organisch entstehen“, fasst Kinsect-CEO Giacomo Benassi zusammen. „Dank der Zusammenarbeit im selben Ökosystem konnten wir viel schneller Vertrauen zueinander aufbauen.“ Der NOI Techpark ermöglicht damit nicht nur grenzüberschreitende, sondern auch branchenübergreifende Vernetzungen, die Startups entscheidend weiterbringen.

Und so wurlt es weiter am NOI Techpark. Jedes Jahr kommen neue Startups zur NOI-Community dazu. Für den Herbst-Batch kann man sich noch bis zum 5. Oktober bewerben – vielleicht entsteht daraus bald die nächste erfolgreiche grenzüberschreitende Startup-Kooperation.

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