28.03.2023

Digitale Schule: So steht es um das österreichische Bildungssystem wirklich

Im Jahr 2018 setzte sich das österreichische Bildungsministerium eine Digitalisierungsoffensive als Ziel. Fünf Jahre später zieht der brutkasten eine erste Bilanz.
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Das österreichische Bildungssystem wird digitaler. (C) AdobeStock
Das österreichische Bildungssystem wird digitaler. (C) AdobeStock

„Die Aufgabe von Schulen ist es, die Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, die wir selbst noch nicht kennen“, sagt Thomas Strasser, Professor für technologieunterstütztes Lehren und Lernen an der PH Wien. Die Digitalität des Bildungssystem ist dabei ein wichtiger Hebel.

Musterschüler Estland

Ein Smartboard zeigt die neueste Mathematik-Aufgaben an: „In einen Bus steigen sieben Leute, es gibt aber nur zwei freie Plätze. Wie viele Menschen müssen stehen?“. Zur Auswahl stehen vier mögliche Antworten. Vor jedem Kind der Klasse befinden sich vier zu den Antworten passende Codes. Die Kinder halten die entsprechende Seite nach oben, und ihre Lehrerin scannt die gesamte Klasse mit dem Tablet ab. Nach wenigen Sekunden weiß die Lehrerin, wer richtig geantwortet hat und wer falsch lag. Die Lösung erscheint zeitgleich auf der Tafel.

Was sich für österreichische Augen, wie eine Zukunftsvision liest, war laut einer Spiegel-Reportage in Estland schon 2017 Usus. Obwohl Estland laut OECD-Bericht im Jahr 2018 mit 4,7 Prozent seines BIPs ebenso viel Geld wie Österreich in das Bildungssystem investierte, war man im Baltikum stets der Vorreiter im Digitalisierungsbereich. 1999 wurden alle estnischen Schulen ans Internet angeschlossen, 2020 alle Schulbücher digitalisiert.

Österreich hinkte in der Vergangenheit im Vergleich zum Musterschüler, der laut PISA-Tests eines der besten und effizientesten Bildungssysteme Europas besitzt, hinterher. Eine Erhebung des Bildungsministeriums aus dem Jahr 2018 hatte ergeben, dass nur 5,9 Prozent der NMS-, 6,4 Prozent der AHS und 14,6 Prozent der BMHS Notebook-Klassen führen.

Während in Estland bereits 1999 alle Schulen ans Internet anschloss, verfügten hierzulande 2018 nur 45,5 Prozent der NMS, 50,6 Prozent der AHS und 59,6 Prozent der BMHS über einen WLAN-Zugang in allen Unterrichts- und Aufenthaltsräumen. Zudem wurde an jeder dritte Schule gänzlich ohne schülereigenen Geräten (Smartphones, Tablets oder Notebooks) gearbeitet. Eine OGM-Meinungsumfrage aus dem Jahr 2018 ergab, dass drei Viertel aller Lehrer:innen unzureichend auf die digitale Lerninhalte vorbereitet sind.

Der Bildungsexperte Strasser spricht in diesem Zusammenhang gerne vom Bürgermeister:innen-Phänomen.  Ortschef:innen hätten Schulen ein Smart Board gekauft, sich für die Bezirkszeitung ablichten lassen und die Lehrer:innen danach oft allein gelassen. „Keine Spur von methodisch-didaktischen Hilfestellungen, nur das Gerät“, so Strasser. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

Masterplan Digitalisierung als politische Hausaufgabe

Die ernüchternden Zahlen veranlassten 2018 das Bildungsministerium im, das noch von Heinz Fassmann (ÖVP) geleitet wurde, den „Masterplan Digitalisierung“ auszuarbeiten. Bis 2023 setzte sich Österreich als Ziel, das Bildungssystem schrittweise zu digitalisieren. Im dazu erstellten Bericht hieß es abschießend, dass die Umsetzung notwendig sei, man „aber keine Wunder erwarten“ solle. Fünf Jahre später zeigt sich, Österreich schließt auf. Eine brutkasten-Anfrage beim Bildungsministerium hat ergeben, dass sich zuletzt etwas getan hat.

Mittlerweile haben 99,2 Prozent der Bundesschulen WLAN in den Klassenräumen, den Pflichtschulen liegt dieser Anteil bei 84,2 Prozent. Zudem sind 100 Prozent der Bundesschulen ans Breitband angebunden. 95 Prozent der Sekundarstufe 1, der AHS sowie der Mittel- und Sonderschulen nehmen darüber hinaus bei der Endgerätemaßnahme des Bildungsministeriums teil.

Strasser: Bildungssystem holt auf

Aus den Versäumnissen der Vergangenheit dürfte man gelernt haben. Bildungsexperte Strasser sieht Österreich „auf einem guten Weg“. Mit der Einführung des Schulfaches „Digitale Grundbildung“, das in der fünften bis achten Schulstufe unterrichtet wird, bewegt sich etwas. Hier lernen die Schüler:innen den richtigen Umgang mit digitalen Instrumenten. Dabei geht es weniger um Programmier- und Codingskills, die laut Strasser zu „Buzzwords“ in der Debatte wurden, sondern viel mehr um gesellschaftlichen Auswirkungen emergierende Trends und wie man aus diesen Nutzen ziehen kann. Welcher Quelle vertraue ich? Wie gehe ich mit meinen Daten im Internet um? Diese und viele weitere Fragen werden behandelt.

„Die Gefahr, die aber zu sehen ist, ist, dass andere Lehrer:innen gerne digitale Inhalte auf das Schulfach Digitale Grundbildung abschieben“, sagt Strasser. Der best case, wo derzeit noch größeres Aufholpotential bestehe, wäre das Fach Digitale Grundbildung und die Integration von digitalen Inhalten in andere Fächer. So brauche es u.a. in Geografie, Englisch, Mathematik und auch in Sport mehr digitale Inhalte.

Hausaufgaben gemacht, Verbesserungen kommen

Zuletzt steigt die Bereitschaft von Lehrkräften, vermehrt auf digitale Inhalte zu setzen. Entsprechende Fortbildungen werden an den Pädagogischen Hochschulen immer besser angenommen. „Hier ist Chat GPT ein echter Segen, denn dadurch haben auch die größten KI- und Digitalisierungsskeptiker gelernt, dass man die Augen davor nicht verschließen kann“, so Strasser. In den vergangenen fünf Studienjahren wurden laut Bildungsministerium 13.836 Fortbildungsveranstaltungen zur Erweiterung der Digitalisierungskompetenzen an den Pädagogischen Hochschulen abgehalten.

Trotz des Lobs gibt es aber noch Luft nach oben. Digitale Lernelemente werden in der Lehrerausbildung noch immer häufig als Wahlpflichtfächer in den Lehramts-Curricula angeboten. Strasser wünscht sich eine Implementierung dieser Skills und Themen als Pflichtfächer. Denn so ist es derzeit in Österreich gelegentlich noch immer Glückssache, ob man Lehrer:innen hat, die sich mit digitalen Skills beschäftigen oder nicht. Um dies umzusetzen, müssen die Curricula geändert bzw. angepasst werden. Das passiert im gegenseitigen Austausch zwischen Hochschulen und Bildungsministerium, wobei das letzte Wort immer das Ministerium hat.

Weitere Baustellen sind u.a. die Unterscheidung zwischen Bundes- und Landesschulen – ein Unterschied, der oft auch unterschiedliche technische und didaktische Rahmenbedingungen hervorruft. Ob der Blick nach Estland tatsächlich die Zielrichtung für Österreich sein muss, bezweifelt Strasser. Alles „durch-zu-digitalisieren“ sei nicht der Weisheit letzter Schluss. Vielmehr geht dem Experten zufolge, um eine zielgerechte Vermittlung digitaler Kompetenzen mit digitalen und humanistischen Skills für Lehrkräfte. Den Digitalisierungsfortschritt in Österreich, der Curricula, Struktur und Entwicklung umfasst, benotet der Fachmann derzeit mit 2-.

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Vl. A1-CCO Martin Resel und IBM-Österreich-Chef Marco Porak | © A1/APA/Hörmandinger
Vl. A1-CCO Martin Resel und IBM-Österreich-Chef Marco Porak | © A1/APA/Hörmandinger

Dass für Unternehmen kein Weg mehr an Agentic AI vorbeiführt, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Dass eine sichere und konforme Umsetzung davon nicht so einfach ist, ebenfalls. „Für KI im Unternehmenskontext gelten andere Spielregeln als im privaten Bereich. Ich spreche hier besonders von souveräner KI“, sagt Marco Porak, Generaldirektor von IBM Österreich, bei einem gemeinsamen Pressetermin mit A1 und dessen Cloud-Tochter Exoscale. Mit einer gemeinsamen Plattform, die IBM watsonx auf A1 Exoscale bringt, will man Unternehmenskunden gemeinsam eine sichere und digital souveräne Lösung bieten.

„Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur“

Denn Schatten-KI, also die Nutzung privater bzw. vom Unternehmen nicht genehmigter KI-Anwendungen durch Mitarbeiter:innen, sei ein echtes Sicherheitsrisiko, betont Martin Resel, stv. Vorstandsvorsitzender von A1 und CCO Enterprise. „Unternehmen können es sich nicht leisten, KI nicht zu nutzen. Da geht es um Wettbewerbsfähigkeit. Alles muss effizienter werden, etwa auch in der Verwaltung. Wenn man dann aber Daten global findet, die eigentlich nicht global gespeichert werden sollten, ist das ein Problem“, sagt Resel.

Für viele A1-Unternehmenskunden und auch für A1 selbst sei das besonders relevant. „Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur. Viele hochsensible Daten laufen auf unseren Netzen. Wir haben nicht nur Unternehmen aller Größen als Kunden, sondern zum Beispiel auch Ministerien“, sagt der A1-CCO. Gerade in der aktuellen geopolitischen Situation müssten sich Österreich und ganz Europa daher souverän aufstellen.

Orchestrierte KI-Agenten mit klaren Regeln und voller Transparenz

Und wie macht das die gemeinsame Plattform? „Ich bin mir bewusst, dass ich Repräsentant eines amerikanischen Unternehmens bin“, räumt Marco Porak ein. IBM habe aber nach nicht weniger als 98 Jahren am österreichischen Markt ein anderes Standing, als etwa die US-Hyperscaler. Warum? „IBM hat seit jeher das Prinzip, dass Kundendaten Kundendaten sind und die Architektur vom Kunden bestimmt wird“, so Porak. Und: „Globale Innovation und lokale Kontrolle widersprechen einander nicht.“ Genau so sei es auch bei watsonx. Kunden können dort entscheiden, welche KI-Modelle genutzt werden und wo die Daten liegen. Die Bandbreite geht dabei von lokal gehosteten On-Premise-Lösungen über europäische bzw. Open-Source-Modelle auf europäischen Servern bis zu Frontier-Modellen in Datencentern der US-Hyperscaler.

Konkret greift das System auf eine Vielzahl an Large Language Models (LLMs) und Agentic-Modelle zurück und orchestriert KI-Agenten, um Tasks zu erfüllen. Die dazugehörige Governance-Plattform ermöglicht nicht nur das Festlegen der Regeln dafür, sondern bietet auch jederzeit komplette Transparenz, um jeden Arbeitsschritt und die dafür genutzten Modelle nachvollziehen zu können. Für Martin Resel ist dabei ebenfalls klar: „Dass alles, was aus Asien oder Amerika kommt böse ist, sehen wir nicht so. Wichtig ist die Wahlfreiheit.“ Die Plattform sei daher offen für sämtliche Modelle.

„Wir folgen einer sehr strikten Datenklassifizierung – selber und auch für unsere Kunden“

Je nach Usecase und dem damit verbundenen Sicherheits-Level der Daten seien unterschiedliche LLMs und Speicherorte sinnvoll. „Wir folgen einer sehr strikten Datenklassifizierung – selber und auch für unsere Kunden“, sagt Resel. Nach dieser erfolge die Entscheidung, welche Modelle genutzt werden können. Gleichzeitig optimiere die Plattform durch die passende Modell-Auswahl auch den Token-Verbrauch. „Das kann sonst bekanntlich schnell teuer werden“, sagt der A1-CCO.

A1 bietet seinen Enterprise-Kunden nicht nur Zugang zur Plattform, sondern auch begleitende Services, um diese aufzusetzen. Mit den europäischen Datencentern der Tochter Exoscale kommt noch das Angebot der souveränen Cloud im eigenen Land hinzu.

Wie watsonx für A1 und seine Kunden konkret funktioniert, zeigt Exoscale-KI-Experte Christos Kapodistrias beim Pressetermin vor. In seinem Beispiel arbeiteten nicht weniger als 14 KI-Agenten orchestriert zusammen, um eine optimale Vorbereitung auf ein Kundengespräch zu erstellen. „Diesen Usecase nutzen wir auch selber“, erklärt der Experte und zeigt die verschiedenen Sicherheits- und Kontrollmechanismen ebenso wie die Nachvollziehbarkeit über die Governance-Plattform. Marco Porak merkt dazu an: „Man sieht, es gibt mehrere Checkpoints im Prozess, der ‚Human in the Loop‘ bleibt erhalten.“ Denn es gehe eben darum, Menschen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

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