22.11.2020

Deja(n)vú: Warum die Startup-Szene sich durchaus glücklich schätzen kann

Deja(n)vú - die Kolumne von brutkasten-Herausgeber Dejan Jovicevic mit Insights und Kommentaren zu den Themen der Woche im brutkasten.
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Auch diesmal beginne ich meinen Rückblick mit einem kurzen internen Insight. Diese Woche haben wir wieder mehrere digitale Events umgesetzt, unter anderem eine internationale Konferenz für die New Yorker Wildlife Conservation Society (aka New York Zoo). Wir haben hierfür sehr spannende SpeakerInnen aus den USA, Südamerika, Asien, Afrika und Europa im Stream zusammengebracht. Auch Moving Forward: Der Österreichische Online Fundraising Kongress, Staat vs Internet – Das Online Symposium und das Finale der Förderaktion netidee, die wir seit Jahren begleiten, waren sehr spannend.

Und wir haben mit unserer virtuellen KMU-Roadshow begonnen – klickt euch kommende Woche am 25.November gerne rein. Die nächste Gelegenheit gibt’s dann erst im Jänner. Nächste Woche empfehle ich euch außerdem die Spin-Off Austria Konferenz am Mittwoch – Hermann Hauser und Herbert Gartner stellen hier ein großartiges Programm zusammen. Falls jemanden von euch ein Job in diesem spannenden Bereich interessiert, meldet euch. Wir suchen derzeit etwa Video Producer und Projekt Manager. => Hier geht’s zu den offenen Stellen

Apropos: Unser neuer Job Plattform-Chef wird morgen die Stelleninserate gebührenpflichtig stellen. Das ging jetzt schnell. Wir investieren natürlich einiges an Geld und Ressourcen in die Plattform, bauen ein spannendes Produkt und das darf und soll auch etwas kosten. Aber schreibt mir noch gerne schnell: Bis Ende November darf ich noch Gratis-Credits vergeben. Oder schreibt dem neuen Jobplattform-Chef, wenn ihr ein maßgeschneidertes Paket wünscht.

Du hast das Gefühl, dass du Fehl am Platz bist? Such dir hier deinen neuen Job!

Aber genug Internes. Was hat sich diese Woche in der Startup- und Innovationsszene getan? Ich starte mit einem Polit-Insider.

Insights in die Startup-Politik

Am Montag gab es einen virtuellen Termin bei Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, bei dem sie den Austausch mit der Startup-Szene gesucht hat. Die Ministerin war von Beginn an um einen direkten Kontakt und laufenden Austausch mit der Community bemüht, hat mehrere Startup Breakfast-Termine im Ministerium organisiert, dort Input gesammelt und daraus auch ToDos abgeleitet und umgesetzt. Das Thema ist ihr sehr wichtig, sie hat die volkswirtschaftliche Bedeutung von Startups erkannt, hat als ehemalige Tech-CEO einen persönlichen Bezug zum Thema, will die Dinge vorantreiben und umsetzen und gilt als sehr engagiert. Mein Eindruck in vielen on-air und vor allem auch off-record Gesprächen mit ihr ist, dass sie für die Sache brennt. In der Coronakrise hat sie persönlich um die Sonder-Hilfsmaßnahmen für Startups gekämpft – ein Selbstläufer war das dem Vernehmen nach nicht. 

Es geht ihr insofern sichtlich nahe, wenn man ihr mangelndes Bemühen vorwirft. Das immerwährende, pauschale “es geht nix weiter” empfindet sie – gefühlt – als undankbar und ungerecht. Das kann ich gut nachvollziehen. Trotzdem war das Meeting nicht sehr konkret, es wurden trotz vieler Willensbekundungen keine angepeilten, mit einer konkreten Zeitschiene hinterlegten Umsetzungspläne vorgestellt.

Viele Fragezeichen beim Runway Fonds

Der Runway Fonds kommt nun bekanntlich und sorgt nicht für allzu viel Enthusiasmus in der Community, auch wenn jedes neue Venture Capital am Markt sehr zu begrüßen ist. Angeblich zittert das aws sogar, ob sich genug Fonds-Manager bewerben werden. Die Finanzierungszusage für den Runway Fonds ist zwar einige Monate im Finanzministerium gehangen, inhaltlich ist trotzdem nach wie vor viel unklar. Die Kosten für die 50 Prozent Garantie, welche beihilferechtlich vergebührt werden muss, scheinen noch unklar zu sein. Ebenso, wer in den Fonds investieren wird und – das wird entscheidend – wie die Investmentstrategie aussehen soll, also in welche Startups der Fonds investieren soll (auch in angeschlagene?) bzw. wie die Risikostreuung aussehen wird. Wird der Fonds nur in Österreichische Startups investieren dürfen? Zum Vergleich: Speedinvest tätigt meines Wissens nach nur rund 15 Prozent der Investments in Österreich, den Rest international. Ich bin gespannt, wer sich für das Fonds-Management bewirbt, zumal der eigene Track Record der VCs unter Umständen auf dem Spiel stehen könnte.

Rot-Weiß-Rot-Card: Zu einer Software-Engineering-Nation werden wir damit nicht werden

Der bei der Community beliebte und stark genutzte Covid-19-Startup-Hilfsfonds, mit dem es gelungen ist, in kürzester Zeit 50 Millionen Euro an privatem Investitions-Kapital zu mobilisieren, wird nicht aufgestockt – was Margarete Schramböck dem brutkasten gegenüber ohnedies schon im September bekräftigt hat. Dafür würden viele allgemeine Hilfsmaßnahmen genauso auch für Startups gelten. Die angekündigten gesellschaftsrechtlichen Reformen sind in Arbeit. Mehrere Arbeitsgruppen sind beteiligt und sollen letztlich ein Gesamtpaket schaffen, das Lösungen für die thematisierten Problemfelder bringt – idealerweise bis Ende 2021, vorgezogen wird nichts. Bei der Rot-Weiß-Rot Card sei die wesentliche Änderung erfolgt – die Erfordernis der Ortsgebundenheit sei gefallen. Es ist ein wichtiger Schritt. Zu einer Software-Engineering-Nation werden wir damit allerdings nicht werden. Heute schrieb mir eine Gründerin: „Ich bin jetzt gespannt – wir haben 8 Programmierer die ich ab Februar ins Land holen will – High Potentials aus fünf verschiedenen Ländern. Mal sehen, ob die Austria Card easier geworden ist“. Die Antwort liefere ich euch nach.

Die Anlagenbauer der Digitalisierung besser stützen

Gründer und Investoren fordern indessen weiterhin stärkere Unterstützung (am liebsten die Aufstockung des Covid-19-Hilfsfonds), um die lang erarbeiteten IP-Rechte nicht (in die Insolvenz oder im Ausverkauf ins Ausland) zu verlieren. Hier würden die allgemeinen, für den Handel und die Gastronomie vorgesehenen Maßnahmen nicht greifen, auch wenn davon sicher auch manche Gründerinnen und Gründer profitieren, so die Argumentation. Denn ein Modegeschäft sperre zu und öffne rasch wieder – bei IP-starken KMU gehe das nicht. Diese setze man langwierig auf und müsse sie gesondert gegen die Vernichtung schützen. Wenn IP verloren geht, sei sie nicht so schnell wieder aufgestellt. Dieses Argument hat etwas. Meine Kollegen Lorenz Edtmayer und Maxi Nimmervoll, die Gründer der Diamir Gruppe, mit der sie verschiedene Software-Produkte bauen, bezeichnen sich als „Anlagenbauer der Digitalisierung“ – um hier eine plastische Analogie zur Industrie zu bringen. Ob dieses Bild – in dieser Schärfe und Dringlichkeit – in der Politik angekommen ist, wage ich tatsächlich zu bezweifeln.

Aber lassen wir die Kirche im Dorf…

Nun, lassen wir die Kirche im Dorf. Wir haben eine Wirtschaftsministerin, die für die Sache brennt, für die Startup-Szene immer ein offenes Ohr hat, sich für diese laufend einsetzt, mit ihr mitfiebert. Allerdings wird die vermeintliche Macht-Position einer Ministerin oft überschätzt. Sie muss für ihre Vorhaben genauso ihre Regierungskolleginnen und -kollegen gewinnen, wie ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Ministerium. Anordnen und durchziehen kann ein Minister kaum etwas, auch wenn man es noch so gerne hätte.

Wir können uns, nüchtern betrachtet, als Startup-Szene glücklich schätzen, dass die gesamte Wirtschaftsspitze des Landes so stark hinter uns steht. Harald Mahrer ist als WKÖ Präsident, also als höchster Vertreter der Wirtschaft, bekanntlich ein Pionier der politischen Vertretung der Startup-Szene. Aber auch die Umwelt- und Innovationsministerin, Leonore Gewessler, ist regelmäßiger Gast in unseren Interviews. Oder auch die für Digitalisierung (z.B. EduTechs) zuständige Sektionschefin im Bildungsministerium, Bildungsministerin aD. Iris Rauskala. Neuerlich hat auch Justizministerin Alma Zadic ihre Türe für die Startup-Szene weit geöffnet und dort viele neue Fans gewonnen. Sie nimmt sich der gesellschaftsrechtlichen Reformen, die für die Startups – und somit für den Wirtschaftsstandort – wichtig sind, persönlich an. Und vor gut einer Woche meinte auch Vizekanzler Werner Kogler in meinem Interview bei der Innovate Konferenz, er informiere sich laufend im brutkasten über die Startup- und Innovationsthemen und dankte diesem für den wichtigen Beitrag. Dass Bundeskanzler Sebastian Kurz, der schon als Außenminister starke Startup-Akzente setzte, das Thema nicht zu Chefsache macht, liegt wohl daran, dass wir als Szene strukturell noch nicht den entsprechenden Reifegrad erreicht haben. Im Bundeskanzleramt hat das Thema jedenfalls hohe Priorität.

„Ich finde, ihr könnt als Branche stolz sein“

Ein Medien-Kollege aus der Finanzbranche schrieb mir im April: „Ich finde, ihr könnt als Branche stolz sein, dass ihr euch in den letzten Jahren so einen Stellenwert erarbeitet habt, dass die Regierung ein extra Paket schnürt!“ Davor hat er mit dem Verweis auf diesen Artikel – „Altrichter als Startup-Beauftragter und der unausgesprochene Riss in der Szene“ – die mangelnde Bodenhaftung der Szene kritisiert: „Manchmal bin ich echt über die Startup-Branche verwundert. Die Regierung unterstützt jetzt hoch riskante Geschäftsmodelle und -ideen (ja, man nennt es nicht umsonst „Risiko“-kapital) und es wird trotzdem gejammert. Die OMV holt sich gerade erfolgreich 1,75 Milliarden Euro mit einem Bond. Mir fehlt da die Verhältnismäßigkeit oder anders gesagt: Einige haben die Bodenhaftung verloren oder überschätzen sich. Ein Blick über den Tellerrand täte gut“. Dieses Gefühl sollten wir der Politik eher nicht vermitteln.   

Insofern: Ja, wir brauchen bessere Rahmenbedingungen, um hier international keine Wettbewerbsnachteile zu haben. Dafür sollen wir uns einsetzen, den Kontakt und den Austausch zu der Politik suchen, die Umsetzung einfordern, gemeinsam anpacken. Aber laufend zu schreien, was nicht alles besser wäre, wenn „die Rahmenbedingungen“ besser wären, ist auch nicht ganz der unternehmerische Startup-Spirit, der mich damals 2014 so sehr fasziniert hat, dass ich deswegen den recht steilen Karrierepfad verlassen und den brutkasten gegründet habe.

Neuigkeiten aus Wien

Ein kurzer Wien-Exkurs: In der Stadt Wien, die die Startup und Innovationsthemen ebenso offen und proaktiv vorantreibt, wandern die Themen Innovation und Digitalisierung vom Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke, der hier mit dem Bürgermeister Michael Ludwig sehr starke Akzente setzte, zu Ulli Sima. Nach einer entsprechenden Einarbeitung fragen wir sie beide, was sie in der nächsten Legislaturperiode vorhaben. Ein Sneak Preview hat unser Chefredakteur Stefan Mey gemacht. 

Der Nachfolger von Ulrike Huemer als CIO der Stadt, Klemens Himpele, soll jedenfalls voller Tatendrang sein. Wir treffen ihn spätestens bei der Wiener Innovationskonferenz im Jänner. Die würde ich euch übrigens auch ans Herz legen – das wird sehr spannend. Und last but not least steht nächstes Jahr noch die ViennaUP´21 an, die vom 27. April bis zum 12. Mai in Wien stattfinden wird und zum größten Startup Event Zentraleuropas werden soll.

Neue Video-Serie mit Münze Österreich

Berichten will ich euch auch von einer neuen Video-Serie, die wöchentlich am Montag ausgestrahlt wird. Zusammen mit Münze Österreich geht es um das Thema Bargeld. Dieses wächst in der Bedeutung, und das ist vielen nicht bewusst. Die Serie soll daher einen sehr guten Einblick in das Thema Bargeld verschaffen und darüber aufklären. Und es ist echt faszinierend. In der ersten Episode ging es um Bargeld und Finanzbildung bzw die Fragen „Wie lernt man mit Geld umzugehen?“ und „Wem gehört unser Geld?“. Der Generaldirektor von Münze Österreich, Gerhard Starsich, war ein super cooler Gesprächspartner.

Gerhard Starsich, Generaldirektor Münze Österreich

Gründer der Woche

In unserem deutschen Medium „StartingUp“ haben wir seit Jahren eine Serie „Gründer der Woche„. In Österreich haben wir uns derweil immer dagegen entschieden. Bis jetzt. Ich starte damit in meinem Newsletter: Mein Gründer der Woche ist Felix Ohswald. Ich beobachte ihn und seine Co-Founder seit der Gründung von GoStudent. Es ist sehr faszinierend, wie er sich die letzten Jahren weiterentwickelt hat, als Gründer, als Manager und persönlich. Er hat GoStundent zu einem führenden europäischen EduTech aufgebaut, wirkt fokussiert, ausgeglichen, bodenständig. Letzte Woche hat er bei unserem EduSummit eine Key Note gehalten – ich habe selten so einen souveränen Auftritt gesehen. Chapeau, lieber Felix & keep it up.

Und außerdem…

Abschließend noch ein paar weitere Punkte im Schnelldurchlauf:

Die Innovationsministerin im Interview

Unsere Umweltministerin, Leonore Gewessler, ist, wie angekündigt, ins Studio als Gast in der “One Change a Week” Serie mit Markus Linder gekommen und gab uns spannende Insights.

(c) der brutkasten | Martin Pacher: Ministerin Leonore Gewessler

TourRadar bei den Tech Talks

Bei unseren Tech Talks, die wir mit Amazon Web Services (AWS) umsetzen, war TourRadar zu Gast. Product-Chef Alberto Azambuja hat uns einige großartige Einblicke gegeben, warum es wichtig ist, dass die Business- und die Tech-Seite des Unternehmens aufeinander abgestimmt sind und einander verstehen. TourRadar ist laut Daniel Zielinski von AWS eines der technologieorientiertesten Startups, die er kennt – ein Ergebnis davon ist der Launch in der DACH-Region, wofür ihre Website durch maschinelles Lernen übersetzt wird. CEO Travis Pittman hat uns die Insights dazu verraten – in Artikel und Video.

Keine Mic Hirschbrich-Entzugserscheinungen

Mic Hirschbrich war diese Woche ungewohnt persönlich und hat für seinen Beitrag „Der große Lockdown: Vom Hamstern, Jammern und Sterben in Österreich“ viel Zuspruch geerntet. „Es musste sein“, meinte er intern. Er schrieb auch: „Eigentlich wollte ich heute einen leeren Artikel abgeben…“. Mic, don’t joke. Ich will keine Klagen über Entzugserscheinungen im Haus.

Analyse zum Bitcoin-Höhenflug

Wolfgang Fallmann punktet in de Serie „Junges Geld“ mit einer Bitcoin-Analyse und geht dabei auf die Gründe für den steigenden Bitcoin-Kurs ein, erläutert, woher das Geld, das in Bitcoin fließt, kommt und fragt sich, ob wir in einer Bitcoin-Blase sind. Niko Jilch bereitet dazu noch eine kleine Serie für kommende Woche vor – stay tuned.

Joe Biden im Podcast (nicht persönlich)

Unser Redaktions-Podcast “Editor’s Choice” ist Pflichtprogramm an jedem Mittwoch, die aktuelle Folge könnt Ihr unter diesem Link anhören. Diesmal ging es um den Talk mit Margarete Schramböck, Joe Bidens Tech-Politik und TourRadar.

Rekordverdächtige Investment-Woche

Und zuletzt noch zur Investment-Woche: Diese Woche war rekordverdächtig in Sachen Investment-Meldungen (GoStudent, Sarcura, NXRT, usePAT und DevJobs), begleitet durch Expansionen, M&As und Exits. Alle Investments findet Ihr in unserem Investment-Ticker.

Schönen Sonntag noch und bleibt gesund!

Herzlich,
Euer Dejan

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Apollo, KI, Altgiechisch, Mistral
© Österreichische Nationalbibliothek/ÖAW/Daniel Hinterramskogler - Papyrus aus der römischen Kaiserzeit mit einer griechischen Geburtsanzeige, von Apollo rekonstruiert (Römisches Ägypten, 149 n. Chr.) und Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.

In Museen und Bibliotheken weltweit lagern hunderttausende Inschriften und über eine Million Papyrusfragmente aus der Antike. Der Großteil des Materials ist fragmentarisch und schwer lesbar. „92 Prozent der Papyri warten bis heute auf ihre Entzifferung. Ein gigantischer, unerschlossener Schatz der Geschichte“, heißt es per Aussendung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Genau hier möchte Apollo ansetzen.

Apollo: „Neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe“

Entwickelt wurde das Large Language Model (LLM) in einer Kooperation zwischen der ÖAW und den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI und SAIL Reply. Am gestrigen Mittwoch präsentierten die Forschungspartner die erste Stufe des Apollo-KI-Systems, das ab sofort der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

„Apollo zeigt, was europäische Zusammenarbeit leisten kann, wenn KI, die gezielt an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden kann, auf jahrhundertealtes wissenschaftliches Wissen trifft“, sagt Guillaume Lample, Co-Founder und Chief Scientist von Mistral. „Indem Mistrals Technologie dabei hilft, Texte wiederherzustellen, die seit zweitausend Jahren nur fragmentarisch überliefert sind, eröffnet sie ein neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe – und das ist erst der Anfang.“

600 Millionen Wörter

Die meisten Texte der Antike sind nur unvollständig überliefert und es fehlen einzelne Wörter oder sogar ganze Textpassagen. Das Sprachmodell Apollo könne fehlende Inhalte von Fragmenten eigenständig ergänzen und dabei helfen, das Verständnis und die historische Einordnung eines Schriftstückes zu verbessern.

Obwohl für das Training der KI in Altgriechisch nur 600 Millionen Wörter zur Verfügung standen – mehrere zehn Milliarden Wörter gelten üblicherweise als der Standard für LLMs – sei eigenen Angaben nach Apollo treffsicher.

„Bei einem vorhandenen Originaltext auf Papyrus erreicht das Modell bei maskierten, also bewusst versteckten Passagen eine Trefferquote von rund 80 Prozent“, erklärt Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW und Mastermind hinter dem Projekt. Bei tatsächlich unbekannten Textlücken bewerteten internationale Fachexpert:innen, die das KI-System im Rahmen einer Blindstudie evaluiert haben, Apollos Vorschläge in 77 Prozent der Fälle als mindestens ebenso gut wie durch Menschen vorgenommene Ergänzungen und in 16–20 Prozent der Fälle sogar besser, heißt es.

Apollo erkennt Sprachstufen

Besonders beeindruckend sei zudem, wie präzise Apollo zwischen verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden kann, betont Dolganov: „Unser LLM kann mit vergleichsweise geringem Wissen über einen Kontext weitreichende Schlüsse ziehen. Anhand von Satzbau und Vokabular erkennt Apollo präzise, ob ein Text zum Beispiel aus Homers ‚Odyssee‘ stammt, und ergänzt ihn im passenden Sprachregister.“

Als Beweis zeigte Dolganov bei der Präsentation von Apollo etwa eine antike Geburtsurkunde, die vollständig rekonstruiert wurde. Zudem wurde eine beim Ausbruch des Vesuvs verkohlte Schriftrolle an entscheidenden Stellen „vollständig lesbar gemacht“. Und mit der Rekonstruktion einer fragmentarischen Inschrift aus dem Schwarzmeerraum hat sich der Forscherin zufolge belegen lassen, dass in einer bestimmten Region bereits römisches Recht galt. Die Aussendung sprach hierbei von einer „weitreichenden Erkenntnis, die durch einen Beleg für die römische Prostitutionssteuer untermauert wird.“

Weitere Stufen geplant

„Mithilfe der KI entsteht ein neues Bild der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da sich viele Erkenntnisse erst aus der Masse der Dokumente ergeben – etwa bei Steuerquittungen“, präzisiert Dolganov.

Und Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ergänzt: „Apollo bringt die Erforschung von historischen Schriftstücken und Dokumenten in ein neues Zeitalter. Der Einsatz des neuen Sprachmodells wird völlig neue Forschungsfragen zulassen und unser historisches Wissen erweitern. Wir sind stolz, dass die ÖAW gemeinsam mit dem europäischen KI-Unternehmen Mistral diese wegweisende Technologie entwickelt hat. Für die Zukunft streben wir eine vertiefte Zusammenarbeit mit Mistral an.“

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler – Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bei der öffentlichen Vorstellung von Apollo.

Der ersten Stufe des Modells sollen bald noch weitere folgen. „Das Ziel ist ambitioniert, aber machbar“, wie Dolganov betont: Die KI soll künftig unerschlossene Papyri sowohl entziffern als auch rekonstruieren können. Geplant ist außerdem eine Erweiterung, mit der das Modell thematische und semantische Suchen in der gesamten griechischen Textüberlieferung durchführen sowie Parallelstellen suchen soll und so die passende Evidenz für Ergänzungsvorschläge gleich mitliefert.

Dolganov, die ÖAW und Mistral wollen jedoch bei Altgriechisch nicht aufhören. Aufbauend auf den Erfahrungen soll die KI künftig auch mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden. Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung. Was für das Projekt noch fehlt, sei ein passender Name.

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