29.08.2025
INTERVIEW

Christian Kern: „Wir klagen über Trump, machen aber in Europa unsere eigenen Hausaufgaben nicht“

Interview. Christian Kern, Vizepräsident des European Forum Alpbach, fordert mehr Tempo bei der Kapitalmarktunion, damit Europa seine Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Im Gespräch mit brutkasten ordnet der Ex-Kanzler und CEO der European Locomotive Leasing (ELL) die geopolitischen Herausforderungen ein.
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Christian Kern am European Forum Alpbach | (c) brutkasten

Beim European Forum Alpbach 2025 – heuer unter dem Motto „Recharge Europe“ – drehten sich viele Debatten um Europas Wettbewerbsfähigkeit und die Kapitalmarktunion. Bereits im Vorfeld hatte Christian Kern in seiner Position als Vizepräsident des European Forum Alpbach, betont, dass die Kapitalmarktunion zu den Schlüsselthemen des Forums zählen werde (brutkasten berichtete).

Der Ex-Bundeskanzler steht heute als CEO an der Spitze der European Locomotive Leasing (ELL), einem Lokomotiv-Vermieter mit Schwerpunkt auf moderne Vectron-Maschinen. Im Rahmen eines Side-Events von Gerstbauer Strategic auf der Böglalm hat brutkasten Kern zum Interview getroffen – über Europas wirtschaftspolitische Hausaufgaben und die Herausforderungen im Bahnsektor, von langwierigen Zulassungen bis zur fehlenden Interoperabilität.


brutkasten: Sie sind seit Herbst letzten Jahres Vizepräsident des European Forum Alpbach. Heuer stand das Forum unter dem Motto „Recharge Europe“. Wie fällt ihr Zwischenfazit aus?

Christian Kern: Zur Veranstaltung fällt mein Fazit sehr positiv aus. Alpbach zeigt einmal mehr, warum es dieses Forum braucht: Europa steht vor großen Herausforderungen und braucht neue Antworten, um seinen Platz in einer Welt in Bewegung zu behaupten. Alpbach versucht, Lösungen zu entwickeln und anzubieten, die man anderswo so nicht hört.

Ein großes Thema am European Forum Alpbach ist die Kapitalmarktunion. Sie haben das bereits im Mai vor dem European Forum Alpbach als Schlüsselthema genannt. Wo liegen hier die Probleme?

Eines unserer größten Probleme ist, dass wir Europas Potenzial nicht auf die Straße bringen. Im Finanzsektor etwa gibt es 27 nationale Regulierungsmechanismen. Mario Draghi hat in seinem Report vorgerechnet: Das wirkt, als lägen auf Dienstleistungen, die wir konsumieren, Zölle von 110 Prozent und auf der Produktion von 45 Prozent. Das muss weg. Wir beschädigen uns sonst selbst. Wir klagen über Trump, machen aber in Europa unsere eigenen Hausaufgaben nicht. Das ist aber dringend nötig – die jüngsten Handelsabkommen mit den Amerikanern waren ein trauriges Zeichen der Schwäche. Das müssen wir überwinden.

Am European Forum Alpbach werden auch Lösungen diskutiert. Welche Lösungen sollte man konkret auf den Weg bringen?

Wir müssen enger zusammenrücken. Die Kapitalmarktunion ist ein Punkt, die Verteidigungsunion ein zweiter. Wir wissen, wir müssen uns auf einen Krieg vorbereiten – in der Hoffnung, dass er nicht kommt. Nach 80 Jahren Frieden haben wir verlernt, unsere Interessen auch militärisch und sicherheitspolitisch wahrzunehmen. Das gelingt in Europa nur mit Arbeitsteilung und Abstimmung. Nicht jedes Land wird beispielsweise ein eigenes Luftabwehrsystem organisieren können. Für einzelne Staaten ist das ein zu großer Brocken. Gemeinsam können wir das schaffen und unseren Kontinent sicherer machen.

Christian Kern im Gespräch mit brutkaten auf der Bögl-Alm | (c) brutkasten

Sie haben erwähnt, dass die Zulassung einer Lok in Europa im Schnitt 400 Millionen Euro kostet und acht Jahre dauert. Mit welchen Herausforderungen sind Sie als CEO von European Locomotive Leasing (ELL) im europäischen Bahnsektor konfrontiert?

Wir sind in Europa mit sinnloser Nationalstaaterei konfrontiert. Wir haben es nicht geschafft, ein einheitliches Zugsteuerungssystem auszurollen. Ein Zug, der Nord–Süd oder West–Ost fahren soll, braucht an jeder Grenze – teils sogar innerhalb eines Landes – andere Hardware und Software. Das ist, als würden Sie ein Auto kaufen und für die Fahrt von Österreich in die Schweiz oder nach Frankreich drei verschiedene Softwaresysteme an Bord haben, die Fahrzeug und Assistenzsysteme jeweils anders steuern. Das ist wirklich absurd – und ließe sich vermeiden, wenn wir es endlich gemeinsam angehen.

Sabine Herlitschka, CEO von Infineon Technologies (Austria) und ebenfalls Vizepräsidentin des European Forum Alpbach, meinte im Zuge der Programmpräsentation, durch den European Green Deal sei die Wettbewerbsfähigkeit wegen Regulierung unter die Räder gekommen. Wie nehmen Sie das Thema Regulierung in Europa wahr?

Das ist sicher ein Thema. Wichtiger ist aber, den Blick auf zwei Punkte zu richten: Erstens schaffen unterschiedliche Regulierungen echte Handelshemmnisse – wie erwähnt. Zweitens haben wir zu wenig in Innovation und Infrastruktur investiert. Seit der Lehman-Krise 2009 hat Amerika aus öffentlichen Mitteln fünfmal so viel in die Wirtschaft gesteckt wie Europa. Die Folge: Unser Wachstum liegt heute bei rund einem Drittel des US-Niveaus, die Produktivitätsfortschritte ebenso. Ohne mehr Produktivität und Wachstum können wir unsere soziale Infrastruktur – Schulen, Krankenhäuser, Pflege – irgendwann nicht mehr finanzieren. Wir sind also zum wirtschaftlichen Erfolg verdammt: durch einen konsequenteren Binnenmarkt und mehr Zukunftsinvestitionen.

Innovation ist ein Schlüsselthema für die Wettbewerbsfähigkeit. Österreich ist im jüngsten European Innovation Scoreboard von Rang 5 auf Rang 8 zurückgefallen. Wie ist Österreich hier aufgestellt – und wo sehen Sie Handlungsfelder?

Die USA haben ein um rund 50 Prozent höheres BIP pro Kopf, bei zugleich etwa zehn Prozent geringerem Anteil des Manufacturing, also des Produktionssektors. Sie haben die Transformation zur Dienstleistungs- und Digitalwirtschaft – Stichwort Plattformen wie Amazon, Facebook, Google – geschafft. Europa hinkt hinterher. Wir werden in Europa nicht unsere Haut retten, indem wir zu unseren alten Industrien zurückkommen, die mittlerweile unter Druck sind. Wir brauchen Neues, wir brauchen Innovation – das verlangt auch unangenehme Entscheidungen.

Welche unangenehmen Entscheidungen meinen Sie?

Wir müssen Investitionen umlenken – keine Frage. Wenn der Green Deal als Problem gesehen wird, stellt sich die Gegenfrage: Was wollen wir stattdessen? China hat vorgemacht, was möglich ist: Photovoltaik, Wind, Batterien, E-Mobilität – alles in Europa erfunden –, doch wir waren zu zögerlich beim Skalieren und andere haben uns dann überholt. Jetzt müssen wir wieder in die Gänge kommen. Gleiches gilt für die IT-Infrastruktur und für künstliche Intelligenz. Wir haben einige Themen, wo wir leider am Tabellenende liegen.


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Startup-Coach Florian Kandler rät Gründer:innen, schon vor dem fertigen Produkt zu verkaufen | Foto: Bianca Perfahl

Florian Kandlers Startup Report erscheint heuer in elfter Ausgabe und wurde im Mai gemeinsam mit KPMG präsentiert. Er ist bewusst kein Datenwerk und kein politisches Papier: Die Zahlen bekomme man ohnehin auf Knopfdruck, so Kandler. Stattdessen befragt er jene Gründer:innen, die bereits Funding eingesammelt haben, nach ihren konkretesten Learnings. Kandler hat seit seiner Rückkehr aus dem Silicon Valley über 3.000 Gründer:innen begleitet, die zusammen mehr als eine Milliarde Euro aufgenommen haben, und ist bereits im achten Jahr offizieller Startup-Coach bei „2 Minuten 2 Millionen“.

Aus den Antworten lässt sich heuer eines klar herauslesen: Der Druck Richtung Traction steigt. Kapital konzentriert sich auf wenige Segmente, die Abstände zwischen den Runden werden länger, und Investor:innen wollen Proof from the Market sehen, nicht bloß eine gute Geschichte. Lukas Lauder von Repark bringt es im Report auf den Punkt: „Investors don’t invest in your product, they invest in momentum.“

Daraus ergibt sich ein Dilemma, das gerade First-Time-Founder kennen: Wie baut man Traction auf, wenn das Kapital dafür noch fehlt? Kandlers Antwort ist ein Mindset-Shift, den er „Sales before the product“ nennt.

Du machst den Report seit elf Jahren. Welcher Trend sticht heuer am stärksten heraus?

Die starke Verschiebung hin zu Traction. Die Leute wollen immer mehr Momentum und Proof from the Market sehen, nicht nur den Beweis, dass jemand eine gute Geschichte erzählen kann oder dass theoretisch Potenzial da ist. Stefan Steiner von Don’t Call it Deo sagt es so: nicht nur auf die Idee fokussieren, sondern auf Market Traction. Storytelling ist für Pitch Competitions oder Community Pitches nett, aber wenn du mit Investor:innen sprichst, musst du in einen anderen Gang schalten. Da zählt Groove.

Zieht sich das durch alle Phasen?

Durch alle Fundingphasen, von den ganz Kleinen bis zu den Großen. Nur bedeutet Traction in jeder Phase etwas anderes, und es verschiebt sich, was dort durchschnittlich und was überdurchschnittlich ist. Was sich nicht verschiebt: Es muss heute einfach mehr an Traction da sein als noch vor einigen Jahren. Eine Idee und eine tolle Vision allein, und dann kommt das Geld, das funktioniert nicht mehr.

Das klingt nach einem Dilemma: Ohne Kapital ist Traction schwer aufzubauen.

Das ist einer der großen Denkfehler, die ich bei jungen Gründer:innen immer wieder sehe. Viele kommen mit: „Ich hatte vor Jahren die Idee, habe daran gebastelt, das Potenzial ist riesig, und jetzt suche ich einen strategischen Investor, der mich bei Marketing und Vertrieb unterstützt.“ Bastler mit Idee, null Market Validation. Oder: „Ich kann ja nichts verkaufen, ich habe das Produkt noch nicht.“ Das ist grundfalsch. In der Sekunde, in der du die Idee hast, überlegst du: Wer ist die ideale Zielgruppe? Du baust deine Hypothese darum, gehst raus und sprichst mit diesen Leuten, auch wenn dein Produkt erst in drei Jahren fertig ist. Die Traction, die du aufbaust, ist das Interesse, das du dort erzeugst.

Hast du ein Beispiel?

Ich betreue gerade einen Gründer, der schon jetzt Pre-Orders schreibt und pro Kunde 10.000 Euro kassiert, damit sich diese das Recht sichern, die ersten Pilotkunden werden zu dürfen. Das Produkt ist noch lange nicht fertig, er hat aber ganz klar einen Nutzen bei den Kunden identifiziert und mit smartem Verkauf FOMO erzeugt. So konnte er schon Aufträge erhalten, bevor das Produkt fertig ist. Das ist Traction.

Und im Consumer-Bereich?

Da sage ich den Leuten bei „2 Minuten 2 Millionen“: Der Pitch ist so gut, wie er sein kann. Aber bis du in sechs Wochen im Studio bist, mach eine einzige Sache. Geh raus in alle Mom-and-Pop-Shops, die dein Produkt brauchen können, verkauf es ihnen, gib es ihnen auf Kommission, erzeug Traction. Wenn das Produkt noch nicht fertig ist, hol dir zumindest ein Stück Papier, etwa eine unterzeichnete Absichtserklärung, das zeigt: Die Leute wollen das. Erst letzte Woche hat ein Gründer aus Tirol, der sich gerade auf seinen großen Auftritt im Studio vorbereitet, genau das umgesetzt. Fünf Tage später schickte er mir eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht, dass er über sein altes berufliches Netzwerk bereits zwei Vorbestellungen gewinnen konnte.

Was braucht es, damit das gelingt?

Zwei Dinge. Erstens ein Produkt, das wirklich mit dem Markt resoniert. Wenn du das nicht hast, hast du ohnehin kein Anrecht auf Kapital. Und zweitens die Fähigkeit und die Bereitschaft, rauszugehen. Die fehlt vielen, teils weil sie es nicht können, teils weil sie es nicht wollen. Aber das lässt sich mit Kompetenzaufbau ganz gut heilen: Sobald du merkst, das funktioniert und die Leute finden es geil, kriegst du auch Mut. Ich sehe das regelmäßig in meinen Beratungen, wie meine Gründer dann plötzlich Eigendynamik entwickeln. „Sales before the product“ ist einer der größten Mindset-Shifts, die junge Gründer:innen verstehen müssen. Wenn man die Methoden einmal kennt, kann das wirklich jeder umsetzen.

Und wenn diese Bereitschaft im Team fehlt?

Dann wird es schwierig. Wenn alle Angst vor dem Kunden haben, fehlt genau die Person, die keine Angst hat, und die braucht es. Die anderen verkriechen sich hinterm Computer, denken sich digitale Ad-Kampagnen aus oder gehen zum Investor und sagen: „Ich brauche 300.000 Euro, davon 150.000 fürs Marketing.“ Das gibt dir niemand, solange du nicht im Kleinen getestet hast, ob die Leute es überhaupt brauchen. In 99 Prozent der Fälle gibt es Growth Hacks, mit denen du ohne Cash-Budget Staub aufwirbeln und sehen kannst, ob es funktioniert oder nicht.

Konkret: Wie geht man mit einem unfertigen Produkt im B2C auf Kund:innen zu?

Ein möglicher Weg im Consumer-Bereich ist, die Leute auf Social Media abzufangen. Ich betreue gerade eine Gründerin, die eine sehr intelligente Functional-Cosmetics-Brand aufbaut. Jeder Investor hofft, dass jemand im Team versteht, daraus auf Social Media Buzz zu bauen. Wenn dein Produkt neuartige Eigenschaften hat, musst du es so vermarkten, dass die Leute heiß werden und du vielleicht einen Pre-Sale machst, wie beim Fashion Drop: Die Kollektion kommt erst im September, aber die Leute zahlen heute schon. Irgendjemand muss diese Message rüberbringen, ob als Person und Fürsprecherin, wie coole Food-Gründerinnen, die vor der Kamera ihr Produkt zeigen, oder abstrakter über Content und meinetwegen KI-generierte Avatare. Und das ist nur einer von mehreren möglichen Wegen, die man je nach Unternehmen und Situation einschlagen kann.

Und im B2B?

Da musst du ran an den Speck, und Networking ist entscheidend. Ich gebe in Workshops eine Übung: Nimm dein Telefon, schau, wer da drin ist und wer von denen wen kennen könnte. Ruf deine zehn besten Freunde an, die dich mögen, dir Gutes wollen und die wissen, dass du kein Depp bist, und sag: „Ich suche jemanden in dem und dem Bereich, kennst du wen?“ Du wärst überrascht, wie schnell die ersten Termine stehen. Funktioniert auch auf Konferenzen und Events, wo diese Menschen herumlaufen. Aber weg von diesen drögen Kundeninterviews à la „Würdest du das kaufen?“. Das ist fast wertlos, für die Unternehmer:innen wie für Investor:innen. Wer es ernst meint, liest „The Mom Test“, denkt den Inhalt dieses Buchs konsequent wie ein Verkäufer weiter und baut aus dem Gespräch direkt einen Sales-Funnel. Im besten Fall ist das eine Pre-Order mit Cash, im nächstbesten eine Pre-Order ohne Cash, dann ein Letter of Intent.


Info: Fundraising Winter Camp™ 2026

Jeden Winter bereitet Florian Kandler eine kleine Gruppe von zehn Startups in drei Wochen online auf ihre Investor:innen-Suche vor. Das Camp 2026 startet am 14. Jänner.. Die Sommer-Version des Camps läuft seit 10 Jahren immer im Juli. Die Plätze sind jedes mal ausgebucht. Wer beim nächsten Durchgang dabei sein will, kann sich über Florian Kandlers Newsletter auf www.GetFunding.how/camp voranmelden und wird zum nächsten Camp eingeladen.

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