29.08.2025
STRATEGIE

Biotech in Austria: Akademische Klauen versus Target-Strategie

In der Ausgründungsphase kann sich die österreichische Biotech-Szene sehen lassen – doch spätestens bei der Folgefinanzierung und dem Markteintritt beginnen die Probleme: Falsch verhandelte Term Sheets, ein plattformbasierter Fokus und mangelhafte oder fehlende Target-Strategien stellen Gründer und Gründerinnen solcher Startups oftmals vor Kernprobleme und können die Existenz gefährden. Die Lösung dafür: das akademische Denken sein lassen.
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Biotech, Biotech in Österreich
© Abundance Gate - Timur Topalgoekceli (l.) und Thomas Holzhuber von Abundance Gate.

Die Uhr tickt. Der nächste Telefonanruf trudelt ein. Geldgeber haben wenig Geduld und wollen Ergebnisse sehen; Zahlen. Und sie wollen wissen, wann das Produkt marktreif ist und in die Regale kann, oftmals mit dem Exit im Hinterkopf, um eingesetztes Kapital mit einer schmackhaften Rendite wiederzubekommen – wie es ihrer Logik entspricht und auch so im Term Sheet niedergeschrieben oder zumindest angedeutet ist. Geduld ist das ungeliebte Stiefkind der Startup-Szene – nicht zu Unrecht, denn Geschwindigkeit kann oftmals positive Effekte haben, wenn Startups flexibel, wachstumsstark, anpassungsfähig und (um den Begriff zu bemühen) innovativ agieren. Biotech allerdings hat als Teil der hiesigen Szene ein Problem damit – eines, das bereits bei der Ausgründung immanent wird und später schreckliche Konsequenzen zur Folge haben kann.


Dieser Text ist im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


1,7 Mrd. € Umsatz

Laut dem Statista Research Department gewinnt der Sektor Biotechnologie in Österreich an Bedeutung. So stieg die Anzahl der Biotech-Unternehmen in der Republik bis 2024 auf 191 Firmen an; im Jahr 2012 waren es noch unter 100 Unternehmen. Insgesamt waren im Jahr 2024 in der Biotech-Industrie 3.316 Mitarbeitende beschäftigt. Rund zwei Drittel der Biotechnologieunternehmen sind im Bereich der Gesundheit bzw. Medizin angesiedelt, weitere Anwendungsgebiete sind die industrielle und landwirtschaftliche Biotechnologie sowie die Bioinformatik.

Im Vorjahr erwirtschaftete die Branche hierzulande rund 1,7 Mrd. € Umsatz – ein Plus von rund 68 Prozent seit 2020. Viele Unternehmen forschen im Bereich der medizinischen Biotechnologie und entwickeln Impfstoffe und andere Medikamente bis hin zu Zell- und Gentherapie. Wien gilt dabei als Zentrum und beherbergt etwa 15 Institute in den Feldern Molekularbiologie und Biotechnologie, darunter die BOKU mit mehreren Standorten, das AKH Wien, das Zentrum für Molekulare Biotechnologie und weitere Forschungseinrichtungen.

Diese starke akademische Basis in der Hauptstadt führt zu vielen Ausgründungen, oft mit kleinen Laborflächen von bis zu 500 Quadratmetern, wie Thomas Holzhuber, CEO des Biotech-Inkubators Abundance Gate, erläutert.

„Es gibt eine sehr hohe Förderquote durch Institutionen wie die FFG (Forschungsförderungsgesellschaft, Anm.) und die aws (Austria Wirtschaftsservice, Anm.), wodurch die Gründung von Unternehmen erleichtert wird. Die Fördervolumina reichen von kleinen Beträgen, 100.000 €, bis zu solchen in Millionengröße“, sagt er. „Viele Unternehmen gründen sich in Wien, forschen hier und bilden Mitarbeiter aus. Nach der Startphase werden jedoch oft intensivere Finanzierung und mehr Platz benötigt, um zu skalieren und zu wachsen.“ Außer Basel, Zürich, London oder Cambridge gebe es in Europa kaum vergleichbare Cluster-Orientierungen.

Ein wesentlicher Vorteil der Hauptstadt sei besonders die tiefe akademische Basis, verbunden mit einem aktiven Life-Sciences-Netzwerk. Stärken hat der Standort Wien insbesondere bei grundlegenden Forschungsergebnissen aus Bereichen wie mRNA-Technologien, CRISPR-Cas9 („Gen-Schere“) oder der Rückführung von Stammzellen zu Organoiden.

Biotech-Startups mit Plattform-Strategie

Um die späteren Schwierigkeiten zu verstehen, muss man jedoch wissen, dass viele Biotech-Startups von Anfang an eine sogenannte Plattform-Strategie verfolgen. Das heißt: Sie entwickeln etwa ein bestimmtes Molekül, das potenziell gegen verschiedene Krebsarten wirken könnte. Dann versuchen sie, gleichzeitig mehrere Indikationen oder Anwendungen zu etablieren.

„Diese Strategie hat ihren Ursprung im akademischen Denken. In der Wissenschaft sucht man möglichst viele Lösungsansätze, um das wissenschaftliche Risiko breit abzusichern“, erklärt Holzhuber. „Am Markt jedoch funktioniert diese Logik nicht: Investoren wollen fokussierte Targets, die klar auf eine konkrete Indikation oder Anwendung ausgerichtet sind. Plattformansätze gelten bei Investoren als schwer finanzierbar, da sie zu unspezifisch sind und hohe Folgeinvestitionen erfordern.“

Holzhuber und sein Co-Founder Timur Topalgoekceli wollen deswegen mit ihrem Inkubator Startups dabei helfen, sich von einer breiten Plattform-Logik hin zu klar abgegrenzten Targets zu entwickeln. Dies könne als Lösung auch bedeuten, dass ein Startup in mehrere Subunternehmen aufgeteilt und jedes „Target“ eigenständig weiterentwickelt und so für Investoren wesentlich attraktiver werde.

Falsch verhandelte Term Sheets

„Ich sehe immer wieder falsch verhandelte Term Sheets, die später katastrophale Folgen haben – vor allem, wenn es um Folgefinanzierungen geht. Schlechte Bedingungen können dazu führen, dass Unternehmen in späteren Runden nicht mehr attraktiv sind oder gar nicht erst weiter finanziert werden“, sagt Topalgoekceli.

Ein Beispiel war jüngst die Insolvenz des Wiener Biotechs Arkeon, das mittels Gasfermentation mit Archaea-Mikroben im Bioreaktor Kohlendioxid in Aminosäuren umwandelte.

Begonnen hatten die Probleme mit einer geplatzten Finanzierung im zweistelligen Millionenbereich im Juni 2024. Arkeon war damals breit aufgestellt: Das Startup wollte in seinem Verfahren aus CO₂ viele Aminosäuren fermentieren und damit auch gleich mehrere proteinreiche Produkte entwickeln. Dabei setzte man auf eine Portfolio-Strategie.

„Investoren und VCs suchen jedoch keine Portfolios, die haben sie selber“, sagt Holzhuber. Aus seiner Sicht wäre es strategisch sinnvoller gewesen, alle Ressourcen – Kapital, Team und Zeit – gezielt zu bündeln, um dann mit aller Konzentration für einen Innovationstransfer bereitzustehen. „Hier lag der Fokus (Anm.: kurz vor der Insolvenz als Rettungsversuch) auf einer Aminosäure und darauf, jene in Industrie-Volumen in Stabilität und Qualität herzuleiten. Am Ende wurde dann eine kleinere Finanzierungsrunde für zwei Jahre angestrebt, mit dem Blick auf die eine Säure und industrielle Pilotentwicklung. Diese Runde hat jedoch aufgrund der zurückhaltenden Investor:innen nur eine Quote von 80 Prozent erreicht. Damit war die Timeline für ein ausreichendes Ergebnis in Stabilität und Qualität nicht umsetzbar“, erklärt Holzhuber.

Arkeon-Founder Gregor Tegl erklärte die Situation im Juni gegenüber brutkasten in einem Statement folgendermaßen: „Letztlich sahen wir uns – angesichts der derzeit herausfordernden makroökonomischen Rahmenbedingungen (…) und eines zunehmend zurückhaltenden Investitionsklimas – zu diesem Schritt gezwungen.“

Eine Lehre, die man aus diesem Fall ziehen könnte: Plattformansätze mögen zwar wissenschaftlich spannend sein, doch für den Markt braucht es – als Vision von Anfang an – enge, klar definierte Targets, auf die man sich konsequent konzentriert.

Richtig aufgestellt statt Massenziele

Wie dieses Beispiel zudem verdeutlicht: Es sollte nicht zwangsweise die Strategie sein, den Biotech-Markt mit Fülle zu überschütten. Stattdessen empfiehlt es sich, ein tiefes technisches Verständnis zu entwickeln sowie Startups in diesem Bereich von Anfang an strategisch richtig aufzustellen – und sich prinzipiell von akademischen Klauen zu lösen.

„Wenn du an der Universität forschst, geht es in erster Linie darum, das wissenschaftliche Risiko zu minimieren“, erklärt Topalgoekceli. „Wenn man dann ein Startup gründet, kommt man in die Kommerzialisierungsphase, in der man zuallererst beweisen muss, dass das ursprüngliche Konzept beziehungsweise die Technologie auch tatsächlich marktfähig ist. Risikominimierung als einer der größten Brocken funktioniert hier zunächst über die Förderstellen und EU-Programme, also meist eigenkapitalfreie Finanzierungen. Sobald man aber in die Venture-Fonds-Phase eintritt, beginnt das Ticken der Zeit.“

Mit dieser Aussage spricht der Co-Founder jene Logik an, die Investor:innen mitbringen: Sie wollen in wenigen Jahren Ergebnisse sehen. Sie fragen nach Verkaufszahlen, obwohl sich Biotechs meist noch in präklinischen Phasen befinden, wo es um Reinheitsgrade, Stabilität und technische Skalierung geht. Sowohl Gründer:innen als auch Investor:innen sollten daher vorab wissen, dass es enorme Ressourcen braucht, sobald ein Unternehmen einen Plattformansatz verfolgt, also nicht nur ein einzelnes Wirkstoff-„Target“, sondern eine breite Technologie.

Bis zu zwölf Mio. € pro Programm

Allein in der präklinischen Phase könnten dafür fünf bis zwölf Mio. € pro Programm benötigt werden. „Oft sind bei Plattform-Startups gleich mehrere präklinische Programme – etwa sieben – nötig, um die volle Breite der Plattform zu zeigen“, sagt Holzhuber.

Warum Biotechs auf diesen breiten Ansatz setzen, liegt daran, dass viele Gründer:innen aus der Wissenschaft kommen und darin bestärkt werden, breit zu denken und viele Hypothesen gleichzeitig zu verfolgen. Was dabei übersehen wird: Die Industrie zeigt wenig Interesse an nicht target-orientierten Firmen. Holzhuber nennt es „Wahnsinn, was hier alles in der Forschung passiert“, und appelliert daran, in diesem Bereich einen Mindset-Shift zu vollführen: Statt nur Forschungsergebnisse zu sammeln und breit zu streuen, müsse die Denkweise stärker in Richtung Technologiereife (TRL – Technology Readiness Level) entwickelt werden; und Ergebnisse so aufbereitet, dass sie für die Industrie greifbar und sofort anwendbar sind.

„Forscher sprechen oft nicht gerne über ihre Fortschritte, weil sie sehr evidenzorientiert arbeiten. Dadurch wird es noch schwerer, ihre Arbeit nach außen hin verständlich und investierbar zu machen“, erklärt Holzhuber. Es müsse schlicht und einfach die Art und Weise, wie Gründer:innen aus der Forschung ihre Ergebnisse kommunizieren und strategisch aufstellen, grundlegend verändert werden, damit mehr Kapital in die Biotech-Szene fließt.

Maßnahmenpaket 2025–2027

In diesem Sinne hat die Plattform Biotech Austria, der Interessenverband der österreichischen Biotechnologiebranche, ein Maßnahmenpaket für die Jahre 2025–2027 vorgeschlagen; mit dem Ziel, die Voraussetzungen für Kapital, Infrastruktur und Forschung in der Biotechnologie substanziell zu verbessern und Österreich zu einem Zentrum für Biotechnologie-Innovation und Wettbewerbsfähigkeit zu transformieren.

Man richtet sich direkt an die Politik: „Die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen wie beispielsweise in Frankreich, Großbritannien und den USA, die Investments auch für Versicherungen und institutionelle Anleger ermöglichen, wäre ein erster Schritt, um auch in Österreich mehr Kapital für die Biotechnologiebranche zur Verfügung zu stellen. Ein großes Potenzial für Investitionen bieten private Pensionsversicherungen, denen es ermöglicht werden sollte, bis zu fünf Prozent ihres Vermögens in innovative, nicht börsennotierte Unternehmen zu investieren“, liest man darin als Lösungsvorschlag.

Weitere Forderungen des Maßnahmenpakets umfassen die Optimierung der FlexCo-Gesetzgebung, eine verbesserte Umsetzung von Grundlagen in die unternehmerische Forschung sowie die Stärkung der Forschungsförderung im Bereich Life Sciences.

Learnings für die Biotech-Szene

So weit zur Finanzierungsfrage. Was jedoch bereits in der „Pre-founding“- und „Pre-funding“-Phase mitgedacht werden sollte, lässt sich in folgenden „Learnings“ zusammenfassen:

Man muss als Forscher:in von Anfang an geeignete Investor:innen bestimmen, die bereit sind, die gemeinsame Strategie mitzutragen. Term Sheets sollten auf Augenhöhe verhandelt werden, wie Holzhuber betont: „Gründer müssen die Mehrheit behalten, dabei aber das Interesse der Investoren verstehen; ebenso ihre Sprache und ihre Bedingungen.“

Zudem bedarf es eines klaren Plans mit dem Fokus auf eine wissenschaftlich-technologische Lösung:

„Das Investment muss ausreichen, um die ‚Runrate‘ für ‚diese eine Entwicklung‘ (Anm.: des Produkts) abzudecken, untermauert mit einem fundierten Businessplan und Meilensteinen für den ‚Use of Fund‘. Die wissenschaftliche Technologie und den damit verbundenen Business Case muss man in verständlicher Form aufbereiten, mit Geschäftsdynamik, SWOT-Analyse – Strengths, Weaknesses, Opportunities und Threats –, definierten Meilensteinen, einer ‚Runrate‘ und belastbaren Assets“, rät Holzhuber künftigen Gründer:innen, um als Biotech in Österreich zu bestehen.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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