Bierwirth nun Casinos-Vorstand: „Kann mich nicht auf das Glück verlassen, denn das verkaufen wir ja“
Der Serial-CEO Andreas Bierwirth hat einen neuen Job: Nach bemerkenswerten Laufbahn-Schritten - unter anderem im Flug- und Telco-Wesen - wird der mehrfache Aufsichtsratsvorsitzende nun in den Vorstand der Casinos Austria AG bestellt. Das schreibt er dazu.
„Ich freue mich sehr, heute über meine Berufung in den Vorstand der Casinos Austria AG zum 1.10.25 zu informieren“, schreibt Andreas Bierwirth auf seinem LinkedIn-Profil.
Bierwirth im CASAG-Aufsichtsrat ab Oktober
Der Aufsichtsrat des teilstaatlichen Glücksspielkonzerns bestellt den Manager ab dem 1. Oktober ins Führungsgremium. Mehreren Medienberichten zufolge sollen Gerüchte zur Personalie schon seit etlichen Monaten bestanden haben. Der frühere AUA-Manager und Magenta-Chef sowie Kurzzeit-Manager der Erste Group tritt nun für drei Jahre in den Vorstand der Casino Austria AG. Sein Vertrag kann zweimal um je ein Jahr verlängert werden.
Der Vorstand wird künftig also aus drei Mitgliedern bestehen. Geführt wird dieser seit März 2022 vom Niederländer Erwin van Lambaart. An seiner Seite ist der frühere Erste-Banker Martin Škopek. Als künftiger Chief Transformation Officer soll Bierwirth für die weitere digitale Transformation und Innovationen der CASAG sorgen.
Strategie und Auslandsgeschäft
Bierwirth selbst schreibt auf LinkedIn, dass er sich mit Eintritt in den Vorstand „um die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens“ kümmern wird, „wobei natürlich die Digitalisierung zu den bedeutendsten Aufgaben gehört.“ Außerdem spricht er von „der direkten Verantwortung für das Auslandsgeschäft“ als Teil seines zukünftigen Aufgabenportfolios.
Im LinkedIn-Posting spricht Bierwirth in hohen Tönen von den „bereits skalierten Online-Gaming Plattformen“ win2day.at und tipp3.at. Der künftige CTO preist „zahlreiche gesellschaftliche Projekte, Verbände, Initiativen und Kulturinstitutionen“ an, die von der CASAG als Gruppe „signifikant unterstützt“ werden. Zudem beruft sich Bierwirth auf deren „Vorreiterrolle im wichtigen Spielerschutz“. Außerdem freue sich der Manager auf das „Wirken in einem tollen Team.“ Immerhin könne er sich „nicht auf das Glück verlassen. Denn das verkaufen wir ja.“
Vielseitige Laufbahn – mit Tendenz zu Telco und Fluggeschäft
Bierwirth bekleidete in seiner Laufbahn einige Management- und Vorstandspositionen. Unter anderem war er Geschäftsführer der Germanwings (2002 bis 2006), Vice President Marketing der Lufthansa (2006 bis 2008), COO und CFO der Austrian Airlines (insgesamt 2008 bis 2012), CEO der Magenta Telekom (2012 bis 2022) – währenddessen im Chair bei easyJet (2016 bis 2023) sowie im Aufsichtsrat sowie Mitgesellschafter von AVCONJET. Dort war er auch seit September 2023 CEO – brutkasten berichtete. Diese Rolle legte er im Dezember 2024 allerdings nieder – brutkasten berichtete auch hier. Kurzzeitig war er Manager bei der Erste Group (2022 bis 2023). Seit 2016 ist er zudem Aufsichtsratsvorsitzender der DO & CO AG.
Wenn der Verbündete den Stecker zieht: Europas digitale Souveränität
Die VivaTech in Paris ist Europas größte Startup- und Technologiekonferenz. Bei der zehnten Ausgabe war digitale Souveränität das bestimmende Thema. brutkasten war vier Tage vor Ort. Eine Einordnung.
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Schulterschluss in Paris: Macron und Modi warben auf der VivaTech 2026 gemeinsam für eine „verantwortungsvolle KI" als Wertegemeinschaft. | (c) VivaTech
Am 12. Juni erreicht Anthropic ein Brief des US-Handelsministeriums. Drei Tage zuvor war Claude Fable 5 erschienen, das leistungsfähigste allgemein verfügbare Modell des Hauses. Nun ist es für jede Person ohne US-Staatsbürgerschaft zu sperren, im In- wie im Ausland. Weil sich Staatsangehörigkeit nicht in Echtzeit prüfen lässt, schaltet Anthropic beide Modelle weltweit ab, auch für die eigenen US-Kund:innen. Betroffen sind nicht nur einzelne Nutzer:innen: Anwendungen, die das Modell direkt einbinden, stehen über Nacht still, und der Fall führt vor Augen, wie viele Produkte und ganze Geschäftsmodelle auf einem einzigen, von außen abschaltbaren Modell ruhen. Der „kill switch“, über den Europa seit Jahren theoretisch debattiert, ist plötzlich real, und er trifft die fortgeschrittenste KI ihrer Generation. Anthropic kündigte an, den Zugang so rasch wie möglich wiederherzustellen, zum Redaktionsschluss war die Sperre weiter in Kraft.
Fünf Tage später öffnet in Paris die VivaTech, Europas größte Tech-Messe, zum zehnten Mal. 15.000 Startups, Jeff Bezos als Stargast, und doch reibt sich die KI-Euphorie an der Angst vor der eigenen technologischen Abhängigkeit. Schon auf der Eröffnungsbühne nimmt Frankreichs Wirtschaftsminister Roland Lescure direkt Bezug auf die Anthropic-Sperre: Es gehe nicht länger um eine Zugangsdebatte, Regeln könnten sich über Nacht ändern, und Souveränität heiße, dann noch handlungsfähig zu sein. Tags zuvor hatte Premier Lecornu verkündet, der französische Inlandsgeheimdienst trenne sich vom US-Konzern Palantir zugunsten des heimischen Anbieters ChapsVision. Die Kulisse ist gesetzt.
Souveränität, messbar gemacht
Ausnahmsweise lässt sich Souveränität hier auch messen. Nvidia hatte auf der VivaTech 2025 mehr als 20 KI-Fabriken für Europa versprochen und Mistral zum souveränen Compute-Champion erklärt. Und anders als im Vorjahr liefert die Messe Konkretes: Mistral Compute geht als europäische GPU-Cloud teilweise in Betrieb, Foxconn und Bull kündigen eine Serverfertigung im französischen Angers an. Aus Ankündigung wird Auslieferung. Nur ist selbst das Souveräne es nur halb: Mistral Compute läuft auf 18.000 Nvidia-Chips. Die ganze europäische KI ruht auf einem nicht-europäischen Silizium-Sockel. Doch genau hier liegt Europas einziger echter Trumpf: Ohne die EUV-Lithografie des niederländischen Konzerns ASML, dessen Chef Christophe Fouquet ebenfalls in Paris war und der inzwischen Europas wertvollstes Unternehmen ist, kann weltweit niemand Spitzenchips fertigen. Abhängig auf der einen Ebene, unverzichtbar auf der anderen. Souveränität als Baustelle, nicht als Zustand.
„Tech for humanity“: Narendra Modi positionierte Indien auf der VivaTech 2026 als KI-Länderpartner Frankreichs. (c) VivaTech
Und Österreich?
Und Österreich? Steht in dieser Debatte überraschend weit vorn. Die „Declaration on European Digital Sovereignty“, die inzwischen alle 27 EU-Staaten mittragen, geht auf eine österreichische Initiative rund um Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll zurück. Wien als Anstoßgeber dessen, worüber Paris nun diskutiert. Und das Bundesheer hat seine 2020 begonnene Migration von rund 16.000 Arbeitsplätzen auf LibreOffice 2025 abgeschlossen, bewusst ohne Cloud, also ohne fremden Schalter. Die unbequeme Frage für die heimische Szene lautet, ob aus solchen Verwaltungsentscheidungen auch ein Markt für österreichische Anbieter wird, oder ob Souveränität Behördensache bleibt.
Verhandeln aus der Schwäche
Den wahren Lackmustest liefert nicht die Bühne, sondern eine Frage am Rande. Auf die Fable-5-Sperre angesprochen, fordert Emmanuel Macron keine Unabhängigkeit. Er appelliert an die USA, ihre Spitzentechnologie zu teilen, und kündigt zugleich mehr Geld für die französische KI-Industrie an. Zuerst die Bitte um Zugang, dann, hilfsweise, die eigene Souveränität. Das kann man als Schwäche lesen. Man kann es auch als nüchterne Arbeitsteilung verstehen: das Beste nutzen, das es gibt, und parallel absichern, falls es wegbricht. Dass Macron sich die politische Bühne mit Indiens Premier Narendra Modi teilte, der für eine menschenzentrierte KI jenseits von Washington und Peking wirbt, unterstreicht denselben Reflex: Souveränität wird als Wertegemeinschaft inszeniert, die offene Frage nach Compute, Kapital und Chips bleibt.
Joe Tsai Chairman at Alibaba Group bei der VivaTech | (c) brutkasten / Martin Pacher
„Souveränität ist keine Isolation, sie ist Offenheit aus einer Position der Stärke“, sagt Deutschlands Digitalminister Karsten Wildberger. Schön gesagt, nur verhandelte Europa diese Woche aus Abhängigkeit, nicht aus Stärke. Alibabas Joe Tsai formulierte es zynisch ehrlicher: Europa solle seine Eier in zwei Körbe legen. Ein zweiter Lieferant ist keine Unabhängigkeit. Und doch, hier wird es unbequem, ist Diversifizierung für eine Region, die den ganzen Stack realistisch nie allein bauen wird, womöglich nicht die feige, sondern die rationale Antwort. Die ehrliche Variante von Souveränität wäre dann nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, den Lieferanten zu wechseln, wenn einer den Schalter umlegt, ohne dass das eigene Geschäft mit ihm stillsteht.
Der Preis der Autonomie
Bleibt die Frage, die diese Ausgabe aufwirft. Dass Europa Souveränität will, bestreitet niemand. Die eigentliche Frage ist der Preis: höhere Kosten, langsamere Verfügbarkeit, weniger Zugriff auf das jeweils beste Modell. Und ob das Geld dafür da ist. Auf die USA entfallen rund 50 Prozent des globalen Risikokapitals, auf China 40, auf Europa fünf. Solange sich daran nichts ändert, bleibt Souveränität das würdevollere Wort für eine gut gemanagte Abhängigkeit. Die Fable-5-Woche hat Europa beides gegeben, den Schreck und die Ausrede. Welche Lehre hängen bleibt, entscheidet sich nicht in den Hallen von Porte de Versailles, sondern in den Beschaffungsabteilungen, die nächsten Monat wieder eine Lizenz verlängern müssen.
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