26.05.2020

„2 Minuten 2 Millionen“-Finale: Startup verzichtet auf drei Millionen Euro

In der finalen Folge der Startup-Show gab es halb-fleischlose Burger, Anti-Zecken-Mittel und ein Ökosystem in einer Lampe. Zudem rief ein Startup eine zehn Millionen Euro Bewertung auf und forderte dem Namen der Show entsprechend nach zwei Minuten Pitch auch tatsächlich zwei Millionen Euro - lehnte aber auch drei ab.
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bikemap, 2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4/Gerry Frank - Matthias Natmessnig von Bikemap rief eine zehn Millionen Euro Bewertung auf.
kooperation

Den Anfang machten Cornelia Habacher, Philipp Stangl und Wolfang Heidinger bei „2 Minuten 2 Millionen“. Rebel Meat kombiniert Bio-Rind-Fleisch (50 Prozent Inhalt) mit Pilzen, um umweltfreundlichere Fleischprodukte herzustellen. Die Zutaten für ihr klimafreundliches „Patty“ stammen aus nachhaltiger, biologischer Landwirtschaft aus Österreich. Gesundheits- und umweltbewusste Konsumenten können durch den Rebel Meat-Burger ihren Fleischkonsum reduzieren, ohne auf den Fleischgenuss ganz verzichten zu müssen. Die Forderung: 300.000 Euro für 20 Prozent Anteile.

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Hype um Beyond Meat und Impossible Burger

Nach dem Pitch und während der Kostprobe wollte Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner wissen, warum sich die Gründer für eine 50-prozentige Fleisch-Variante entschieden haben. In den USA hätte es einen großen Hype inklusive Börsengang von „Beyond Meat“ und „Impossible Burger“ gegeben, die beide gänzlich fleischlose Burger produzieren.

Fleischkonsum mit Fleisch reduzieren

Habacher erklärte, dass Rebel Meat eine andere Zielgruppe habe und sagte: „Wir wollen den Fleischkonsum von Fleischessern reduzieren.“ Es ginge darum, eine Brücke zu schlagen. Nachhaltigkeitsexperte Martin Rohla, zu dessen Portfolio Unternehmen wie die vegane Burgerkette Swing Kitchen oder der Inkubator Habibi & Hawara gehören, wollte wissen, wie man sich von der Konkurrenz unterscheide. Heidinger wies darauf hin, dass von genannten Unternehmen oft versucht werde, den Fleischgeschmack zu imitieren. Rebel Meat geht den Weg, um den Fleischesser abzuholen.

rebel meat, 2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4/Gerry Frank – Rebel meat wendet sich mit seinem Burger direkt an die Zielgruppe der Fleischesser, die den Fleischkonsum reduzieren wollen.

Startup Ticket

Bau-Tycoon Hans Peter Haselsteiner stieg als erster aus. Er meinte, die Idee würde sich bei Erfolg selbst vernichten. Jeder Koch würde nämlich versuchen eigene halb-fleisch-Burger zu entwickeln. Und darauf stolz sein. Gschwandtner empfand es als gute Sache, ging aber ebenso, da er nicht bei Food & Beverage“ involviert sei. Daraufhin meldete sich Markus Kuntke per Zuschaltung. Der Trendmanager verteilt auch heuer wieder das REWE-Startup-Ticket. Rebel Meat ist somit ab 27. Mai bei Merkur und ausgewählten Billa-Filialen gelistet.

Zwei Angebote

Mediashop-Chefin Katharina Schneider wollte ebenso nicht einsteigen. Food wäre nicht ihre Kernkompetenz, meinte sie und übergab das Wort an Winzer Leo Hillinger. Der sagte, die drei Gründer würden in sein Schema passen, allerdings war ihm die Bewertung des Startups ein Dorn im Auge. Zögerlich, um die Founder nicht zu beleidigen, bot er 150.000 Euro für 26 Prozent Anteile. Danach überbot Martin Rohla seinen Kollegen um 100.000 Euro.

„Zu viel Kontrolle“

Die Gründer berieten sich kurz und lehnten beide Angebote ab. 26 Prozent wäre zum aktuellen Zeitpunkt „zu viel Kontrolle“. Kein Deal für Rebel Meat.

Ökosystem in Lampe

Neutos von Christian Lakatos und Harald Reiterer war das nächste Startup, das bei „2 Minuten 2 Millionen“ vorstellig wurde. Ihr Produkt umfasst ein geschlossenes Ökosystem in Form einer Designerlampe. Zudem müssen die Pflanzen des Interior-Design-Highlights durch die darin herrschende Hermetosphäre weder gegossen noch gedüngt werden und das Glas kann nicht beschlagen. Auch gehören Schädlingsbekämpfung und die Notwendigkeit von Sonnenlicht mit den Lampen der Vergangenheit an, wie die Gründer erzählen. Sie forderten für eine Beteiligung von zehn Prozent 160.000 Euro.

Vier Wochen im Weinkeller

Neutos hat im Mai den Webshop aufgesetzt und war noch ohne Umsatz. Zusammengebaut wird die Lampe in St. Pölten. Und muss vier Wochen lang in einem „Weinkeller“ zwecks „Qualitycontrol“ verweilen. Die Pflanzen in der Glaskuppel werden in einer gesunden Stasis gehalten und brauchen Jahre, bis sie wachsen und oben anstehen.

 Hillinger, Gschwandtner, Schneider, Haselsteiner, Rohla, Kuntke, Zech, REWE, StartupNeutos,
(c) Puls 4/Gerry Frank – Neutos bietet ein geschlossenes Ökosystem in Form einer Designerlampe an.

„Unique“, aber…

Die Juroren waren begeistert, Schneider nannte die Idee gar sensationell. Haselsteiner wollte nicht investieren, würde das aber als Weihnachtsgeschenk ins Auge fassen. Hillinger nannte es „unique“ und war überzeugt, dass es funktionieren wird. Er stieg wegen der Bewertung aus.

…keine Investments

Schneider meinte, die Gründer bräuchten eine Version ohne Lampenschirm, auch sie würde Kundin werden, aber nicht investieren. Martin Rohla schloss sich den Lobeshymnen an, wollte aber auch nicht einsteigen.

Eines der besten Produkte bei „2 Minuten 2 Millionen“

Der letzte in der Runde, Gschwandtner, nannte es eines der besten Produkte der Sendung, doch auch er konnte nicht einsteigen. Er sei bei einem Konkurrenten, Luke Roberts, investiert, würde aber den Kontakt herstellen. Kein Deal für Neutos. Allerdings meldete sich danach Daniel Zech zu Wort von 7 Ventures zu Wort, der auch heuer wieder Medien-Budget verteilt.

„In Schönheit sterben“

Er dachte, für ein TV-Investment wäre es zu früh, allerdings hat sein Unternehmen im Vorjahr den Online-Möbelhändler Home24 an die Börse gebracht. Er bot eine Listung im DACH-Raum an.

„Tolles Produkt und keiner hat investiert“, meinte Hillinger danach. Haselsteiner erklärte, dass der Weg das geforderte Investment zurückzubekommen und Profit zu machen, ein langer wäre und erinnerte sich an seinen Vater, der selbst ein Möbelgeschäft besessen und einst gesagt hatte: „Man kann auch in Schönheit sterben“.

Drink aus Kakaobohnenschale

Bei kokojoo handelt es sich um ein Kakao-Startup von Dayog Kabore. Das Erfrischungsgetränk erhält seinen Geschmack aus der Schale der Kakaobohne, einem Rohstoff, der bisher keinerlei Verwendung fand, obwohl er reich an Vitaminen und kalorienarm ist. Über 100.000 Euro stecken bereits in der Entwicklung des Unternehmens. Nun benötigt Dayog neues Kapital für die europaweite Expansion und fordert von den „2 Minuten 2 Millionen“-Investoren 300.000 Euro für 20 Prozent Beteiligung.

„Schmeckt wie Tee“

In der Schale der Kakaobohne stecken Antoxidantien, Minerale und Vitamnin B12. Den Juroren schmeckte das Getränk, Hillinger erinnerte es an Tee. Der Winzer stieg dennoch aus, die Bewertung sei bei bisherigen 5000 Euro Umsatz einfach zu hoch.

Kein Deal für Kakaobohnenschale

Auch Haselsteiner stieg aus dem gleichen Grund aus, zudem investiere er nicht in Getränke. Ähnlich sprach Gschwandtner und verabschiedete sich so wie auch Schneider. Rohla hielt es ebenfalls kurz. Obwohl die Juroren geschmacklich vom Drink begeistert waren, kam es zu keinem Deal für kokojoo.

Mit 20.000 Volt gegen Zecken

Zeckweg von Erfinder Horst Dolezal möchte es mit seinem Produkt ermöglichen, Zecken einfach und sicher zu entfernen. Und die Folgen von Zeckenbissen verhindern. Die Idee für sein Produkt  kam ihm durch ein Erlebnis mit einem giftigen Schlangenbiss in Südamerika. Die Forderung für den „Zeckenstift“, der mit einem Hochspannungsimpuls arbeitet (20.000 Volt): 200.000 Euro für die gesamten Patentrechte und zwei Euro Lizengebühr pro verkauftem Gerät.

Eis und Impuls

Zur Erklärung: Die Zecke wird mit Zeckweg zuerst vereist und kann dann gefahrlos mit einer Pinzette entfernt werden. Dies hat den Vorteil, dass gefährliche Erreger im Magen des Ungetiers bereits neutralisiert sind. Eine weitere Funktion der Erfindung ist, dass falls sich doch Viren und Ähnliches bereits in der Wunde befinden, sie mit dem elektrischen Impuls, den man kaum spüren soll, desinfiziert werden.

Drei Absagen

Das Investment benötigt Dolezal, um das Produkt marktreif zu machen und eine medizinische Zulassung zu erhalten. Nach einer Testvorführung, bei der die Investoren mitmachten, stieg Martin Rohla als erster aus: Er sei in dem Bereich ohne Expertise. Hillinger und Gschwandtner folgten mit lobenden Worten, Haselsteiner äußerte Zweifel, dass man damit Profit machen könne.

Zeckweg, 2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4/Gerry Frank – Horst Dolezal erfand mit Zeckweg ein Produkt, um Zecken mittels Vereisung und elektrischem Impuls sicher zu entfernen.

Ein poetischer Abschluss

Katharina Schneider war indes anderer Meinung. Sie bot an, dass Mediashop das Produkt ins Sortiment aufnimmt, ohne auf genaue Details einzugehen. „Augenblick verweile doch! Du bist so schön“, sprach der Erfinder und nahm den Deal an. Allerdings entwickelte sich die Situation im Nachgang etwas anders. Mehr hier.

Fahrrad-Navi-Pionier Bikemap bei „2 Minuten 2 Millionen“

Matthias Natmessnig von Bikemap war der nächste bei „2 Minuten 2 Millionen“. Die App gibt es seit 2014, sie gilt als Pionier in Sachen Fahrradnavigation und Routenplanung. Mittlerweile nutzen über 2,5 Millionen User in mehr als 100 Ländern zur Orientierung und Routenplanung die App aus Österreich. Die Forderung: 2.000.000 Euro für 20 Prozent.

100.000 Downloads monatlich für Bikemap

Täglich werden laut dem Geschäftsführer bis zu 10.000 neue Fahrradrouten, inklusive Informationen zu aktueller Verkehrslage, Umleitungen, Wetter oder Straßensperren von Nutzern geteilt. Monatlich wird die App 100.000 Mal heruntergeladen. Zudem ist eine Offline-Version von Bikemap möglich. Der Umsatz beträgt 750.000 Euro.

Haselsteiner: „Wer sind sie?“

Als der Pitch zu Ende war und die Investoren wieder zu Luft gekommen waren, wollte Haselsteiner wissen, wer denn Natmessnig sei. Jener erklärte, bei Bikemap handelt es sich um ein Wiener Unternehmen mit 15 Mitarbeitern, und er sei der Geschäftsführer. Speedinvest (48,6 Prozent Anteile) ist Hauptgesellschafter.

Hauptgesellschafter Speedinvest

Nach dieser Information wollte Haselsteiner wissen, warum Speedinvest nicht selbst weiteres Kapital ins Unternehmen stecke. Die Beteiligungsgesellschaft würde seines Wissens nach kein gutes Investment auslassen. Natmessnig erklärte, dass Speedinvest sie massiv unterstütze, sie aber jedoch mit neuen Investoren Gespräche führen und ihnen die Chance geben wollen einzusteigen.

bikemap, 2 Minuten 2 Millionen, Martin Rohla, Leo Hillinger, Katharina Scheider, Hans Peter Haselsteiner, Florian Gschwandtner
(c) Puls 4/Gerry Frank – Die App bikemap, ein Fahrrad-Navi mit mehreren Features, verfügt über 1,5 Millionen aktive Nutzer.

Neuausrichtung mit neuem Geschäftsführer

Danach erklärte der Geschäftsführer die Veränderung der Plattform, von einer Website hin zu einer aktiven Community-App mit 1,5 Millionen aktiven Nutzern (Abo 4,90 Euro pro Monat bei 20.000 aktiven Abonnenten). Navigation und Echtzeitinformation, die von den Usern geteilt werden, würden den massiven Unterschied zu den Anfangsjahren machen.

Keine Lead-Investorenschaft

Florian Gschwandtner empfand Bikemap als tolle Sache, meinte aber mit den zwölf Gesellschaftern, die beim Unternehmen dabei wären, würde es sich nicht lohnen bei 2.000.000 Euro Investment einzusteigen und nicht einmal Lead-Investor zu sein. Hillinger warf ein, dass es gute Konkurrenzprodukte gebe und fragte „Wozu brauche ich euch?“. Während Haselsteiner vor sich hin murmelte, dass die Investoren das Ganze „kurz machen sollten“ und schon eine Absagenflut drohte, versuchte Natmessnig weiter zu argumentieren.

„Ein No go“ für Haselsteiner

Er wies darauf hin, dass das Fahrrad-Navi über kurz oder lang eine ähnliche Rolle spielen werde, wie das Auto-Navi. Und dass es sich für einen Investor lohnen werde, jetzt bei ihnen einzusteigen. Bei Haselsteiner half es nichts. Nach fünf Jahren mit 750.000 Euro Umsatz eine solche Bewertung aufzurufen sei ein „No go“. Er fühlte sich „gepflanzt“ und sagte: „Jeder vernünftige Mensch muss wissen, dass das nicht geht.“ Die erste Absage.

Eine Ende ohne Ende

Hillinger und Rohla folgten alsbald mit lobenden Worten. Katharina Schneider ging auch ohne Angebot, sodass nurmehr Wunsch-Investor Gschwandtner übrig blieb. Jener lobte den Pitch, meinte aber mit der Bewertung passe Einiges nicht. Kein Deal für Bikemap. Doch das Ende war nicht das Ende.

Drei Millionen Werbe-Budget bei „2 Minuten 2 Millionen“

Daniel Zech von 7 Ventures schaltete sich erneut zu und bot drei Millionen Euro TV-Werbung für den DACH-Raum. Dafür forderte er 25 Prozent Anteile. Natmessnig verwies auf das organische Wachstum, das seinem Unternehmen am Herzen liege, und dass sie auch ohne „Paid Marketing“ bisher erfolgreich waren. Der Geschäftsführer lehnte drei Millionen Euro ab und beendete damit die siebte Staffel von „2 Minuten 2 Millionen“.


⇒ Rebel Meat

⇒ Neutos

⇒ kokojoo

⇒ Zeckweg (Ohne HP)

⇒ bikemap

⇒ PULS 4/2min2mio

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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„2 Minuten 2 Millionen“-Finale: Startup verzichtet auf drei Millionen Euro

  • Den Anfang machten Cornelia Habacher, Philipp Stangl und Wolfang Heidinger  mit Rebel Meat. Ihr Burger kombiniert Bio-Rind-Fleisch mit Pilzen, um umweltfreundlichere Fleischprodukte herzustellen.
  • Neutos ist eine Designerlampe mit integriertem Ökosystem aus St.Pölten.
  • Der Drink kokojoo verarbeitet die Kakaobohnenschale.
  • Zeckweg von Erfinder Horst Dolezal vereist und elektrisiert Zecken.
  • Matthias Natmessning von Bikemap forderte zwei Millionen Euro für 20 Prozent Beteiligung.

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  • Matthias Natmessning von Bikemap forderte zwei Millionen Euro für 20 Prozent Beteiligung.

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„2 Minuten 2 Millionen“-Finale: Startup verzichtet auf drei Millionen Euro

  • Den Anfang machten Cornelia Habacher, Philipp Stangl und Wolfang Heidinger  mit Rebel Meat. Ihr Burger kombiniert Bio-Rind-Fleisch mit Pilzen, um umweltfreundlichere Fleischprodukte herzustellen.
  • Neutos ist eine Designerlampe mit integriertem Ökosystem aus St.Pölten.
  • Der Drink kokojoo verarbeitet die Kakaobohnenschale.
  • Zeckweg von Erfinder Horst Dolezal vereist und elektrisiert Zecken.
  • Matthias Natmessning von Bikemap forderte zwei Millionen Euro für 20 Prozent Beteiligung.

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