Fast jeder hat es schon einmal getan, denn die wenigsten haben selbst einen: Wenn größere Gegenstände wie Mobiliar bei einem Umzug zu tarnsportieren sind, muss meist ein Lieferwagen ausgeliehen werden. Wer nicht zufällig jemanden kennt, der einen hat, oder zumindest jemanden kennt, der jemanden kennt, greift meist auf einen der bekannten Leihwagen-Anbieter zurück, wobei in Sachen Preisgestaltung ein Blick auf das Kleingedruckte lohnt. Diesen etablierten Playern will das niederösterreichische Startup 123-Transporter Konkurrenz machen – und zwar mit einem etwas anderen Konzept, das (wieder einmal) an Uber oder Airbnb erinnert.
123-Transporter: Lieferwagen-Startup ohne eigene Lieferwägen
Denn das Startup aus Ternitz im Bezirk Neunkirchen hat keine eigenen Lieferwägen. Stattdessen arbeitet es mit Partnern wie etwa der Gartencenter-Kette Bellaflora zusammen. Auf diese Art will man in kurzer Zeit ein besonders engmaschiges Netz an Standorten aufbauen – auch im ländlichen Bereich. Die Transporter können rund um die Uhr online gebucht werden. Und zwar „in unter 99 Sekunden“, wie 123-Transporter verspricht. Kilometerbeschränkung gibt es keine, je nach Lieferwagen-Größe liegt der Basis-Preis zwischen 45 und 75 Euro für 24 Stunden. Hinzu kommen mehrere mögliche Versicherungspakete zwischen 15 und 33 Euro pro Tag.
Fuhrpark von einem der Flottenpartner | (c) 123-Transporter
„Da wir, anders als der Mitbewerb, unsere gesamte Flotte regional von Flottenpartnern betreiben lassen anstatt selbst Transporter zu beschaffen, können wir uns auf zentrale Prozesse in der Wertschöpfungskette, wie die Buchungssoftware, das Marketing und die Hintergrundprozesse in der Vermietung konzentrieren und dabei vollen Fokus auf den Kunden legen“, erklärt Gründer Matthias Pajek. Zudem ergebe sich durch den Ansatz ein hohes Skalierungspotenzial.
Investment aus München und große Expansionspläne
Dieses überzeugte nun auch das Münchner European Entrepreneurship Center EEC als Investor einzusteigen. Es steckte 750.000 Euro in das Startup. „Es war uns bei der Finanzierungsrunde wichtig, einen Partner zu finden, der mehr mitbringt als Kapital“, kommentiert Pajek. Erfahrung, Knowhow und das richtige Netzwerk hätten bei der Auswahl eine wichtige Rolle gespielt. Mit dem Geld wolle man nun die Software- und Telemetrie-Anwendung perfektionieren und weitere Flottenpartner onboarden, um in kurzer Zeit weitere Märkte und Regionen zu erschließen. Denn man wolle „schlussendlich die europaweit führende Vermietungsplattform für Kleintransporter werden“, so der Gründer. Das Interesse potentieller Flottenpartner sei „immens“.
Schon vor einem halben Jahr unterzeichnete 123-Transporter die ersten Flottenpartnervereinbarung mit einem Volumen von mehr 20 Millionen Euro. Derzeit ist das Service in mehr als 30 Gemeinden in Niederösterreich, Wien und dem nördlichen Burgenland verfügbar. Im nächsten Schritt soll im Juni das Geschäftsgebiet mit der Oststeiermark, Graz und dem südlichen Burgenland nahezu verdoppelt werden. Nach vielversprechenden Gesprächen mit potenziellen Flottenpartnern stehe auch der Markteintritt im Süden Deutschlands noch dieses Jahr in Aussicht. Auf insgesamt 650 Leih-Lieferwägen will man in den kommenden zwei Jahren kommen.
„Ohne die Hilfe wären wir nicht da, wo wir heute stehen“
Das Burgenland sticht unter den heimischen Startup-Standorten durch großes Wachstum hervor. Großen Anteil daran hat StartUp Burgenland mit seinen Inkubator- und Accelerator-Programmen. Wir sprachen mit zwei Teilnehmer:innen.
„Ohne die Hilfe wären wir nicht da, wo wir heute stehen“
Das Burgenland sticht unter den heimischen Startup-Standorten durch großes Wachstum hervor. Großen Anteil daran hat StartUp Burgenland mit seinen Inkubator- und Accelerator-Programmen. Wir sprachen mit zwei Teilnehmer:innen.
Die Gründungszahlen gingen in den meisten österreichischen Bundesländern laut aktuellem Austrian Startup Monitor zuletzt zurück oder stagnierten. Große Ausnahme ist ausgerechnet das Bundesland mit der geringsten Bevölkerungszahl: Gerade in den vergangenen Krisenjahren stieg die Zahl der Neugründungen im Burgenland um nicht weniger als 65 Prozent.
Heute sind es insgesamt rund 90 Startups – und diese weisen laut Monitor noch eine weitere Besonderheit auf: Das Burgenland ist auch österreichweiter Spitzenreiter bei Profitabilität. Mehr als 60 Prozent der Startups im östlichsten Bundesland sind demnach bereits profitabel oder haben den Break-even erreicht.
StartUp Burgenland: 50 Startups seit dem Start 2021
Doch wie kommt es zu dieser Dynamik entgegen des österreichweiten Trends? Der Gründergeist hat sich in den vergangenen Jahren nicht zufällig im Burgenland etabliert. „Es gab früher keine Anlaufstelle, kein strukturiertes Programm. Wer hier gründen wollte, ist nach Wien oder Graz ausgewichen – oder hat es alleine versucht“, sagt Michael Sedlak. Er ist Leiter von StartUp Burgenland, das genau diesen Umstand in den vergangenen Jahren geändert hat.
Die Zahlen sprechen dabei für sich. Seit dem Start 2021 gingen durch die Inkubator- und Accelerator-Programme mehr als 50 Startups. 70 Prozent davon schafften den Markteintritt und schufen damit 129 Arbeitsplätze. Sie kommen auf eine Gesamtkapitalisierung von 10,7 Millionen Euro. Und dieser Impact zeigt sich auch in der Zufriedenheit der Teilnehmer:innen: 95 Prozent der Alumni empfehlen die Programme von StartUp Burgenland weiter.
CRANii: über Ärtztepraxen zu den Patient:innen
Eine der aktuellen Teilnehmer:innen ist Christiane Hofer-Marbet. Sie hat mit ihrer Schwester Katharina Koller-Hofer das Startup CRANii gegründet. Das app-gestützte Therapiekonzept für Kopf- und Kieferbeschwerden, vor allem die kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD), bietet Patient:innen strukturierte Kieferphysiotherapie für zuhause. „Für die Patienten ist es oftmals schwierig, Therapieplätze zu finden, weil es zu wenige Spezialisten in dem Bereich gibt und es natürlich auch eine Kostenfrage ist. Wir haben eine Software entwickelt, bei der die Patienten an die Hand genommen werden, um zu Hause die Übungen gemeinsam mit uns zu machen“, erklärt Hofer-Marbet gegenüber brutkasten.
(v.l.) Die Therapeutinnen und Schwestern Christiane Hofer-Marbet und Katharina Koller-Hofer haben CRANii gegründet | (c) CRANii
Gerade erst vor wenigen Wochen gelauncht, führt der Weg zu den Patient:innen für CRANii über einen B2B2C-Ansatz, konkret über die Kooperation mit Ärztepraxen und Reha-Kliniken. „Momentan bedienen wir Reha-Kliniken, Zahnarztpraxen und HNO-Praxen österreichweit und weiten nun auf die Orthopädie und Neurologie aus.“ Dabei strecke man schon jetzt in der Launch-Phase die Fühler im gesamten DACH-Raum aus und führe etwa bereits Gespräche in der Schweiz.
„Wir sind Therapeutinnen und hatten von BWL am Anfang null Ahnung“
Nicht nur bei der Entwicklung dieser Go-to-Market-Strategie holte sich CRANii Unterstützung von StartUp Burgenland. „Ich glaube, ohne die Hilfe wären wir nicht da, wo wir heute stehen“, sagt Hofer-Marbet. „Wir kommen eigentlich nicht von der unternehmerischen Seite. Wir sind Physiotherapeutinnen und hatten von BWL am Anfang null Ahnung“, so die Gründerin. „Seit wir dabei sind, ist es krass: Unser Coach Felix Lenhard geht den Business-Plan Schritt für Schritt mit uns durch, wir sind in Coachings mit Silicon-Valley-Investoren und haben es jetzt drauf, auf Deutsch und auf Englisch aus dem Stegreif zu pitchen.“
Man habe angetrieben durch den zweiten Coach, Michael Sedlak, auch an Messen und Kongressen teilgenommen, man schätze die Struktur des Programms und: „Das Netzwerk, das uns an die Hand gegeben wird, ist einfach gigantisch“, so Hofer-Marbet.
„Die meisten Leute wollen etwas von dir, wenn sie dir so ein Netzwerk vermitteln.“
Diesen Aspekt betont auch Edris Paknehad: „Felix [Anm. Lenhard], Michael [Anm. Sedlak] und Raphaela [Anm. Graf] haben mir in Eins-zu-Eins-Betreuung überall geholfen, wo ich nicht weitergekommen bin, und wenn sie es selbst nicht wussten, haben sie immer Leute gefunden, die mir helfen konnten. Die meisten Leute wollen etwas von dir, wenn sie dir so ein Netzwerk vermitteln. Sie nicht.“
Edris Paknehad | (c) PAK Immo
Mit seinem E-Learning-Startup PAK Immo hat Paknehad bereits das Accelerator-Programm von StartUp Burgenland durchlaufen. Das Unternehmen hat mit seiner E-Learning-Plattform für die Befähigungsprüfung zum Baumeister eine Nische gefunden, die es erfolgreich besetzt. „Die Baubranche in Österreich ist extrem altmodisch. Man redet die ganze Zeit von Digitalisierung, etwa mit BIM [Anm. Building Information Modeling], aber was die Bildung angeht, ist alles sehr veraltet“, erklärt der Gründer.
PAK Immo: effizient genutzte Fahrzeit
So habe man für besagte Befähigungsprüfung bislang einen Kurs in Präsenz belegen müssen, der zwischen 15.000 und 18.000 Euro kostet. „Dabei ist man in dem Beruf zeitlich extrem eingeschränkt. Wenn man auch noch eine Familie hat, kann man sich unmöglich drei- oder viermal in der Woche in einen Kurs setzen. Das war auch bei mir damals der Fall. Ich habe viel Geld bezahlt und 70, 80 Prozent des Vorbereitungskurses verpasst. Ich dachte mir: Das muss besser gehen!“ PAK Immo biete mit seinen Kursen nicht nur einen um mehrere Tausend Euro günstigeren Preis. „Bei uns kann man die Inhalte anhören, wie einen Podcast. Ich sitze etwa auch heute vier Stunden im Auto, weil die Baustelle zwei Stunden Autofahrt entfernt ist. Das ist bezahlte Arbeitszeit und man kann sie gleichzeitig nutzen, um zu lernen“, so Paknehad.
Auch er bekam von StartUp Burgenland nicht nur Coachings, Netzwerk und Sichtbarkeit, sondern auch Unterstützung bei sehr konkreten Tasks, erzählt der Gründer: „Was mir besonders geholfen hat: Ich hatte am Anfang kein eigenes CRM-System. Hier wurde mir geholfen, eines aufzubauen – davor war das eher ein Chaos.“
„Du brauchst kein Silicon Valley. Du brauchst ein funktionierendes Ökosystem.“
Auch Paknehad betont die Struktur des Programms, die besonders am Anfang geholfen hat. Seitens StartUp Burgenland hat man diese zuletzt übrigens noch stärker individualisiert. Seit diesem Jahr gibt es keinen Batch-Betrieb und keinen fixen Zeitrahmen mehr, dafür zu 100 Prozent individuelle Begleitung. „Dein Fahrplan, dein Tempo“, fasst Michael Sedlak zusammen. Und er verrät das Erfolgsrezept des Programms: „Du brauchst kein Silicon Valley. Du brauchst ein funktionierendes Ökosystem. Und das gibt es im Burgenland.“
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