20.01.2022

Abschaffung der KESt: Was nützt die Behaltefrist der Startup-Szene?

Monika Köppl-Turyna, Ökonomin und Direktorin des Forschungsinstituts EcoAustria, teilt ihre Gedanken über die Behaltefrist.
/abschaffung-der-kest-was-nuetzt-die-behaltefrist-der-startup-szene/
Behaltefrist, Monika Köppl-Turnya, Brunner, Aktien, Kryptofrist, Friste bei Aktien, Frist bei krypto
(c) Weinwurm - Ökonomin Monika Köppl-Turnya: "Ein fünf Prozentpunkte niedrigerer langfristiger KeSt-Satz bedeutet bis zu drei Prozent mehr Patente."
Der Summary Modus bietet einen raschen
Überblick und regt zum Lesen mehrerer
Artikel an. Der Artikeltext wird AI-basiert
zusammengefasst mit der Unterstützung
des Linzer-Startups Apollo AI.

Finanzminister Brunner hat vergangene Woche verkündigt, dass die sogenannte „Behaltefrist“ zurückkommen soll – eine geplante Maßnahme, die im Regierungsprogramm enthalten ist. Dabei handelt es sich um die Befreiung von der Kapitalertragsteuer, nachdem man Wertpapiere über eine gewisse Zeit gehalten hat. Weitere Details dazu sind noch nicht bekannt bzw. wohl noch Gegenstand der Verhandlungen unter den Koalitionspartnern.

Mehrere europäische Länder haben solche Bestimmungen in Kraft. Etwa Belgien, Luxemburg, Schweiz, Tschechien, Slowakei, Slowenien und die Türkei. Auch Österreich gehörte vor gar nicht so langer Zeit zu diesen glücklichen Ländern. Seit 1.4. 2012 sind aber realisierte Wertsteigerungen generell – somit unabhängig von Behaltedauer und Beteiligungsausmaß – steuerpflichtig und unterliegen, wie auch die laufenden Einkünfte aus Kapitalvermögen der Besteuerung. Gleichzeitig ist auch der Satz der Kapitalertragsteuer in Österreich international gesehen mit 27,5 Prozent überdurchschnittlich hoch: Im Schnitt liegt dieser unter europäischen Ländern bei etwa 19 Prozent.

Ist das ein Problem?

Die ökonomische Literatur identifiziert einen Zusammenhang zwischen der Besteuerung der Erträge aus Kapital und Investitionsaktivität. Das ist auch sehr gut nachvollziehbar: Investoren treffen Entscheidungen anhand der zu erwartenden Rendite – und diese ist durch eine Reihe von Abgaben, insbesondere Sätze der Körperschaft- und Kapitalertragsteuer bestimmt. Je höher diese ausfallen, desto höher muss die Vor-Steuer-Rendite sein, um Investoren zu gewinnen. Gerade für mobiles Kapital gilt auch, dass Investoren schnell in andere Länder wechseln, wo sie bessere Rahmenbedienungen vorfinden.

Es gilt: höhere KeSt = höhere Kapitalkosten = weniger Investitionen und Innovation und in weiterer Folge weniger Wachstum.

Speziell für die Behaltefrist identifiziert die Literatur positive Effekte. Schließlich ist das auch für Unternehmen wichtig, wenn Anreize zu langfristigen Investitionen bestehen. Eine kürzlich erschienene Studie von Behaltefrist-Regelungen in den OECD-Ländern kommt zu dem Schluss, dass durch die Behaltefrist mehr Innovation – gemessen an Patentierungsaktivität – erzeugt werden kann. Der Effekt ist auch ökonomisch sehr groß: Ein fünf Prozentpunkte niedrigerer langfristiger KeSt-Satz bedeutet bis zu drei Prozent mehr Patente.

Warum sind diese Effekte speziell für Startups wichtig?

Österreich gehört zu den Ländern mit – im internationalen Vergleich – mickrigem Volumen von Venture-Capital Investitionen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt waren es im Jahr 2020 gerade mal 0.027 Prozent – in Finnland mit 0.2 Prozent im Vergleich fast das Zehnfache! Eine Reihe von Faktoren ist für diese wenig zufriedenstellende Situation verantwortlich: ein bürokratisches Umfeld, eine konservative und risikoaverse Kultur und hohe Belastungen durch Steuern und Abgaben.

Könnte die Behaltefrist auch hier helfen?

Einige Länder in Europa, etwa Luxemburg, Belgien und Tschechien, ermöglichen im Rahmen der Behaltefrist steuerfreie Veräußerungen von (Minderheit-)Anteilen in einer Kapitalgesellschaft (also einer GmbH) und nicht nur beim Verkauf von Aktien. Diese Regelung galt auch bis 2012 in Österreich und gilt immer noch für den Verkauf des sogenannten Altbestandes (also Anteile, die vor 2012 erworben wurden). Eine solche Behaltefrist wäre für Eigenkapital-Investitionen in Startups ein massiver Startvorteil, der das Potenzial hätte, den VC-Markt in Österreich zu beleben und unter Umständen andere Standort-Nachteile auszugleichen.

Und wenn wir weiterdenken, könnte man in einem Schlag mit der Reform des Gesellschaftsrechtes – Stichwort Flexkap – die dringend notwendige Verbesserung der Möglichkeiten der Mitarbeiterbeteiligung erreichen. Sollten im Rahmen der neuen Gesellschaftsform Anteile für die Mitarbeiter kapitalertragssteuerpflichtig sein, würde die Wiedereinführung der Behaltefrist auch hier diesen positiven Anreiz und Impuls für die österreichische Wirtschaft erzeugen.

Die Behaltefrist wird in der medialen Diskussion in erster Linie als Instrument der Altersvorsorge diskutiert. Dieses Argument ist zweifelsohne wichtig und relevant – es braucht dringend Anreize zum Erwerb von Wertpapieren außerhalb der „Top 1 Prozent“, die über langfristige Investitionen am Ende des Berufslebens zusätzliches passives Einkommen darstellen.

Was weniger oft betont wurde, ist, die positive Wirkung auf den Wirtschaftsstandort, Innovationen und Wachstum, und insbesondere für die heimische Startup Szene. Dies ist aber mindestens genauso wichtig und aus Sicht der Kapitalbeschaffung für junge Unternehmen ein möglicher Game Changer.

Deine ungelesenen Artikel:
vor 2 Stunden

refurbed holt Schweizer Finanzexperten als neuen CFO

refurbed besetzte mit dem international erfahren Finanzexperten Daniel Müller die Position des CFO neu.
/refurbed-cfo-daniel-mueller/
refurbed
Daniel Müller, neuer CFO von refurbed © refurbed

Erst im April diesen Jahres sorgte das Wiener Scaleup refurbed mit einer Personalmeldung für Schlagezeilen, indem es eine ehemalige Zalando Top-Managerin für sich gewinnen konnte. Nun wurde die nächste Neubesetzung kommuniziert: Wie refurbed am Dienstag bekannt gab, übt bereits seit Mitte Feber der Schweizer Daniel Müller die Position des Chief Financial Officer (CFO) aus. Müller war zuvor als CFO der Technologie-Unternehmen WayRay und Numbers Personal Finance AG in Zürich tätig.

Daniel Müller wird neuer refurbed CFO

Während seiner Zeit als CFO von Numbrs (Zürich), einem europäischen Unicorn-Fintech, fuhr er gemeinsam mit dem Gründer-Team Investitionen in dreistelliger Millionen-Höhe ein. Auch beim Augmented-Reality-Technologie-Experten WayRay war Müller für die Kapitalbeschaffung und Vorbereitung des Unternehmens für die öffentlichen Kapitalmärkte zuständig. WayRay ist mit 100 Millionen US-Dollar von namhaften Investoren wie Porsche, Alibaba, Hyundai oder Mubadala finanziert.

Letzte Finanzierungsrunde erfolgte im August 2021

Diese Erfahrung in Bezug auf Finanzierungsrunden soll der 39-Jährige nun auch beim Wiener Scaleup einbringen. „Mit Daniel Müller haben wir einen international erfahrenen Finanzexperten gewonnen, der uns unserem Ziel, der europäische Online-Marktplatz für nachhaltige Produkte zu werden, einen Schritt näher bringt“, so Mitgründer Peter Windischhofer über die Neubesetzung.

Die letzte Finanzierungsrunde für refurbed erfolgte übrigens im August 2021. Im Zuge einer Series-B-Runde sammelte das Scaleup 52 Millionen Euro für das weitere Wachstum ein. Aktuell gilt das Unternehmen mit seinem Online-Marktplatz für generalüberholte Elektronik als Unicorn-Anwärter und ist derzeit in insgesamt zwölf Ländern in Europa aktiv.

Konkrete Angaben zu einer bevorstehenden Finanzierungsrunde machte das Scaleup allerdings nicht. Dazu heißt es in der Aussendung lediglich: „Schon in der Vergangenheit konnte refurbed mit starken Finanzierungsrunden auf sich aufmerksam machen. Diese Entwicklung soll durch den neuen CFO nun fortgesetzt werden.“


Videotipp: Refurbed Gründer Kilian Kaminski über Unicorn-Status & One-Stop-Shop für nachhaltigen Konsum

Im April diesen Jahres gab refurbed Co-Founder Kilian Kaminski im Zuge eines Brutkasten-Talks erste Einblicke zu „refurbed Fashion“. Seit diesem Frühjahr können Nutzer:innen auf der Plattform neue Kleidung aus recycelten Stoffen kaufen. Mittelfristig möchte sich das Scaleup zu einem One-Stop-Shop für nachhaltigen Konsum entwickeln.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

Behaltefrist, Monika Köppl-Turnya, Brunner, Aktien, Kryptofrist, Friste bei Aktien, Frist bei krypto
(c) Weinwurm - Ökonomin Monika Köppl-Turnya: "Ein fünf Prozentpunkte niedrigerer langfristiger KeSt-Satz bedeutet bis zu drei Prozent mehr Patente."

Abschaffung der KESt: Was nützt die Behaltefrist der Startup-Szene?

Monika Köppl-Turyna, Ökonomin und Direktorin des Forschungsinstituts EcoAustria, teilt ihre Gedanken über die Behaltefrist.

Summary Modus

Abschaffung der KESt: Was nützt die Behaltefrist der Startup-Szene?

Es gibt neue Nachrichten

Auch interessant