14.12.2020

Die disruptiven Prinzipien des Ray Dalio

Über einen Mann, der Unternehmenskultur radikal neu dachte und damit unfassbar reich wurde.
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Ray Dalio am Web Summit 2018 | (c) CC BY 2.0 Photo by David Fitzgerald/Web Summit via SportsfilePhoto by David Fitzgerald /Sportsfile Wikipedia

Dass besonders reiche Menschen irgendwann zu Philanthropen werden, ist nichts Neues. Ray Dalio macht das aber auf besondere Art und Weise. Er teilt sein Wissen, das ihn zu einem sogenannten Superreichen machte. Und auch wenn das wohl kaum von Wohltätigkeitsorganisationen als Philanthropie eingestuft würde – ich halte es für die beste Form, der Gesellschaft „etwas zurück zu geben“. Das ist wie statt Lebensmittel zu spenden, Wissen und Fähigkeiten zu vermitteln, wie man Saatgut zieht, Traktoren repariert und seine Felder bestellt, um die bekannte Metapher der Entwicklungshilfe zu bemühen.

Ich gönnte mir Dalios knapp 660 Seiten-Schinken „Die Prinzipien des Erfolges“ letzte Weihnachten und kurz danach sein Hauptwerk „Principles“. Und wenn man etwas von einem knallharten Hedgefond-Manager erwartet, dann bestimmt nicht solche Inhalte. Von den Details seiner Unternehmenskultur, seiner disruptiven „Prinzipien-Software“ bis hin zu Lebenstipps und harscher Kritik am Kapitalismus der USA, lernt man da vieles von und über den Exzentriker Dalio. Glaubt man seiner Erzählung, verdankt er sein Vermögen von rund 18 Milliarden Dollar vor allem seinen konsequent gelebten Prinzipien, die er in seinem Unternehmen, dem Hedgefonds Bridgewater, eingeführt hat.

Radikale Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz

Vermutlich jeder würde diese Werte grundsätzlich positiv einordnen. Doch wenn Ray Dalio davon spricht und schreibt, erkennt man die Radikalität und Konsequenz, die er ihnen einverleibt und lebt. Sein Unternehmen wettet auf steigende und fallende Kurse und sucht nach den höchsten Renditen bei geringen Risiken. Information und Feedbackkultur sind dabei entscheidend. Diese Erkenntnis ließ Dalio auch in eine Software implementieren, die bei Bridgewater „Dot Collector“ genannt wird. Vereinfacht gesagt, bewertet jeder der 1500 Mitarbeiter andere, mit denen er zu tun hat. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Meetings gelegt. Kein Herumeiern, keine Höflichkeitsfloskeln und keine falsche Zurückhaltung werden erwartet, sondern knallhart ehrliches Feedback, unabhängig von der eigenen hierarchischen Position. So kann ein Praktikant den Chef negativ bewerten, wenn dieser findet, dass er schlecht auf ein Meeting vorbereitet gewesen sei. Oder ein Manager seinen Kollegen, wenn er dessen Meinung nicht faktenbasiert, sondern schwammig empfand.

Vielleicht nutzen Sie einen Moment, geschätzte Leserinnen und Leser, um in sich rein zu hören, wie sich Ihr Berufsleben mit diesen Prinzipien radikaler Ehrlichkeit anfühlen würde.

Das auf vielen Buch-Seiten beschriebene System dient aber nicht dazu, Leute unmittelbar zu bewerten, geschweige denn vorzuführen, sondern vielmehr dazu, der erfolgreichsten Idee oder der entscheidendsten Sichtweise zum Durchbruch zu verhelfen.

Stellen wir uns eine Matrix vor mit unfassbar vielen Bewertungen und Sichtweisen zu allen Menschen einer Organisation und dazu, was oder wen sie wann unterstützt oder kritisiert haben. Einen komplexen Knowledge-Graph aller intellektuellen Bewertungen und Feedbacks sozusagen. Entscheidend wird in einem solchen System nicht sein, wie Mitarbeiter in dem Moment der Bewertung erscheinen oder abschneiden, sondern ob sie am Ende eines Prozesses, an dem meist eine wichtige Entscheidung getroffen wird, richtig in ihrer Einschätzung lagen oder nicht.  

Auch persönliches und fachliches Wachstum sei nur möglich, wenn wir radikal ehrlich miteinander umgingen und viele seien für eine solche Kultur nicht gemacht, so der 1949 in NYC geborene Gründer des Unternehmens. Ein hochrangiger Chef zu Beispiel, der von Apple zum Hedgefond wechselte, hielt Berichten zufolge kein ganzes Jahr durch.

Weitere Ray Dalio-Prinzipien

Für Dalio ist Erfolg nichts Absolutes, sondern zutiefst individuell und persönlich. Dem zufolge ist man dann erfolgreich, wenn man die eigenen Ziele erreicht und nicht die anderer. Das eigene Wachstum – er nennt es die persönliche Evolution – stehe dabei im Vordergrund. Sein radikaler Zugang zu Ehrlichkeit und Transparenz entspringt auch seiner Beobachtung, wonach falsche Theorien von Menschen über andere Menschen, mit zu den größten Übeln einer Gesellschaft gehören. Diese würden zu selten hinterfragt oder korrigiert werden und würden permanent falsche Einschätzungen liefern. Der Kern der von ihm gelebten Prinzipien beinhaltet deshalb auch die permanente Reflexion und Selbstkorrektur, während falsche Glaubenssätze schwer revidierbar und schädlich seien. Diese Kultur der Offenheit lege natürlich Schwächen offen und das empfänden viele als unangenehm. Man könnte auch sagen, die meisten hassen es, auf ihre Schwächen aufmerksam gemacht zu werden. Und hier argumentiert Ray Dalio so, dass nur Menschen mit der richtigen DNA dankbar wären, Schwächen erkennen und ausmerzen zu können. Denn nur erfolglose Menschen würde nicht wachsen wollen. Das „gekränkte Ego“ aus einem Feedback bedrohe die persönliche Entwicklung und verhindere die wichtige Lernkurve, die man aber brauche. Dabei helfe es, sich permanent zu bilden und Naturgesetze als legitime Referenz anzusehen. Handlungen sollten demnach Naturgesetzen folgen und Egozentrismen vermeiden – das würde Erfolg fördern. Zusätzlich erfolgsfördernd sei das Geben an die Gesellschaft und weniger das direkte Anstreben etwa von Reichtum.

Ähnlich wie mit den offen kommunizierten Schwächen, sei es auch mit eigenen Problemen. Erfolgreiche Menschen würde Probleme teilweise sogar begrüßen und aktiv an ihrer Beseitigung arbeiten, Strategien dazu entwickeln, während Erfolglose eher darüber klagten oder sie verdrängten. In vielen gravierenden Problemsituationen würden Menschen richtiggehend Schmerzen empfinden. Und auch hier sei entscheidend, zu lernen, diese einordnen und managen zu können, anstatt an ihnen zu brechen. Das aktive Schmerz-Management sei besonders wichtig. Der Schmerz dürfe einen zudem nie davon abhalten, eine richtige Entscheidung zu treffen. Schmerz sei etwas besonders Wichtiges im Wachstum. Zusätzlich hätten erfolgreiche Menschen die Einsicht, dass sie unvollkommen seien, Wissenslücken hätten und wollen zuhören und lernen. Es sei ein fataler Glaubensgrundsatz vieler, dass erfolgreiche Menschen automatisch alle Antworten auf die wesentlichen Fragen hätten.

Pro und Contra der Ray Dalio Prinzipien

Wenn man zum ersten Mal mit Dalios Prinzipien konfrontiert wird, hat man – gelinde gesagt – einen gesunden Respekt vor der Radikalität und Tragweite seiner Kulturvorstellungen. Nach einigen Reflexionen aber begreift man, dass viel Destruktives und Ungesundes in einer „mauschelnden und hintenrum-Kultur“ liegt, wie sie ohnedies häufig vorzufinden ist, und einem radikale Ehrlichkeit und Offenheit doch lieber wären. Nun ist eine solche Unternehmenskultur aber keine Familien-Aufstellung und Menschen verfolgen unterschiedlichste Ziele und Motive. Sprich, der Grund weshalb dort radikale Offenheit und Transparenz gelebt werden, dient keinen privaten Zwecken, etwa weniger Streit in der Familie. Das Ziel dient dem persönlichen Wachstum von Mitarbeitern um bessere Leistung zu erbringen, also am Ende immer den am besten getroffenen Entscheidungen für das Unternehmen.

Dalio wird von Kritikern als hart im Umgang beschrieben und seine Software als Versuch der totalen Überwachung. Dass Leute zu feuern für ihn keine große Sache sei, wird dann gerne passend zur Personenbeschreibung zitiert. Andererseits haben seine Prinzipien nicht nur ihn, sondern auch viele seiner Mitarbeiter reich gemacht. Alleine der Pure Alpha Fond soll seit der Erstauflage 45 Milliarden Dollar Gewinn gebracht haben. Insgesamt verwaltet Bridgewater 160 Milliarden Dollar in 150 Märkten.

Schmerz und persönliches Wachstum zählen zu den wichtigsten Faktoren der radikal ehrlichen Unternehmenskultur, mit der Dalio seine Erfolge einfuhr. Kritiker sehen darin Rücksichtslosigkeit und unmenschliche Leistungs-Maximierung.

Wir wissen von außen nicht, welche Sicht die zutreffendere ist. Für uns könnten Dalios Prinzipien aber einfach einladen, offen über Offenheit, ehrlich über Ehrlichkeit und transparent über Transparenz in unseren Unternehmen nachzudenken. Für mich waren seine Gedanken und Sichtweisen dazu äußerst hilfreich. Ob man dann auch eine Art Dot-Collector nachprogrammieren möchte, wie das schon einige Unternehmen taten, oder einen dritten Weg sucht, der besser in die eigene Unternehmenskultur und Menschensicht passt, bleibt ja jedem selbst überlassen. Denn anders als bei Staaten, können wir uns unsere unmittelbar privaten Unternehmens-Führerinnen und -Führer frei aussuchen und entscheiden, ob deren Prinzipien auch gut für uns selbst wären.

Über den Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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A1 Group CEO Alejandro Plater und A1 Group CTO Alexander Kuchar | (c) A1 Group
A1 Group CEO Alejandro Plater und A1 Group CTO Alexander Kuchar | (c) A1 Group

„Als sich das Internet durchgesetzt hat, gab es ‚Greenfield-Unternehmen‘ wie Google, die keine Legacy hatten und etablierte Unternehmen wie Microsoft, die sich transformieren mussten. Jetzt sind wir in der gleichen Situation. Während OpenAI, Anthropic und Co. etwas komplett Neues aufbauen, müssen die bestehenden Player, wie etwa auch wir, die Transformation schaffen“, sagt Alejandro Plater, CEO der A1 Group, am Rande des A1 ICT Summit. Und er fügt an: „Microsoft ist diese Transformation damals sehr gut gelungen. Wir wollen wie Microsoft sein.“

ICT als entscheidender Wachstumsmarkt

Mehr noch als um die Herausforderungen, die KI innerhalb des Konzerns mit sich bringt, geht es für die Gruppe dabei darum, dem Markt zu liefern, was gebraucht wird. Das große Schlagwort lautet ICT mit umfassenden Cloud- und KI-basierten Angeboten für Unternehmen. Von 2021 auf 2025 wuchs der Gruppenumsatz in dem Bereich von 285 auf 573 Millionen Euro – eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 19 Prozent. Was das mit dem KI-Boom zu tun hat, bringt Plater auf den Punkt: „Wir sind groß und haben die Möglichkeiten, schnell auf alle Entwicklungen zu reagieren. Viele Unternehmen sind klein und haben diese Möglichkeiten nicht. Das ist eine große Chance für uns.“

„Souveränität heißt für uns in erster Linie: Du hast die Wahl.“

Eine Rolle spielt dabei natürlich auch das aktuell große Thema Digitale Souveränität. „Souveränität heißt für uns in erster Linie: Du hast die Wahl. Es gibt mehrere Alternativen und du kannst entscheiden“, erklärt Alexander Kuchar, CTO der A1 Group. Das trifft vor allem auf den Cloud-Bereich zu, wo man mit der Tochter Exoscale ein eigenes Angebot mit Data-Centern an zahlreichen europäischen Standorten hat, gleichzeitig aber auch Angebote der US-Hyperscaler vertreibt. „Es kommt hier immer auf die konkreten Kundenbedürfnisse an, welche Variante die sinnvollste ist“, sagt der CTO.

In Sachen KI setzt A1 dagegen primär auf Open-Source-Modelle, also einen genuin souveränen Ansatz. Dass diese technologisch nicht mit den Frontier-LLMs der US-Giganten mithalten können, sieht Kuchar wenig problematisch. Die Entwicklung verlaufe verschoben, aber parallel. „Was die Frontier-Modelle heute können, werden die Open-Source-Modelle in kurzer Zeit können“, so der CTO. Entscheidend seien die tatsächlichen Bedürfnisse der Unternehmenskunden – und hier spiele etwa auch die Abwägung zwischen Performance und Kosten eine große Rolle. Die Wahl falle daher oft bewusst auf schwächere Modelle, die den spezifischen Zweck aber – günstiger – erfüllen.

Strategie: Leute vor Ort

CEO Plater sieht das Thema aus der Vogelperspektive: „Es geht nicht primär um die Technologie. Es geht um das Leadership in den Unternehmen.“ Entscheidend sei, wie die Technologie operativ ankomme und es gelinge, die ganze Organisation mitzunehmen. A1 setzt dabei auf Präsenz in seinen Märkten. „Es ist überraschend, wie unterschiedlich unsere Märkte sind. Wenn ein US-Player kommt, und den Unternehmen erklären will, wie sie ihr Business zu führen haben, wird das nicht funktionieren“, sagt Alexander Kuchar. Und Plater ergänzt: „Das ist unsere Strategie: Wir haben Leute vor Ort, die die Sprache sprechen. Wir haben Callcenter und Techniker, die zu einem kommen. Bei den Hyperscalern erreichst du niemanden.“

Dass die besagten Callcenter schon in absehbarer Zeit nicht mehr mit Menschen, sondern mit KI-Agenten besetzt sein werden, ist für den CEO gleichzeitig eine Selbstverständlichkeit: „Die KI passt sich sogar an den spezifischen Dialekt der Anrufenden an. Menschen können es damit nicht aufnehmen“, meint er. Und ob aber Kund:innen nicht dennoch mit echten Menschen sprechen wollen? „Man wird nicht erkennen, dass es eine KI ist“, so Plater, „bloß, wenn die Regulatorik vorschreibt, das schon bei Gesprächsbeginn kenntlich zu machen.“

Generell sei die Regulatorik auch etwas, das ihn beschäftige, sagt der CEO, konkret die Unterschiede zwischen den Ländern bzw. den Großregionen: „So viel ist klar: Die weniger regulierten bewegen sich schneller – im Positiven wie im Negativen – und die stärker regulierten bewegen sich langsamer – im Positiven wie im Negativen.“

„Je weniger Systeme, Tools und Prozesse man hat, desto einfacher ist es zu kontrollieren.“

Ein großes damit verbundenes Thema ist die Sicherheit. „Wir arbeiten mit mehreren Strategien daran, die Cyber-Security stetig zu verbessern“, sagt dazu Plater. Erstens versuche man etwa, wo es gehe, zu vereinfachen. „Je weniger Systeme, Tools und Prozesse man hat und je simpler alles ist, desto einfacher ist es zu kontrollieren.“ Zweitens habe man eigene Teams, die ständig die neuesten Entwicklungen im Auge behielten und solche, die konstant Angriffe auf das eigene System simulieren, um Lücken zu finden. Auch hier sieht der CEO eine große Chance für die A1 Group, die CTO Kuchar benennt: „Wir bieten hier maßgeschneiderte Lösungen für KMU.“

Und wie sieht es mit den zuletzt vielfach kolportierten globalen Bedrohungsszenarien durch KI aus, die bis zur befürchteten Auslöschung der Menschheit gehen? „Ich bin nicht sehr fatalistisch bei dem Thema“, sagt Plater. Man müsse solche Szenarien schon in Perspektive setzen. „Was sind die tatsächlichen Möglichkeiten, die so drastisch sein könnten? Das ist für mich eher Science Fiction. Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich.“

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Die disruptiven Prinzipien des Ray Dalio

  • Von den Details seiner Unternehmenskultur, seiner disruptiven „Prinzipien-Software“ bis hin zu Lebenstipps und harscher Kritik am Kapitalismus der USA, lernt man vieles von und über den Exzentriker Ray Dalio, wenn man seine Bücher liest.
  • Glaubt man seiner Erzählung, verdankt er sein Vermögen von rund 18 Milliarden Dollar vor allem seinen konsequent gelebten Prinzipien, die er in seinem Unternehmen, dem Hedgefonds Bridgewater, eingeführt hat.
  • Vermutlich jeder würde die Werte Offenheit, Ehrlichkeit und Transparenz grundsätzlich positiv einordnen.
  • Doch wenn Ray Dalio davon spricht und schreibt, erkennt man die Radikalität und Konsequenz, die er ihnen einverleibt und lebt.

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